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Behandlung der Anorexie (Magersucht)

Es ist wichtig, dass an Anorexie erkrankte Personen frühzeitig behandelt werden, um einen langwierigen Krankheitsverlauf möglichst zu verhindern.

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Was ist Anorexie (Magersucht)?

Bei der Anorexie (Magersucht) handelt es sich um eine Essstörung, die zu den psychischen Erkrankungen gezählt wird. Die Anorexie ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten Gewichtsverlust charakterisiert. Die Betroffenen nehmen sich selbst als übergewichtig wahr, obwohl das Körpergewicht normal oder geringer ist, als für das Alter, das Geschlecht und den Entwicklungsstand mindestens zu erwarten wäre. Es besteht eine intensive Angst davor, zuzunehmen. Um weiter an Gewicht zu verlieren, unterziehen sich die Betroffenen extremen gewichtsreduzierenden Maßnahmen: Sie schränken ihre Nahrungsaufnahme ein, treiben übermäßig viel Sport, Erbrechen nach der Nahrungsaufnahme oder verwenden Medikamente zur Gewichtsreduktion, z. B. abführende (Laxanzien) oder entwässernde Mittel (Diuretika). Diese Maßnahmen werden oft auch kombiniert eingesetzt. Die Erkrankung kann teils schwerwiegende körperliche Probleme nach sich ziehen. Oft hat die Erkrankung einen langwierigen Verlauf.

Betroffenen Patienten mangelt es oft an Einsicht, den Ernst der Lage zu erkennen. Zuzugeben, dass ein Problem besteht, ist der erste und schwierigste Schritt heraus aus der Magersucht.

Behandlung der Magersucht

Es ist wichtig, die Therapie so früh wie möglich einzuleiten, um zu verhindern, dass die Erkrankung langwierig (chronisch) verläuft. Der Heilungsprozess umfasst in der Regel einen Zeitraum von vielen Monaten, wenn nicht Jahren. Rückfälle sind möglich.

Folgende Punkte sind Ziel der Therapie:

  • Die Nahrungsaufnahme normalisieren.
  • Eine vorsichtige, realistische Zunahme des Körpergewichts zu erreichen.
  • Die körperliche Aktivität normalisieren.
  • Körperliche Folgeerkrankungen behandeln.
  • Die Einstellung zum Körperbild und die Denkweise über das Essen ändern.
  • Eventuelle (psychische) Konflikte lösen, die zu der Essstörung geführt haben.

Zunächst ist es wichtig, die Betroffenen und Angehörigen über die Erkrankung aufzuklären und einen Therapieplan auszuarbeiten. Die Therapie kann im ambulanten Bereich geschehen, meist in einer ambulanten Psychotherapie kombiniert mit einer Betreuung, z. B. durch die Hausärztin oder den Hausarzt, die sich auf die körperlichen Probleme bezieht. Vor allem bei schwerer Gewichtsabnahme, Komplikationen bzgl. Organfunktionen sowie einem lebensbedrohlichen Zustand erfolgt die Behandlung in einer Klinik, teilweise auch durch Einrichtung einer gesetzlichen Betreuung.

Um auslösende Situationen festzustellen und das Ess- und Aktivitätsverhalten genauer zu untersuchen, kann es sinnvoll sein, ein Tagebuch zu Mahlzeiten, etwaigen Essattacken, Fällen von Erbrechen, die Anwendung von Abführmitteln sowie zu körperlicher Aktivität zu führen.

In allen Altersstufen ist es wichtig, mit der Familie der Patienten zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig werden individuelle Bedürfnisse der Patienten berücksichtigt. Schuld- und Schamgefühle sollen in Gesprächen abgebaut werden. In der Familie soll ein Klima hergestellt werden, in dem die Eltern und andere Beteiligte die Patienten optimal dabei unterstützen können, die notwendige Motivation und Stärke zu finden, um sich von der Essstörung zu befreien.

Mit den Betroffenen wird oft eine Art Vertrag abgeschlossen, der bestimmte Regeln oder Abmachungen festlegt. Mögliche Regeln sind z. B. eine Normalisierung der körperlichen Aktivitäten und eine regelmäßige Ernährung. Die Ärzte und die Patienten sollten gemeinsam einen Speiseplan ausarbeiten, der als Orientierungshilfe dient. Auf dem Speiseplan sollte eine ausgewogene Ernährung stehen, evtl. sind Nahrungsergänzungsmittel erforderlich bzw. sinnvoll. Die tägliche Kalorienmenge wird je nach Alter und Gewicht bestimmt. Den Patienten wird erklärt, dass ausreichende Mengen an Nahrung notwendig sind und bei Anorexie eine sichere Therapie darstellen. Die Angst der Patienten vor den erforderlichen Nahrungsmengen kann schnell zu Unsicherheit und Meinungsverschiedenheiten führen. Alle Beteiligten sollten bei Änderungen des Speiseplans einbezogen werden. Außerdem wird das Gewicht in regelmäßigen Abständen überprüft. Die Steigerung des Gewichts sollte fortgesetzt werden, bis die Patienten Normalgewicht erreicht haben.

Wichtig ist, die Betroffenen zu motivieren und für erreichte Zwischenziele zu loben. Die Motivation aufrecht zu erhalten ist ein zentraler Anknüpfungspunkt der Therapie. Motivierend kann z. B. sein:

  • Gefühle von Freude, Konzentration, Spontanität oder Energie wahrnehmen.
  • Selbst entscheiden, aus eigenem Interesse wieder gesund zu werden.
  • Bemerken, dass neue Fähigkeit bestehen, um Probleme zu bewältigen.
  • Zunehmende Selbstbestimmung, z. B. über die Gestaltung des Alltags.
  • Ein stärkeres Bewusstsein dafür gewinnen, was man selbst benötigt, um mit seinem Leben zufrieden zu sein.
  • Kleinere erreichbare Ziele setzen.
  • Ein stärkeres Selbstbewusstsein gewinnen.

Psychotherapie

Die Psychotherapie ist bei Essstörungen die wirksamste Therapiemethode. Eine Psychotherapie ist wichtig, um die Patienten zu unterstützen, z. B. durch Stärkung des Selbstwertgefühls, Minderung des Leistungsdrucks und Abklärung depressiver Gedanken, eines Zwangsverhaltens und anderer psychischer Probleme. Bei dieser Form der Therapie sprechen die Patienten regelmäßig mit einer Therapeutin/einem Therapeuten über ihre Gedanken, Gefühle und Probleme in Bezug auf das Essen. Die Psychotherapie kann auch dabei helfen, das gestörte Körperbild zu normalisieren.

Manchmal kann es sinnvoll sein, eine Familientherapie durchzuführen, z. B. wenn viele Konflikte innerhalb der Familie bestehen. Weitere Therapiemethoden können eine Einzeltherapie mit Elternberatung, eine Gruppentherapie oder eine Unterbringung in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung sein.

Weitere Informationen finden Sie im Artikel Psychotherapie bei Anorexie.

Ernährungstherapie

Im Rahmen einer Ernährungsberatung für Essstörungen erfahren die Patienten Wissenswertes zur Ernährung, z. B. eine ausreichende Mahlzeitenstruktur und normale Portionsgrößen und wie der Körper die Nährstoffe nutzt. Außerdem wird versucht, die Probleme der Nahrungseinschränkung oder des Erbrechens zu lösen. Eine Ernährungsberatung sollte allerdings nicht als alleinige Behandlung angeboten werden.

Medikamentöse Behandlung

Medikamente spielen bei der Therapie von Essstörungen keine wesentliche Rolle. Weder Neuroleptika noch Antidepressiva sind zur Erreichung einer Gewichtszunahme geeignet. Appetitstimulanzien werden nicht empfohlen. Liegt gleichzeitig eine Depression oder Zwangsstörung vor, können Antidepressiva aber wirksam sein. Neuroleptika können bei Angst oder deutlicher Unruhe sinnvoll sein, sind für diese Krankheit jedoch offiziell nicht zugelassen. Der Bedarf von Medikamenten kann durch erfahrene Fachärzte festgestellt werden. Bei einem anhaltenden Ausbleiben der Regelblutung stellen Hormonpräparate keine Lösung dar.

Stationäre Behandlung

Wenn Betroffene so untergewichtig sind, dass sie lebensbedrohlich krank sind, ist eine Krankenhausbehandlung unbedingt erforderlich. Neben starkem Untergewicht sind schneller oder anhaltender Gewichtsverlust, fehlender Erfolg einer ambulanten Behandlung, Probleme innerhalb der Familie, weitere psychische Erkrankungen, körperliche Gefährdung oder Komplikationen und geringe Krankheitseinsicht Gründe für eine stationäre Behandlung in (Tages-)Kliniken oder Wohngruppen, die sich auf Essstörungen spezialisiert haben. Eine stationäre Behandlung ist bei magersüchtigen Patienten relativ häufig angezeigt. Eine ambulante Behandlung reicht oft nicht aus, um die Essgewohnheiten und das Gewicht zu normalisieren.

Bei der Krankenhausbehandlung werden die Nahrungsaufnahme und das Gewicht stabilisiert. Die Patienten werden regelmäßig gewogen. In der Regel finden während des Aufenthalts auch Gespräche mit einem Psychotherapeuten statt. Falls es durch das Untergewicht zu Störungen des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt gekommen ist, werden diese behandelt.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim
  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W.