Heroin, Morphin, Methadon, Opium

Rohopium wird aus dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns gewonnen und enthält unter anderem die aktiven Wirkstoffe Morphin und Codein, die in der Medizin der Linderung starker Schmerzen dienen. Sie können aber auch als Drogen missbraucht werden.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Opioide

Als Opioide bezeichnet man Stoffe, die an die Opioidrezeptoren an der Zelloberfläche binden. Die Gruppe der Opioide umfasst sowohl pflanzliche Opiate aus den Kapseln des Schlafmohns als auch rein synthetisch hergestellte Substanzen mit vergleichbarer Wirkung.

Opioide wie Morphin und Codein werden in der Medizin zur Behandlung von starken Schmerzen verwendet. Sie können aber auch als Drogen missbraucht werden und zur Abhängigkeit führen. 

Folgende Opioide sind u. a. zur medizinischen Behandlung zugelassen:

  • Morphin
  • Buprenorphin
  • Methadon
  • Oxycodon
  • Pethidin
  • Fentanyl
  • Remifentanil
  • Codein
  • Tilidin
  • Tramadol

Die zum medizinischen Gebrauch hergestellten Stoffe werden als Kapseln, Tabletten, Zäpfchen, Sirup, Pflaster oder Injektionslösungen verkauft. Die Verschreibung dieser Medikamente unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz.

Opioide wie Methadon und Buprenorphin finden zunehmend bei der Substitutionstherapie im Rahmen eines Heroinentzugs Verwendung. Heroin ist ein stark- und schnellwirksames, halbsynthetisches Opioid, das als Rauschmittel genutzt wird. Es zählt zu den illegalen Drogen. Heroin wird häufig in Flüssigkeit gelöst direkt in die Blutgefäße gespritzt (intravenöser Konsum), kann aber auch geraucht oder geschnupft werden.1

Die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) schätzt, dass in Deutschland bei 1–3 von 1.000 Einwohnern im Alter von 15–64 Jahren ein problematischer Opiatkonsum vorliegt. Wie häufig die Abhängigkeit von opioidhaltigen Arzneimitteln vorkommt, ist unklar. Jährlich sterben mehr als 1.000 Abhängige, die große Mehrheit infolge einer Überdosis von Heroin.

Wirkung

Opioide führen zu einer Stimulation der spezifischen Bindungsstellen (Rezeptoren) im Gehirn. Dadurch werden verschiedene Wirkungen ausgelöst: Bei opioidhaltigen Schmerzmitteln dominiert die schmerzstillende Wirkung. Konsumenten von illegalen Opioiden (z. B. Heroin) erleben in erster Linie einen Rauschzustand, der von einem Wohlgefühl und dem Erleben von Sinnhaftigkeit und Belohnung geprägt ist. Gleichzeitig stellt sich Entspannung ein und die Herz- und Verdauungsaktivität verlangsamen sich. Aber auch Ruhelosigkeit, Müdigkeit, Verstopfung, Übelkeit und mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik können vorkommen. Der durch Heroin hervorgerufene Rausch hält oftmals einige Stunden an.

Die meisten Opioide gehen mit einer Verringerung der Fähigkeit zum kritischen Denken und erhöhter Risikobereitschaft einher. Zudem wirken sie sich negativ auf das allgemeine Vermögen und die Reaktionsfähigkeit beim Führen von Fahrzeugen und Bedienen von Werkzeugen oder Maschinen aus.

Hohe Dosierungen können Kreislaufstörungen, Atembeschwerden und eine Verengung der Pupillen verursachen, die Haut wird kalt, feucht und verfärbt sich bläulich. Die Atembeschwerden können zum Atemstillstand führen. Das Risiko einer Überdosierung ist insbesondere dann hoch, wenn Substanzen gespritzt werden, deren Zusammensetzung und Konzentration man nicht kennt – dies kann lebensbedrohlich sein.

Nach längerem und hochdosiertem Missbrauch von Opioiden sind die Betroffenen oftmals körperlich und psychisch gezeichnet: Ihr Allgemeinzustand ist reduziert, sie leiden unter Antriebslosigkeit und sind emotional instabil. Krankheitsanfälligkeit und Sterblichkeit sind bei Personen mit Drogenabhängigkeit stark erhöht. Bei intravenösem Heroinkonsum bestehen zudem häufig Hautinfektionen an den Einstichstellen oder Virusinfektionen wie Hepatitis B und C (Leberentzündung) und HIV.

Bei Frauen, die während der Schwangerschaft Opioide konsumieren, kommt es häufiger zu Schwangerschaftskomplikationen. Dazu zählen Fehlgeburten, Frühgeburten, ein geringes Geburtsgewicht und Gedeihstörungen beim Kind. Häufig weisen Neugeborene unmittelbar nach der Geburt Entzugserscheinungen auf, die Säuglingssterblichkeit ist deutlich erhöht.2

Autofahren unter Einfluss von Opioiden

Die deutsche Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV) führt im §14 die Einnahme von Betäubungsmitteln ausdrücklich als Beispiel für mögliche Einschränkungen der Erlaubnis zum Führen eines Fahrzeuges auf. Zwar ist selbst das Autofahren unter opioidhaltigen Schmerzmitteln (z. B. Morphin) nicht mehr generell untersagt. Das Fahren unter dem Einfluss von Schmerzmitteln, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, ist Autofahrern aber nur dann erlaubt, wenn ein dazu qualifizierter Arzt die Fahrtüchtigkeit ausdrücklich bescheinigt. Die Medikamente müssen als medizinisch notwendig attestiert sein. Patienten sollten deshalb einen „Opioid-Ausweis" mit sich führen. Diese Bescheinigung gibt es für verschiedene Reiseländer in jeweils angepassten Fassungen, mehr dazu zum Beispiel unter www.schmerzliga.de.

Toleranz und Suchtgefahr

Der regelmäßige Opioidkonsum führt zur Entwicklung einer Toleranz dem Wirkstoff gegenüber. Infolge muss die Dosierung kontinuierlich erhöht werden, um die gewünschte Wirkung zu erlangen. Werden Opioide zur Behandlung starker Schmerzen verwendet, entwickelt sich nur langsam eine Toleranz. In Bezug auf die Rauschwirkung setzt jedoch schnell eine Gewöhnung ein.

Bei Personen, die Heroin oder andere Opioide als Rauschmittel konsumieren, besteht ein hohes Risiko für eine Abhängigkeit. Charakteristische Merkmale einer solchen Sucht sind ein starkes Verlangen („Craving“) nach dem Stoff, die verringerte Kontrolle über den eigenen Konsum, Toleranzentwicklung, körperliche Entzugserscheinungen, Gleichgültigkeit gegenüber anderen Interessen und das Beibehalten des Konsums trotz schädlicher Auswirkungen. Schon nach kurzer Zeit entwickelt sich eine Abhängigkeit, die bei Ausbleiben eines erneuten Konsums zu starken Entzugserscheinungen führt. Die Entzugserscheinungen können – je nach Art des zuvor konsumierten Opioids – bereits 4‒6 Stunden nach dem letzten Gebrauch einsetzen. Nach 2‒3 Tagen gehen die körperlichen Entzugssymptome allmählich zurück, psychische Entzugserscheinungen und besonders das Substanzverlangen halten aber meist viel länger an.

Nach einer längerfristigen Behandlung mit opioidhaltigen Medikamenten sollte die tägliche Dosis schrittweise verringert werden. Auf diesem Weg können auch Entzugserscheinungen vermieden werden.

Entzugserscheinungen

Leichte Symptome bei Opioid-Entzug sind: Unruhe, Energiemangel, Kopfschmerzen, Schwitzen, Gähnen, eine laufende Nase, leicht erweiterte Pupillen, Tränenfluss, Gänsehaut und ein starkes Verlangen nach Opioiden (Craving).

Stärkere Entzugssymptome können sein: Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bluthochdruck, Herzrasen, grippeähnliche Beschwerden mit Schüttelfrost und Fieber, Gliederschmerzen, stark erweiterte Pupillen, Angst und psychotische Symptome.

In einigen Fällen können die Entzugserscheinungen einen stationären Aufenthalt im Krankenhaus erforderlich machen. Bei einer allmählichen und kontrollierten Verringerung der Dosierung, beginnend mit der vom Konsumenten gewohnten Menge, fallen die Entzugserscheinungen milder aus. 

Überdosierung

Der Konsum von größeren Mengen Opioiden kann zu einer lebensbedrohlichen Lähmung des Atemzentrums im Gehirn führen. Bei einer Überdosierung ist es oft schwer, Kontakt zu den Betroffenen herzustellen, da ihr Bewusstsein eingeschränkt ist. Die Haut wird kalt, blass und bläulich, die Atmung ist reduziert und Kreislaufstörungen können auftreten. Es kann innerhalb kürzester Zeit, zuweilen aber auch erst mehrere Stunden nach dem Konsum, zum Tode kommen.

Todesfälle infolge einer Überdosierung können bei den meisten Opioiden vorkommen, auch bei Methadon. Bei einem kombinierten Drogenmissbrauch besteht ein erhöhtes Risiko, insbesondere dann, wenn die Opioide gleichzeitig mit Beruhigungs- oder Schlafmitteln (Benzodiazepine) oder mit Alkohol eingenommen werden. Die Toleranz für höhere Dosen kann nach Absetzen der Opioide schnell zurückgehen. Daher besteht bei Rückfällen ein erhöhtes Risiko für eine Überdosierung.

Therapie und Entwöhnung

Eine akute Überdosierung wird mit dem Gegengift Naloxon behandelt. Es handelt sich um einen Opioidantagonisten, der das Opioid aus den Rezeptoren verdrängt und so die Wirkung neutralisiert. Desweiteren werden Erste-Hilfe-Maßnahmen durchgeführt.

Ein qualifizierter Opioidentzug erfolgt in Ambulanzen, psychosozialen Beratungsstellen oder Fachkliniken, die auf Drogenabhängigkeit spezialisiert sind. Besteht die Abhängigkeit bereits seit längerem, so kann eine Langzeit-Rehabilitation erforderlich sein. Diese kann psychotherapeutische, medizinische und nicht zuletzt psychosoziale Maßnahmen (Unterkunft, Arbeit usw.) umfassen. Bei der sogenannnten Substitutionsbehandlung erhalten die Patienten kontinuierlich abnehmende Dosen eines Opioids bis die Entzugserscheinungen nachlassen.

Die Anzahl der Rückfälle nach einem Entzug ist hoch. Daher sollten die Betroffenen in spezialisierten Nachsorgeeinrichtungen über einige Wochen nachbetreut werden.

Medikamentengestützte Rehabilitation (Substitutionsbehandlung)

Bei der Entwöhnung von illegalen Opioiden wird zunehmend die medikamentengestützte Rehabilitation (Substitutionsbehandlung) angewendet. Langfristiger Opioidkonsum verändert häufig dauerhaft die Funktion der Opioidrezeptoren im Gehirn. Aus diesem Grund wird dem Patienten ersatzweise ein spezielles Opioid, meistens Buprenorphin oder Methadon, verabreicht. Diese Substanzen haben eine gleichmäßigere und längere Wirkung auf den Körper als die schnell wirksamen Opioide, die leicht eine Rauschwirkung hervorrufen (z. B. Heroin). Die Substitutionstherapie zielt darauf ab, das Verlangen nach schnell wirksamen Opioiden zu verringern und Entzugserscheinungen vorzubeugen. Dadurch wird eine Stabilisierung erreicht, die die Durchführung der weiteren Rehabilitation ermöglicht.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

 

Literatur

  1. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Drogenlexikon: Heroin. (Zugriff: 22.05.2018) www.drugcom.de
  2. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Fragen zu Schwangerschaft und Drogen: Opiate in der Schwangerschaft. (Zugriff: 22.05.2018) www.drugcom.de

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Opioid-Entzugssyndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): ICD-10-GM Version 2018. Stand 22.09.2017; letzter Zugriff 13.04.2018. www.dimdi.de
  2. Piontek et al. European Monitoring Centre for Drugs an Drug Addiction, Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (Hrsg.): Deutschland - Bericht 2017 des nationalen REITOX-Knotenpunkts an die EBDD (Datenjahr 2016/2017), Drogen, Workbook Drugs. (14.04.2018) www.dbdd.de
  3. Just J, Mücke M, Bleckwenn M. Abhängigkeit von verschreibungspflichtigen Opioiden. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 213-20. www.aerzteblatt.de
  4. Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Drogen- und Sichtbericht 2011. Zugriff: 2.6.2016. drogenbeauftragte.de
  5. Bundesärztekammer (Hrsg.). Medikamente – schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit. Leitfaden für die ärztliche Praxis. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 2007. www.bundesaerztekammer.de
  6. Deutsche Schmerzgesellschaft. Opioide, Langzeitanwendung zur Behandlung bei nicht tumorbedingten Schmerzen. AWMF-Leitlinie Nr. 145-003, Stand 2014. www.awmf.org
  7. Bundesärztekammer. Richtlinien zur Durchführung der substitutionsgestützten Behandlung Opiatabhängiger. Berlin 2010. www.bundesaerztekammer.de
  8. Amato L, Minozzi S, Davoli M, Vecchi S. Psychosocial and pharmacological treatments versus pharmacological treatments for opioid detoxification. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 9. Art. No.: CD005031. DOI: 10.1002/14651858.CD005031.pub4. The Cochrane Library
  9. Gowing L, Farrell MF, Ali R, White JM. Alpha2-adrenergic agonists for the management of opioid withdrawal. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 3. Art. No.: CD002024. DOI: 10.1002/14651858.CD002024.pub4. DOI
  10. Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen. Leitfaden für Ärzte zur substitutionsgestützten Behandlung Opiatabhängiger. 2. vollständig überarbeitete Auflage. München 2010. Zugriff: 2.6.2016. www.bas-muenchen.de
  11. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Bundesopiumstelle und gesetzliche Grundlagen der Verordnung von Betäubungsmitteln. Zugriff: 2.6.2016. www.bfarm.de
  12. Amato L, Davoli M, Minozzi S, Ferroni E, Ali R, Ferri M. Methadone at tapered doses for the management of opioid withdrawal. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 2. Art. No.: CD003409. DOI: 10.1002/14651858.CD003409.pub4. The Cochrane Library
  13. Gowing L, Ali R, White JM. Buprenorphine for the management of opioid withdrawal. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 3. Art. No.: CD002025. DOI: 10.1002/14651858.CD002025.pub4. DOI
  14. National Institute of Health and Clinical Excellence. NICE clinical guideline 52.. Drug misuse: opioid detoxification. National Institute of Health and Clinical Excellence 2007. www.nice.org.uk