Disseminierte intravasale Gerinnung

Der disseminierten intravasalen Gerinnung (DIG) liegt eine gravierende Störung im Blutgerinnungssystem des Körpers zugrunde. Bei diesem akuten Zustand bilden sich in den Blutgefäßen erst unzählige kleine Gerinnsel, anschließend kommt es zu unkontrollierten Blutungen.

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Fakten

  • DIG ist ein gravierende Störung im Blutgerinnungssystem, bei der sich über den ganzen Körper verteilt Blutgerinnsel in den Gefäßen bilden.
  • Die Ursache ist eine plötzliche Aktivierung des Gerinnungssystems, die die Bildung von Gerinnseln zur Folge hat. Durch den hohen Verbrauch an Gerinnungsfaktoren kommt es anschließend zu einer erhöhten Blutungsneigung.
  • Auslöser einer DIG sind oftmals schwere Verletzungen, Komplikationen bei der Entbindung, schwerwiegende bakterielle Infektionen des Blutes (Blutvergiftung) oder Krebserkrankungen.
  • Erste Anzeichen sind in der Regel punktförmige Hauteinblutungen (Petechien), zuweilen begleitet von leichteren Schleimhautblutungen.
  • Bei Vorliegen einer chronischen DIG stellen die Haut- und Schleimhautblutungen das Hauptproblem dar. Es kann zu lang anhaltenden und lebensbedrohlichen Blutungen kommen.
  • Die Behandlung ist darauf ausgerichtet, das Überleben der Patient*innen zu sichern.

Was ist eine disseminierte intravasale Gerinnung?

Die DIG ist ein akute Blutgerinnungsstörung, bei der sich über den ganzen Körper verteilt Blutgerinnsel in den Gefäßen bilden. Die Ursache ist eine plötzliche Aktivierung des für die Stillung von Blutungen verantwortlichen Gerinnungssystems, die die Bildung von Gerinnseln zur Folge hat.

Es handelt sich um einen akuten Krankheitszustand, der plötzlich auftritt und sehr ernst ist. Häufig geht eine DIG mit Verwirrung und Bewusstlosigkeit einher. Auch Krämpfe und Atemstillstand können auftreten. Erste Anzeichen sind in der Regel punktförmige Hauteinblutungen (Petechien), zuweilen begleitet von leichteren Schleimhautblutungen. Bei einer chronischen DIG stellen die Haut- und Schleimhautblutungen das Hauptproblem dar. Es kann zu starken Blutungen kommen, die ganze Hautareale umfassen.

Unter knapp 4.000 kritisch kranken Patient*innen trat in 8,5 % der Fälle eine DIG auf. Sie ist eine häufige Komplikation beim Systemic Inflammatory Response Syndrome (SIRS) im Rahmen einer Blutvergiftung (Sepsis) oder eines schweren Traumas bzw. einer großer Operation.

Ursachen

Das Koagulationssystem, das für die Blutgerinnung zuständig ist, besteht aus mehreren verschiedenen Komponenten. Besteht das Risiko einer Blutung, so kommt es zu einer Reaktionskette der beteiligten Stoffe, an deren Ende die Bildung eines Gerinnsels steht, das die Blutung stillt. Jedoch können auch bestimmte Krankheitsfaktoren diese Reaktion auslösen. Hierzu zählen z. B. einige Stoffwechselprodukte von Bakterien sowie gewisse Substanzen, die von Tumoren oder verletztem Körpergewebe abgesondert werden. In dem Fall kommt es über den ganzen Körper verstreut zu kleinen Gerinnseln in den Blutgefäßen. Dies führt dazu, dass bestimmte Areale nicht oder nicht ausreichend durchblutet werden – ein Blutpfropf (Thrombus) entsteht. Gleichzeitig werden die Gerinnungsfaktoren des Blutes aufgebraucht und das Koagulationssystem damit außer Kraft gesetzt – unstillbare, lebensbedrohliche Blutungen können die Folge sein.

Auslöser einer DIG sind oftmals schwere Verletzungen, Komplikationen bei der Entbindung, schwerwiegende bakterielle Infektionen des Blutes (Blutvergiftung) oder Krebserkrankungen. All diese Erkrankungen können eine Aktivierung des Blutgerinnungssystems herbeiführen, die in einer DIG resultiert.

Diagnostik

Eine DIG kann sich sehr unterschiedlich manifestieren in Form von Durchblutungsstörungen, Blutungen, Organdysfunktion oder klinischer Verschlechterung der kritisch kranken Patient*innen. Bei der Untersuchung finden sich häufig Haut- und Schleimhautblutungen. Patient*innen mit einer DIG befinden sich in einem akuten, kritischen Zustand und zeigen mitunter neurologische Auffälligkeiten.

Ein Großteil der Gerinnungsfaktoren, die an der Blutgerinnung bei Verletzungen beteiligt sind, wird bei einer akuten DIG aufgebraucht. Zur Diagnosestellung lassen sich in Blutuntersuchungen daher nur geringe Mengen an Blutplättchen und Gerinnungsfaktoren nachweisen.

Behandlung

Die Behandlung ist darauf ausgerichtet, das Überleben der Patient*innen zu sichern. Sie erfolgt stets stationär im Krankenhaus – es handelt sich um eine klassische intensivmedizinische Maßnahme. Die Grunderkrankung, die für die DIG verantwortlich ist, wird schnellstmöglich behandelt.

Es wird versucht, Organschäden zu vermeiden und je nach Phase die Gerinnung oder Blutung mithilfe von Medikamenten zu stoppen. Der Allgemeinzustand der Patient*innen ist ausschlaggebend dafür, ob eine spezielle Therapie eingesetzt wird. Eine solche Therapie zielt darauf ab, die Blutgerinnsel aufzulösen und fehlende Blutplättchen sowie Gerinnungsfaktoren zu ersetzen, um weiteren Blutungen vorzubeugen. Arzneimittel wie Heparin, Antithrombinkonzentrate und Antifibrinolytika sowie die intravenöse Zufuhr fehlender Gerinnungsfaktoren oder Blutplättchen sind hierbei von zentraler Bedeutung.

Es handelt sich um einen lebensbedrohliche Erkrankung, die eine umgehende Behandlung erfordert!

Prognose

Eine DIG ist in der Regel sehr ernst und lebensbedrohlich. Die Prognose hängt in hohem Grad von der zugrunde liegenden Ursache, dem Zeitpunkt der einsetzenden Behandlung sowie Alter und Allgemeinzustand der Patient*innen ab. Schwerwiegende Komplikationen wie Organschäden infolge der gestörten Durchblutung oder lebensbedrohliche Blutungen sind möglich.

Die Sterblichkeit liegt bei etwa 46 %. Kritisch kranke Patient*innen mit DIG sterben etwa doppelt so häufig wie Patient*innen ohne DIG.

Weitere Informationen

Autor

  • Markus Plank, MSc BSc, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, Wien

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Disseminierte intravasale Gerinnung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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