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Infektionen mit Enteroviren

Enterovirus-Infektionen treten am häufigsten bei Kindern und Säuglingen auf. Dabei kann es sich um Erkrankungen mit Ausschlägen, Hirnhautentzündungen und Augenentzündungen handeln.

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Was sind Enteroviren?

Enteroviren sind eine Gruppe unterschiedlicher Viren, die sich im Darm vermehren und von Mensch zu Mensch übertragen werden; das heißt, die Ansteckung erfolgt über den Stuhl zum Mund (fäkal-oral). Zur Gruppe der Enteroviren gehören auch die Polioviren, die Poliomyelitis (allgemein als Polio bzw. Kinderlähmung bekannt) verursachen können. Die übrigen Enterovirus-Infektionen können bei Menschen jeden Alters zu verschiedenen Erkrankungen führen, treten jedoch am häufigsten bei Kindern und Säuglingen auf. Dabei kann es sich u. a. um Erkrankungen mit Ausschlägen, Hirnhautentzündungen und Augenentzündungen handeln.

Enteroviren sind in Untergruppen unterteilt, die wiederum verschiedene Serotypen umfassen:

  • Poliovirus (Serotypen 1–3)
  • Coxsackievirus Gruppe A und Gruppe B (insgesamt 28 Serotypen)
  • ECHO-Virus (29 Serotypen)
  • neuere Enterovirusarten.

Übertragung der Infektion

  • Die Virusinfektion wird meist über den Stuhl als Schmierinfektion übertragen, seltener auch über Tröpfcheninfektion bzw. direkten Kontakt mit Bläscheninhalt. Mögliche Infektionsquellen sind auch verunreinigte Gegenstände und verunreinigtes Wasser.
  • Erkrankte können die Viren mehrere Wochen mit dem Stuhl ausscheiden.
  • Die Inkubationszeit beträgt 2–14 Tage.

Häufigkeit

  • Enteroviren sind weltweit verbreitet und verursachen vor allem in Asien regelmäßig große Epidemien.
  • Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu einem gehäuften Auftreten von Enteroviren, zuletzt 2010, 2013 und 2019 mit Enterovirus 71.
  • Enterovirus-Infektionen können zu jeder Jahreszeit auftreten; in den gemäßigten Klimazonen besteht jedoch die größte Ansteckungsgefahr während der Sommer- und Herbstmonate.
  • Eine Infektion mit Enteroviren kann in jedem Alter auftreten, Säuglinge und Kleinkinder sind allerdings am häufigsten betroffen. Aus bisher unbekannten Gründen sind Jungen und Männer infektionsanfälliger als Mädchen und Frauen.

Verschiedene Arten von Enterovirus-Erkrankungen

Bei über 90 % der Infektionen, die durch Nicht-Polio-Enteroviren verursacht werden, zeigen sich keine Symptome, oder sie führen nur zu unspezifischen fieberhaften Erkrankungen mit Halsschmerzen und Husten („Sommergrippe). Im Krankheitsfall können das Krankheitsbild und der Schweregrad je nach Art des Virus, Alter, Geschlecht und Immunstatus variieren. 

Ausschläge auf Haut und Schleimhäuten

Verschiedene Typen des Coxsackie- und des ECHO-Virus führen zu unterschiedlichen Hautausschlägen, bisweilen begleitet von einem Ausschlag auf der Mundschleimhaut. Häufig sind diese Ausschläge nicht ausreichend charakteristisch, um eindeutig ein Virus als Ursache benennen zu können. Meist bestehen keine weiteren Beschwerden, Fieber über 24–36 Stunden ist möglich. Leichte Ausschläge am Körper werden häufig durch Infektionen mit dem ECHO-Virus verursacht (z. B. sog. Boston-Exanthem).

Hand-Fuß-Mund-Krankheit 

  • Hierbei handelt es sich um eine häufig vorkommende, akute Erkrankung, von der meist Kleinkinder betroffen sind und die durch das Coxsackie-A-Virus oder andere Enteroviren der Gruppe A verursacht wird.
  • Die Symptome sind Fieber, Bläschen auf der Wangeninnenseite und der Zunge sowie kleine Ausschläge an Händen, Füßen und Gesäß.
  • Die Inkubationszeit beträgt normalerweise 3–10 Tagen, die Erkrankung geht meist von selbst nach 5–7 Tagen zurück.

Herpangina

  • Dies ist ein Ausschlag mit Bläschen auf der Mundschleimhaut, der bis tief in den Rachen reicht und auch Gaumenbögen, Zäpfchen und Mandeln befällt.
  • Von der Krankheit sind zumeist Kinder im Alter von 3–10 Jahren betroffen.
  • Die Symptome sind Halsschmerzen, Fieber und Schmerzen beim Schlucken.
  • Die Infektion wird durch das Coxsackie-A-Virus oder andere Enteroviren verursacht.

Infektionen des zentralen Nervensystems

Die Hirnhautentzündung (Meningitis) ist die häufigste Erscheinungsform, während Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis) seltener vorkommen. Einige Enteroviren (Poliovirus, EV71) greifen Zellen in Gehirn und Rückenmark an und verursachen akute Lähmungen.

Virale Meningitis/Enzephalitis

  • Die meisten Fälle sind verursacht durch Coxsackieviren der Gruppe B sowie ECHO-Viren.
  • Bei Kleinkindern ist das Krankheitsbild geprägt von Fieber und Reizbarkeit. Bei älteren Kindern und Erwachsenen sind die Symptome Fieber bis 40 °C, Kopfschmerzen, steifer Nacken, Übelkeit und Erbrechen, Licht- und Lärmscheuheit, Abgeschlagenheit und Muskelschmerzen.
  • Bei 5–10 % aller virusbedingten Hirnhautentzündungen kann der Verlauf durch eine Entzündung des Gehirns erschwert werden, die sich durch Bewusstseinsstörungen oder Krämpfe äußert.
  • Kinder haben sich in der Regel nach 3–7 Tagen vollständig erholt, während die Symptome bei Erwachsenen länger anhalten können.

Lähmungen

  • Poliomyelitis kann in schweren Fällen zu Hirnhautentzündung und Lähmungen der Muskulatur führen.
  • Lähmungen können auch von Nicht-Polio-Enteroviren verursacht werden, meist Enterovirus 70 oder 71, Coxsackie 7 oder 9.
  • Eine durch Nicht-Polio-Enteroviren ausgelöste Lähmung ist weniger schwerwiegend als eine poliovirusbedingte Lähmung, und diese Lähmung ist in der Regel nicht dauerhaft.

Augeninfektionen

Enteroviren können hoch ansteckende Augeninfektionen verursachen, die durch Schmerzen, geschwollene Augenlider und Blutungen in der Bindehaut gekennzeichnet sind. Die Erkrankung heilt von selbst und führt selten zu dauerhaften Sehstörungen. Die Symptome erreichen nach 2–3 Tagen ihren Höhepunkt und klingen ohne weitere Komplikationen innerhalb von 10 Tagen wieder ab.

Epidemische Pleurodynie (Bornholm-Krankheit)

Dies ist eine akute Erkrankung mit Fieber, schubweisen Krämpfen und Schmerzen in der Brust- und Bauchmuskulatur. Die meisten Fälle treten lokal bei Jugendlichen und Erwachsenen in den Sommermonaten auf. Die Symptome erinnern mitunter an schwere Erkrankungen wie bakterielle Lungenentzündung, Lungenembolie, Herzinfarkt, akute Bauchschmerzen und Gürtelrose. Die häufigste Ursache sind Coxsackieviren der Gruppe B. Die meisten Menschen erkranken für 4–13 Tage. Bei Kindern verläuft die Krankheit weniger ausgeprägt als bei Erwachsenen.

Entzündung des Herzens (Perimyokarditis)

Die Krankheit betrifft in der Regel sowohl den das Herz umgebenden Herzbeutel (Perikard) als auch den Herzmuskel. Der Schweregrad der Herzmuskelentzündung reicht von Fällen ohne Symptome bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen. Bei den seltener betroffenen Erwachsenen heilt die Erkrankung meist vollständig aus. Die häufigste virale Ursache sind Coxsackieviren der Gruppe B.

Weitere Krankheitsbilder

Enteroviren können außerdem Entzündungen im Magen-Darm-Trakt, der Bauchspeicheldrüse, der Leber und der Hoden hervorrufen.

Schwangerschaft und Infektionen bei Neugeborenen

  • Enteroviren passieren nur in geringem Grad die Plazenta und führen daher selten zu Erkrankungen des Fetus.
  • Neugeborene sind äußerst anfällig für Enterovirus-Infektionen.
  • Auch wenn die meisten Virustypen zu milden und vorübergehenden Krankheitsverläufen führen, können einige schwere Erkrankungen hervorrufen.

Untersuchungen

Die Diagnose wird in den meisten Fällen anhand der Symptome gestellt.

Bei Bedarf können Enteroviren im Blut, Stuhl, in der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit sowie in Rachenabstrichen nachgewiesen werden.

Behandlung

Die meisten Enterovirusinfektionen sind selbstbegrenzend und bedürfen keiner besonderen Behandlung. Die Symptome können mit fiebersenkenden und schmerzstillenden Mitteln gelindert werden.

Die therapeutischen Möglichkeiten sind bei schweren Infektionen begrenzt und wurden bisher nicht gründlich erforscht. Bei schweren Krankheitsverläufen können Antikörper eingesetzt werden.

Vorbeugung

  • Hygienemaßnahmen wie das Händewaschen sind unerlässlich, um die Ausbreitung von Enteroviren zu verhindern.
  • Schwangere sollten den Umgang mit Personen, bei denen der Verdacht auf eine Enterovirus-Infektion besteht, vermeiden.
  • Eine Impfung gegen die Nicht-Polio-Enteroviren steht in Deutschland bislang nicht zur Verfügung.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Thomas Fühner, PD Dr. med., Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, Hannover