Schilddrüsenentzündung nach einer Schwangerschaft

Bei der nach einer Schwangerschaft auftretenden Schilddrüsenentzündung handelt es sich bei den meisten Betroffenen um eine vorübergehende Entzündung der Schilddrüse, die einige Wochen nach der Entbindung auftritt. Diese Erkrankung wird im medizinischen Sprachgebrauch als Postpartum-Thyreoiditis bezeichnet. Die Erkrankung kann sowohl zu einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) als auch zu einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) führen. Bei ca. 50 % aller betroffenen Frauen erreicht die Schilddrüse innerhalb eines Jahres wieder ihre normale Funktion. Eine medikamentöse Behandlung ist nur bei besonders ausgeprägten Formen erforderlich.

Teilen Sie diese Patienteninformation

QR-Code

Fotografieren Sie diesen QR-Code mit Ihrem Smartphone

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist die Postpartum-Thyreoiditis?

Schilddrüse, Glandula thyreoidea
Schilddrüse, Glandula thyreoidea

 

Eine Schilddrüsenentzündung (Thyreoiditis) nach der Schwangerschaft (lateinisch: post partum) ist eine entzündliche Veränderung der Schilddrüse (Glandula thyreoidea), die durch eine Autoimmunreaktion verursacht wird, das heißt, der Körper greift die eigene Schilddrüse an. Fast jede 12. Frau entwickelt nach einer Schwangerschaft eine Entzündung der Schilddrüse, bei Müttern mit Typ-1-Diabetes sogar bis zu 25 %.

Bei der Postpartum-Thyreoiditis handelt es sich um eine spezielle Form der Autoimmun-Thyreoiditis, die bei einer Frau nach der Geburt eines Kindes auftritt. Meist bringt die Erkrankung eine vorübergehende Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) von 1–2 Monaten Dauer mit sich, gefolgt von einer 4–6 Monate andauernden Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). In den meisten Fällen kommt es zur Spontanheilung mit wieder normaler Schilddrüsenfunktion.

Die Postpartum-Thyreoiditis ist eine Sonderform der milden lymphozytären („stummen“) Thyreoiditis und kann auch der Hashimoto-Thyreoiditis ähneln.

Ursachen

Die Postpartum-Thyreoiditis wird heute als Unterform der lymphozytären Thyreoiditis aufgefasst, bei der Abwehrzellen (Lymphozyten) in die Schilddrüse wandern und dort eine Entzündung hervorrufen. Es werden sog. Autoantikörper, vor allem Anti-TPO-Antikörper, gebildet, die für alle lymphozytären Schilddrüsenentzündungen typisch sind, auch für die Hashimoto-Thyreoiditis. Die Höhe des Autoantikörpertiters bei der Postpartum-Thyreoiditis ist jedoch deutlich niedriger als bei einem Hashimoto.

In der frühen Phase der Entzündung wird Schilddrüsengewebe rasch zerstört, was dazu führt, dass eingelagertes Schilddrüsenhormon (Thyroxin) in höherer Menge abgegeben wird, als vom Körper benötig wird. So kommt es zu einer anfänglichen Schilddrüsenüberfunktion. Wenn dann die Speicher an Schilddrüsenhormonen verbraucht sind, kommt es zu einer Schilddrüsenunterfunktion, da das geschädigte Schilddrüsengewebe das Schilddrüsenhormon Thyroxin nicht mehr in ausreichender Menge produzieren kann.

Sowohl die Phase der Über- als auch die Phase der Unterfunktion werden von den Frauen häufig gar nicht bemerkt.

Bei den meisten betroffenen Frauen ist die Postpartum-Thyreoiditis eine vorübergehende Erkrankung, die innerhalb eines Jahres folgenlos ausheilt. Bei einem Teil der Patientinnen entwickelt sich daraus jedoch eine dauerhafte Schilddrüsenunterfunktion.

Symptome

Die Postpartum-Thyreoiditis verläuft häufig mild ohne ausgeprägte Symptome. Die Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) entwickelt sich einige Wochen nach der Geburt und dauert 1–2 Monate. Anschließend tritt eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) auf, die 4–6 Monate andauert. 

Die Schilddrüsenüberfunktion führt zu vergleichsweise milden Symptomen wie Herzklopfen, Zittern, Nervosität und verstärktem Schwitzen. Die Schilddrüsenunterfunktion ist durch Müdigkeit, geringere Leistungsfähigkeit oder Niedergeschlagenheit und Kälteintoleranz gekennzeichnet.

Stimmungsschwankungen nach einer Geburt können möglicherweise auch durch eine Postpartum-Thyreoiditis verursacht sein.

Diagnostik

Die Diagnose wird anhand der Krankengeschichte, der Befunde bei der ärztlichen Untersuchung und der auffälligen Ergebnisse der Blutuntersuchungen gestellt. Frauen werden jedoch nicht routinemäßig nach einer Geburt auf Schilddrüsenprobleme untersucht, entsprechende Blutuntersuchungen werden nur bei Beschwerden durchgeführt. 

Bei der äußerlichen Untersuchung des Halses stellen die Ärzt*innen meist eine normale Schilddrüse fest, die manchmal leicht geschwollen, jedoch nicht berührungsempfindlich ist. Die Blutuntersuchung zeigt zu hohe oder zu niedrige Werte des Schilddrüsenhormons Thyroxin (FT4). Der Wert des Hormons TSH, das die Funktion der Schilddrüse reguliert, ist bei einem hohen Thyroxin-Wert niedrig, umgekehrt ist der TSH-Wert hoch, wenn der Thyroxin-Wert niedrig ist. Bei 70 % der Betroffenen lassen sich Antikörper gegen die Schilddrüse (TPO-AK) nachweisen. Der BSG-Wert (Blutsenkung) und andere Entzündungsparameter sind normal.

Gegebenenfalls kann ein Ultraschall der Schilddrüse durchgeführt werden. Dieser zeigt normales Schilddrüsengewebe, anders als zum Beispiel beim Hashimoto, bei dem das Gewebe im Ultraschall im späteren Verlauf häufig auffällig ist und die Schilddrüse eher klein und dunkel dargestellt werden kann. Die Hashimoto-Thyreoiditis soll von der Postpartum-Thyreoiditis unterschieden werden, da sie langfristig ein erhöhtes Risiko für eine Schilddrüsenunterfunktion birgt. Die Postpartum-Thyreoiditis dagegen heilt in der Regel von alleine folgenlos aus. 

Behandlung

Das Ziel der Behandlung ist die Linderung möglicher Symptome. Da die Beschwerden häufig nur sehr gering sind oder gar nicht wahrgenommen werden, ist eine Behandlung häufig nicht notwendig. 

Eine geringgradige Schilddrüsenüberfunktion muss nur selten behandelt werden, bei stark ausgeprägten Symptomen können Betablocker (Propranolol) verschrieben werden. Propranolol darf auch von stillenden Müttern angewendet werden, das Medikament geht jedoch in die Muttermilch über. Obwohl die mit der Milch aufgenommene Wirkstoffmenge wahrscheinlich keine Gefahr für das Kind darstellt, sollten Säuglinge auf Arzneimittelwirkungen überwacht werden.

Eine Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion ist meist ebenfalls nicht erforderlich. Wenn diese Phase aber lange andauert oder starke Symptome auftreten, sollte eine Behandlung mit dem Schilddrüsenhormon Thyroxin in Erwägung gezogen werden. Nach 6–9 Monaten wird die Dosis allmählich verringert und dann ganz abgesetzt.

Prognose

Im Laufe eines Jahres stellt sich bei 50 % aller betroffenen Frauen die normale Funktion der Schilddrüse wieder ein. Bei Frauen, die bereits eine Postpartum-Thyreoiditis hatten, besteht ein 70-prozentiges Risiko für eine erneute Schilddrüsenentzündung bei einer weiteren Schwangerschaft. Ungefähr 20–25 % aller Frauen mit Postpartum-Thyreoiditis entwickeln nach 3–5 Jahren eine dauerhafte Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). Dieses Risiko ist umso höher, je höher der Titer der TPO-AK ist. Eine Kontrolle der Schilddrüsen-Werte nach einigen Monaten kann hier hilfreich sein. 

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Caroline Beier, Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, Hamburg
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Thyreoiditis. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Lohnstein M, Eras J, Hammerbacher C. Der Prüfungsguide Allgemeinmedizin - Aktualisierte und erweiterte 3. Auflage. Augsburg: Wißner-Verlag, 2018.
  2. Sweeney LB, Stewart C, Gaitonde DY. Thyroiditis: An integrated approach. Am Fam Physician. 2014 Sep 15;90(6):389-396. PubMed
  3. Heufelder A.et al. Die Thyreoiditiden: Aktueller Stand der Pathogenese, Diagnostik und Therapie. Dt Ärztebl 1998; 95: A-466–476. www.aerzteblatt.de
  4. Bieger WP. Autoimmunthyreoiditis. Zeitschrift für Orthomolekulare Medizin 2019; 17(02): 22-27. www.thieme-connect.com
  5. Vanderpump MP, Tunbridge WM, French JM, et al. The incidence of thyroid disorders in the community: a twenty-year follow-up of the Whickham Survey. Clin Endocrinol (Oxf). 1995;43(1):55–68. www.ncbi.nlm.nih.gov
  6. Grünwald F, Derwahl KM. Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenkrankheiten, Ein Leitfaden für Klinik und Praxis. Berlin: Lehmanns Media, 2016.
  7. Zieren HO, Leu BM, Dietlein M. Fortbildung Schwerpunkt: Bei diesen Symptomen sollten Sie an eine Hyperthyreose denken!. MMW Fortschritte der Medizin 2018. S. 38-42. www.springermedizin.de
  8. Roti E, Uberti Ed. Post-partum thyroiditis—a clinical update. Eur J Endocrinol. 2002;146(3):275–279. www.researchgate.net
  9. Deutsches Ärzteblatt. Postpartum-­Thyreoiditis: Schilddrüsen­entzündung nach der Entbindung häufig verkannt. 30.06.2016. Letzter Zugriff 06.12.2020. www.aerzteblatt.de
  10. Al-Dajani N, Wootton SH. Cervical lymphadenitis, suppurative parotitis, thyroiditis, and infected cysts. Infect Dis Clin North Am 2007; 21: 523-41. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  11. Golden SH, Robinson KA, Saldanha I, et al. Clinical review: Prevalence and incidence of endocrine and metabolic disorders in the United States: a comprehensive review. J Clin Endocrinol Metab 2009; 94(6): 1853-78. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  12. Menconi F, Hasham A, Tomer Y. Environmental triggers of thyroiditis: hepatitis C and interferon-α. J Endocrinol Invest. 2011;34(1):78–84. www.ncbi.nlm.nih.gov
  13. Gosi SKJ, Nguyen M, Garla VV. Riedel Thyroiditis. Treasure Island: StatPearls, 2020.
  14. Kim BS, Nam KW, Kim JE, et al. A case of acute suppurative thyroiditis with thyrotoxicosis in an elderly patient. Endocrinol Metab (Seoul) 2013; 28: 50-54. www.e-enm.org
  15. Yu EH, Ko WC, Chuang YC, et al. Suppurative Acinetobacter baumanii thyroiditis with bacteremic pneumonia: case report and review. Clin Infect Dis 1998; 27: 1286-90. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  16. Martino E, Bartalena L, Bogazzi F, Braverman LE. The effects of amiodarone on the thyroid. Endocr Rev 2001;22:240-254. PubMed
  17. Bocchetta A, Mossa P, Velluzzi F, Mariotti S, Zompo MD, Loviselli A. Ten-year follow-up of thyroid function in lithium patients. J Clin Psychopharmacol 2001;21:594-598. PubMed
  18. Trummer C, Theiler-Schwetz V, Pilz S. Subakute Thyreoiditis und akute suppurative Thyreoiditis. Journal für Klinische Endokrinologie und Stoffwechsel volume 2020; 13: 124-9. link.springer.com
  19. Fukata S, Kuma K, Sugawara M. Relationship between cigarette smoking and hypothyroidism in patients with Hashimoto's thyroiditis. J Endocrinol Invest 1996;19:607-612. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  20. Parkes AB, Black EG, Adams H, et al. Serum thyroglobulin: an early indicator of autoimmune post-partum thyroiditis. Clin Endocrinol (Oxf) 1994;41:9-14. www.ncbi.nlm.nih.gov
  21. Hiromatsu Y, Ishibashi M, Miyake I, et al. Color Doppler ultrasonography in patients with subacute thyroiditis. Thyroid 1999;9:1189-1193. PubMed
  22. Masuoka H, Miyauchi A, Tomoda C, et al. Imaging studies in sixty patients with acute suppurative thyroiditis. Thyroid 2011; 21: 175-80. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  23. Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin e. V. (DGN). Schilddrüsenszintigraphie. AWMF-Leitlinie Nr. 031-011. S1. Stand 2014. Letzter Zugriff 10.12.20. www.nuklearmedizin.de
  24. Pearce EN, Farwell AP, Braverman LE. Thyroiditis. N Engl J Med 2003; 348: 2646-55. PubMed
  25. Embryotox. Propranolol. Letzter Zugriff 06.12.2020. www.embryotox.de
  26. Stagnaro-Green A. Clinical review 152: postpartum thyroiditis. J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(9):4042–4047. academic.oup.com
  27. Universitätsklinik Freiburg. Praktisches Vorgehen bei thyreotoxischer Krise. www.uniklinik-freiburg.de
  28. Paes JE, Burman KD, Cohen J. Acute bacterial suppurative thyroiditis: a clinical review and expert opinion. Thyreoid 2010; 20: 247-55. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  29. Jacobs A, Gros DA, Gradon JD. Thyroid abscess due to Acinetobacter calcoaceticus: case report and review of the causes of and current management strategies of thyroid abscesses. South Med J 2003; 96: 300-307. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  30. Initative Klug entscheiden...in der Endokrinologie. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 113, Heft 17, 29. April 2016 www.dgim.de
  31. Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln in der Schwangerschaft. Presseinformation vom 22.09.20. Letzter Zugriff 29.11.2020. www.dge.de
  32. Lazarus JH, Ammari F, Oretti R, Parkes AB, Richards CJ, Harris B. Clinical aspects of recurrent postpartum thyroiditis. Br J Gen Pract 1997;47:305-308. PubMed
  33. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM). Erhöhter TSH-Wert in der Hausarztpraxis. AWMF Leitlinie Nr. 053-046. S2k, Stand 2016. www.degam.de