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Halsarterien (Halsschlagadern), Rissbildung

Rissbildungen und Blutansammlungen in der Arterienwand werden in der medizinischen Fachsprache Arteriendissektion genannt. Eine Dissektion verursacht schätzungsweise 2 % aller Schlaganfälle und gilt als häufigste Ursache von Schlaganfällen bei Patient*innen unter 45 Jahren.

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Was ist eine Rissbildung/Dissektion der Halsschlagadern?

Definition

Im Halsbereich gibt es 2 Arten von Blutgefäßen (Arterien). Bei den Karotisarterien handelt es sich um die Blutgefäße, die im vorderen Halsbereich, direkt unterhalb des hinteren Kieferwinkels, spürbar sind. Die Vertebralarterien befinden sich neben den Nackenwirbeln und winden sich partiell um den oberen Nackenwirbel, bevor sie durch den Schädelknochen treten und das Gehirn erreichen.

Tritt ein Riss in den winzigen Blutgefäßen auf, die die Wände dieser Arterien mit Blut versorgen, kommt es zu einer Blutansammlung in der mittleren Arterienwand. Durch die Pulsschläge weitet sich diese Blutansammlung aus: Dieses Phänomen wird als Dissektion bezeichnet.

Die Blutansammlung in der Arterienwand wölbt sich nach innen zum Hohlraum des Blutgefäßes. Dies kann zur Behinderung des Blutflusses führen, wodurch das Blut gerinnt und sich ein Thrombus bilden kann. Der Blutfluss kann auch vollends stagnieren. In diesem Fall wird ein Teil des Gehirns nicht mehr durchblutet und mit Sauerstoff versorgt. Ein Schlaganfall kann auch durch das Ablösen der kleinen Blutgerinnsel entstehen, wenn diese mit dem Blutstrom in das Gehirn gelangen und dort kleine Blutgefäße verschließen.

Symptome

Eine Aortendissektion äußert sich am Beginn zumeist mit akuten Schmerzen im Nacken, Hals, Gesicht und Kopf, die den weiteren neurologischen Symptomen Stunden oder Tage vorausgehen können. Eine Karotisdissektion zeigt sich v. a. durch seitliche Halsschmerzen, evtl. mit Ausstrahlung in Gesicht, Augen, Ohren und Kopf, eine Verebralisdissektion v. a. durch Nackenschmerzen und evtl. Ausstrahlung in den Hinterkopf und Schulter-/Armbereich.

Der gestörte Blutfluss zum Gehirn kann sich in Form von einer Augenlidlähmung, einer Pupillenverengung, einem Zurücksinken des Augapfels in die Augenhöhle und einer vorübergehenden Erblindung an meist einem Auge äußern. Synchron mit dem Puls kann Tinnitus auftreten. Bei einem Schlaganfall treten zusätzlich eine Gesichtslähmung, eine verringerte Kraft im Arm sowie Sprach-/Wortfindungsstörungen oder eine undeutliche Aussprache auf.

Ursachen

Eine Dissektion der Halsschlagadern kann spontan oder nach Minitraumen, z. B. durch plötzliche Kopfbewegungen und Überstreckungen im Rahmen normaler Tätigkeiten beim Sport, bei der Arbeit oder durch chiropraktische Manöver, auftreten. Schwere Verletzungen sind nur für einen kleinen Teil der Dissektionen verantwortlich. Erkrankungen des Bindegewebes, vorangegangene Infektionen oder bestimmte Genvarianten können das Auftreten von Arteriendissektionen ebenfalls begünstigen.

Häufigkeit

Spontane Dissektionen treten für die A. carotis bei ca. 2–3/100.000 Personen, für die A. vertebralis bei ca. 1–1.5/100.000 Personen pro Jahr auf. Die tatsächliche Häufigkeit ist vermutlich höher, da nicht jede Dissektion Symptome verursacht und bei geringen oder unspezifischen Beschwerden (z. B. halbseitige Kopf-/Halsschmerzen) die Diagnose oft nicht gestellt wird. 5–10 % der Fälle sind beidseitige oder multiple Dissektionen.

Es sind vorwiegend jüngere Patient*innen mit einem Altersgipfel zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr betroffen. Dissektionen sind insgesamt seltene Schlaganfallursachen (ca. 2 %), bei Patient*innen, die jünger als 45 Jahre sind, sind sie aber die häufigste Ursache mit bis zu 25 %. Das Verhältnis von betroffenen Männern zu Frauen liegt bei ca. 1,5:1.

Untersuchungen

  • Der Verdacht auf eine Zervikalarteriendissektion ergibt sich aus den verschiedenen Symptomen.
  • Das aussagekräftigste instrumentelle Untersuchungsverfahren ist die kontrastmittelgestützte MR-Angiografie.
  • Eine CT-Angiografie kann als Alternative durchgeführt werden.
  • Eine Ultraschalluntersuchung der hirnversorgenden Arterien ist etwas weniger aussagekräftig und daher zur Primärdiagnostik u. U. nicht ausreichend, aber wichtig vor allem auch für Verlaufskontrollen.
  • Die Darstellung der Blutgefäße mittels Röntgenstrahlung mit Konstrastmittel ist ebenfalls möglich, wenn die anderen Verfahren keine klare Diagnose ermöglichen.

Behandlung

  • Die Behandlung erfolgt im Krankenhaus durch die Verabreichung von antikoagulierenden Medikamente oder Thrombozytenaggregationshemmern. Es liegen keine Studien vor, die belegen, dass eine Behandlungsart einer anderen vorzuziehen ist.
  • Patient*innen mit Schlaganfall können (auch präventiv) mit systemischer oder lokal-arterieller Thrombolyse zur Auflösung von Blutgerinnseln behandelt werden.
  • Ein chirurgischer Eingriff ist nur selten notwendig.
  • In der Regel müssen die entsprechenden Medikamente für 6 Monate und je nach Nachkontrolle auch darüber hinaus eingenommen werden.

Prognose

  • Mehr als 80 % der Patient*innen erholen sich vollständig.
  • Falls sich in der Akutphase ein Schlaganfall entwickelt, ist der Verlauf vom Grad der aufgetretenen Schäden abhängig.
  • Der lokale Schmerz geht in 90 % der Fälle innerhalb einer Woche zurück.
  • Das Risiko eines erneuten Auftretens einer Dissektion beträgt rund 1 % jährlich und 19–26 % in den ersten 4 Wochen.
  • Die Sterblichkeit wird mit weniger als 5 % angegeben.

Weitere Informationen

Autor

  • Markus Plank, Msc BSc, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, Wien

Quellen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Zervikalarteriendissektion. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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