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Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

Kinder und Jugendliche, die an einer Depression leiden, sind über einen längeren Zeitraum traurig, können leicht reizbar sein oder Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen. Oft sind die Beschwerden ähnlich wie bei Erwachsenen, doch bei kleineren Kindern kann es schwierig sein, eine Depression zu erkennen.

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Eine wichtige Information vorab!

In akuten Krisen (Suizidgedanken oder -absichten, Bedrohung/Gewalt) bei dir selbst oder bei Ihrem Kind nimm/nehmen Sie bitte Kontakt auf mit:

  • der nächstgelegenen kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik – oder –
  • der Rettungsleitstelle unter der Telefonnummer 112 – oder –
  • der Polizei unter der Telefonnummer 110.

Was ist eine Depression?

Definition

Kinder und Jugendliche, die an einer Depression leiden, sind über einen längeren Zeitraum traurig, können leicht reizbar sein oder Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen. Depressive Episoden können einmalig auftreten oder wiederkehrend (rezidivierend). In vielen Fällen, besonders ohne Behandlung, treten nach einer depressiven Episode später weitere auf.

Falls die Symptome weniger stark ausgeprägt sind als bei einer Depression, wird das Krankheitsbild als Dysthymie bezeichnet. Die Kinder oder Jugendlichen leiden dann über Jahre an einer meist gedrückten Stimmung, die weniger stark ausgeprägt ist als eine Depression.

Manchmal tritt eine depressive Störung auch zusammen mit einer Störung des Sozialverhaltens auf, wie z. B. Stehlen, Schulschwänzen oder Bandenkriminalität. Ausgeprägte Stimmungsschwankungen können vorkommen, und es besteht ein erhöhtes Risiko für Drogenkonsum.

Bei einer bipolaren Störung können sich die depressiven Episoden mit manischen Phasen abwechseln.

Symptome

Die betroffenen Kinder oder Jugendlichen leiden meist an ähnlichen Beschwerden wie die Erwachsenen:

  • gedrückte Stimmung
  • Weniger oder kein Interesse mehr an Dingen, die früher Spaß gemacht haben.
  • Probleme mit dem Selbstwertgefühl
  • Schwierigkeiten bei einer Sache zu bleiben, sich zu konzentrieren, Entscheidungen zu treffen.
  • Schlafstörungen
  • Veränderungen des Appetits (weniger oder mehr)
  • körperliche Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Suizidgedanken oder konkrete Ideen, diese auszuführen.

Je nach Alter des Kindes oder Jugendlichen kann sich eine depressive Störung aber sehr unterschiedlich äußern.

Kleinkinder

Bei kleineren Kindern können die Symptome auch andere körperliche oder psychische Ursachen haben. Daher ist in diesem Alter eine Depression oft schwer zu erkennen. 

Betroffene Kinder können beispielsweise dadurch auffallen, dass sie ängstlicher sind, sich zurückziehen, keine Lust mehr zum Spielen haben. Sie können aber auch besonders unruhig, gereizt oder aggressiv sein und ihre Stimmung kann schnell kippen.

Ältere Kinder

Kinder im Vorschul- oder Schulalter können Auflehnung oder trotziges Verhalten gegenüber Erwachsenen zeigen oder auch ein sehr negatives Selbstbild haben. Angst davor, in die Schule zu gehen, eine Verschlechterung ihrer Schulleistungen oder Probleme beim Lernen sind ebenfalls möglich.

Jugendliche

Bei Jugendlichen kann eine Abgrenzung einer Depression zu den Stimmungsschwankungen, die in der Pubertät häufig vorkommen, schwierig sein. Ihren Mitmenschen kann auffallen, dass sie sich zurückziehen, lustlos oder auch besonders unruhig sind und teilweise Schwierigkeiten in der Schule haben. Es kommen gehäuft Schlafprobleme vor, sie können oft nicht oder sehr spät einschlafen oder fast gar nicht schlafen. Manche Jugendliche nehmen auch Drogen oder trinken übermäßig viel Alkohol.

Ursachen

Depressionen entstehen meist durch ein Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen. Belastende Lebensereignisse im Kindes- und Jugendalter sind eng mit einem erhöhten Depressionsrisiko verbunden. Das scheint besonders bei Mädchen zuzutreffen.

Kinder, bei denen ein Elternteil an einer depressiven Störung erkrankt ist, haben ein um das 3- bis 5-Fache erhöhtes Risiko, ebenfalls an einer Depression zu erkranken.

Häufigkeit

  • Weltweit erkranken ca. 1 % der Kinder und 4–5 % der Jugendlichen an einer Depression.
  • In Deutschland leiden 11 % der 7- bis 11-Jährigen und 16 % der 11- bis 19-Jährigen an einer behandlungsbedürftigen Depression.

Untersuchungen

Ärztliches Gespräch

Im Gespräch mit den Betroffen und ihren Familienangehörigen stellen Ärzt*innen Fragen zu den aktuellen Beschwerden, wie langen diese schon bestehen und ob es Hinweise auf eine Angst- oder Zwangsstörung gibt. Eventuell wird nach früheren Erkrankungen, psychischen Erkrankungen in der Familie und dem aktuellen Entwicklungsstand des Kindes gefragt.

Wichtig ist auch die Frage nach Suizidgedanken oder -absichten und nach Selbstverletzungen (z. B. „Ritzen“).

Untersuchung

Dem Gespräch folgt in der Regel eine körperliche Untersuchung, um weitere Erkrankungen als Ursache auszuschließen oder körperliche Beschwerden zu erfassen.

Überweisung an Spezialist*innen

Eine Überweisung an Kinder- und Jugendpsychiater*innen kann bei einer ausgeprägten Depression bzw. zusätzlichen psychotischen Symptomen erforderlich werden.

Wenn Jugendliche Drogen oder Alkohol konsumieren, erfolgt in der Regel ebenfalls eine Überweisung an Spezialist*innen.

Einweisung in ein Krankenhaus

Eine Einweisung in ein Krankenhaus sollte erfolgen, falls ein hohes Risiko besteht, dass sich die Betroffenen selbst schaden oder die Depression so stark ausgeprägt ist, dass eine ambulante Behandlung nicht ausreicht. Unter Selbstschädigung fällt Selbstverletzung, Suizid(-versuch), Vernachlässigung der Körperpflege oder schädliches Essverhalten (zu viel, zu wenig, zu ungesund).

Behandlung

Ziele der Behandlung sind:

  • Stimmung aufhellen.
  • Suizid verhindern, Suizidrisiko reduzieren.
  • Stress und Belastungsfaktoren reduzieren.
  • Unterstützung beim Umgang mit der aktuellen Lebenssituation, Resilienz (Bewältigungsstrategien) stärken.

Wichtig ist dabei, die Eltern miteinzubeziehen und, falls erforderlich, auch den Kindergarten oder die Schule (z. B. bei Mobbing). Für die Eltern und die Familie kann eine Beratung und Psychoedukation, ggf. auch eine Familientherapie hilfreich sein.

Eine Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ist erforderlich bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung oder Misshandlung.

Psychotherapie

In einer Psychotherapie können Kinder oder Jugendliche mit Hilfe von Therapeut*innen lernen, ihre Erkrankung zu bewältigen. Ihnen werden neue Wege aufgezeigt, wie sie konstruktiver mit ihren Problemen umgehen können.

Eine Psychotherapie hat bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen Vorrang vor Medikamenten. Ab einem Alter von 8 Jahren werden vor allem die kognitive Verhaltenstherapie oder die interpersonelle Psychotherapie empfohlen. Diese findet in der Regel bei Fachärzt*innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen statt. Psychotherapie kann in einer Praxis in einem Krankenhaus, einzeln, mit der Familie oder in einer Gruppe durchgeführt werden. Auch eine psychodynamische oder eine systemische Therapie sind möglich.

Medikamente

Wenn die Kinder/Jugendlichen an einer leichten bis mittelgradigen Depression erkrankt sind, sollten sie erst einmal psychotherapeutisch behandelt werden. Leiden sie an einer schweren Depression, kann die Psychotherapie mit Medikamenten kombiniert werden, den sog. Antidepressiva.

Bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen ab 8 Jahren wird in der Regel zunächst das Antidepressivum Fluoxetin verordnet. Bis die Erkrankten eine deutliche Verbesserung ihrer Stimmung bemerken, kann es 4 bis 6 Wochen dauern. Ab diesem Zeitpunkt sollte das Medikament noch ca. 1 Jahr eingenommen werden, um einen Rückfall zu vermeiden.

Zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva kann es sein, dass sich Suizidgedanken, Angst, Unruhe oder Zwangshandlungen verstärken. Sprechen Sie in diesem Fall mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, evtl. muss auf ein anderes Antidepressivum gewechselt werden.

Kontrolluntersuchungen

Nachdem eine Behandlung eingeleitet wurde, sollten regelmäßige Kontrolltermine vereinbart werden, um das Suizidrisiko zu beurteilen, evtl. Nebenwirkungen zu erfassen und damit frühzeitig bei Verschlechterung reagieren zu können.

Was kannst du selbst tun?

  • Sei körperlich aktiv: Triff dich mit Freund*innen zum Spazierengehen, treibe weiter Sport oder probiere eine neue Sportart aus. Das wirkt sich positiv auf deine Stimmung aus, und du wirst dich fitter und ausgeglichener fühlen. Wenn du dabei draußen bist, tankst du zusätzlich (Sonnen-)Licht – das hellt die Stimmung auf.
  • Versuche dich ausgewogen und gesund mit frischen Lebensmitteln (Obst, Gemüse) zu ernähren.
  • Pflege deine sozialen Kontakte und gehe deinen Hobbys, Vereins- und Freizeitaktivitäten nach. Wenn du dich zurückziehst, verstärkt das die Depression und führt weiter in eine Abwärtsspirale.
  • Sorge für regelmäßigen und ausreichenden Schlaf, vermeide aber tagsüber zu schlafen.
  • Nimm bei einem Rückfall oder wenn du merkst, dass du wieder in eine Depression rutschst, zeitnah ärztliche Hilfe in Anspruch!
  • Alkohol, Nikotin und Drogen können depressive Symptome verstärken – also lass die Finger davon. Wenn du bereits abhängig bist, dann sollte zuerst die Abhängigkeit behandelt werden.
  • Gehe regelmäßig zu den Kontrolluntersuchungen und Terminen mit deinen Ärzt*innen oder Psychotherapeut*innen.
  • Nimm die verschriebenen Medikamente regelmäßig ein und setze sie nicht ohne Rücksprache mit deinen behandelnden Ärzt*innen ab. Ein plötzliches Weglassen der Medikamente kann zu unangenehmen und manchmal sogar gefährlichen Absetzsymptomen führen.

Vorbeugung

  • Wenn die Eltern von Jugendlichen an einer Depression leiden, sollte diese angemessen behandelt werden. Die Jugendlichen haben dann ein niedrigeres Risiko, selbst an einer Depression zu erkranken, als Gleichaltrige, deren Eltern nicht behandelt werden.
  • Eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) im Gruppensetting scheint bei betroffenen Jugendlichen mit depressiven Symptomen das Risiko zu senken, eine Depression zu entwickeln.
  • Maßnahmen in Schule und Freizeit sollten betroffenen Kindern und Jugendlichen ein Gefühl der Zugehörigkeit geben. Hilfen zur Bewältigung von Problemen sollten angeboten werden.
  • Wenn Kinder oder Jugendliche an weiteren psychischen Erkrankungen leiden (z. B. Ängste, ADHS, Zwangsststörungen), sollten diese schnellstmöglich behandelt werden.
  • Behandlung und Verlaufskontrollen sollten langfristig geplant werden.

Prognose

Nach einem Jahr haben sich 75 % von ihrer Depression erholt, nach zwei Jahren sind 90 % gesund.

Es besteht ein lebenslanges Risiko, dass die betroffenen Kinder oder Jugendlichen wieder an einer Depression erkranken. Als besonders gefährdet gelten Kinder und Jugendliche, die eine erbliche Veranlagung haben bzw. deren Eltern ebenfalls an einer Depression erkrankt sind, oder bei denen eine Depression zum ersten Mal in der Pubertät aufgetreten ist.

Ungünstig wirken sich auch Drogenabhängigkeit, Suizidalität und Probleme mit dem Sozialverhalten aus.

Weitere Informationen

Hilfsangebote

Autorin

  • Catrin Grimm, Ärztin in Weiterbildung Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Klingenberg a. M.

 

Quellen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Depressive Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. AWMF-Leitlinie Nr. 028-043, Stand 2013 (abgelaufen). www.awmf.org 
  2. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Unipolare Depression. AWMF-Register-Nr.: nvl-005. Stand 2022 register.awmf.org 
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  6. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Führt Psychotherapie im Vergleich zu anderen Therapien zu besseren Ergebnissen? Health Technology Assessment im Auftrag des IQWiG. IQWiG-Berichte – Nr. 1274. Stand: 14.01.2022 www.iqwig.de 
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