Hämophilie (Bluterkrankheit)

Hämophilie ist eine Erbkrankheit, bei der die Blutgerinnung gestört ist und die hauptsächlich bei Jungen und Männern auftritt. Das Blut aus Wunden gerinnt nicht oder nur verzögert. So kann es auch zu spontanen Blutungen kommen, die ohne sichtbare Wunden auftreten.

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Fakten

  • Die Hämophilie tritt oftmals bereits im Kindesalter auf.
  • Typisch sind unverhältnismäßig große Blutergüsse nach harmlosen Stürzen sowie verstärktes Zahnfleischbluten, sobald Kinder die ersten Zähne bekommen.
  • Die Therapie bei Hämophilie zielt in erster Linie darauf ab, neue Blutungen zu vermeiden sowie Folgeschäden durch vorangegangene Blutungen zu verhindern.

Was ist Hämophilie?

Voraussetzung für eine normal funktionierende Blutgerinnung ist das Zusammenspiel verschiedener Gerinnungsfaktoren. Das menschliche Blutgerinnungssystem verfügt über 13 Faktoren, die mit den Ziffern I bis XIII bezeichnet werden. Bei einer Verletzung der Blutgefäße sorgt das Blutgerinnungssystem normalerweise dafür, dass die Wunde mithilfe von Blutplättchen verschlossen und Fibrin, ein unlösliches Protein zur Blutgerinnung, gebildet wird. Im Vorfeld der Fibrinbildung bedarf es einer Reihe verschiedener Reaktionen im Blut, für deren korrekten Ablauf die Faktoren VIII und IX verantwortlich sind. Bei der Hämophilie (Bluterkrankheit) liegt ein Mangel der entsprechenden Gerinnungsfaktoren im Blut vor. Es kommt leicht zu Blutungen, und Verletzungen in den Blutgefäßen schließen sich deutlich langsamer als normal.

Es gibt im engeren Sinne 2 Hauptformen von Hämophilie sowie weitere, seltenere Erkrankungen, die gelegentlich als Hämophilie bezeichnet werden.

  • Hämophilie A (80–85% der Fälle): Ursache ist ein vererbter Mangel oder eine verringerte Aktivität des Gerinnungsfaktors VIII (antihämophiles Globulin).
  • Hämophilie B: Fehlt der Gerinnungsfaktor IX (Christmas-Faktor) oder ist seine Aktivität verringert, handelt es sich um eine Hämophilie B.

Weitere Gerinnungsstörungen, die manchmal als Hämophilie bezeichnet werden: Willebrand-Syndrom (Häufigkeit etwa 1 %, meist ohne Behandlungsbedarf), Mangel des Faktor-VIII-Trägerproteins; Hämophilie C (Häufigkeit etwa 1–9:1.000.000), Faktor-XI-Mangel. Hämophilie wird über das X-Chromosom rezessiv vererbt und kommt damit fast nur bei Jungen und Männern vor.

Symptome

Die Symptome variieren erheblich und sind abhängig von der Ausprägung der Erkrankung. Liegt eine milde Form vor, kommt es nur bei mäßigen oder größeren Verletzungen sowie bei und nach operativen Eingriffen zu stärkeren Blutungen. Bei mäßiger Ausprägung neigen Patient*innen bereits bei leichten Verletzungen zu Blutungen. Die klinisch am schwersten verlaufende Form ist durch Spontanblutungen ohne zugrunde liegende Ursache gekennzeichnet. Besonders häufig kommt es zu Gelenkeinblutungen. Sie können Gelenkschäden verursachen und unbehandelt zur Versteifung bis hin zur vollständigen Zerstörung der Gelenke führen. Viele Patient*innen zeigen eine ungewöhnlich hohe Blutungsneigung bei zahnärztlichen Behandlungen. Zudem kann es infolge von Blutungen zu gefärbtem Urin, sog. Hämaturie, kommen. Einblutungen in Gelenke und Muskeln sowie daraus resultierende Entzündungen können starke Schmerzen verursachen.

Häufigkeit

In Deutschland waren im Jahr 2017 rund 4.500 Menschen mit Hämophilie in Behandlung, davon ca. 80–85 % mit Typ A.

Ursachen

Das für die Vererbung von Hämophilie A und B verantwortliche Gen befindet sich auf dem X-Chromosom. Es handelt sich um eine rezessive Erbanlage: Bei Mädchen ist das X-Chromosom in zweifacher Ausführung vorhanden, bei ihnen müssen also beide X-Chromosomen Träger des Gendefekts sein, damit die Erkrankung ausbricht; Jungen haben nur ein X-Chromosom, das sie von der Mutter erben. Daher erkranken in der Regel Jungen an Hämophilie – wenn sie von der Mutter ein X-Chomosom mit dem defekten Gen für die Faktoren VIII oder IX erben. Frauen können die Genveränderung zwar auf einem X-Chromosom in sich tragen. Weil sie jedoch üblicherweise noch ein zweites, „gesundes" X-Chomosom besitzen, erkranken sie nicht. Sie können die Krankheit allerdings an ihre Kinder vererben. Theoretisch können auch Frauen erkranken, wenn sie die Genveränderung von Mutter und Vater erben – das ist jedoch selten.

Diagnostik

Anhand der Symptome und der zugrunde liegenden Krankheitsgeschichte kann eine Verdachtsdiagnose gestellt werden. Bekannte Erkrankungsfälle in der Verwandtschaft verstärken den Verdacht einer Hämophilie zusätzlich. Geschwollene Gelenke deuten auf eine Blutung hin. Ist die Beweglichkeit in den Gelenken eingeschränkt, kann dies auf Folgeschäden wiederholter Blutungen hinweisen. Drücken Blutungen auf Nerven, können Taubheitsgefühle in gewissen Hautarealen oder eine Verringerung der Muskelkraft die Folge sein.

Mittels sog. Gerinnungstests kann ermittelt werden, ob eine verzögerte Gerinnungszeit vorliegt, das heißt, ob das Blut ungewöhnlich lange braucht, um zu gerinnen. Bei Vorliegen einer Hämophilie findet sich im Blut eine geringere Konzentration der Gerinnungsfaktoren als üblich.

Behandlung

Die Therapie bei Hämophilie zielt in erster Linie darauf ab, neue Blutungen zu vermeiden sowie Folgeschäden durch vorangegangene Blutungen zu verhindern. Hierbei kommt der Selbstbehandlung erhebliche Bedeutung zu. Eine Heilung der Bluterkrankheit ist bislang nicht möglich. Die Betroffenen können heute jedoch ein weitgehend normales Leben führen, wenn der fehlende oder defekte Gerinnungsfaktor ersetzt wird. Das Präparat mit dem Gerinnungsfaktor wird meistens von den Patient*innen selbst in die Vene injiziert. Einer Blutung kann damit wirksam vorgebeugt werden.

Was können Sie oder Ihr betroffenes Kind selbst tun?

  • Setzen Sie sich nicht unnötig Aktivitäten aus, die ein erhebliches Verletzungsrisiko in sich bergen.
  • Informieren Sie stets Ihre behandelnden Ärzt*innen und das medizinische Personal über Ihre Hämophilieerkrankung, damit bei Untersuchungen und Behandlungen entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden können.
  • Kommt es zu einer Blutung, stellen Sie den betroffenen Körperteil ruhig und kühlen Sie den Bereich (besonders Muskeln und Gelenke).
  • Verwenden Sie Spritzen mit Konzentraten des Gerinnungsfaktors, für den bei Ihnen ein Mangel festgestellt wurde. Lassen Sie sich von Ihren behandelnden Ärzt*innen bzw. im Krankenhaus zeigen, wie Sie sich das Gerinnungsmittel mit einer Spritze selbst injizieren.
  • Vermeiden Sie die Einnahme von Arzneimitteln wie Acetylsalicylsäure oder NSAR.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Behandlung besteht darin, dass das gereinigte Konzentrat des entsprechenden Faktors in regelmäßigen Abständen oder vor bestimmten Ereignissen (z. B. ein Zahnarztbesuch) intravenös verabreicht wird. Bei milder bis mäßiger Ausprägung erhalten Patient*innen ein Nasenspray mit dem Wirkstoff Desmopressin. Dadurch wird das Trägerprotein für Faktor VIII freigesetzt und die Faktor-VIII-Konzentration im Blut kurzzeitig erhöht.

Gentherapien sollen das fehlende Gen für den Gerinnungsfaktor ersetzen und so für eine dauerhafte Besserung sorgen. Diese Behandlungansätze werden derzeit noch in Studien erforscht.

Die wichtigste Therapie einer schweren Hämophilie A oder B besteht aus vorbeugenden Maßnahmen (Prophylaxe). Sie zielen in erster Linie darauf ab, das Risiko für Gelenkeinblutungen zu verringern.

Prognose

Die Hämophilie tritt oftmals bereits im Kindesalter auf. Mithilfe individueller Therapiemaßnahmen können die Symptome gering gehalten werden; schlägt die Behandlung nicht an, kann es allerdings zu einer Verstärkung der Symptome kommen. Die Hämophilie ist bislang nicht heilbar, Betroffene haben bei entsprechender Behandlung jedoch eine normale Lebenserwartung.

Mögliche Komplikationen bestehen u. a. in der Bildung körpereigener Antikörper gegen die intravenös verabreichten Faktoren. Dies ist bei etwa 30 % der Patient*innen mit schwerer Hämophilie der Fall und hat zur Folge, dass die Gerinnungsfaktoren deaktiviert werden, ehe sie ihre Wirkung effektiv entfalten können. Hält eine Blutung trotz Injektion des fehlenden Faktorkonzentrats an, so kann das der Grund dafür sein.

Weitere Komplikationen sind Schmerzen, Steifheit und frühzeitige Arthrose. Bei 14,8 % der Patient*innen mit schwerer Hämophilie tritt eine Bewegungseinschränkung der Gelenke und bei 5,8 % eine dauerhafte Beeinträchtigung ein. Virale Infektionen durch infizierte Bluttransfusionen oder Präparate mit Gerinnungsfaktoren gehörten früher zu den größten Herausforderungen bei der Behandlung von Hämophilie-Patient*innen. Heutzutage sind die Untersuchungen zur Kontrolle von Blut und Faktorpräparaten allerdings sehr effektiv und die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung durch infizierte Präparate minimal.

Leben mit Hämophilie

Vermeiden Sie nach Möglichkeit Situationen, in denen es zu Blutungen kommen kann. Dies gilt vor allem für Aktivitäten mit hohem Verletzungsrisiko. Sie sollten für den Notfall jederzeit Spritzen bei sich führen, um sich die Medikamente selbst zu injizieren.

Hämophilie-Patient*innen sollten grundsätzlich zu einem auf die Krankheit spezialisierten Zentrum Kontakt halten.

Weitere Informationen

  • Hämophilie – Informationen für ärztliches Personal

Autor*innen

  • Markus Plank, MSc BSc, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, Wien

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Hämophilie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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