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Multiple endokrine Neoplasie (MEN)

Bei multiplen endokrinen Neoplasien (MEN) handelt es sich um seltene Erkrankungen, bei der sich an mehreren (multiplen) Stellen im Körper Tumore (Neoplasien) gebildet haben. Die Tumore befinden sich in den sog. endokrinen Organen, die für die Produktion von Hormonen verantwortlich sind.

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Was sind multiple endokrine Neoplasien?

Definition

Bei den multiplen endokrinen Neoplasien (MEN) handelt es sich um seltene, erblich bedingte Erkrankungen, bei der sich an mehreren Stellen im Körper Tumore (Neoplasien) gebildet haben. Die Tumore befinden sich in den sog. endokrinen Organen, die für die Produktion von Hormonen verantwortlich sind. Am häufigsten sind die Schilddrüse (Thyreoidea), die Nebenschilddrüsen (Parathyreoideae), die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) sowie die Nebennieren (Glandulae suprarenales) und die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) betroffen. Die Tumore in diesen Organen können gutartig oder bösartig sein.

Bei MEN unterscheidet man hauptsächlich zwischen 4 Varianten: Sie werden als MEN 1, MEN 2A, MEN 2B und MEN4 bezeichnet. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Varianten liegt in der unterschiedlichen Kombination der Tumore.

Symptome

Häufig machen sich die Tumore um das 35. Lebensjahr herum bemerkbar, es sind allerdings auch Fälle beschrieben, bei denen bereits im Kindesalter bösartige Tumore auftraten.

Die Symptome können zum Teil stark variieren und hängen von der Lage der Tumore ab.

MEN 1 (Wermer-Syndrom)

  • Symptome treten häufig um das 40. Lebensjahr herum auf.
  • Häufig zeitgleiches Auftreten von Tumoren der Nebenschilddrüsen, der Hirnanhangdrüse, des Zwölffingerdarms und der Bauchspeicheldrüse
  • Die Erkrankung wird häufig durch einen primären Hyperparathyreoidismus, (> 80 % der Fälle) auffällig, der durch eine Vergrößerung der Nebenschilddrüsen mit erhöhter Hormonproduktion bedingt ist.
  • Gutartige Hauttumore (z. B. Fibrome)

MEN 2A (Sipple-Syndrom)

  • Die Symptome treten häufig um das 35. Lebensjahr herum auf.
  • Medulläres Schilddrüsenkarzinom (> 50 % der Fälle)
  • Gutartige Tumore (Adenome) der Nebenschilddrüsen (ca. 50 % der Fälle)
  • Phäochromozytom (20–50 % der Fälle)

MEN 2B

  • Medulläres Schilddrüsenkarzinom (80 % der Fälle)
    • Häufig schon im jungen Alter, der Tumor wächst sehr schnell und streut früh in andere Organe.
  • Phäochromozytom (60 % der Fälle)
    • Tritt meist beidseitig auf.
  • Gutartige Neubildungen im Bereich von Nervengewebe (Neurome)
  • Patient*innen sind häufig hochgewachsene Personen mit schlankem Körperbau und Skelettfehlbildungen.
  • Eine verzögerte Pubertät kommt in ca. 40 % der Fälle vor.

MEN 4

  • (Gutartige) Tumore der Nebenschilddrüsen (80 %)
  • Tumore der Hirnanhangdrüse (40 %)

Nebenschilddrüsen

Neubildungen in den Nebenschilddrüsen sind selten bösartig, können allerdings zu einer Überproduktion von Parathormon führen (vgl. dazu Artikel Hyperparathyreoidismus). Dies hat einen hohen Kalziumspiegel im Blut zur Folge. Dadurch kann es zu Verdauungsbeschwerden, häufigem Harndrang, starkem Durst und zur Bildung von Nierensteinen kommen. Weitere mögliche Symptome sind Müdigkeit oder auch psychische Beschwerden.

Bauchspeicheldrüse

Auch in der Bauchspeicheldrüse sind die meisten Tumore gutartig, produzieren allerdings verschiedene Hormone wie z. B. Insulin. Solche Insulinome verursachen ein Absinken des Blutzuckers. Tumore in der Bauchspeicheldrüse können auch ein anderes Hormon produzieren, das sich Gastrin nennt. Eine Überproduktion von Gastrin kann zu Magenschmerzen, Durchfall oder zur Bildung von Magengeschwüren führen (Zollinger-Ellison-Syndrom).

Hypophyse

Tumore in der Hypophyse können ebenfalls diverse Hormone produzieren, die Funktionsstörungen im Körper hervorrufen, z. B. Prolaktin, Wachstumshormone oder Kortikotropin (ACTH). Hypophysentumore, die keine Hormone produzieren, kommen auch vor und werden oftmals so groß, dass sie Druck auf den Sehnerv oder Teile des Gehirns ausüben. Kopfschmerzen oder Einschränkungen der Sehkraft sind möglich. Hormone, die Prolaktin produzieren, können zum Ausbleiben der Regelblutung führen (Amenorrhö). Bei erhöhter Freisetzung von Wachstumshormonen kommt es zu Akromegalie (große Hände, Füße, Kinn, Zunge).

Nebennieren/Schilddrüse

Tumore in den Nebennieren, die sog. Phäochromzytome, können Hormone freisetzen, die den Blutdruck erhöhen, zu vermehrtem Schwitzen, Kopfschmerzen, Zittern, Übelkeit und starkem Herzklopfen führen können.

Tumore der Schilddrüse und Nebennieren können zwar gutartig sein, allerdings enthalten sie nicht selten maligne (bösartige) Krebszellen, die in andere Körperregionen streuen können.

Lungen

Tumore der Lungen und im Bereich der Thymusdrüse (Karzinoid-Tumore) können zu Husten und Atemnot führen.

Ursachen

Es handelt sich um Erbkrankheiten, die dominant vererbt werden, d. h., dass das Vorliegen nur einer Erbanlage (also von Mutter oder Vater) bereits zu dieser Krankheit führt. Ist ein Elternteil Träger*in des genetischen Defekts, so beträgt das Risiko, dass die Kinder ebenfalls von der Erkrankung betroffen sind, 50 %.

Häufigkeit

Multiple endokrine Neoplasien sind seltene Erkrankungen.

  • MEN Typ 1 tritt bei 1 von 30:000 Personen auf.
  • MEN Typ 2A ist deutlich seltener, ca. 1:1 Mio.
  • MEN Typ 2B tritt bei schätzungsweise 1:39 Mio. auf.
  • MEN Typ 4: sehr selten, die Anzahl der Neuerkrankungen ist unklar.

Untersuchungen

Wenn sich bei Patient*innen mehrere Tumore in den hormonproduzierenden Organen nachweisen lassen und überdies nahe Verwandte nachweislich an multipler endokriner Neoplasie erkrankt sind, ist dies wegweisend für die Diagnose. Wird in einer Familie MEN neu diagnostiziert, ist auch eine genetische Untersuchung und Beratung der direkten Verwandten empfehlenswert.

Bei eher untypischen Symptomen kann es länger dauern, bis die Diagnose gestellt wird. Die Beschwerden können so unterschiedlich sein, dass grundsätzlich verschiedene Krankheiten als Ursache infrage kommen können.

In der Regel werden zur Diagnosesicherung umfangreiche spezielle Blutuntersuchungen durchgeführt; hier lässt sich nachweisen, ob die entsprechenden Hormone vermehrt gebildet werden und ob verschiedene Mineralstoffe (z. B. Kalzium, Phosphat) im Blut erhöht vorkommen. Oftmals muss auch auf bildgebende Diagnostik wie Röntgen, Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) zurückgegriffen werden, um die manchmal sehr kleinen Tumore darzustellen. Eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraums, der Schilddrüse, der Herzkammern (Echokardiografie) und eine Magen-Darm-Spiegelung können erforderlich sein.

Behandlung

Die Behandlung richtet sich nach der Art der Tumore. Einzelne und ungefährliche Tumore können medikamentös behandelt werden, auch um unerwünschte Wirkungen der produzierten Hormone entgegen zu wirken. Andere Tumoren müssen chirurgisch entfernt (und ggf. zusätzlich medikamentös behandelt) werden, weil sie Symptome hervorrufen, bereits bösartig sind oder aber ein erhöhtes Risiko besteht, dass sie im weiteren Verlauf bösartig werden und streuen können.

Medikamentöse Therapie

  • Medulläres Schilddrüsenkarzinom
  • Prolaktinom
  • Inoperables Gastrinom

Operative Therapie

  • Medulläres Schilddrüsenkarzinom
  • Tumore der Nebenschilddrüsen
  • Tumore der Bauchspeicheldrüse
  • Tumore des Gastrointestinaltrakts
  • Tumore der Lungen

Prognose

Die Prognose ist abhängig davon, um welche Variante der multiplen endokrinen Neoplasien es sich handelt. Es sind generell bei allen Typen lebenslange, engmaschige Verlaufskontrollen erforderlich.

Insgesamt haben Betroffene mit einem MEN-Syndrom eine verkürzte Lebenserwartung, für Patient*innen mit MEN Typ 1 liegt sie im Mittel bei 55 Jahren.
Prognostisch ungünstig bei MEN Typ 1 ist das Auftreten aggressiver Tumore im Bereich der Bauchspeicheldrüse und/oder Karzinoid-Tumoren (Lunge, Thymusdrüse).

Die Prognose bei MEN Typ 2 wird durch die Aggressivität des Schilddrüsentumors bestimmt.

Die Betreuung aller Patient*innen mit multiplen endokrinen Neoplasien sollte möglichst an einem erfahrenen Zentrum und durch ein multidisziplinäres Team erfolgen.

Weitere Informationen

Selbsthilfe

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Multiple endokrine Neoplasie (MEN). Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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Autorin

  • Susanna Allahwerde, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Berlin