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Schwangerschaft und Röntgenstrahlung

Röntgenuntersuchungen während der Schwangerschaft sollten vermieden werden, wenn sie nicht absolut erforderlich sind.

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Strahlungsdosen

Die Menge der Röntgenstrahlung, die vom Körper der Mutter oder vom ungeborenen Kind aufgenommen wird, wird in der Maßeinheit mSv (Millisievert) angegeben. Es werden keine Untersuchungen am Fötus durchgeführt, sondern es wird die Strahlungsaufnahme der Gebärmutter gemessen. Man geht davon aus, dass die Gebärmutter und das ungeborene Kind der gleichen Strahlendosis ausgesetzt werden.

Allgemein sieht es so aus, dass die Grenze zwischen gefährlicher und ungefährlicher Strahlendosis bei 50 mSv, nach Meinung einiger Experten sogar erst bei 100 mSv, liegt. Als Beispiel kann genannt werden, dass ein herkömmliches Röntgenbild der Lunge bei der Mutter einer Strahlendosis von <0,01 mSv entspricht, d. h. einem kleinen Bruchteil der gefährlichen Dosis.

Typen von Strahlungsschäden

Das ungeborene Kind ist während der gesamten Schwangerschaft empfindlich für Strahlung, aber das Ausmaß des Risikos hängt stark davon ab, zu welchem Zeitpunkt in der Schwangerschaft und mit welcher Dosis (Anzahl mSv) die Bestrahlung erfolgt.

Es scheint, dass sowohl bei der Gefahr von Missbildungen als auch bei Hirnschäden eine so genannte Schwellendosis erforderlich ist, damit es zu Schädigungen kommt. Das bedeutet, dass keine Gefahr besteht, wenn die Strahlendosis unter der Schwellendosis liegt. Falls die Strahlendosis höher ist als die Schwellendosis, kann es zu Schäden kommen, und die Gefahr von Schädigungen steigt, je weiter die Dosis über dem Schwellenwert liegt.

Das ungeborene Kind ist im 1. Trimenon (vor der 12. Woche) besonders empfindlich und im 2. und 3. Trimenon (nach der 12. Woche) weniger gefährdet. In der Frühschwangerschaft, den ersten Wochen nach der letzten Regelblutung, kann die Strahlenwirkung dazu führen, dass sich die befruchtete Eizelle nicht einnistet oder abstirbt. Die Schwellendosis für diesen Effekt liegt bei 50 bis 100 mSv. Hier gilt das "Alles-oder Nichts-Prinzip": die Strahlung bleibt entweder folgenlos oder es kommt selten zu einer Fehlgeburt. Anders verhält es sich in den folgenden Wochen der Schwangerschaft: Das Risiko von Missbildungen ist zwischen der 3. und 11. Woche am größten, da in dieser Zeit die Organbildung stattfindet. Ab der Schwellendosis von 50 bis 100 mSv besteht in dieser Zeit der Organanlage das Risiko für Fehlbildungen. Das Risiko für Hirnschäden ist in der 8. bis 25. Schwangerschaftswoche am größten, da sich in dieser Zeit das Nervensystem ausbildet und entwickelt. Strahlenbelastungen ab der Schwellendosis von etwa 300 mSv können zu einer Fehlentwicklung des Gehirns führen.

Hohe Strahlendosen können auch zu einer direkten Totgeburt führen. Die Schwellendosis hierfür liegt aber weit über der Strahlung, die bei gängigen Röntgenuntersuchungen verwendet wird.

Es wird vermutetet, dass Krebserkrankungen bei Kindern ebenfalls auf Strahlung zurückgeführt werden können. Im Hinblick auf Krebs scheint es jedoch keine eindeutige Schwellendosis zu geben. Studien haben eine geringfügige Erhöhung des Auftretens von Krebserkrankungen mit zunehmender Strahlendosis gezeigt. Aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass eine Bestrahlung während der Schwangerschaft gefährlicher ist als eine Röntgenuntersuchung des Kindes nach der Geburt. Es liegt bei Kindern, die mit 1 mSv bestrahlt wurden, im Vergleich zu Kindern, bei denen keine Röntgenuntersuchungen durchgeführt wurden, kein erhöhtes Risiko für Krebsentwicklung bis zum Alter von 19 Jahren vor. 1 mSv entspricht dem 100-Fachen der Dosis, der das ungeborene Kind ausgesetzt wird, wenn die Lungen der Mutter geröntgt werden.

Bei Missbildungen und Hirnschäden liegt die Schwellendosis bei 50 mSv, nach einigen Experten sogar über 100 mSv. Damit die Strahlung für das ungeborene Kind tödlich ist, müsste die Strahlendosis im ersten Trimester höher als 200 mSv und im späteren Verlauf der Schwangerschaft höher als 500 mSv sein.

Strahlendosen bei unterschiedlichen Untersuchungen

Es wurde eine Studie durchgeführt, in der die Strahlendosis in mSv angezeigt wird, der das ungeborene Kind bei einigen gewöhnlichen Röntgenuntersuchungen der Mutter ausgesetzt ist. Unterschiedliche bildgebende Verfahren und Unterschiede bei Apparaten und Techniken führen dazu, dass die Dosen etwas variieren können. Im Durchschnitt führt das Röntgen des Kopfs oder der Lungen zu einer Strahlung von weniger als 0,01 mSv. Die Röntgenuntersuchung der Nieren (Urographie) und das Röntgen des Kreuzbeins im Durchschnitt zu einer Strahlung von 1,7 mSv (max. 10 mSv). Ein Durchleuchten des Dickdarms führt im Durchschnitt eine Belastung mit 6,8 mSv (max. 24 mSv) mit sich.

Bei CT-Untersuchungen des Kopfes liegt die Belastung bei weniger als 0,005 mSv und bei einem CT der Lungen bei 0,06 mSv. Ein CT des gesamten Bauchraums (Abdomen) führt zu einer Strahlendosis von durchschnittlich 8,0 mSv (max. 49 mSv), ein CT des Kreuzbeins zu 2,4 mSv (max. 8,6 mSv), während ein CT des Beckens im Durchschnitt zu einer Strahlendosis von 25 mSv (max. 79 mSv) für das ungeborene Kind führt.

Ultraschalluntersuchungen oder MR-Untersuchungen werden ohne Röntgenstrahlung ausgeführt.

Konsequenzen

Es gibt gute Gründe, auf Röntgenuntersuchungen zu verzichten, falls diese nicht unbedingt erforderlich und wichtig für die Behandlung oder Entdeckung einer Krankheit sind. Es gibt jedoch einige Situationen, in denen Röntgenuntersuchungen auch bei Schwangeren empfohlen werden. Ein Beispiel hierfür ist das Röntgen der Lungen bei Verdacht auf Tuberkulose.

In Deutschland werden bezogen auf eine einzelne Untersuchung wird im Rahmen der üblichen radiologischen und nuklearmedizinischen Diagnostik der niedrigste abgeschätzte Wert für die Schwellendosis von 50 mSv für das Ungeborene im Allgemeinen nicht überschritten.

Eine Expertengruppe ist der Ansicht, dass bei einer Strahlendosis von unter 100 mGy kein Anlass für einen Schwangerschaftsabbruch besteht. Normalerweise gibt es keine Röntgenuntersuchungen, bei denen solche Strahlendosen erreicht werden.

Häufig ist das Risiko für das ungeborene Kind größer, falls die Krankheit der Mutter nicht korrekt diagnostiziert wird, als das Risiko, das mit der eigentlichen Röntgenuntersuchung verbunden ist.

Eltern, die vor der Befruchtung einer Bestrahlung der Eierstöcke oder Hoden ausgesetzt waren, sind hierüber häufig besorgt. Auf Grundlage der vorliegenden Erkenntnisse kann konstatiert werden, dass dies keine erhöhte Gefahr für Missbildungen, Abweichungen in der kognitiven Entwicklung oder ein erhöhtes Krebsrisiko für das Kind mit sich bringt.

Ist den Frauen zum Zeitpunkt der Strahlenbelastung nicht bewusst, dass sie schwanger sind, ist eine nachträgliche Beratung der Frauen sinnvoll und notwendig. Um den Betroffenen eine fundierte fallbezogene Entscheidungshilfe zu geben, kann der betreuende Arzt beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) eine schriftliche Anfrage zum individuellen Risiko des Ungeborenen stellen.1

Literatur

  1. Bundesamt für Strahlenschutz. Schwangerschaft und Strahlenschutz. Stand 2013 www.bfs.de

Autoren

  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Pränatale Strahlenexposition. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Wiliams PM, Fletcher S. Health effects of prenatal radiation exposure. Am Fam Physician 2010; 82: 488-93. American Family Physician
  2. Bundesamt für Strahlenschutz. Schwangerschaft und Strahlenschutz. Letzter Aufruf 21.3.2016. www.bfs.de
  3. Chen MM, Coakley FV, Kaimal A et. al.. Guidelines for computed tomography and magnetic resonance imaging use during pregnancy and lactation. Obstet Gynecol 2008; 112: 333-40. PubMed
  4. Committee Opinion No. 656. American College of Obstetricians and Gynecologists. Guidelines for diagnostic imaging during pregnancy and lactation. Obstet Gynecol 2016; 127: e75–80.. www.acog.org
  5. Bentur Y, Horlatsch N, Koren G. Exposure to ionizing radiation during pregnancy: perception of teratogenic risk and outcome. Teratology 1991; 43: 109-12. PubMed