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Schlaganfall, Störungen der Wahrnehmung

Bei einem Schlaganfall kommt es durch eine Durchblutungsstörung und Schädigung im Gehirn zu plötzlichen Funktionsausfällen.  Neben den häufigen Symptomen von halbseitigen Lähmungen oder Gefühlsstörungen kann es auch zu Einschränkungen der geistigen (kognitiven) Fähigkeiten kommen. Diese nicht immer sofort ersichtlichen Folgen können jedoch für den Betroffenen sehr einschränkend sein und erfordern möglicherweise gezieltes Training.

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Was ist ein Schlaganfall?

Bei einem Schlaganfall kommt es durch eine verminderte Durchblutung bestimmter Teile des Gehirns zu plötzlich auftretenden Funktionsausfällen. Diese können von Lähmungen, Gefühlsstörungen und Sprachstörungen bis zur Bewusstlosigkeit reichen. In den meisten Fällen ist die Ursache für die Minderdurchblutung ein Gerinnsel in einem der Blutgefäße des Gehirns. Lediglich in 10–15 % handelt es sich um eine Hirnblutung. Wenn die Symptome nur vorübergehend auftreten und sich von alleine zurückbilden, spricht man von einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA). In der Regel hält eine TIA weniger als eine Stunde an.

Einschränkungen durch einen Schlaganfall

Da jedes Hirnareal für bestimmte Aufgaben zuständig ist, kann schon von den Symptomen eines Schlaganfalls auf die Lokalisation im Gehirn geschlossen werden. So wirken sich Schäden in der rechten Hirnhälfte meist auf die linke Körperseite aus wohingegen Schäden in der linken Hirnhälfte die Funktion der rechten Körperseite betreffen. Zu den häufigen Symptomen gehören Lähmungen, also ein Verlust der Muskelkraft. Auch Minderung des Berührungsempfinden treten entsprechend auf der gegenüberliegenden Körperseite auf. Daneben kann es im Rahmen eines Schlaganfalls zu Schluckbeschwerden oder Koordinationsstörungen der Extremitäten kommen.

Sind jedoch die Hirnareale betroffen, die für das Denken, Wissen und Planen verantwortlich sind, kann dies zur Einschränkung der geistigen (kognitiven) Fähigkeiten des Betroffenen führen. Solche Symptome können auf Außenstehende zunächst einen eigenartigen Eindruck machen, können aber für den Betroffenen ebenso einschränkend sein wie eine offensichtliche Lähmung. Nachfolgend werden einige der relativ üblichen Funktionseinschränkungen der höheren Hirnfunktionen vorgestellt, die infolge eines Schlaganfalls auftreten können.

Apraxie

Bei einer Apraxie kommt es zu Schwierigkeiten bei der Planung und Ausführung von willkürlichen Tätigkeiten, die eigentlich keine Herausforderung darstellen. Da oftmals der Gebrauch von Gegenständen schwierig fällt, spricht man auch von einer Werkzeugstörung. Die Ursache liegt dabei nicht in einer Lähmung oder anderen motorischen Einschränkungen. Bei alltäglichen Tätigkeiten hat die betroffene Person häufig Probleme mit der Reihenfolge oder es fällt ihr schwer, bestimmte Teilaufgaben einer Handlungsfolge auszuführen. Probleme bestehen beispielsweise beim Kämmen, Zähneputzen, Ankleiden oder Öffnen eines Türschlosses. Solche Funktionsstörungen sind bei Schäden in der linken Hirnhälfte nicht ungewöhnlich und treten gelegentlich zusammen mit Sprach- und Sprachverständnisstörungen (Aphasie) auf.

Aphasie

Ein Symptom, das insbesondere auftritt, wenn die linke Hirnhälfte einen Schlaganfall erleidet, ist eine Störung des Sprachvermögens. Dies kann beispielsweise die Sprachproduktion, also das Äußern von Gedanken oder aber das Sprachverständnis betreffen. Man spricht in solchen Fällen von einer Aphasie.

Räumliche Orientierungsstörungen

Eine räumliche Orientierungsstörung kann als Folge eines Schlaganfalls entstehen und verursacht Probleme bei allen visuell gesteuerten Aktivitäten. Die Einschätzung von Entfernungen und Positionen kann gestört sein. Dadurch kommt es zu Schwierigkeiten bei Greif- und Zeigebewegungen. Dies kann sich dadurch äußern, dass beim Einschenken die Tasse oder beim Hinsetzen der Stuhl teilweise oder ganz verfehlt wird. Zu einer Störung der Raumwahrnehmung kommt es vor allem bei einem Schlaganfall der rechten Hirnhälfte.

Agnosie

Bei der Agnosie leidet der Betroffene unter einer Einschränkung des Erkennens trotz intakter Sinnesorgane. Es existieren verschiedene Formen der Störung. Ein Beispiel ist die Prosopagnosie, bei der eigentlich bekannte Gesichter nicht wiedererkannt werden können. Häufig liegt zu der Agnosie eine gestörte Raumwahrnehmung vor.

Anosognosie

Bei der Anosognosie handelt es sich um eine Wahrnehmungsstörung. Betroffene nehmen ihre plötzliche Erkrankung, z. B. eine halbseitige Lähmung, nicht wahr und die Einschränkungen werden überspielt. Hier ist es wichtig, eine psychologisch bedingte Verleugnung der Erkrankung zu unterscheiden.

Neglect

Als Neglect bezeichnet man die verminderte Wahrnehmung einer Raum- oder Körperhälfte. Dies tritt üblicherweise im Rahmen einer rechtsseitigen Hirnschädigung auf, was zu einer gestörten Wahrnehmung auf der linken Seite führt. Diese Einschränkung der Wahrnehmung kann unterschiedliche Formen annehmen. Teile des Körpers auf der betroffenen Seite werden mitunter nicht mehr richtig wahrgenommen oder die Hälfte der Umgebung wird vernachlässigt. Männer rasieren beispielsweise nur das halbe Gesicht, oder es wird ausschließlich die Hälfte einer Mahlzeit auf der rechten Tellerseite verspeist.

Durch verschiedene Tests kann ein solcher Neglect nachgewiesen werden. Einfache Möglichkeiten sind Tests, bei denen der Betroffene Linien in der Mitte markieren muss oder Formen nachzeichnen soll.

 

Persönlichkeitsveränderungen

Schäden in den vorderen Hirnarealen können zu teilweise stark ausgeprägten Persönlichkeitsveränderungen führen. Die Betroffenen leiden möglicherweise unter Antriebslosigkeit, Planungsschwierigkeiten oder zeigen ein unkritisches oder unhöfliches Verhalten. Sie sind uneinsichtig, was ihre persönliche Situation betrifft, und deutlich weniger stressresistent. Einige weisen auffällige Veränderungen in der Sprachproduktion auf, sie sprechen ungewöhnlich viel oder drücken sich umständlicher aus. Diese Symptome sind besonders belastend für die Angehörigen dieser Patienten, weshalb es umso wichtiger ist, sich der Ursache bewusst zu sein.

Verlust der Gefühlskontrolle

Haben Patienten nach einem Schlaganfall Probleme mit der Gefühlskontrolle, so kann sich dies in Form von emotionaler Labilität („emotionale Inkontinenz“) oder Weinen und Lachen in unpassenden Situationen äußern. Neutrale oder geringfügig emotionale Geschehnisse können zu heftigen Tränenausbrüchen führen, selbst wenn die Person gar nicht traurig ist. Hier bedarf es einer klaren Abgrenzung zur Depression. Ebenfalls möglich sind positiv geladene Gefühlsausbrüchen wie ungehemmtes Gelächter, das in der jeweiligen Situation unangemessen erscheint. Solche Symptome können als enorme Belastung empfunden werden und zu sozialer Isolation führen.

Gedächtnisstörungen

Auch die Gedächtnisleistungen können durch einen Schlaganfall beeinträchtigt werden. Betroffene leiden beispielsweise unter herabgesetztem Erinnerungsvermögen, Konzentrationsstörungen und verminderte Aufmerksamkeit. Durch spezielle Lernstrategien lässt sich das Gedächtnis häufig trainieren.

Therapie

Eine große Herausforderung bei Störungen der geistigen (kognitiven) Funktionen ist es, dass Betroffene ihre Einschränkungen verstehen und zu akzeptieren beginnen. Im Gegensatz zu eindeutigen Lähmungen ist eine kognitive Einschränkung meist schwerer nachzuvollziehen. Dieses Verständnis ist jedoch notwendig, um die betroffenen Fähigkeiten trainieren und verbessern zu können.

Kognitive Einschränkungen werden typischerweise im Rahmen der Rehabilitation durch neuropsychologische Behandlungen durchgeführt. Trainingsmethoden sind beispielsweise das Üben gezielter mentaler Strategien, das Nutzen von Hilfsmitteln wie Tagebüchern oder computergestützte Verfahren, um Aufmerksamkeit und Gedächtnis zu verbessern.

Prognose

Wie auch bei anderen Symptomen, die infolge eines Schlaganfalls auftreten, ist im Falle der kognitiven Fähigkeiten eine spontane Besserung im Laufe der Zeit nicht ausgeschlossen. Eine solche Rückbildung der Symptome ist die Folge einer Übernahme der Funktionen durch benachbarte Gehirnareale (neuronale Plastizität) und in den ersten Monaten nach einem Schlaganfall am wahrscheinlichsten. Dennoch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass viele der Betroffenen nach einem Schlaganfall für den Rest ihres Lebens mit bleibenden Einschränkungen der Wahrnehmung oder des Denkens zu kämpfen haben.

Weitere Informationen

Autoren

  • Jonas Klaus, Arzt in Weiterbildung, Neurologie, Freiburg im Breisgau