Infektionen mit Enteroviren

Enterovirusinfektionen treten am häufigsten bei Kindern und Säuglingen auf. Dabei kann es sich um Erkrankungen mit Ausschlägen, Hirnhautentzündungen und Augenentzündungen handeln.

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Was sind Enteroviren?

Beim Menschen können überall verschiedene Arten von Enteroviren vorkommen und vom Darmsystem von Mensch zu Mensch übertragen werden; das heißt, die Ansteckung erfolgt über den Stuhl zum Mund (fäkal-oral). Zur Gruppe der Enteroviren gehören auch die Polioviren, die Poliomyelitis (allgemein als Polio bzw. Kinderlähmung bekannt) verursachen können. In der westlichen Welt gilt Polio inzwischen als ausgerottet. Die übrigen Enterovirusinfektionen können bei Menschen jeden Alters zu verschiedenen Erkrankungen führen, treten jedoch am häufigsten bei Kindern und Säuglingen auf. Dabei kann es sich um Erkrankungen mit Ausschlägen, Hirnhautentzündungen und Augenentzündungen handeln.

Enteroviren sind in Untergruppen unterteilt, die wiederum in verschiedene Serotypen unterteilt sind:

  • Poliovirus: Serotypen 1–3
  • Coxsackievirus Gruppe A: Serotypen 1–22
  • Coxsackievirus Gruppe B: Serotypen 1–6
  • ECHO-Virus: Serotypen 1–9, 11–21, 24–27 und 29–33
  • Enterovirus: Serotypen 68–71

Bei den Enteroviren gibt es über 90 verschiedene Serotypen.

Verbreitung

Enterovirusinfektionen treten zu jeder Jahreszeit auf; auf der Nordhalbkugel besteht jedoch die größte Ansteckungsgefahr während der Sommer- und Herbstmonate. Zwar können alle Altersgruppen von Enteroviren betroffen sein, am anfälligsten sind allerdings Säuglinge und Kinder. Aus bisher unbekannten Gründen sind Jungen und Männer infektionsanfälliger als Mädchen und Frauen.

Übertragung der Infektion

Die Virusinfektion wird über den Stuhl als Schmierinfektion übertragen. Insbesondere scheinen Säuglinge und Kleinkinder, die gewickelt werden, häufige Infektionsquellen zu sein. Unter den Erwachsenen haben 30–80 % Antikörper gegen die häufigsten Enterovirus-Serotypen, was beweist, dass sie bereits infiziert waren. Bestimmte Virustypen können lokale Epidemien verursachen, während andere Serotypen (ECHO-Virus 9, 11 und 30) weltweite Epidemien auslösen können.

Enterovirus Typ 71 (EV71) ist eine Infektion, die größere Epidemien verursacht hat, unter anderem im Mai 2008. Eine Epidemie in Taiwan führte zu mehr als 125.000 Fällen der Hand-Fuß-Mund-Krankheit. Über 400 der Fälle waren schwerwiegend, vor allem bei Kindern unter fünf Jahren. In den USA ist es infolge von EV71 zu Ausbrüchen von Erkrankungen des zentralen Nervensystems gekommen.

Als Inkubationszeit wird die Zeit von der Infizierung einer Person bis zum Ausbruch der Krankheit bezeichnet. Die Feststellung kann unter Umständen schwierig sein und vom jeweiligen Krankheitstyp abhängen.

Zu kurzfristigen Fieberkrankheiten kommt es oftmals nach einer Inkubationszeit von drei bis fünf Tagen. Typische Polio-Erkrankungen mit Lähmungen (Kinderlähmung) treten häufig in zwei Phasen auf: mit unspezifischen fieberhaften Erkrankungen nach drei bis fünf Tagen und erneutem Fieber sowie Anzeichen einer Erkrankung des zentralen Nervensystems neun bis zwölf Tage nach der Infektion. Der Zeitraum mit der größten Ansteckungsgefahr sind wahrscheinlich die ersten beiden Wochen nach der Infektion.

Verschiedene Arten von Enteroviruserkrankungen

Bei über 90 % der Infektionen, die durch Nicht-Polio-Enteroviren verursacht werden, zeigen sich keine Symptome, oder sie führen nur zu unspezifischen fieberhaften Erkrankungen. Im Krankheitsfall können das Krankheitsbild und der Schweregrad je nach Alter, Geschlecht und Immunstatus variieren. Einige Erkrankungen wie virale Gehirnhautentzündung (Meningitis) und einige Ausschlagkrankheiten können durch viele verschiedene Unterarten des Enterovirus ausgelöst werden. Andere werden hauptsächlich durch bestimmte Untergruppen des Enterovirus hervorgerufen.

Ausschläge auf Haut und Schleimhäuten

Verschiedene Typen des Coxsackie- und des ECHO-Virus führen zu unterschiedlichen Ausschlägen, bisweilen begleitet von einem Ausschlag auf der Mundschleimhaut. Mit Ausnahme der Hand-Fuß-Mund-Krankheit sind diese Ausschläge nicht ausreichend charakteristisch, um eindeutig ein Virus als Ursache benennen zu können. Leichte Ausschläge am Körper werden häufig durch Infektionen mit dem ECHO-Virus verursacht. Bei diesen Erkrankungen hält das Fieber nur 24–36 Stunden an.

Hand-Fuß-Mund-Krankheit Hierbei handelt es sich um eine häufig vorkommende, akute Erkrankung, von der meist Kleinkinder betroffen sind und die in der Regel durch das Coxsackie-A-Virus verursacht wird. Die Symptome sind Fieber, Bläschen auf der Wangeninnenseite und der Zunge sowie kleine Ausschläge an Händen, Füßen und Gesäß. Die Symptome halten in der Regel zwei bis drei Tage an.

Herpangina Dies ist ein Ausschlag mit Bläschen auf der Mundschleimhaut, der bis tief in den Rachen reicht. Sie betrifft vor allem die Gaumenbögen und Mandeln. Von der Krankheit sind zumeist Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren betroffen. Die Symptome sind Halsschmerzen, Fieber und Schmerzen beim Schlucken. Die Infektion wird durch das Coxsackie-A-Virus verursacht.

Infektionen des zentralen Nervensystems

Akute Infektionen des zentralen Nervensystems treten in allen Altersgruppen auf. Die Hirnhautentzündung ist die häufigste Erscheinungsform, während Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis) seltener vorkommen. Einige Enteroviren (Poliovirus, EV71) greifen Zellen in Gehirn und Rückenmark an und verursachen akute Lähmungen.

Virale Meningitis Für die meisten Fälle sind verursacht durch Coxsackieviren der Gruppe B sowie ECHO-Viren. Bei Kleinkindern ist das Krankheitsbild geprägt von Fieber und Reizbarkeit. Bei älteren Kindern und Erwachsenen sind die Symptome Fieber bis 40 °C, Kopfschmerzen, steifer Nacken, Übelkeit und Erbrechen, Licht- und Lärmscheuheit, Abgeschlagenheit und Muskeschmerzen. Bei 5–10 % aller virusbedingten Hirnhautentzündungen kann der Verlauf durch eine Entzündung des Gehirns erschwert werden, die sich als Bewusstlosigkeit oder Krämpfe äußert. Kinder haben sich in der Regel nach drei bis sieben Tagen vollständig erholt, während die Symptome bei Erwachsenen länger anhalten können. Enteroviren sind die Ursache von 10–20 % aller Fälle von viralen Entzündungen des Gehirns.

Polio mit Lähmungen Dabei handelt es sich um eine akute fiebrige Erkrankung, zu deren Krankheitsbild eine virale Hirnhautentzündung und die Schwächung oder Lähmung einer oder mehrerer Extremitäten gehören. Die Krankheit gilt in der westlichen Welt als ausgerottet. Einzelfälle akuter Lähmung treten infolge anderer Serotypen des Enterovirus auf, wobei EV71 der wichtigste ist. Eine durch ein Nicht-Polio-Enterovirus ausgelöste Lähmung ist weniger schwerwiegend als eine poliovirusbedingte Lähmung, und diese Lähmung ist in der Regel nicht dauerhaft.

Augeninfektionen

Enteroviren können hoch ansteckende Augeninfektionen verursachen, die durch Schmerzen, geschwollene Augenlider und Blutungen in der Bindehaut gekennzeichnet sind. Die Erkrankung heilt von selbst und führt selten zu dauerhaften Sehstörungen. Weltweite Ausbrüche, die auf Enterovirus 70 und Coxsackie A24 zurückzuführen sind, sind am stärksten in tropischen Küstengebieten verbreitet. Die Symptome erreichen nach zwei bis drei Tagen ihren Höhepunkt und klingen ohne weitere Komplikationen innerhalb von zehn Tagen wieder ab.

Epidemische Pleurodynie (Bornholm-Krankheit)

Dies ist eine akute Erkrankung mit Fieber und schubweisen Krämpfen in der Brust- und Bauchmuskulatur. Die meisten Fälle treten lokal bei Jugendlichen und Erwachsenen in den Sommermonaten auf. Die Symptome erinnern mitunter an schwere Erkrankungen wie bakterielle Lungenentzündung, Lungenembolie, Herzinfarkt, akute Magenschmerzen und Gürtelrose. Die häufigste Ursache sind Coxsackieviren der Gruppe B. Die meisten Menschen erkranken für 4-13 Tage. Bei Kindern verläuft die Krankheit weniger ausgeprägt als bei Erwachsenen.

Entzündung des Herzens (Perimyokarditis)

Die Krankheit entsteht in der Regel sowohl in dem das Herz umgebenden Herzbeutel (Perikard) als auch im Herzmuskel. Bei älteren Kindern und Erwachsenen schwankt der Schweregrad der Herzentzündung von Fällen ohne Symptome bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen mit Herzversagen und Tod. Die häufigste virale Ursache sind Coxsackieviren der Gruppe B.

Schwangerschaft

Enterovirusinfektionen passieren nur in geringem Grad die Plazenta und führen daher selten zu Erkrankungen des Fetus.

Infektionen bei Neugeborenen

Neugeborene sind äußerst anfällig für Enteroviruserkrankungen. Auch wenn die meisten Serotypen zu milden und vorübergehenden Krankheitsverläufen führen, können einige schwere Erkrankungen hervorrufen (Coxsackie-B-Virus Serotypen 2–5, und ECHO-Virus 11).

Infektionen bei Personen mit geschwächtem Immunsystem

Enterovirusinfektionen können bei Menschen mit angeborener oder erworbener Immunschwäche mitunter zu schweren Infektionen führen.

Diagnose

Die Labordiagnose einer Enterovirusinfektion erfolgt durch den Nachweis von Antikörpern gegen das Virus im Blut oder, bei schwereren Erkrankungen, durch die Verwendung anderer Analysearten.

Therapie

Die meisten Enterovirusinfektionen sind selbstbegrenzend und bedürfen keiner besonderen Behandlung. Ausnahmen bilden akute Herzmuskelentzündungen, die lebensbedrohlich sein können, sowie akute virale Hirnhautentzündungen, die ausgeprägte Symptome hervorrufen können.

Die therapeutischen Möglichkeiten sind bei schweren Infektionen begrenzt und wurden bisher nicht gründlich erforscht.

Hygienemaßnahmen wie das Händewaschen sind unerlässlich, um die Ausbreitung von Enteroviren zu verhindern. Hochschwangere sollten den Umgang mit Patienten mit Verdacht auf enterovirale Erkrankungen vermeiden.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Thomas Fühner, PD Dr. med., Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, Hannover

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Enterovirus-Infektion. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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