Zum Hauptinhalt springen

Onchozerkose

Bei der Onchozerkose (Flussblindheit) handelt es sich um eine Infektion mit dem parasitären Fadenwurm Onchocerca volvulus. Die Krankheit ist in bestimmten Regionen der Welt, vor allem in Subsahara-Afrika, eine der Hauptursachen für Erblindung.

Zuletzt bearbeitet: Zuletzt revidiert:


Was ist Onchozerkose?

Definition

Die Onchozerkose (Flussblindheit) ist eine Infektion mit dem parasitären Fadenwurm Onchocerca volvulus und eine der wichtigsten Ursachen für Blindheit in tropischen Gebieten. Bei dieser Erkrankung siedeln sich fadendünne Würmer im Körper an. Die Mikrofilarien sind Larven des weiblichen Wurmes, die über Blut von Insekten (Kriebelmücken) übertragen werden können. Es treten Knötchen unter der Haut auf, die die erwachsenen Würmer enthalten, und Haut- und Augenveränderungen, die von toten oder sterbenden Mikrofilarien verursacht werden.

Das Infektionsmuster ist je nach Vegetationszone (Savanne oder Regenwald) unterschiedlich. In den westafrikanischen Savannen kommt die Augeninfektion, vor allem der vorderen Augenabschnitte, und somit die Blindheit häufig vor. In den Regenwaldgebieten Afrikas dominiert die Hautinfektion, eine Augeninfektion ist seltener, und dann sind eher die hinteren Augenabschnitte betroffen.

Symptome

Der Zeitraum zwischen der Ansteckung und dem Auftreten der ersten Symptome kann 1–3 Jahre lang sein.

Erwachsene Würmer befinden sich oft in Knötchen der Unterhaut, die schmerzlos und beweglich sind und einen Durchmesser von 0,5–3 cm haben. Viele Knoten befinden sich jedoch tief im Bindegewebe oder im Muskelgewebe und lassen sich von außen nicht ertasten. Diese Knötchen in der Unterhaut (Onchozerkome) finden sich vor allem über Knochenvorsprüngen.

Mikrofilarien lösen die typischen Krankheitssymptome aus, wie Hautentzündungen und Hautschäden, chronischen Juckreiz, Entzündung und Schwellung der Lymphknoten sowie Augenveränderungen (Sehstörungen, Juckreiz und eine Augenentzündung, die zur Erblindung führen kann).

Ursachen

Onchozerkose ist eine chronische Filariose-Erkrankung, die durch Onchocerca volvulus verursacht wird, fadendünne, parasitäre Würmer, die in den menschlichen Körper eindringen.

Der Mensch ist der einzige wichtige Wirt für diese Wurmerkrankung. Die Krankheit wird durch Kriebelmücken (auch Black Flies genannt) übertragen, die tagsüber beißen und sich vor allem an Flussufern aufhalten und vermehren. Die Mücken saugen über das Blut von infizierten Menschen Larven auf. Nach 6–12 Tagen sind die Larven in der Mücke ansteckend (infektiös) geworden und können mit der nächsten Blutmahlzeit auf gesunde Menschen übertragen werden.

Die Larven reifen innerhalb eines Jahres zu weiblichen und männlichen Würmern heran und befinden sich in Knötchen unter der Haut (Onchozerkomen). Ausgewachsene Würmer können bis zu 15 Jahre im menschlichen Körper leben. Weibliche Würmer produzieren im Laufe ihres Lebens Millionen von Mikrofilarien, das erste Stadium der Larven. Die beweglichen Mikrofilarien dringen in die Haut, Unterhaut, in das Lymphgewebe und in die Augen ein; in Ausnahmefällen können sie im Urin gefunden werden, aber nur selten im Blut oder in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit.

Wolbachia sind Bakterien, die symbiotisch mit Onchocerca volvulus leben. Die Bakterien scheinen essenziell für die Fruchtbarkeit der Fadenwürmer zu sein. Antibiotika vermindern die Anzahl der Wolbachia-Bakterien und hemmen dadurch die Entwicklung der Embryonen bei den weiblichen Würmern. Daher werden bestimmte Antibiotika eingesetzt, um aktiv gegen Wolbachia und somit gegen die Wurminfektion vorzugehen.

Häufigkeit

Mehr als 30 Millionen Menschen in Afrika südlich der Sahara und Lateinamerika sind mit Onchocerca infiziert. Allein in Tansania leiden 3–4 Millionen Menschen an Hauterkrankungen, 500.000 an Sehstörungen und 270.000 an Blindheit durch Onchozerkose. Die Erkrankung ist eine häufige Ursache für Erblindung in Subsahara-Afrika, die verhindert werden kann.

Bei Reisenden ist die Onchozerkose selten, da die Infektion erst bei Langzeitaufenthalten von über 12 Monaten in endemischen Gebieten auftritt.

Untersuchungen

  • Die Diagnose wird gestellt durch den Nachweis von Würmern oder Mikrofilarien in einer Hautbiopsie. Der Ort der Biopsie sollte je nach Region spezifisch gewählt werden, um die meisten Mikrofilarien nachzuweisen: In Zentralamerika über dem Schulterblatt oder Beckenkamm, in Afrika Beckengürtel, Gesäß oder Oberschenkelaußenseite, im Jemen die Wade.
  • Antikörper können in Proben aus Haut, Tränenflüssigkeit oder Urin nachgewiesen werden.
  • Eine Ultraschalluntersuchung kann tiefer liegende Knötchen mit Würmern zeigen.
  • Mikrofilarien im Auge können bei einer Augenuntersuchung mit einer Spaltlampe festgestellt werden.

Behandlung

  • Die Behandlung ist eine Kombination aus vorbeugenden Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung, der Massenbehandlung in endemischen Gebieten und der individuellen Behandlung von infizierten Personen.
  • Als präventive Maßnahme werden Insektizide verwendet, um die Kontrolle über die Kriebelmücken zu gewinnen, die die Infektion übertragen.

Massenbehandlung

  • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstützt ein umfassendes Programm zur Massenverteilung des Medikamentes Ivermectin, um Kontrolle über die Flussblindheit zu gewinnen.
  • 2016 wurden mehr als 132 Mio. Menschen in Afrika auf diese Weise behandelt. Die Behandlung muss mindestens jährlich über einen Zeitraum von ca. 15 Jahren wiederholt werden.
  • Eine deutliche Verminderung der Krankheitssymptome, insbesondere der Hautveränderungen, wurde erreicht.
  • In einigen Ländern konnte die Flussblindheit bereits ausgerottet werden (Burundi, Tschad, Äthiopien) oder die vollständige Beseitigung steht kurz bevor (Elfenbeinküste, Malawi, Mali, Uganda, Niger, Senegal).
  • Da sich zunehmend Resistenzen gegen Ivermectin entwickeln, wird nach alternativen Medikamenten geforscht.

Medikamente

  • Die Standardbehandlung von infizierten Einzelpersonen besteht heute aus einer Kombinationstherapie von Ivermectin und Doxycyclin.
  • Ivermectin wird nüchtern als Einzeldosis eingenommen und reduziert innerhalb von 2–3 Tagen die Anzahl der Mikrofilarien in der Haut.
  • Diese Eindämmung hält jedoch nur ca. 6 Monate lang an. Daher wird empfohlen, die Behandlung nach 6 Monaten zu wiederholen.
  • Ivermectin sollte nicht in der Schwangerschaft eingenommen werden. Außerdem liegen keine Erfahrungen bzgl. der Behandlung von Kleinkindern vor.
  • Das Antibiotikum Doxycyclin führt über die Bekämpfung der Wolbachia-Bakterien zur Verringerung der Mikrofilarien. Doxycyclin wird 6 Wochen lang täglich eingenommen.

Prognose

Im Durchschnitt nehmen die Beschwerden nach ca. 3 Jahren Behandlung ab, können aber auch bis zu 10 Jahre lang bestehen bleiben.

Die Komplikationen der Erkrankung sind vor allem Schäden an den Augen, bis hin zur Erblindung. Außerdem können chronisch juckende Hautentzündungen auftreten. 

Im frühen Krankheitsstadium führt eine Behandlung zur Besserung der Komplikationen.

Weitere Informationen

Autorin

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Quellen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Onchozerkose. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. StatPearls [Internet], Onchocerciasis, February 2021, letzter Zugriff 12.10.2021 www.ncbi.nlm.nih.gov 
  2. Burnham G. Onchocerciasis. Lancet 1998; 351: 1341. PubMed 
  3. Loewenberg S. Tanzania's fight against onchocerciasis. Lancet 2008; 372:1721-2 PubMed 
  4. WHO, Onchocerciasis: diagnostic target product profile to support preventive chemotherapy, Juni 2021, letzter Zugriff am 12.10.2021 www.who.int 
  5. Remme J, Dadzie KY, Rolland A, Thylefors B. . Ocular onchocerciasis and intensity of infection in the community. I. West African savanna. Trop Med Parasitol 1989; 40: 340. PubMed 
  6. Norman FF, Perez de Ayala A, Perez-Molina JA, et al. Neglected tropical diseases outside the tropics. PLoS Negl Trop Dis 2010; 4: e762. journals.plos.org 
  7. Burnham GM. Onchocerciasis in Malawi. 2. Subjective complaints and decreased weight in persons infected with Onchocerca volvulus in the Thyolo highlands. Trans R Soc Trop Med Hyg 1991; 85: 497. PubMed 
  8. Kaiser C, Pion SD, Boussinesq M. Case-control studies on the relationship between onchocerciasis and epilepsy: systematic review and meta-analysis. PLoS Negl Trop Dis 2013; 7: e2147. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov 
  9. Nettleman MD. Onchocerciasis, emedicine.medscape 5.11.2015 emedicine.medscape.com 
  10. Unnasch T, Golden A, Cama V, Cantey P. Diagnostics for onchocerciasis in the era of elimination. Int Health 2018; 10: i20-i26. pmid:29471336 PubMed 
  11. Meeting of the national onchocerciasis task forces, September 2010. Wkly Epidemiol Rec 2010; 48:473. apps.who.int 
  12. Ozoh G, Boussinesq M, Bissek AC, et al. Evaluation of the diethylcarbamazine patch to evaluate onchocerciasis endemicity in Central Africa. Trop Med Int Health 2007; 12: 123. PubMed 
  13. Richards FO, Boatin B, Sauerbrey M, Seketeli A. Control of onchocerciasis today: status and challenges. Trends Parasitol 2001; 17: 558-563 PubMed 
  14. WHO fact sheets: Onchocerciasis. 04.04.18, letzter Zugriff 18.07.18 www.who.int 
  15. Anosike JC, Dozie IN, Ameh GI, et al. The varied beneficial effects of ivermectin (Mectizan) treatment, asobserved within onchocerciasis foci in south-eastern Nigeria. Ann Trop Med Parasitol 2007; 101: 593. PubMed 
  16. Ozoh GA, Murdoch ME, Bissek AC, et al. The African Programme for Onchocerciasis Control: impact on onchocercal skin disease. Trop Med Int Health 2011; 16: 875. PubMed 
  17. African Programme for Onchocerciasis Control: progress report, 2013-2014. Wkly Epidemiol Rec 2014; 89:551 PubMed 
  18. Richards F, Hopkins D, Cupp E. Programmatic goals and approaches to onchocerciasis. Lancet 2000; 355: 1663-4. PubMed 
  19. Abiose A, Homeida M, Liese B, Molyneux D, Remme H. Onchocerciasis control strategies. Lancet 2000; 356: 1523-4. PubMed 
  20. Opoku NO, Bakajika DK, Kanza EM, et al. Efficacy and safety of a single dose of moxidectin in Onchocerca volvulus infection: a randomized, double-blind ivermectin-controlled trial in Ghana, Liberia, and the Democratic Republic of the Congo.. Lancet 2018. doi:10.1016/S0140-6736(17)32844-1 DOI 
  21. Duke BO. Evidence for macrofilaricidal activity of ivermectin against female Onchocerca volvulus: further analysis of a clinical trial in the Republic of Cameroon indicating two distinct killing mechanisms. Parasitology 2005; 130:447. PubMed 
  22. RKI: Steckbriefe seltener und importierter Infektionskrankheiten, 2011, letzter Zugriff am 12.10.2021 edoc.rki.de 
  23. Walker M, Specht S, Churcher TS, et al. herapeutic efficacy and macrofilaricidal activity of doxycycline for the treatment of river blindness. Clin Infect Dis 2015; 60: 1199. PubMed 
  24. Debrah AY, Specht S, Klarmann-Schulz U, et al. Doxycycline Leads to Sterility and Enhanced Killing of Female Onchocerca volvulus Worms in an Area With Persistent Microfilaridermia After Repeated Ivermectin Treatment: A Randomized, Placebo-Controlled, Double-Blind Trial. Clin Infect Dis 2015; 61: 517. PubMed 
  25. Showler A, Nutman T. Imported onchocerciasis in migrants and travelers. Current Opinion in Infecious Diseases 2018; 31: 393-398. doi:10.1097/QCO.0000000000000483 DOI