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Parvovirusinfektion

Die große Gruppe der sogenannten Parvoviren umfasst sehr viele Viren, die entweder nur Tiere befallen oder bei Menschen keine Erkrankung auslösen. Eine Ausnahme ist die Untergruppe der Parvoviren, zu denen das Parvovirus B19 gehört. Bei den meisten Menschen verläuft diese Parvovirusinfektion mit leichten, unspezifischen, erkältungsähnlichen Symptomen. Typisch ist jedoch der vor allem bei Kindern auftretende auftretende Hautausschlag, die sogenannten Ringelröteln. Eine Infektion während der Schwangerschaft kann für das ungeborene Kind gefährlich werden.

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Was ist eine Infektion mit Parvovirus B19?

Parvoviren sind sehr kleine, einzelsträngige DNA-Viren. Wichtig aus dieser Gruppe ist das Parvovirus B19, weil die meisten Menschen sich bis zum frühen Erwachsenenalter damit infizieren. Eine solche Infektion verläuft meist ganz ohne oder lediglich mit leichten, unspezifischen, erkältungsähnlichen Symptomen.

Die Erkrankungen infolge dieser Infektion sind:

  • Ringelröteln (Erythema infectiosum) mit dem typischen Hautausschlag
  • Gelenkschmerzen
  • eine vorübergehende Verringerung der Anzahl roter Blutkörperchen (Mangel an roten Blutkörperchen)
  • kleine Blutungen in der Haut (Purpura) an Händen und Füßen.

Eine Infektion während der Schwangerschaft kann für das ungeborenen Kind gefährlich werden.

Auch einige seltenere Erkrankungen werden mit einer Parvovirusinfektion in Verbindung gebracht.

Verbreitung

Auf der ganzen Welt infizieren sich Menschen mit dem Parvovirus, die meisten von ihnen vor dem Eintritt des 15. Lebensjahrs. Am häufigsten tritt die Infektion im späten Winter oder im Frühling auf. Der Durchseuchungsgrad liegt in Deutschland zwischen 35 (Kinder – 4 bis 6 Jahre) und 80 % der Bevölkerung (ältere Erwachsene). Wer als Kind oder Erwachsener die Krankheit durchgemacht hat, ist immun; dies gilt also für die Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung.

Ansteckung

Das Virus wird per Tröpfcheninfektion, per Infektion durch Blut oder direkt von der schwangeren Frau auf das ungeborene Kind übertragen. Die Infektionsgefahr liegt bei etwa 50 % für Personen, die mit infizierten Menschen zusammenleben, und bei ca. 20–30 % für Personen, die täglich stundenweise mit infizierten Kindern Umgang haben (z. B. Lehrer, Erzieher oder Tagesmütter). Die Inkubationszeit beträgt 4 bis 14 Tage, kann aber auch bis zu 21 Tage dauern. Personen, die sich infiziert haben, sind etwa 1 Woche vor Auftreten der Symptome und dann noch etwa eine weitere Woche ansteckend.

Verschiedene Parvovirusinfektionen

(Erythema infectiosum)

Dies ist die bekannteste Form der Parvovirusinfektion. Die Krankheit tritt vor allem bei Kindern im Alter von 4 bis 10 Jahren auf; Erwachsene können ebenfalls betroffen sein, wenn auch seltener und mit einem weniger auffälligen Ausschlag. Die Warnzeichen der Krankheit, wie Fieber, erkältungsähnliche Symptome, Kopfschmerzen und Übelkeit, sind nicht stark ausgeprägt. Der Ausschlag beginnt typischerweise mit stark roten Wangen (wie nach einer Ohrfeige) und deutlicher Blässe um den Mund. Nach 1 bis 4 Tagen breitet sich dann ein kleinfleckiger Hautausschlag auf Arme, Beine und Rumpf aus. Da die rötlichen Flecken häufig in einem typisch streifenförmigen Muster zusammenfließen, spricht man von Ringelröteln. Der Ausschlag hält normalerweise 1 bis 3 Wochen an. Er kann in seiner Ausprägung verstärkt sein, wenn das Kind Wärme und Sonnenstrahlen ausgesetzt wird, und klingt schließlich von selbst wieder ab, ohne bleibende Veränderungen auf der Haut zu hinterlassen.

Gelenkschmerzen

Solche Probleme können eine Komplikation der Ringelröteln oder eine Hauptmanifestation der Parvovirusinfektion sein. An Gelenkschmerzen leiden fast 10 % der infizierten Kinder; bei Jugendlichen und Erwachsenen mit dieser Infektion treten sie allerdings häufiger auf (bis zu 60 %). Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Die Gelenkschmerzen äußern sich bei Erwachsenen und Kindern unterschiedlich. Bei Erwachsenen können viele Gelenke betroffen sein, wobei der Schmerz symmetrisch auf beiden Seiten auftritt. Häufig schmerzen insbesondere die Fingergelenke, die der Handfläche am nächsten sind (also nicht die Fingerspitzen). Große Gelenke sowie Handgelenke oder Knöchel sind meist schmerzfrei. Die Gelenkschmerzen nehmen meist im Laufe von 3 Wochen wieder ab, können aber in Ausnahmefällen monate- oder jahrelang anhalten, vor allem bei Frauen. Bei Kindern können die Schmerzen sowohl symmetrisch als auch asymmetrisch auftreten; in der Regel sind Knie (ca. 80 %) und Knöchel betroffen.

Transiente aplastische Krise

Dies ist eine seltene Komplikation der Parvovirusinfektion. Bei Menschen mit einer geringen Anzahl an roten Blutkörperchen infolge von Eisenmangel, HIV-Infektion oder Erbkrankheiten der roten Blutkörperchen (Sichelzellenanämie, Kugelzellenanämie oder Thalassämie) kann die Infektion mit dem Parvovirus zu einer transienten (vorübergehenden) Zerstörung der roten Blutkörperchen sowie der weißen Blutzellen und Blutplättchen (aplastische Krise) führen. Die Erkrankung kann zwar lebensbedrohlich sein, jedoch genesen die meisten Patienten unter Therapie innerhalb von 2 Wochen wieder. In der Anfangsphase können wiederholte Bluttransfusionen erforderlich sein. Durch die Blutarmut und damit die beeinträchtigte Sauerstoffversorgung der Organe ist allerdings das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erhöht.

Chronische Aplasie der roten Blutkörperchen

Auch dies ist eine seltene Komplikation. Bei Personen mit geschwächtem Immunsystem (wegen einer Erkrankung oder einer immunsuppressiven Therapie) kann eine Parvovirusinfektion bestehen bleiben, da sie keine Antikörper produzieren. Ausschläge und Gelenkschmerzen treten nicht auf, da diese eine Folge der Ablagerungen des Antikörperkomplexes in Haut und Gelenken sind. Die Patienten sind aufgrund der Anämie, die schwerwiegend, anhaltend oder wiederkehrend sein kann, müde und blass. Bluttransfusionen können erforderlich sein, und bei einer schweren Anämie wird gegebenenfalls eine intravenöse Behandlung mit Immunglobulin empfohlen. Im Fall einer laufenden immunsuppressiven Therapie wird diese ggf. vorübergehend unterbrochen.

Andere Formen von Hautveränderungen

Parvovirusinfektionen können zu einem purpurfarbenen Ausschlag an Händen und Füßen führen. Ein solcher tritt vor allem bei jungen Erwachsenen auf und äußert sich als symmetrischer, schmerzhafter, roter Ausschlag mit Schwellungen an Händen und Füßen. Daraus entwickeln sich allmählich kleine Blutungen in der Haut (Petechien und Purpura), und es können sich flüssigkeitsgefüllte Bläschen und größere Blasen mit anschließender Hautabstoßung bilden. Typisch ist eine scharfe Abgrenzung des Ausschlags an Handgelenken und Knöcheln (Handschuh-Socken-Syndrom), aber auch andere Hautpartien können von ihm betroffen sein (Wangen, Ellenbogen, Knie, Oberschenkelinnenseiten, Gesäß, Eichel oder Schamlippen). Die Patientin/der Patient ist in der Regel in gutem Allgemeinzustand, kann aber an Gelenkschmerzen und/oder Fieber leiden. Die Symptome klingen normalerweise nach 1 bis 3 Wochen wieder ab; Narben bleiben keine zurück.

Seltene Krankheiten

Sehr selten wurden durch Parvovirus-B19 verursachte Entzündungen von Blutgefäßen, der Niere, des Herzmuskels oder des Gehirns beobachtet.

Parvovirusinfektion während der Schwangerschaft

Während der Schwangerschaft kann das Virus über die Plazenta auf das ungeborene Kind übertragen werden und beim Fötus eine schwere Infektion von Herz und Leber hervorrufen.

Das Risiko, dass sich die Infektion von der Mutter auf das ungeborene Kind überträgt, liegt bei etwa 30 %. Infektionen im ersten und zweiten Trimester sind am gefährlichsten, da dann in der Leber verstärkt rote Blutkörperchen produziert werden.

Wenn eine schwangere Frau dem Parvovirus ausgesetzt ist, beispielsweise durch Kontakt mit einem Kind mit Ringelröteln, sollte eine eventuelle akute Infektion durch eine Blutuntersuchung bestätigt werden (Antikörpertest). Bei Bestätigung einer akuten Infektion sollten während 10 bis 12 Wochen nach der Erstinfektion wiederholt Ultraschalluntersuchungen (wöchentlich oder vierzehntägig) durchgeführt werden, um Schädigungen beim Kind erkennen und behandeln zu können.

Eine routinemäßige Untersuchung auf Parvoviren ist bei Schwangeren nicht erforderlich. Der Antikörpertest gehört nicht zu den Routineuntersuchungen während der Schwangerschaft (ist nicht Teil der Mutterschafts-Richtlinie) und muss selbst bezahlt werden.

Schwangeren, die beruflich oder privat sehr engen Kontakt mit Kindern haben, wird jedoch empfohlen, untersuchen zu lassen, ob sie gegen Parvovirus B19 immun sind oder nicht. Etwa 30 % der gebärfähigen Frauen haben die Infektion noch nicht durchgemacht und könnten sich also während der Schwangerschaft infizieren.

Diagnose

Im Fall von Ringelröteln kann die Diagnose ohne Labortests gestellt werden, wenn die Symptome typisch sind. Falls Labortests notwendig sind, stehen zwei Arten von Tests zur Verfügung, die eine Infektion mit Parvoviren bestätigen können: mit einem Nachweis spezifischer Antikörper (erst einige Tage nach der Infektion möglich) und per Labornachweis viraler DNA.

Therapie

Die Ringelröteln sind meist selbstbegrenzend und bedürfen in der Regel keiner speziellen Therapie. Bei Gelenkschmerzen werden gegebenenfalls Schmerzmittel empfohlen. Im Falle einer transienten aplastischen Krise können bis zur Erholung der Produktion der Blutzellen im Knochenmark Bluttransfusionen notwendig sein. Eine chronische Aplasie der roten Blutkörperchen kann, wenn der Zustand ernst ist, die intravenöse Behandlung mit Immunglobulin erforderlich machen.

Häufig können Infizierte zu Hause bleiben, bis sie wieder gesund sind. Patienten mit anderen Grunderkrankungen, insbesondere geschwächtem Immunsystem, oder Schwangere werden jedoch eher von einem Spezialisten weiterbetreut oder in einer Klinik behandelt, um Komplikationen zu vermeiden.

An der Entwicklung eines Impfstoffs wird geforscht, aber bis auf Weiteres ist er nicht verfügbar.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen