Wolff-Parkinson-White-Syndrom (WPW-Syndrom)

Bei dem Wolff-Parkinson-White-Syndrom handelt es sich um eine Herzrhythmusstörung. Sie ist auf eine zusätzliche Leitungsbahn zwischen Herzvorhof und Herzkammer zurückzuführen, die parallel zu der normalerweise vorhandenen Bahn besteht.

Teilen Sie diese Patienteninformation

QR-Code

Fotografieren Sie diesen QR-Code mit Ihrem Smartphone

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist eine Arrhythmie?

169-herz-leitungssystem.jpg

Herzschläge werden durch elektrische Signale induziert, die normalerweise im rechten Herzvorhof (Atrium) im sogenannten Sinusknoten entstehen. Sie werden über elektrische Leitungsbahnen zum AV-Knoten geleitet, der sich zwischen Herzvorhof (Atrium) und Herzkammer (Ventrikel) befindet. Von dort wird der Impuls über eine elektrische Leitung weiter zu den Herzkammern geführt.

Zu Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) kommt es, wenn das elektrische Leitungssystem des Herzens nicht ordnungsgemäß funktioniert. Dabei werden die elektrischen Impulse im Herzen nicht gebildet oder nicht ordnungsgemäß weitergeleitet. Dies kann dazu führen, dass das Herz zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig schlägt, was sich an einem unregelmäßigen Puls bemerkbar macht. Arrhythmien werden anhand ihres Entstehungsorts im Herzen (Herzvorhof oder Herzkammer) und der Herzschlaggeschwindigkeit eingeteilt:

  • Als Tachykardie wird ein schneller Puls bezeichnet. Das heißt, es erfolgen mehr als 100 Schläge pro Minute.
  • Eine Bradykardie liegt bei einem verlangsamten Puls vor. Das heißt, es liegt ein Ruhepuls von weniger als 60 Schlägen pro Minute vor.

Nicht alle Tachykardien und Bradykardien sind krankhaft. Im Zuge einer physischen Belastung kann beispielsweise eine Tachykardie auftreten, um sicherzustellen, dass der gesamte Körper ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt wird. Im Gegensatz dazu verzeichnen Sportler*innen oft einen Ruhepuls von weniger als 60 Schlägen pro Minute, da ihr Herz sehr effizient funktioniert (viel Blut mit einem Schlag pumpt).

Was ist das Wolff-Parkinson-White-Syndrom?

Bei dem Wolff-Parkinson-White-Syndrom handelt es sich um eine Rhythmusstörung. Sie ist auf eine zusätzliche Leitungsbahn zwischen Herzvorhof und Herzkammer zurückzuführen, die parallel zu der normalerweise vorhandenen Leitung besteht. Diese zusätzliche Leitungsbahn dient als Abkürzung für einen Impuls zwischen Herzvorhof und Herzkammer. Der elektrische Impuls verläuft entlang der zusätzlichen Bahn und erreicht die Herzkammer schneller, als wenn er der normalen Leitungsbahn gefolgt wäre. Das begünstigt Herzrasen (Tachykardie) sowie Vorhofflimmern oder Vorhofflattern. Diese Arrhythmie weist zahlreiche Untertypen auf. Das WPW-Syndrom zählt zu den häufigsten Ursachen für Rhythmusstörungen im Kindesalter.

Bekommen Patient*innen mit einem WPW-Syndrom Vorhofflimmern bzw. -flattern, besteht ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende Rhythmusstörungen. In seltenen Fällen kann die Entwicklung eines Vorhofflimmerns beim WPW-Syndrom eine erhöhte Gefahr für einen plötzlichen Tod darstellen.

Die Erkrankung kommt bei 0,1–0,3 % der Bevölkerung vor. Davon zeigt etwa die Hälfte keine weiteren Anzeichen für eine Herzerkrankung. Der Zustand ist ca. doppelt so oft bei Männern wie bei Frauen anzutreffen. Typisch ist, dass es sich um junge und ansonsten gesunde Menschen handelt. Auch wenn das Krankheitsbild in allen Altersstufen auftreten kann, wird es am häufigsten bei Kindern und jungen Erwachsenen diagnostiziert, die bei Herzklopfattacken medizinische Hilfe aufsuchen.

Symptome

Episoden mit Herzklopfen treten häufig und bei vielen Menschen während anstrengender Tätigkeiten oder bei Stress auf. Zu diesen Anfällen kann es jedoch auch völlig grundlos kommen. Während des Anfalls kann ein Puls von 150–250 Schlägen pro Minute auftreten, was zu einem Blutdruckabfall führen kann. Dabei kann es zu einem leichten Unbehagen in der Brust oder zu Herzklopfen bis hin zu gravierenden Kreislaufauswirkungen kommen. Manchmal wird ein WPW-Syndrom im Rahmen eines routinemäßigen Elektrokardiogramms (EKG) in Ruhe diagnostiziert.

Das WPW-Syndrom lässt sich nicht durch Abhören von Herz oder Lungen (Bestandteil der sogenannten körperlichen bzw. klinischen Untersuchung) feststellen.

Diagnose

Die entscheidende Untersuchung ist das EKG. Das EKG kann typische oder normale Befunde für den Zustand ergeben. Bei etwa 20–30 % der Patient*innen ist das EKG unauffällig, womit die Diagnose übersehen werden kann.

In bestimmten Situationen ist eine Herzkatheteruntersuchung angeraten, um die Leitfähigkeit der zusätzlichen Bahn zu messen und zu entscheiden, ob dadurch ernsthafte Rhythmusstörungen induziert werden.

Therapie

Ziel der Behandlung ist, in der Akutsituation Rhythmusstörungen zu stoppen, sowie die Prophylaxe weiterer Anfälle.

In bestimmten akuten Fällen mit schweren Auswirkungen auf den Kreislauf kann ein Elektrostoß nötig sein, damit das Herz seinen stabilen Rhythmus wiedererlangt. Zur Prophylaxe und Therapie anderer akuter Anfälle können Medikamente notwendig sein.

Bei den meisten symptomatischen Patient*innen wird eine sogenannte Radiofrequenzablation eingesetzt. Diese Behandlung wird im Rahmen einer Herzkatheteruntersuchung durchgeführt. Dabei wird die zusätzliche Leitungsbahn lokalisiert und verödet. Diese Therapie ist sehr wirksam und üblicherweise gleichbedeutend mit einer Heilung der Patient*innen. Komplikationen sind selten und betreffen ca. 1 % der Behandelten.

Prognose

Patient*innen mit einem WPW-Syndrom und ernsthaften Symptomen verzeichnen eine sehr gute Prognose, wenn die zusätzlichen Leitungsbahnen mit einer Ablation therapiert werden.

Hinsichtlich der Sterblichkeit infolge solcher Arrhythmien ist die Datenlage dünn. In den meisten Studien wird die Häufigkeit eines plötzlichen Herztods mit 3–4 % angegeben. Für symptomlose Patient*innen besteht ein Risiko von etwa 0–0,6 %.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Markus Plank, MSc BSc, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, Wien
  • Thomas Fühner, PD Dr. med., Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, Hannover

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Wolff-Parkinson-White-Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Voss F, Eckardt L, Busch S, et al. AV-Reentry-Tachykardie und Wolff-Parkinson-White-Syndrom Diagnostik und Therapie. Herzschr Elektrophys 2016; 27: 381-389. doi:10.1007/s00399-016-0466-y DOI
  2. Brugada J, Katritsis D, Arbelo E, et al. 2019 ESC Guidelines for the management of patients with supraventricular tachycardia. Eur Heart J 2019; 41: 655-720. doi:10.1093/eurheartj/ehz467 DOI
  3. Katritsis D, Boriani G, Cosio F, et al. European Heart Rhythm Association (EHRA) consensus document on the management of supraventricular arrhythmias. Eur Heart J 2017; 19: 465-511. doi:10.1093/europace/euw301 DOI
  4. Paul T, Gebauer R, Kriebel T, et al. (Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie). Leitlinie Pädiatrische Kardiologie: Tachykarde Herzrhythmusstörungen im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter (EMAH-Patienten). Stand 2018. www.awmf.org
  5. Arnar D, Mairesse G, Boriani G, et al. Management of asymptomatic arrhythmias: a European Heart Rhythm Association (EHRA) consensus document. Europace 2019; 0: 1-32. doi:10.1093/europace/euz046 DOI
  6. Ellis CR. Wolff-Parkinson-White Syndrome. Medscape, updated Jan 08, 2017. Zugriff 22.08.20. emedicine.medscape.com
  7. Deisenhofer I. Frauen und Arrhythmien: Eine besondere Beziehung. Dtsch Arztebl 2019; 116: 10-6. doi:10.3238/PersKardio.2019.04.12.02 DOI
  8. Linde C, Bongiorni M, Birgersdotter-Green U, et al. Sex differences in cardiac arrhythmia: a consensus document of the European Heart Rhythm Association. Europace 2018; 20:1565–5ao. academic.oup.com
  9. Schäffer B, Hoffmann B, Willems S (Deutsche Gesellschaft für Innere Medzin). Akzessorische Leitungsbahnen und atrioventrikuläre Reentrytachykardien. e.Medpedia. Zugriff 21.08.20. www.springermedizin.de
  10. Lam A, Roten L. Supraventrikuläre Tachykardien. Schweiz Med Forum 2018; 18: 1028-1036. doi:10.4414/smf.2018.03438 DOI
  11. Hindricks G, Potpara T, Dagres N, et al. 2020 ESC Guidelines for the diagnosis and management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association of Cardio-Thoracic Surgery (EACTS). Eur Heart J 2020; 00: 1-126. doi:10.1093/eurheartj/ehaa612 DOI
  12. Grimm W, Grimm A, Grimm K, et al. Seltene Herzerkrankungen am Elektrokardiogramm erkennen. Internist 2018; 59: 618–629. doi:http10.1007/s00108-018-0400-y link.springer.com
  13. Trappe HJ. EKG-Befunde: Tipps und Tricks zur richtigen Diagnose. CME 2018; 15: 9-22. doi:10.1007/s11298-018-6415-9 DOI
  14. Leitz P, Dechering D, Kirchhof P, et al. Supraventrikuläre Tachykardien: In der Regel gutartig. Dtsch Arztebl 2015; 112: 16-19. doi:10.3238/PersKardio.2015.09.18.04 DOI
  15. Reithmann C. Tachykardien mit breiten QRS-Komplexen. MMW - Fortschritte der Medizin 2019; 13: 48-53. doi:10.1007/s15006-019-0022-x DOI
  16. Svendsen J, Dagres N, Dobreanu D, et al. European Society of Cardiology. Current strategy for treatment of patients with Wolff–Parkinson–White syndrome and asymptomatic preexcitation in Europe: European Heart Rhythm Association survey. Europace 2013; 15: 750-753. doi:10.1093/europace/eut094 DOI
  17. Kuck H, Phan H, Tilz R. Neue ESC-Leitlinien 2019 zur Behandlung von supraventrikulären Tachykardien. Herz 2019; 44: 701-711. doi:10.1007/s00059-019-04866-2 DOI
  18. Appelboam A, Reuben A, Mann C, et al. Postural modification to the standard Valsalva manoeuvre for emergency treatment of supraventricular tachycardias (REVERT): A randomised controlled trial. Lancet 2015. DOI: 10.1016/S0140-6736(15)61485-4 DOI
  19. Than M, Peacock W. Supraventricular tachycardia: back to basics. Lancet 2015; 386: 1712. doi:10.1016/S0140-6736(15)61514-8 DOI
  20. Honarbakhsh S, Baker V, Kirkby C, et al. Safety and efficacy of paramedic treatment of regular supraventricular tachycardia: a randomised controlled trial. Heart 2017; 103(18): 1413-1418. pmid:27613170 PubMed
  21. Priori S, Blomstrom-Lundqvist C, Mazzanti A, et al. 2015 ESC Guidelines for the management of patients with ventricular arrhythmias and the prevention of sudden cardiac death. Eur Heart J 2015; 36: 2793-2867. doi:10.1093/eurheartj/ehv316 DOI