Schwangerschaftsdiabetes

Bei einem Schwangerschaftsdiabetes handelt es sich um einen Diabetes, der während der Schwangerschaft entdeckt wird. Für gewöhnlich verschwindet er nach der Entbindung.

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Was ist ein Schwangerschaftsdiabetes?

Das Krankheitsbild eines Diabetes mellitus ist durch einen chronisch erhöhten Blutzuckerspiegel (Glukose) gekennzeichnet, der auf einer mangelnden Produktion und/oder Wirkweise von Insulin beruht. Frauen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes können schwanger werden, siehe hierzu: Diabetes während der Schwangerschaft

Davon abzugrenzen ist jedoch der Schwangerschaftsdiabetes. Bei einem Schwangerschaftsdiabetes wird erstmalig in der Schwangerschaft ein zu hoher Blutzucker gemessen. Diese Blutzuckererhöhung beruht auf Hormonveränderungen in der Schwangerschaft, die die Wirkung des blutzuckersenkenden Hormons Insulin abschwächen. Typisch für einen Schwangerschaftsdiabetes ist, dass sich der Blutzucker nach der Schwangerschaft wieder normalisiert. Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes leiden somit nicht an einem manifesten Diabetes. Allerdings besteht bei einigen Frauen, die einen Schwangerschaftsdiabetes entwickelt haben, noch Jahre nach der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko, einen dauerhaften Diabetes mellitus zu entwickeln. 

Ganz normal verändert sich der Insulinbedarf der Frau während der Schwangerschaft. Vor der zwölften Schwangerschaftswoche kann sich der Insulinbedarf verringern. Im zweiten Schwangerschaftstrimester ist der Insulinbedarf stabil oder steigt leicht an, während er im dritten Trimester stark zunimmt. Insbesondere diese Zunahme an Insulinbedarf nach der 24. Schwangerschaftswoche zu decken, gelingt einigen Frauen nicht ausreichend, sodass relativ zu wenig Insulin vorhanden ist und der Blutzucker ansteigt. Am häufigsten tritt ein Schwangerschaftsdiabetes daher nach der 24. Schwangerschaftswoche auf, manchmal jedoch auch schon früher.

Bis zu 4 % aller Schwangeren weisen einen Schwangerschaftsdiabetes auf. Diese recht hohen Zahlen beruhen auch darauf, dass die Grenzwerte, ab wann ein Schwangerschaftsdiabetes diagnostiziert werden soll, in den letzen Jahren gesenkt wurden. Im Jahre 2002 ging man noch von etwa 1,5 % der Schwangeren aus. Außerdem hat jede Frau seit 2012 die Möglichkeit, auf Kosten der gesetzlichen Krankenkasse ab der 24. Schwangerschaftswoche einen Test auf Schwangerschaftsdiabetes durchführen zu lassen. 

Diese recht strengen Blutzuckergrenzwerte sollen die Mutter und vor allem das Kind vor den negativen Auswirkungen eines zu hohen Blutzuckers schützen. Es bestehen durch einen zu hohen Blutzucker nämlich einige Risiken, diese Komplikationen werden unten beschrieben. Es ist aber auch wichtig zu betonen, dass die allermeisten Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes eine normale Schwangerschaft erleben und ein gesundes Kind gebären. 

Ursache

Ein Schwangerschaftsdiabetes tritt vor allem bei Frauen auf, deren Blutzuckerwerte vor der Schwangerschaft, meist unbekannterweise, im oberen Normalbereich lagen. Man geht davon aus, dass die Risikofaktoren für einen Schwangerschaftsdiabetes denen für einen Typ-2-Diabetes entsprechen. Das heißt, dass auf dem Boden einer genetischen Veranlagung vor allem eine ungesunde Lebensweise mit Bewegungsmangel und zuvielen Kalorien bei der Nahrungsaufnahme eine Rolle spielt.

Die Schwangerschaftshormone tragen während der Schwangerschaft zu einer zunehmenden Insulinresistenz (mangelhafter Insulinwirkung) bei, und der Insulinbedarf steigt. Ein Schwangerschaftsdiabetes entsteht, wenn der Körper nicht in der Lage ist, die Insulinproduktion parallel zum steigenden Insulinbedarf zu erhöhen.

Bestimmte Faktoren erhöhen die Gefahr, einen Schwangerschaftsdiabetes zu entwickeln. Dazu zählen Vorkommen von Typ-1- und Typ-2-Diabetes bei leiblichen Eltern oder Geschwistern, Übergewicht oder ein früherer Schwangerschaftsdiabetes.  Ein Schwangerschaftsdiabetes tritt häufiger bei Frauen aus außereuropäischen Ländern auf.

Symptome

Der während der Schwangerschaft entstehende Diabetes verläuft häufig unbemerkt. Um ihn zu aufzuspüren, ist ein Test erforderlich.

Diagnose

Ein Schwangerschaftsdiabetes wird entdeckt, indem allen Schwangeren in Schwangerschaftswoche 24–28 ein oraler Glukosetoleranztest (Zuckerbelastungstest, oGTT) angeboten wird. Bei bekannten Risikofaktoren auch früher. Liegen die Glukosewerte (Blutzucker) außerhalb der festgelegten Grenzen, besteht ein Schwangerschaftsdiabetes. Die aktuellen Grenzwerte sind folgende: 

  • nüchtern: ≥ 5,1 mmol/l (92 mg/dl)
  • nach 1 Stunde: ≥ 10,0 mmol/l (180 mg/dl)
  • nach 2 Stunden: ≥ 8,5 mmol/l (153 mg/dl)

Manchmal wird vorher ein Vortest, ein sogannter Suchtest, durchgeführt, bei der die Frau nur eine kleinere Menge Zucker trinkt und bei der Durchführung nicht nüchtern sein muss. Dieser Vortest ist unkomplizierter in der Durchführung, bei Auffälligkeiten muss aber der längere Zuckerbelastungstest durchgeführt werden. Es ist somit unter Umständen sinnvoll, gleich den ausführlichen Glukosetoleranztest mitzumachen. 

Komplikationen

Ein Schwangerschaftsdiabetes kann sowohl für die Mutter als auch für das Kind problematisch sein.

Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes gebären häufig größere Kinder. Das erhöhte Geburtsgewicht kann zu Verletzungen bei Kind und Mutter während der Entbindung führen, hier sind insbesondere sogenannte Schulterdystokien zu nennen, bei denen eine Schulter im Geburtskanal feststecken kann und sich die Geburt dadurch verzögert. 

Man geht auch davon aus, dass sich durch die Behandlung eines Schwangerschaftsdiabetes das Risiko der Mutter reduziert, eine Präeklampsie  („Schwangerschaftsvergiftung“) zu entwickeln. Dies ist eine bedrohliche Situation, bei der sich der Blutdruck stark erhöht, Leber und Nieren geschädigt werden und eine Frühgeburt droht.  

Bei einem Schwangerschaftsdiabetes wird der Frauenarzt das Wachstum und die Organe des ungeborenen Kindes gut beobachten. Bei Kindern diabetischer Mütter wurde eine etwas erhöhte Fehlbildungsrate der Nerven und Organe beobachtet, dies scheint jedoch vor allem für einen präexistenten Diabetes der Mütter und nicht für den Schwangerschaftsdiabetes zu gelten. 

Behandlung

Die meisten Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes können den Blutzucker mit einer Ernährungsumstellung und vermehrter Bewegung in den gewünschten Bereich senken.

Folgende Ernährungsrichtlinien gelten als Hinweis:

  • Mehrere kleine kohlenhydratreiche Mahlzeiten. Die Kohlenhydrate sollten 50–60 % des Energiebedarfs abdecken.
  • Zuckerhaltige Lebensmittel sollten nur in begrenzter Menge und mit den Mahlzeiten zusammen konsumiert werden.
  • Die Ernährung sollte einen mäßigen Fettgehalt aufweisen (d. h. 30 % oder weniger Fett) sowie reichlich Proteine, Vitamine und Mineralien enthalten. Eine ballaststoffreiche Ernährung und weniger schnellresorbierbare Kohlenhydrate empfehlen sich.
  • Als gute Kohlenhydratquelle gelten Vollkornprodukte wie Vollkornbrot und ungeschälter Reis.
  • Gemüse sollte täglich auf dem Speiseplan stehen.
  • Übergewichtige Schwangere sollten eine moderat kalorienreduzierte Kost zu sich nehmen, dabei ist auf das Wachstum des Kindes zu achten und eine Hungerketose (Ketonkörper im Urin nachweisbar) zu vermeiden. 

Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes sollten körperlich aktiv sein. Da körperliche Anstrengung die Insulinempfindlichkeit erhöht, verringert sich dadurch gleichzeitig auch der Insulinbedarf.

Tabakkonsum verschlechtert die Insulinempfindlichkeit und erhöht die Komplikationsgefahr von Mutter und Kind. Auf den Genuss von Tabakwaren ist während der Schwangerschaft am besten zu verzichten.

Ist eine medikamentöse Behandlung erforderlich, wird in erster Linie Insulin verwendet. Die Mutter sollte dann mehrmals am Tag den Blutzucker kontrollieren und mehrmals täglich Insulin spritzen, vor allem nach den Mahlzeiten. 

Prognose

Ein Schwangerschaftsdiabetes verschwindet üblicherweise nach der Entbindung. Rund 50 % aller Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes entwickeln jedoch im späteren Leben einen Diabetes. Daher ist es wichtig, nach der Schwangerschaft wieder das Normalgewicht zu erlangen, einen gesunden Lebensstil zu pflegen und regelmäßig körperlich aktiv zu sein.

Bei einem Schwangerschaftsdiabetes kann die Schwangerschaft häufig bis zum Ende geführt werden. Eine frühere Entbindung einzuleiten, ist nicht notwendig. Die meisten Frauen können auch normal entbinden, ein Kaiserschnitt ist meist nicht erforderlich. 

Weitere Informationen

Autoren

  • Caroline Beier, Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, Hamburg