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Beckengelenkschmerzen

Beckengelenkschmerzen treten bei 15 % aller schwangeren Frauen auf. Bei der überwiegenden Mehrheit lassen die Beschwerden nach der Schwangerschaft nach, einige Frauen müssen jedoch selber aktiv werden, um die Schmerzen loszuwerden.

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Was ist eine Lockerung des Beckengürtels?

Das Becken besteht aus mehreren Knochen. Normalerweise sind die verschiedenen Knochen dicht zusammen gefügt und die Beweglichkeit zwischen ihnen ist gering. In der Schwangerschaft werden die Verbindungen zwischen den Knochen durch Schwangerschaftshormone beeinflusst, die Verbindungen werden nachgiebiger. Dies ist ein natürlicher Prozess, der das Becken auf die bevorstehende Geburt vorbereitet. Bei einigen Schwangeren kann die Beweglichkeit zwischen den Beckenknochen Schmerzen hervorrufen.

Der Begriff „Beckengelenkschmerzen“ wird verwendet, wenn Schwangere eine Lockerung des Beckengürtels als schmerzhaftes Problem erleben. Sie haben dann Beschwerden beim Gehen und empfinden Schmerzen oberhalb der Beckengelenke. 15 % der schwangeren Frauen berichten von Beckengelenkschmerzen während der letzten Phase der Schwangerschaft. Ungefähr die Hälfte aller Schwangeren empfindet Rücken- und/oder Beckengelenkschmerzen. Von denen, die Beckengelenkschmerzen haben, benutzen ca. 7 % Gehhilfen, 15 % haben Schlafstörungen und ein Drittel wird krankgeschrieben.

Ursachen

Es ist nicht geklärt, was die Ursache für Beckengelenkschmerzen ist. Es wird angenommen, dass hormonelle Einflüsse in der Schwangerschaft eine wichtige Rolle spielen. Bei den Patientinnen, die Schmerzen aufgrund der Lockerung des Beckengürtels haben, wird als Ursache eine asymmetrische Beweglichkeit im hinteren Teil des Beckens, oder unzureichende Stabilität in Kreuzbein und Becken vermutet.

Das Risiko von Beckengelenkschmerzen steigt mit der Anzahl früherer Geburten. Zusätzlich steigt das Risiko, wenn die Mutter in jungem Alter ihre erste Menstruation hatte. Ein hoher Body-Mass-Index (BMI) erhöht die Neigung zu Beckengelenkschmerzen ebenso, wie geringes Alter und geringe Bildung, schwere Arbeit, Depression, frühere Rückenschmerzen und Verletzungen des Beckens.

Intensives körperliches Training vor der Schwangerschaft (bis zu fünf Mal pro Woche) scheint einen schützenden Effekt gegen Beckengelenkschmerzen zu bewirken. Früher glaubte man, dass es den Frauen, die nach der Geburt unter Beckengelenkschmerzen leiden, helfen würde, wenn sie mit dem Stillen aufhören. Diese Annahme ist jedoch falsch. Das Stillen scheint bei Frauen mit einem BMI ≥ 25 die Erholung zu beschleunigen.

Symptome

Typische Beschwerden sind Schmerzen oberhalb des Schambeins und im hinteren Teil des Beckens (Iliosakralgelenke). Die Schmerzen können zur Leiste und in die Beine ausstrahlen und treten in der Regel bei und/oder nach Belastung auf. Charakteristisch sind Probleme beim Gehen, Stehen oder Sitzen über einen längeren Zeitraum. Haltungsänderungen und Rotationsbelastungen (z.B. beim Aussteigen aus dem Auto) können besonders schwierig sein. Einzelnen Patientinnen fällt es schwer, Tätigkeiten im Alltag zu erledigen, wie z.B. Wäsche aus der Waschmaschine zu entnehmen oder Staubsaugen.

Die Schmerzen werden als ziehender Schmerz beschrieben. Sie nehmen häufig über den Tag zu und treten oft mit einer Verzögerung nach körperlicher Aktivität/Belastung auf. Die Beschwerden treten meistens zum ersten Mal im 5. bis 8. Schwangerschaftsmonat auf, können aber bei jeder neuen Schwangerschaft früher beginnen und kommen auch bereits im 1. Trimester vor.

Frauen, die zum ersten Mal Beckengelenkschmerzen erleben, können erheblich beeinträchtigt sein, auch psychisch. Nicht voll handlungsfähig zu sein, kann den Alltag stark einschränken. Manche sind nur imstande, für kurze Zeit zu arbeiten oder schaffen es nur, kurze Strecken zu gehen. Einige können aufgrund der Schmerzen nachts nur sehr schlecht schlafen. Die meisten lernen mit der Zeit mit den Schmerzen umzugehen.

Diagnostik

Die Diagnose basiert neben anderen Untersuchungen auf der Schmerzbeschreibung der Patientin, wo der Schmerz sitzt, wie stark er ist und inwiefern er variiert.

Röntgenaufnahmen u. ä. machen in der Regel keinen Sinn.

Behandlung

Eigenbehandlung

Beckengelenkschmerzen vergehen meistens nach der Geburt. Davor ist es die beste Strategie, sich den Alltag entsprechend zu organisieren und anzupassen.

Es ist individuell verschieden, wie viel und welche Art von Aktivität Schmerzen hervorruft. Bei vielen nehmen die Schmerzen proportional zur Belastung zu, sie treten jedoch mit einer Zeitverzögerung auf. Deshalb sollten Sie sich bei Aktivitäten, von denen Sie wissen, dass sie Schmerzen verursachen, etwas zurück halten – dann haben Sie im Nachhinein weniger Beschwerden. Für jemanden, der sich zuvor uneingeschränkt bewegen konnte, mag es ungewohnt sein, so zu denken, aber in den meisten Fällen wird dies die Schmerzen vermindern.

Wenn Sie in aufrechter Position Schmerzen haben, setzen Sie sich öfter hin. Sitzen Sie oder benutzen Sie statt dessen Gehhilfen beim Kochen oder beim Entleeren der Waschmaschine. Nehmen Sie auf Konzerte, Umzüge o. ä. einen Campingstuhl mit. Denken Sie daran, beim Einkaufen Pausen einzulegen. Für viele kann es hilfreich sein, häufig zwischen sitzender und stehender Position zu wechseln.

Versuchen Sie, Ihren Arbeitsalltag anzupassen, wenn er Schmerzen verursacht. Ist dies nicht möglich, ist die Krankschreibung eine Alternative. Überlegen Sie, ob es Tätigkeiten auf der Arbeit oder im Haushalt sind, die die größten Beschwerden verursachen.

Wenn Sie sich im Bett umdrehen möchten, ist es ratsam, den Beckenboden anzuspannen und sich mit beiden Beinen zusammen abzudrücken. Viele finden es erleichternd, mit einem Kissen zwischen den Beinen zu schlafen. Es ist außerdem wichtig, Gegenstände auf die richtige Art und Weise zu tragen, und es wird empfohlen, einen Rucksack zu verwenden. Von Schuhen mit hohen Absätzen wird abgeraten.

Behandlung

Studien zeigen, dass ein Gürtel oder ein Korsett, das den Beckenkamm zusammenhält, eine gute Wirkung haben kann. Die Verwendung von Gehhilfen über einen langen Zeitraum kann die Rücken- und Beckenmuskulatur schwächen und die Beschwerden später verstärken/verlängern. Falls Sie Gehhilfen verwenden, empfiehlt sich der 4-Punkt-Gang. Auch Akupunktur hat sich gegen Beckengelenkschmerzen während der Schwangerschaft als wirksam erwiesen.

Einige Patientinnen können von der Beratung durch einen Physiotherapeuten profitieren. Es kann ein individuelles Trainingsprogramm erstellt werden, mit Kraftübungen, die keine Schmerzen verursachen. Dies schränkt möglicherweise nicht die Schmerzen an sich ein, kann aber helfen, die Muskulatur zu erhalten, sodass Sie sich nach der Geburt schneller wieder erholen.

Manche schaffen es trotz Beckengelenkschmerzen, auf die eine oder andere Weise körperlich aktiv zu bleiben. Zum Beispiel haben manche Patientinnen Schmerzen beim Gehen, dafür aber nicht beim Radfahren. Schwimmen kann eine gute Alternative zu anderen Formen körperlicher Aktivität sein. Wassergymnastik hat in mehreren Studien gute Ergebnisse gezeigt.

Die Häufigkeit von Beckengelenkschmerzen sinkt auf 7 % während der ersten 3 Monate nach der Geburt. Für diejenigen, die auch nach der Geburt weiterhin Schmerzen haben, können Übungen bei einem Physiotherapeuten hilfreich sein. Insbesondere stabilisierende Übungen für das Becken unter der Anleitung eines Physiotherapeuten helfen. Die Übungen haben das Ziel, die Haltung zu verbessern und eine angemessene Beckenstabilität zu erhalten.

Öffentliche Hilfsangebote

Frauen mit Beckengelenkschmerzen, die Beschwerden beim Gehen haben, stehen verschiedene Arten öffentlicher Hilfsangebote zur Verfügung Eine Krankmeldung kann angebracht sein. Frauen mit Beckengelenkschmerzen haben ein Anrecht auf Physiotherapie während der Schwangerschaft und bis zu 6 Monate nach der Geburt. Falls die Beeinträchtigung bei der Mutter sehr umfangreich ist, kann der Vater einen Teil des Mutterschaftsurlaubs von ihr übernehmen, um für eine Zeit lang zuhause zu helfen.

Wenn Sie dies beim kommunalen Träger beantragen, prüft und bewilligt dieser eventuell den Wunsch nach einer Haushaltshilfe (einige Kommunen bieten dies nach wie vor an), einem Kitaplatz, einem speziellen Parkausweis oder medizinischer Rehabilitation.

Prognose

Bei den meisten Frauen vergehen die Schmerzen nach der Geburt. In einer großen schwedischen Studie waren fast alle Teilnehmerinnen bei der Nachuntersuchung nach 12 Wochen beschwerdefrei. Mit dem Stillen aufzuhören, führt nicht zu schnellerer Genesung. Bei einigen Patientinnen können sich chronische Rückenschmerzen entwickeln, wenn sie besonders starke Schmerzen während der Schwangerschaft hatten.

Weiterführende Informationen

Illustrationen

 Lockerung der Schambeinfuge.jpg
Lockerung der Schambeinfuge. Das Iliosakralgelenk und die Symphyse (Schambein) sind rot markiert.

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Beckenringinstabilität. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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