Muttermilch oder Flaschennahrung?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, nach Möglichkeit Muttermilch statt Flaschennahrung zu füttern. Manche Mütter haben jedoch keine Wahl: Sie sind aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage, ihrem Kind ausreichend Nahrung in Form von Muttermilch anzubieten.

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Brust oder Flasche?

Wenn Sie bei Ihrem Kind zwischen Brust und Flasche wählen können, ist dies eine persönliche Entscheidung, die Sie als Mutter des Kindes treffen. Falls Sie sich nicht sicher sind, wofür Sie sich entscheiden sollen, ist es oft sinnvoll, es einen Monat lang mit dem Stillen zu versuchen und sich erst dann zu entscheiden, denn oft ist nur der Anfang schwierig. Empfehlungen und Hilfestellung beim Stillen geben Ihnen bereits Ärzte, Pfleger und Hebammen in der Klinik oder während der Betreuung nach der Geburt. Viele Schwierigkeiten, die unlösbar scheinen, lassen sich mit etwas Geduld und Übung gut überwinden; bei vielen Müttern und Säuglingen gibt es auch gar keine Probleme mit dem Stillen, wenn sie gut angeleitet wurden. Haben Sie aber bereits einige Wochen lang versucht zu stillen und es sind immer wieder Schwierigkeiten aufgetreten, dann ist die Flaschennahrung möglicherweise der bessere Weg. 

Natürlich gibt es aber auch Frauen, die sofort wissen, dass sie ihr Baby nicht stillen können; das kann viele Gründe haben: persönliche oder gesundheitliche Gründe der Mutter oder auch Erkrankungen des Kindes. Es gilt zwar, dass Kinder, die mindestens 6 Monate lang gestillt wurden, im Allgemeinen weniger anfällig gegenüber Infektionen aller Art sind und möglicherweise auch seltener Asthma und Allergien entwickeln. Einige Studien deuten zudem darauf hin, dass sich gestillte Kinder geistig besser entwickeln, und dass Kinder, die das Fläschchen bekommen, im Laufe ihrer Kindheit und Jugend häufiger übergewichtig werden. Dennoch ist klar: Auch mit einer vernünftigen Ernährung mit der Flasche wird Ihr Baby gut gedeihen und gesund groß werden. 

Stillempfehlung der Nationalen Stillkommission1

  • Säuglinge (mit und ohne Allergierisiko) sollten mindestens bis zum Beginn
    des 5. Monats ausschließlich gestillt werden.
  • Auch nach Einführung von Beikost – frühestens mit Beginn des 5. Monats,
    spätestens mit Beginn des 7. Monats – sollten Säuglinge weiter gestillt
    werden.
  • Ab wann ein Säugling innerhalb des genannten Zeitfensters zusätzlich
    Beikost benötigt, ergibt sich individuell in Abhängigkeit vom Gedeihen
    und der Essfähigkeit des Kindes.
  • Die Stilldauer insgesamt bestimmen Mutter und Kind.

Was unterscheidet Muttermilch von Flaschennahrung?

Muttermilch ist die ideale Nahrung für Neugeborene2. Sie enthält alles, was das Kind benötigt, und dies auch noch in den richtigen Mengen. Auch Hersteller von Flaschennahrung wollen genau das erreichen, es gelingt ihnen jedoch bis heute nicht, die Natur so perfekt nachzuahmen. Künstliche Säuglingsnahrung enthält keine Antikörper, die vor Krankheiten schützen, und auch keine Verdauungsenzyme (z. B. Lipase), die das Kind über die Muttermilch automatisch erhält. Der Nährstoffgehalt der meisten Milchpulver ist gut, aber nicht so perfekt auf den Bedarf des Säuglings abgestimmt wie der der Muttermilch! Denn der Nährstoffgehalt der Muttermilch passt sich dem Bedarf des Säuglings an. Muttermilch ändert sich in der Zusammensetzung von der Geburt an fortlaufend ein wenig, um sich den Bedürfnissen des wachsenden Kindes anzupassen. 

Manche Nährstoffe kann das Kind deshalb so, wie sie in der Flaschennahrung vorkommen, weniger gut aufnehmen als über die Muttermilch. Flaschennahrung auf Basis von Kuhmilch kann außerdem Allergien gegen bestimmte Proteine in der Milch hervorrufen (Milchallergie). 

Daneben gibt es sogenannte hydrolysierte Säuglingsnahrung, die speziell für Säuglinge mit einem hohen Allergierisiko empfohlen wird (etwa wenn die Eltern Allergiker sind). Hier sind verschiedene Arten hypoallergene (HA) Nahrung erhältlich, von denen aber nicht alle nachweislich vor einer Allergie schützen. Zudem wird an verschiedenen Strategien geforscht, um durch spezielle Zusätze Säuglingsnahrung möglicherweise so herstellen zu können, dass sie vor Allergien schützen kann, u. a. durch Zusatz des Bakteriums LGG (Milchsäurebakterium).

Weitere Vorteile der Muttermilch

  • Die Muttermilch enthält bestimmte Proteine, die gut für das Kind sind und nicht in Kuhmilch oder industriell hergestellter Milch vorkommen.
  • Muttermilch enthält einen Teil des Milchzuckers in Form von Oligosacchariden. Diese dienen Bakterien als Nahrung und sorgen für eine gesunde Zusammensetzung der Darmbakterien beim Säugling.
  • Vitamine und Mineralstoffe können vom Körper besser aus der Muttermilch als aus Flaschenmilch aufgenommen werden.
  • Da die Muttermilch vollwertiger ist, verwerten Säuglinge von dieser Milch einen größeren Teil als von Flaschennahrung, sodass letztlich auch weniger in der Windel landet.
  • Die Muttermilch enthält Antikörper, die die Mutter gegenüber verschiedenen Erregern entwickelt hat – ein zusätzlicher Infektionsschutz für das Kind.
  • Das Stillen wirkt in der Regel beruhigend auf Mutter und Kind.
  • Gestillte Kinder scheinen generell gesünder zu sein.
  • Muttermilch ist kostenlos, hygienisch einwandfrei und stets verfügbar.

Anzeichen dafür, dass Ihr Kind eine bestimmte Ersatzmilch nicht verträgt

Es gibt verschiedene Symptome, die darauf hindeuten, dass Ihr Kind eine bestimmte Ersatzmilch nicht gut verträgt oder eine Allergie gegen sie entwickelt. Zum Glück sind verschiedene Arten von Säuglingsnahrung erhältlich, sodass Sie wechseln können. 

Mögliche Anzeichen einer Unverträglichkeit:

  • Kind schreit nach dem Füttern
  • Häufiges Spucken nach dem Füttern
  • Anhaltende Verstopfung oder anhaltender Durchfall
  • Koliken und aufgetriebener, schmerzender Bauch nach dem Füttern
  • Reizbare Stimmung
  • Roter, sandpapierartiger Ausschlag im Gesicht oder rund um den After
  • Häufige Erkältungen und Ohrenentzündungen
  • Ausschlag, vor allem in den Kniekehlen und Armbeugen

Tipps zum Füttern mit der Flasche

  • Säuglingsnahrung ist auf das Alter des Säuglings abgestimmt; darauf sollten Sie achten.
  • Bereiten Sie die Nahrung immer mit frischem erhitztem Leitungswasser genau nach Anweisung zu. 
  • Falls Sie unterwegs sind, nehmen Sie heißes Wasser in einer Thermoskanne und Milchpulver einzeln mit, um die Nahrung frisch zubereiten zu können. Heben Sie Nahrungsreste nicht für die nächste Mahlzeit auf.
  • Säubern Sie die Flaschen und Sauger stets nach Gebrauch mit einer Bürste nur für die Fläschchen und kochen Sie Gummisauger regelmäßig kurz in heißem Wasser aus.
  • Achten Sie auf einen passenden Sauger: Es sollte nicht zu viel aus der Flasche tropfen, damit das Kind sich nicht verschluckt. Aber das Kind darf sich auch nicht zu sehr anstrengen müssen, um Milch zu saugen.
  • Sorgen Sie für eine gemütliche Position beim Füttern mit der Flasche, nehmen Sie das Kind dicht an den Körper und halten Sie Blickkontakt.
  • Achten Sie darauf, dass das Kind nicht zu hastig trinkt und zu viel Luft schluckt. Einmal während des Fütterns und v. a. zum Abschluss sollte das Kind aufstoßen, um Bauchschmerzen durch zu viel Luft vorzubeugen.

Weitere Informationen

Literatur

  1. Nationale Stillkommission. Update der S3-Leitlinie Allergieprävention weicht von Stillempfehlung der Nationalen Stillkommission ab. Stellungnahme der Nationalen Stillkommission am BfR vom 30. April 2015. Berlin, Bundesinstitut für Risikobewertung 2015. www.bfr.bund.de
  2. Nationale Stillkommission. Unterschiede in der Zusammensetzung von Muttermilch und industriell hergestellter Säuglingsanfangs- und Folgenahrung und Auswirkungen auf die Gesundheit von Säuglingen Stellungnahme der Nationalen Stillkommission vom 16. Juli 2012. Berlin Bundesinstitut für Risikobewertung 2012. www.bfr.bund.de

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen