Zum Hauptinhalt springen

Sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen

Sexuelle Dysfunktion bzw. sexuelle Funktionsstörungen können zahlreiche Symptome umfassen, wie mangelndes Verlangen, mangelnde sexuelle Erregung, Schwierigkeiten einen Orgasmus zu bekommen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, zu enge Vagina und mögliche Auswirkungen anderer Grunderkrankungen.

Zuletzt überarbeitet:



Was ist sexuelle Dysfunktion?

Sexuelle Dysfunktion bzw. sexuelle Funktionsstörungen können zahlreiche Symptome umfassen, wie mangelndes Verlangen, mangelnde sexuelle Erregung, Schwierigkeiten einen Orgasmus zu bekommen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, zu enge Vagina und mögliche Auswirkungen anderer Grunderkrankungen.

Bei den sexuellen Problemen steht bei Frauen die verminderte Libido, also der Mangel an sexueller Lust, an erster Stelle. Dies wird auch Appetenzstörung genannt. Häufig hängen die Probleme jedoch zusammen. Zum Beispiel führt mangelndes sexuelles Verlangen zu niedriger sexueller Erregung und geringem Genuss, und damit wird auch selten ein Orgasmus erreicht.

Häufigkeit

Mangel an sexuellem Verlangen wird je nach Studie aus verschiedenen Ländern bei 10–46 % der Frauen beschrieben. Bei Frauen in etablierten Paarbeziehungen ist es nicht immer sexuelles Verlangen, das zu Sex führt. In einer amerikanischen Studie berichteten 40 % dieser Frauen, dass sie niemals oder selten Lust auf Sex hätten, sie erlebten aber sexuelle Erregung.

Sexuelle Gedanken kommen bei vielen Frauen selten vor, ohne dass sie aus diesem Grund mit ihrem Sexualleben unzufrieden sind. Bei Frauen korreliert die Häufigkeit von sexuellen Phantasien oder sexuellen Gedanken nur in geringem Grad mit der Fähigkeit, sexuelle Befriedigung zu erlangen.

Eine geringere Anzahl scheint Probleme mit der sexuellen Erregung zu haben. In einer amerikanischen Studie traf das auf 5 % zu, während es in einer britischen Studie 17 % waren und in einer schwedischen Studie 12 %.

Wie entsteht sexuelles Verlangen und Erregung?

Die Ursachen für sexuelles Verlangen und Erregung sind bei Frauen nicht so gut bekannt, sie scheinen aber durch eine Kombination von mehreren Faktoren, wie chemische Botenstoffe im Gehirn, Geschlechtshormone und äußere Bedingungen verursacht zu werden.

Schwellungen der weiblichen Geschlechtsorgane – Klitoris, Schamlippen, Scheide – treten in der Regel bei Frauen innerhalb von Sekunden nach erotischer Stimulation auf. Sie werden durch die Stimulation von Nerven verursacht, die zu lokalen Blutansammlungen führen – vergleichbar mit der Erektion des Mannes. Gleichzeitig lässt die Muskelspannung in der Scheidenwand nach, sodass sich die Scheide erweitern kann. Durch eine erhöhte Sekretion von Flüssigkeit aus der Scheidenwand wird sichergestellt, dass die Scheide feucht ist und keine Verletzungen durch Reibung entstehen.

Der Einfluss des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen auf die sexuelle Funktion ist komplex. Obwohl niedrige Östrogenspiegel und atrophe Scheidenwände bei älteren Frauen eine kleinere Blutansammlung im Unterleib ergeben, wenn die Frau nicht stimuliert ist, reagieren Frauen über 50 Jahre ebenso stark auf sexuelle Reize wie jüngere Frauen mit deutlich höherem Östrogenspiegel. Nach der Stimulation verändern sich infolge der erhöhten Blutversorgung Klitoris, Schamlippen und Scheide genauso wie bei jüngeren Frauen. Bis zu 40 % der älteren Frauen leiden jedoch aufgrund des Östrogenmangels unter dünner, trockener Scheidenschleimhaut, die sich auch negativ auf ihre Sexualfunktion auswirkt.

Der Neurotransmitter Dopamin und kleine Mengen des männlichen Geschlechtshormons Testosteron scheinen die sexuelle Reaktion zu beeinflussen. Die Bedeutung dieser Erkenntnis ist jedoch unklar.

Es besteht nur ein geringer Zusammenhang zwischen subjektiver sexueller Erregung und physiologischer sexueller Erregung.

Faktoren, die das Sexualleben beeinflussen

Diverse Faktoren stehen mit verminderter subjektiver Erregung in Zusammenhang: Es kann sich um Ablenkungen (die Gedanken sind woanders und nicht beim Sex), negative Erwartungen nach früheren schlechten sexuellen Erfahrungen, sexuelle Angst, Müdigkeit und Depressionen handeln. Ein Partner, der Probleme mit seiner sexuellen Befriedigung hat, Stress, Probleme, schwanger zu werden, und eine langjährige Paarbeziehung („alles läuft routinemäßig ab“) – das alles sind Faktoren, die mit vermindertem sexuellen Verlangen verbunden sind. Nachwirkungen von sexuellen oder körperlichen Übergriffen können sexuelle Probleme sowohl kurz danach als auch viele Jahre später hervorrufen. Entsprechend wird die Fähigkeit zur Erregung gestärkt, wenn Ihre frühere und aktuelle psychische Gesundheit stabil ist, Sie eine gute Kontrolle der eigenen Emotionen und ein gutes Selbstbild haben, Sie gute frühere sexuelle Erfahrungen und positive Gefühle für den Partner haben.

Medikamente wie die neuen Antidepressiva (SSRI) und orale Kontrazeptiva („Pille“) haben bei manchen Frauen einen negativen Einfluss auf die Sexualität. Das Gleiche scheint für bestimmte Blutdruckmedikamente (Betablocker) zu gelten.

Viele Krankheiten haben einen negativen Einfluss auf die Sexualität: So z. B. multiple Sklerose, Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus, Erkrankungen des Nervensystems und Krebserkrankungen. Das gleiche gilt für Operationen im Unterleib, schmerzendes Narbengewebe, z. B. nach einem Dammschnitt, Erkrankungen der äußeren Geschlechtsorgane und eine vorzeitige Menopause, z. B. infolge einer Chemotherapie.

Aufklärung des Problems

Ihre Erklärung und Ihre Beschreibung des Problems sind wichtig. In der Regel ist es vorteilhaft, wenn beide Partner den Arzt oder Therapeuten treffen. Einige Fakten sind wichtig für den Arzt, und Sie sollten sich darauf vorbereiten, die folgenden Fragen beantworten:

  • Haben Sie insgesamt gesehen Lust auf Sex?
  • Können Sie sexuell erregt werden?
  • Erreichen Sie einen Orgasmus?
  • Ist die emotionale Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Partner gut?
  • Wie ist Ihre geistige und emotionale Gesundheit?
  • Wie ist die Qualität früherer sexueller Erfahrungen?
  • Sind Sie sexuell missbraucht worden?
  • Haben Sie spezifische Beschwerden in Zusammenhang mit sexueller Aktivität?
  • Haben Sie das Gefühl, dass Sie genügend Zeit für das erotische Vorspiel verwenden?
  • Haben Sie sexuelle Fantasien?

Der Arzt führt eine routinemäßige gynäkologische Untersuchung durch. Blutuntersuchungen spielen für dieses Problems keine Rolle. Nur sehr selten sind Hormonstörungen die Erklärung.

Therapie

Die Wahl der Behandlung hängt von Ihrem Problem ab. Dieses Gebiet ist nicht gut erforscht, und es ist unklar, wie gut die verschiedenen Behandlungen wirken. Allerdings können wir feststellen, dass in den meisten Fällen Medikamente nicht oder nur sehr begrenzt wirksam sind. Internationale Experten empfehlen, dass wir uns auf die geistige und die allgemeine Gesundheit konzentrieren, mit besonderem Schwerpunkt auf den zwischenmenschlichen Problemen zwischen Ihnen und Ihrem Partner, und auf eventuell vorliegende psychische Probleme. Eventuelle körperliche Ursachen sollten behandelt werden.

Medikamentöse Behandlung

Die Zugabe von geringen Mengen des männlichen Geschlechtshormons Testosteron wurde in einigen Studien getestet, die Wirkung ist jedoch nur gering. Frauen, bei denen früh die Eierstöcke entfernt werden müssen, können jedoch häufig von Testosteron, in Kombination mit Östrogen, profitieren. Vor allem bei älteren Frauen kann die zu reichliche Anwendung des männlichen Geschlechtshormons zu einem gewissen Grad der Vermännlichung führen.

Sildenafil (Viagra) wurde auch bei Frauen getestet. Obwohl ein Einfluss theoretisch möglich wäre, zeigen größere Studien bei fast 800 Frauen mit mangelnder Lust und Erregung, dass das Präparat nicht in ausreichendem Maße Einfluss auf das sexuelle Verlangen, die Wahrnehmung der Erfahrung, die Feuchtigkeit in der Scheide und die Zufriedenheit hatte.

Eine Lokalbehandlung mit Östrogen wird bei dünner, trockener Scheidenschleimhaut (vaginale Atrophie), die zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führt, empfohlen.

Psychologische Behandlung

Eine psychologische Behandlung scheint die besten Ergebnisse zu liefern. Die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie will die Faktoren, die zu der sexuellen Funktionsstörung beitragen, identifizieren und bearbeiten. Dies können z. B. unpassende Gedanken, unrealistische Erwartungen oder Verhaltensweisen, die das Interesse und Vertrauen des Partners beeinträchtigen (respektloses Benehmen oder Unehrlichkeit), sowie unzureichende erotische Stimulation oder unzureichende nicht-genitale körperliche Stimulation sein. Mit der kognitiven Verhaltenstherapie will man die Partner einander auf Gefühlsebene wieder näher bringen und die Kommunikation und die erotische Stimulation verbessern. Die Anzahl der Therapiesitzungen variiert, empfohlen werden zumindest drei bis sechs Gesprächstermine an denen das Paar gemeinsam teilnehmen sollte.

Ein weiterer psychologischer Ansatz (fokussierte Sexualtherapie) ist die Ausbildung in den verschiedenen Komponenten des Geschlechtsaktes. Anfangs steht nicht-sexueller Körperkontakt, der schrittweise in sexuelle Berührungen übergeht. Die Partner werden aufgefordert, einander abwechselnd zu berühren und zu berichten, ob die Liebkosungen als angenehm empfunden werden.

Beide Methoden tragen dazu bei, den Fokus von Leistungsdenken (z. B. dem Erreichen des Orgasmus) abzulenken. Gute Forschung auf diesem Gebiet ist rar. In einer Studie, bei der diese beiden Methoden kombiniert wurden, gaben 74 % der Frauen an, dass sich die sexuelle und beziehungsmäßige Zufriedenheit verbessert habe.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W.