Zum Hauptinhalt springen

Vergiftung durch Acetylsalicylsäure

Bei einer Vergiftung durch Acetylsalicylsäure (ASS) sind die Symptome abhängig von der Dosis, der Einwirkungsdauer, der Häufigkeit der Einnahme und dem Gesundheitszustand der betroffenen Person. Die Vergiftung kann potenziell lebensbedrohlich sein.

Zuletzt aktualisiert:

Zuletzt überarbeitet:



Was ist Acetylsalicylsäure?

Acetylsalicylsäure (ASS) ist ein chemischer Wirkstoff, der zur Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) gehört. Als Medikament hat es schmerzlindernde, fiebersenkende und entzündungshemmende Eigenschaften. Darüber hinaus besitzt Acetylsalicylsäure bereits in niedrigerer Dosierung die Eigenschaft, die Zusammenlagerung von Thrombozyten und damit die Blutgerinnung zu hemmen, weshalb es z. B. zur Vorbeugung eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls eingesetzt wird. Als Nebenwirkungen sind für ASS u. a. die Entstehung von Magengeschwüren, Blutungen und allergische Reaktionen bekannt.

Acetylsalicylsäure (ASS) gehört als Schmerzmittel zu den Substanzen, die am häufigsten Vergiftungen verursachen. Die Vergiftung mit ASS kann potenziell lebensbedrohlich sein.

Vergiftungszeichen können bei Erwachsenen bereits ab einer Dosis von 3 g pro Tag auftreten (maximale Tagesdosis). Es besteht eine akute Vergiftungsgefahr bei einer Einnahme von mehr als 10 g oder mehr als 200 mg/kg Körpergewicht. Bei Kindern unter 10 kg kann bereits eine Dosis von 1,5 g toxisch sein. Auch in niedrigeren Dosierungen kann es im Rahmen einer ASS-Einnahme bei Kindern u. a. zu schweren Schäden der Leber und des Gehirns, dem sogenannten Reye-Syndrom kommen. Kindern unter 15 Jahren darf deshalb kein ASS verabreicht werden (wenige Ausnahmen, wie z. B. das Kawasaki-Syndrom).

Was geschieht bei einer Vergiftung durch Acetylsalicylsäure?

Bei der Einnahme normaler (therapeutischer) Dosen wird der Wirkstoff Acetylsalicylsäure schnell im Magen und dem oberen Dünndarmabschnitt aufgenommen und im Körper zu Salicylsäure umgewandelt, oft als Salicylat bezeichnet. Die maximale Konzentration im Blut ist meistens innerhalb von 1 Stunde nach der Einnahme erreicht. Die Konzentration des Wirkstoffs halbiert sich meist innerhalb von 2–4 Stunden (Halbwertszeit). Der Abbau findet größtenteils in der Leber statt. Anschließend werden die Abbauprodukte v. a. über die Nieren ausgeschieden.

Bei der Aufnahme hoher Dosen kann die Aufnahme von ASS im Magen und im Darm mehr als 10 Stunden dauern. Die maximale Konzentration wird dann oft erst nach bis zu 10 Stunden erreicht. Der Abbau findet stark verzögert statt, da die Leber nicht genügend Kapazität hat, um hohe Dosen abzubauen und somit überlastet ist. Die Ausscheidung über die Nieren nimmt ebenfalls mehr Zeit in Anspruch. Die Halbwertszeit kann bei der Einnahme hoher Dosen auf 20–30 Stunden ansteigen. Somit ist die Wirkdauer stark verlängert.

Die großen Mengen von Salicylat im Blut stimulieren das Brechzentrum im Hirnstamm, was Übelkeit und Erbrechen zur Folge hat. Es können außerdem verschiedene Störungen des Säure-Basen-Haushalts auftreten. Eine Aktivierung des Atemzentrums führt zu einer verstärkten Abatmung von Kohlendioxid (der Patient hyperventiliert), was den pH-Wert des Blutes basischer (alkalischer) macht (respiratorische Alkalose). Zudem wird der Stoffwechsel der Zellen durch das vermehrt anfallende Salicylat beeinflusst, wodurch es zu einer Übersäuerung kommen kann (metabolische Azidose). Der veränderte Säure-Basen-Haushalt kann Elektrolystörungen begünstigen. Zusammen mit dem Flüssigkeitsverlust durch Erbrechen kann dies zu einem starken Flüssigkeitsmangel (Dehydrierung) führen. Bei leichteren Vergiftungen kann es außerdem zu Hautausschlägen sowie zu niedrigem Blutzucker (Hypoglykämie) kommen.

Eine Acetylsalicylsäure-Vergiftung kann Auswirkungen auf das Nervensystem und das Innenohr haben. Es können z. B. frühzeitig Hörstörungen, Tinnitus, Schwindel und Kopfschmerzen auftreten. Schwerere Vergiftungen verursachen u. a. Reizbarkeit, Unruhe, Verwirrtheit, Krampfanfälle und Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma. Durch ein Lungenödem kann es zu Atembeschwerden mit Luftnot kommen. Außerdem kommt es bei schweren Vergiftungen zur Zerstörung von Muskelzellen (Rhabdomyolyse), zu Blutungen sowie zum Anstieg der Körpertemperatur (Hyperthermie).

Diagnostik

Die Diagnose wird auf der Grundlage einer vermuteten Überdosierung oder der Einnahme zahlreicher ASS-Tabletten gestellt. Es wird auf frühe Anzeichen einer Vergiftung geachtet, z. B. eine schnelle Atmung (Hyperventilation), Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Schwindel, Verwirrtheit, Hörstörungen sowie Tinnitus. Dennoch können die Frühsymptome zunächst uneindeutig sein oder fehlen.

Bei einem Verdacht auf die Einnahme einer toxischen Menge Acetylsalicylsäure werden betroffene Personen deshalb in der Regel sofort ins Krankenhaus gebracht. Bei der körperlichen Untersuchung wird vor allem auf Vergiftungserscheinungen und die Atem- und Kreislauffunktionen geachtet. Der Salicylatspiegel kann im Blut gemessen werden. Allerdings sagt die Höhe des momentanen Blutspiegels nichts über die tatsächliche Menge des sich im Körper befindlichen Salicylats aus und hängt nicht unbedingt mit dem Schweregrad der Vergiftung zusammen. Es werden weitere Blutwerte bestimmt, um Auswirkungen der Vergiftung festzustellen, z. B. auf den Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt, die Nieren- und Leberfunktion sowie die Gerinnung.

Therapie

Zunächst ist es wichtig, die Atmung und den Kreislauf zu stabilisieren. Außerdem wird versucht, die Vergiftung und ihre schädlichen Auswirkungen zu minimieren, indem Aktivkohle verabreicht wird, welche die weitere Aufnahme aus dem Magen/Darm reduzieren soll. Evtl. wird der Magen vorher im Rahmen einer Magenspiegelung oder durch Legen einer Magensonde entleert und gespült, wenn die Überdosierung erst kurze Zeit zurücklag (< 2 Stunden). Weiterhin kann die Ausscheidung des Salicylats durch eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr und Alkalisierung des Urins (durch Verabreichung basischer Stoffe) sowie ggf. durch eine Dialyse verstärkt werden. Es erfolgt eine ständige Überwachung des Patienten auf mögliche Komplikationen, sowie ggf. eine Behandlung selbiger.

Erste Hilfe

Suchen Sie bei Vergiftungszeichen sofort einen Arzt auf oder alarmieren Sie den Notruf (112). Wenn Sie die Einnahme übermäßig hoher Dosen von Acetylsalicylsäure bei anderen Personen oder bei Ihrem Kind  bemerkt haben, können Sie sich außerdem bei einer Giftnotrufzentrale  informieren, welche Schritte Sie als nächstes einleiten sollen. Halten Sie Informationen bereit und orientieren Sie sich an den W-Fragen:

  • Wer?
    • Alter, Geschlecht, Gewicht des Kindes/des Erwachsenen
  • Was wurde eingenommen?
    • Möglichst genaue Bezeichnung mit Dosierung
  • Wann?
    • Zeitpunkt der Einnahme, ggf. Zeitpunkt des Auffindens
  • Wie viel?
    • Anzahl der Tabletten.

Geben Sie zudem an, wie der Zustand der betroffenen Person ist, v. a. in Bezug auf die Atmung und die Bewusstseinslage, und ob andere Symptome vorliegen. Sie sollten solange am Telefon bleiben, bis alle Rückfragen geklärt wurden. Wenn es zur Bewusstlosigkeit kommt, sollten Sie Erste-Hilfe-Maßnahmen bzw. bei fehlender oder unzureichender Atmung Maßnahmen zur Wiederbelebung (Herz-Lungen-Wiederbelebung bei Kindern und Säuglingen, Herz-Lungen-Wiederbelebung bei einer erwachsenen Person) ergreifen.

Es ist davon abzuraten, Erbrechen bei der Aufnahme unklarer Substanzen zu provozieren, da es vor allem bei einer veränderten Bewusstseinslage zum Einatmen der Substanzen kommen kann. In manchen Fällen kann sich die Situation dadurch deutlich verschlimmern (z. B. bei Säure, Laugen, Reinigungsmitteln, Lampenöl). Außerdem sind bedrohliche Kreislaufreaktionen durch die Provokation des Erbrechens möglich (Vagusreiz). Kleinen Kindern sollte auf keinen Fall Salzwasser zu trinken gegeben werden, da es dadurch zu lebensbedrohlichen Kochsalzvergiftungen kommen kann. Ebenso sollte keine Milch angeboten werden, da diese die Aufnahme von giftigen Substanzen noch zusätzlich steigern kann.

Als Vorsorgemaßnahme für Vergiftungen mit gefährlichen Substanzen kann, v. a. wenn kleine Kinder im Haushalt wohnen, medizinische Kohle (Aktivkohle) auf Vorrat gehalten werden. Im Falle einer versehentlichen Einnahme von Medikamenten oder anderen gefährlischen Substanzen ist Aktivkohle aber ausschließlich auf Anweisung eines Arztes oder der Giftnotrufzentrale anzuwenden. Außerdem ist es wichtig, gefährliche Substanzen und Medikamente außerhalb der Reichweite von Kindern aufzubewahren. 

Prognose

ASS-Vergiftungen gehören zu den schwersten Vergiftungen. Sie werden oft falsch interpretiert und unterschätzt, da sich anfänglich nur uneindeutige Symptome ohne Bewusstseinstrübung zeigen können. Schwere Beeinträchtigungen des Gehirns und eine starke Übersäuerung des Blutes (metabolische Azidose) aufgrund von ASS-Vergiftungen haben eine schlechte Prognose. Gleiches gilt, wenn Muskelschädigungen (Rhabdomyolyse) und ein akutes Nierenversagen durch die ASS-Vergiftung auftreten. Kinder haben eine schlechtere Prognose als Erwachsene.

Weitere Informationen

Autoren

  •  Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim