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Kiefergelenksdysfunktion

Der Begriff beschreibt eine Fehlfunktion des Kiefergelenks mit Beschwerden und Befunden, die die Kaumuskulatur, die Kiefergelenke. bzw. die damit verbundenen stehenden Gewebestrukturen betreffen. Häufige Symptome sind Schmerzen (auch am Kopf, Nacken oder in den Ohren), eingeschränkte Beweglichkeit des Kiefergelenks oder ein Klicken beim Öffnen oder Schließen des Mundes.

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Das Kiefergelenk

Im Kiefergelenk ist der Unterkiefer mit einem Teil des Schädels verbunden. Eine knorpelige Gelenkscheibe sorgt für mehr Beweglichkeit des Gelenks. Das Kiefergelenk ermöglicht, den Mund zu öffnen und zu schließen, zu kauen, zu schlucken und zu sprechen.

Was ist eine Kiefergelenksdysfunktion?

Normalerweise lässt sich das Kiefergelenk ohne Beschwerden öffnen und schließen. Beschwerden und Befunde, die die Kaumuskulatur, die Kiefergelenke bzw. die damit in Verbindung stehenden Strukturen betreffen, werden unter dem Begriff temperomandibuläre Dysfunktion zusammengefasst (gleichbedeutend mit Kiefergelenksstörung).

Häufigkeit

Beschwerden im Kiefergelenk kommen häufig vor und sind nicht selten die Ursache für chronische Schmerzen im Mund-Gesichtsbereich.
Man schätzt, dass mindestens 20 % der Bevölkerung Beschwerden im Bereich des Kiefergelenkes haben – die meisten von ihnen sind jüngere Frauen. Erhebungen zeigen, dass nur ca. 5 % der Menschen mit einem oder mehreren Anzeichen für Kiefergelenkbeschwerden ärztliche Hilfe suchen.

Ursachen

Die Ursachen für Kiefergelenksdysfunktionen sind komplex. Aktuell geht die Wissenschaft davon aus, dass bei Betroffenen mehrere ungünstige Faktoren gleichzeitig vorliegen. Prädisponierende Genetik, kleine Traumata, orthopädische Fehlstellungen in Statik und Dynamik des Gelenks, Zähneknirschen, Zähnepressen, Zungenpressen, emotionaler Stress, Angst und Depressivität werden als Risikofaktoren und/oder Auslöser gewertet. Eine andere mögliche Ursache für die Störung sind Kiefergelenkserkrankungen, wie Kapselentzündungen oder -verletzungen, z. B. durch rheumatische Erkrankungen.

Die meisten Betroffenen leiden unter Schmerzen der Kaumuskulatur, gefolgt von einer Verschiebung der Gelenkscheibe und dadurch eingeschränkter Beweglichkeit des Kiefers. An dritter Stelle folgen Kiefergelenkdysfunktionen aufgrund von Arthritis (lokaler Gelenksentzündung z. B. bei rheumatischer Erkrankung) oder Arthrose (eher bei älteren Menschen).

Häufig kommt es durch die Funktionsstörung zu einer Diskoordination beteiligter Muskelgruppen, die zu Muskelschmerzen, -verspannungen, -entzündungen, -verhärtung, und anderen Beschwerden führt.

Patient*innen mit einer Kiefergelenksdysfunktion können im Rahmen einer Verkettungsproblematik Funktionsstörungen im gesamten Muskel- und Skelettsystem entwickeln.

Diagnostik

Bei der Diagnosestellung gibt es drei Hauptfaktoren, die berücksichtigt werden:

  1. Schmerzen in Kiefer und Gesicht, Kieferschmerzen, die durch aktive Bewegung des Kiefers ausgelöst oder verschlimmert werden.
  2. Knistern oder Knacken im Kiefergelenk
  3. Evtl. lässt sich der Mund nicht ganz öffnen.

Beschwerden

Zu den typischen Beschwerden gehören Schmerzen im Kiefergelenk, die Richtung Ohr, Schläfe, Wange oder Unterkiefer ausstrahlen. Andere Symptome sind Kopfschmerzen, Gesichtsschmerzen, Nackenschmerzen oder -steifigkeit, erschwerte Mundöffnung oder Klicken im Gelenk. Alleiniges Knacken ist weit verbreitet und kein Indikator für zukünftige Beschwerden. Bei einigen Betroffenen renkt sich das Kiefergelenk für kurze Zeit vollständig aus. Selten verschiebt sich die Gelenkscheibe beim Öffnen so stark, dass sich der Kiefer nicht mehr schließen lässt (Kiefersperre).

Etwa ein Drittel der Patient*innen leidet unter dem Gefühl, ein „verstopftes“ Ohr zu haben. Sie stellen fest, dass das Ohr (oder die Ohren) im Flugzeug beim Start und der Landung „ploppt" oder „knackst". Diese Symptome werden in der Regel durch eine Funktionsstörung der Tuba auditiva verursacht, die für die Regulierung des Drucks im Mittelohr verantwortlich ist. Es wird angenommen, dass Patien*innen mit einer Kieferdysfunktion unter Krämpfen in denjenigen Muskeln leiden, die für die Steuerung des Öffnens und Schließens der Tuba auditiva verantwortlich sind. Aus unbekanntem Grund gibt ein Drittel der Betroffenen das Gefühl von Rauschen oder Klingeln im Ohr an. Bei der Hälfte von ihnen verschwindet das Ohrensausen nach erfolgreicher Behandlung der Kieferdysfunktion wieder. Etwa 40 % der Patient*innen berichten von einem vagen Gefühl von Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen.

Ärztliche Untersuchung

Bei der Untersuchung wird das Kiefergelenk getastet, während Sie den Mund öffnen und schließen. Häufig wird dabei eine ausgeprägte Empfindlichkeit der Kaumuskeln festgestellt, ein Knirschen oder Knacken aufgedeckt und die typischen Schmerzen ausgelöst. Ggf. wird das ärztliche Personal Ihre Lymphknoten am Hals und die Nervenaustrittspunkte im Gesicht untersuchen. Auffälligkeiten sind Hinweise auf zugrunde liegende Erkrankungen. Darüber hinaus kann eine Untersuchung der Halswirbelsäule indiziert sein.

In vielen Fällen wird eine zahnärztliche Untersuchung empfohlen. Bildgebungen mittels MRT, Ultraschall, CT und/oder Röntgen dienen der genaueren Diagnostik. Auch die Injektion von Lokalanästhetika in Triggerpunkte der Kaumuskulatur kann nützliche Informationen liefern; diese Untersuchung wird allerdings nur von Spezialist*innen durchgeführt.

Therapie

Was können Sie tun?

  • Beobachten Sie die Beschwerden: Kann ein stressbedingter Verstärker ausgemacht werden?
  • Verwenden Sie das Kiefergelenk und die damit verbundene Muskulatur weniger intensiv:
    • Meiden Sie Aktivitäten, die die Symptome auslösen oder verstärken.
    • Führen Sie Entspannungsübungen durch.
  • Bei akuten Beschwerden
    • Meiden Sie harte und zähe Lebensmittel, aber nehmen Sie nach Besserung der SchmerzenIhre gewöhnlichen Essgewohnheiten wieder auf.
    • Versuchen Sie, eine normale Kieferaktivität beizubehalten, damit die Muskulatur stark und flexibel bleibt.
    • Je nachdem, was besser wirkt, können Sie kalte oder warme Umschläge nutzen.

Ärztliche Behandlung, Medikamente

Je nach Ursache und Begleitumständen werden Ihnen verschiedene Medikamente vorgeschlagen. Bei akuten Kieferschmerzen wird die kurzfristige Einnahme von Schmerzmedikamenten empfohlen (z. B. Paracetamol 2- bis 4-mal täglich 500–1.000 mg in Phasen mit starken Schmerzen oder Naproxen 3 x 250 mg für 1 Woche).

Sofern die Beschwerden durch die Zähne oder das Zahnfleisch verursacht sind, erfolgt eine zahnärztliche Behandlung. Behandlungen wie Physiotherapie, Osteopathie, Biofeedback oder Entspannungskurse können ergänzend, aber auch kausal eingesetzt werden, um funktionelle Symptome an den Zähnen, der Muskulatur und den Kiefergelenken zu behandeln.

Falls die genannten Therapiemaßnahmen nicht ausreichen und die Beschwerden langwierig sind, kann die Injektion von Kortison in das Kiefergelenk angezeigt sein. Eine andere Möglichkeit ist die Injektion von Dextrose („Prolotherapie“) oder bei chronischem Zähneknirschen die Injektion von Botulinumtoxin in sog. Triggerpunkte. Für das Botulinumtoxin scheint der Effekt auf die Schmerzen nur gering und vorübergehend zu sein. Für die Prolotherapie gibt es nur wenige Untersuchungen zur Wirksamkeit. In zumindest einer Studie wurde gezeigt, dass 3 Injektionen im Abstand von 1 Monat einen guten Effekt haben.

Eine Operation kann in Ausnahmefällen bei geschädigter Gelenkstruktur aufgrund einer Meniskusläsion oder einer Arthrose angezeigt sein.

Vorgehen bei Luxation des Kiefergelenks

Falls sich das Kiefergelenk nicht in seiner normalen Stellung befindet, sollte es sobald wie möglich eingerenkt werden. Sie können selbst versuchen, den Unterkiefer seitlich zu verschieben, während Sie gleichzeitig den Mund weit öffnen. Falls dies nicht gelingt, gibt es besondere Handgriffe, mit denen das ärztliche Personal die Kiefergelenke in die richtige Stellung bringen kann. Die rechte und linke Seite werden in der Regel seitengetrennt reponiert.

Prognose

Die Prognose ist abhängig von der zugrunde liegenden Ursache. Bei den meisten Betroffenen sind die Beschwerden vorübergehend und bessern sich spontan ohne Behandlung oder mit einzelnen Maßnahmen wie Information und Empfehlungen zur Selbstbehandlung. In vielen Fällen führen Stressabbau oder ein Schonen des Kiefers innerhalb weniger Tage zu Verbesserungen. Eine Studie zeigte bei 50 % der Betroffenen eine Verbesserung nach 1 Jahr, und 85 % waren nach 3 Jahren symptomfrei. Allgemein gilt: Je länger die Dauer und je zahlreicher die (erfolglosen) Therapien, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass zukünftige Therapien helfen werden.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Hannah Brand, Cand. med., Berlin
  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen