Ohnmacht (Synkope), Ursachen

Als Ohnmacht bezeichnet man einen Verlust des Bewusstseins, der spontan vorübergeht, d. h. Betroffene wachen von allein wieder auf. Hierfür gibt es verschiedene Ursachen, die hier als Übersicht beschrieben werden.

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Was ist Ohnmacht?

Eine plötzliche Ohnmacht, in der Fachsprache Synkope genannt, ist eine abrupt eintretende Bewusstlosigkeit, aus der die Betroffenen von selbst nach kurzer Zeit erwachen. Die Synkope kann Sekunden oder Minuten dauern. Manchmal sind krampfähnliche Bewegungen zu beobachten.

Siehe auch Artikel Ohnmacht bei Kindern und Jugendlichen.

Synkopen treten bei bis zu 20–30 % der Bevölkerung auf. Bei den meisten Menschen tritt sie einmalig auf, sodass sich Betroffene nicht in ärztliche Behandlung begeben. Einige Personen erleiden im weiteren Verlauf nochmals eine oder auch mehrere Synkopen.

Was sind die Ursachen?

Eine Ohnmacht kann vielerlei Ursachen haben. Zugrunde liegt grundsätzlich ein Sauerstoffmangel im Gehirn aufgrund unzureichender Blutversorgung.

  • Reflexsynkope/vasovagale Synkope
    • Die Ursache dafür ist eine Reizung des Vagusnervs, also des großen Nervs, der Darmsystem, Blutdruck und Puls beeinflusst. Der Vagusnerv kann beispielsweise durch emotionalen Stress, Angst, Übelkeit, beim Urinieren oder Stuhlgang gereizt werden. Als Folge sinken Blutdruck und Puls, was zur Ohnmacht führt, da das Gehirn mit zu wenig Blut versorgt wird.
    • Der Reflexsynkope gehen häufig Abgeschlagenheit, Schwindel, Übelkeit, Schwitzen und Gähnen voraus.
    • Dieser Zustand ist meistens harmlos und deutet nicht auf eine Erkrankung hin.
  • Kurzzeitiger Blutdruckabfall
    • Wenn Sie schnell aus dem Sitzen oder Liegen aufstehen (orthostatische Synkope), braucht der Blutdruck einige Sekunden, um sich zu normalisieren. Während dieser Sekunden kann die Blutversorgung des Gehirns so gering werden, dass eine Ohnmacht eintritt.
    • Dies ist bei ansonsten gesunden Personen harmlos und deutet nicht auf eine Erkrankung hin.
    • Einige Faktoren erhöhen das Risiko für eine solche Synkope, nämlich Blutverlust bzw. Flüssigkeitsmangel, lange Bettruhe, Alkoholmissbrauch, manche Medikamente.
  • Blutarmut (Anämie)
    • Ein geringer Hb-Wert (Hämoglobin) erhöht die Gefahr für Schwindel- oder Ohnmachtsanfälle.
  • Ohnmacht infolge einer Herzerkrankung
    • Bei Rhythmusstörungen im Herzen (Arrhythmie) wie schnellem, unregelmäßigem Puls, sehr schnellem, regelmäßigem Puls oder sehr langsamem Puls kann der Blutdruck so weit sinken, dass das Gehirn nicht genügend mit Blut versorgt wird.
    • Auch verengte Arterien können Ursache einer solchen Synkope sein (z. B. Aortenstenose, Stenose der Lungenarterie u. a.)
    • Bei Vorhofflimmern können sich Blutgerinnsel im Herzen bilden, die sich wiederum ablösen und im Blutkreislauf bis zum Gehirn wandern können. Dabei besteht die Gefahr eines Schlaganfalls. Unabhängig davon kann Vorhofflimmern durch eine verminderte Pumpleistung des Herzens Synkopen auslösen.
  • Psychische Ursachen
    • Das Hyperventilieren – ein Zeichen der Panik – kann zu einer kurzzeitigen Bewusstlosigkeit führen.
    • Abzugrenzen ist die hysterische Ohnmacht, bei der typische Kreislaufsymptome in der Anfallsschilderung fehlen.
  • Weitere, offensichtlichere Ursachen der Bewusstlosigkeit sind:
    • Gehirnerschütterung
    • Epilepsie
    • Schlaganfall (hier hält die Bewusstlosigkeit meist länger an)
    • Trunkenheit
  • Niedriger Blutzuckerspiegel
  • Auch verschiedene Medikamente können eine Ohnmacht auslösen, insbesondere die Kombination mehrerer Medikamente.
  • Eine Besonderheit ist das sog. Karotissinussyndrom: An der Halsschlagader (Karotis) befinden sich Nervenknoten, die an der Regulierung des Blutdrucks beteiligt sind. Bei manchen Personen reagieren diese Nervenknoten auf Druck von außen (Griff an den Hals, zu enger Kragen, beim Rasieren) überempfindlich und lösen einen Blutdruckabfall aus. 
  • Bei Kleinkindern kommen sogenannte Affektkrämpfe vor, die durch Angst, Wut oder Schmerzen ausgelöst werden. Die Kinder können dann so lange intensiv schreien, bis sie ohnmächtig werden.

Diagnostik

Mithilfe der Krankengeschichte (Anamnese) wird versucht, die Ursache des Ohnmachtsanfalls zu finden. Anschließend kommen nach der körperlichen Untersuchung je nach Verdachtsdiagnose verschiedene Mittel zur weiteren Abklärung infrage:

  • Blutdruckmessung im Liegen, im Stehen sowie nach 10-minütigem Stehtest
  • 12-Kanal-EKG
  • Blutentnahme und Bestimmung von Blutbild, Glukose, Kreatinin, Harnstoff, Elektrolyte, CRP.

Bei Unsicherheit über die Diagnose sind ggf. folgende Untersuchungen angezeigt:

  • Kipptisch-Test
  • Karotissinusmassage
  • EKG-Monitoring (Arrhythmie-Untersuchung)
  • Neurologisch-fachärztliche Untersuchung
  • Smartphone-Videoaufzeichnung von Synkopen-Ereignissen
  • Echokardiografie (Ultraschalluntersuchung des Herzens)
  • Belastungs-EKG (Ergometrie)
  • Elektrophysiologische Untersuchungen.

Bei Verdacht auf eine zugrunde liegende Herzerkrankung, Aortenstenose oder Schlaganfall werden die Betroffenen direkt ins Krankenhaus eingewiesen.

Therapie

Die meisten Ohnmachtsanfälle bei jüngeren Personen sind harmlos und erfordern keine weitere Behandlung. 

Zur Basistherapie gehören ausreichende Trinkmengen (2–2,5 l Wasser täglich) und eine ausreichende Kochsalzzufuhr. Bei häufigen vasovagalen Synkopen wird das Tragen einer Kompressionsstrumpfhose empfohlen.

Bei Betroffenen unter 60 Jahren mit Frühsymptomen können isometrische Gegenmanöver versucht werden (Hocken oder Kreuzen der Beine oder Anspannung der Bein-, Gesäß-, Bauch- und Armmuskeln). Die Studienlage für diese Techniken ist derzeit noch begrenzt. Regelmäßiges Stehtraining ist vermutlich nur wenig wirksam.

Ggf. kann der Einsatz von Medikamenten sinnvoll sein. Bei Patient*innen mit Bluthochdruck werden z. B. Antihypertensiva gegeben. In besonderen Fällen werden Kortikosteroide oder Sympathomimetika wie Midodrin verschrieben.

Was können Sie selbst tun?

  • Identifizieren Sie die ohnmachtsauslösenden Faktoren und meiden Sie diese.
  • Setzen oder legen Sie sich hin, wenn Sie Anzeichen einer Ohnmacht spüren. Lagern Sie die Beine ggf. hoch.
  • Wenn Sie sich nach längerem Liegen aufrichten, bleiben Sie zunächst auf der Bettkante sitzen und regen Sie die Muskelpumpe durch Verschränken der Arme oder Überkreuzen der Bein an.
  • Bei frühen Anzeichen einer Synkope pressen Sie die Hände gegeneinander oder überkreuzen die Beine. Beenden Sie die Maßnahme erst, wenn die Symptome ca. 30 Sekunden ausgeblieben sind.
  • Achten Sie auf eine ausreichende Trinkmenge.
  • Eine liegende ohnmächtige Person sollte man nicht versuchen aufzusetzen, da dann die Durchblutung des Gehirns wieder reduziert wird. Achten Sie darauf, dass die betroffene Person frei atmen kann.

Prognose

Die Reflexsynkope/vasovagale Synkope hat eine gute Prognose, kann jedoch zu einer erheblich verringerten Lebensqualität führen. Beim Fallen besteht Verletzungsgefahr.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Hannah Brand, Cand. med., Berlin
  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Dietrich August, Arzt, Freiburg im Breisgau

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Synkope, vasovagale. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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