Zum Hauptinhalt springen

Suizidversuch bei Kindern und Jugendlichen, Informationen für Eltern

Ein Suizidversuch kann Ausdruck einer echten Absicht zu sterben sein, häufig aber stellt er einen verzweifelten Wunsch nach Hilfe und Veränderung in einer unerträglichen Lebenslage dar.

Zuletzt revidiert:

Was ist ein Suizidversuch?

Definition

Ein Suizid ist eine gezielte und bewusste Handlung mit der Absicht oder der Inkaufnahme des eigenen Todes, die tödlich ausgeht. Eine Handlung, die nicht direkt zum Tod führt, ist ein Suizidversuch. Bei leichteren Schweregraden überwiegt häufig der Ruf nach Hilfe.

Symptome

Kinder und Jugendliche mit selbstverletzendem und suizidalem Verhalten leiden häufig unter einer psychischen Störung wie affektiven, also emotionalen Störungen, Verhaltensstörungen, ADHS, Persönlichkeitsstörungen oder Suchterkrankungen. Selbstschädigendes Verhalten bei Jugendlichen kann sich auch als promiskuitives Sexualverhalten äußern, besonders bei Jugendlichen mit Persönlichkeitsstörung, die in einem sozioökonomisch benachteiligten Umfeld aufwachsen oder Gewalt einschließlich sexuellen Missbrauchs erfahren haben. Auch der Missbrauch von Alkohol und Drogen ist eine Form des selbstgefährdenden Verhaltens. Suizidversuche und Suizide stehen häufig mit Drogen- und Alkoholkonsum in Verbindung.

Ursachen

Die Gründe dafür, dass Kinder und Jugendliche versuchen, sich das Leben zu nehmen, können vielfältig sein. Die folgenden Punkte können das Suizidrisiko bei Kindern und Jugendlichen erhöhen:

  • Schwere Konflikte mit Eltern oder anderen Familienmitgliedern
  • Psychische Erkrankungen der Eltern
  • Ängste, einen geliebten Menschen zu verlieren, oder tatsächlicher Verlust durch einen Todesfall oder auch eine Trennung.
  • Einsamkeit und soziale Isolation
  • Psychische Erkrankung: affektive Störungen, Verhaltensstörungen, ADHSAlkohol- und Drogenmissbrauch; besonders hohes Risiko bei Depression, Gewalt- und Missbrauchserfahrung
  • Lang andauernde oder lebenslange Krankheit
  • Psychische Belastungen und Stigmatisierung im Zusammenhang mit der Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung
  • Vorbilder, die Suizid begangen haben (Familienmitglieder, Freund*innen, aber auch Popstars oder andere berühmte Persönlichkeiten, die eine starke Ausstrahlungskraft besitzten)
  • Frühere Suizidversuche
  • Suizidale Absicht (je konkreter die Pläne, desto höher das Risiko)
    • Hat die Person sich bereits für eine Suizidmethode entschieden?
    • Hat sie bereits einen Zeitpunkt bestimmt und konkrete Vorkehrungen getroffen?
  • Zugang zu Mitteln zur Ausführung (Waffen, Seil etc.)

Über diese Punkte denken die betroffenen Personen in der Regel einige Zeit nach. Der Suizidversuch selbst ist hingegen oft eine impulsive Handlung und kann durch verschiedene Dinge ausgelöst werden:

  • Eine kürzlich erfahrene Krise (z. B. ein Todesfall in der Familie)
  • Streit mit nahestehenden Menschen (Eltern, Partner*in, Freund*innen)
  • Schwierigkeiten mit der Schule oder der Polizei
  • Bloßstellung gegenüber anderen, Enttäuschungen oder Niederlagen

Häufigkeit

Suizid bei Kindern unter 10 Jahren ist extrem selten. Suizidversuche und selbstgefährdendes Verhalten gehören jedoch zu den häufigsten Ursachen für die psychiatrische Einweisung von Kindern und Jugendlichen. Etwa 110/100.000 aller männlichen und 210/100.000 aller weiblichen Jugendlichen unternehmen einen Suizidversuch. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Die Rate vollendeter Suizide in Deutschland betrug 2019 bei den 10- bis 14-Jährigen 0,6/100.000, bei den 15- bis 19-Jährigen 4,1/100.000.

Untersuchungen

  • Ziel der ärztlichen Untersuchung ist es, das Risiko für eine Wiederholung und den Umfang der benötigten Hilfe abzuschätzen.
  • Beurteilung der aktuellen psychischen (Kontaktschwierigkeiten, niedergeschlagene oder labile Stimmung, hohe Impulsivität, evtl. Realitätsverlust, geringes Selbstwertgefühl, Suizidpläne, psychische Störung) und körperlichen (neurologische Auffälligkeiten, Vergiftungssymptome, Schnittverletzungen, andere körperliche Verletzungen) Verfassung
  • Gründliche Erfassung möglicher prädisponierender Faktoren
  • Untersuchung auf Suchterkrankungen, ggf. Drogenscreening
  • Untersuchung der momentanen Situation, einschließlich auslösender Faktoren und Ziel der Handlung
  • Beurteilung des Entwicklungsstandes des Kindes bzw. Jugendlichen
  • Familiensituation
  • Eventuell Fragebögen, um eine Depression und ihren Schweregrad zu erkennen.

Behandlung

  • Das unmittelbare Ziel ist es, das Leben der betroffenen Person zu retten bzw. das Risiko einer Wiederholung zu verringern.
  • Depressionen und zugrunde liegende psychische Störungen werden entsprechend behandelt.
  • Gespräche sind der Schlüssel zur Vermeidung von (weiteren) Suizidversuchen.
  • Sowohl das Kind als auch die Eltern und Geschwister des Kindes benötigen oft Hilfe. Der ganzen Familie sollte Hilfe von qualifizierten Psycholog*innen oder Psychiater*innen angeboten werden.
  • In einigen Fällen, etwa bei akuter Anspannung, Belastung oder Unruhe, sind Medikamente sinnvoll, daher ist es wichtig, ggf. den Kontakt zu Psychiater*innen herzustellen.

Was können Sie selbst tun?

  • Ermutigen Sie Ihr Kind, mit Ihnen oder einer anderen vertrauten Person über seine Probleme zu sprechen.
  • Entscheidend ist, sich professionelle Hilfe zu holen, wenn Sie meinen, ein Suizidversuch könnte unmittelbar bevorstehen.
  • Hören Sie auf die Gefühle des Kindes. Geben Sie keine Ratschläge und fühlen Sie sich nicht zu einfachen Lösungen genötigt. Versuchen Sie, sich in die Gefühlssituation des Kindes hineinzuversetzen. Zeigen Sie, dass Sie sich interessieren.
  • Seien Sie ehrlich. Wenn die Aussagen oder das Verhalten des Kindes Sie erschrecken, dann teilen Sie dem Kind das mit. Wenn Sie ängstlich und besorgt sind und nicht wissen, was Sie tun sollen, dann sagen Sie das.
  • Ein Suizidversuch ist oft eine nicht sorgfältig geplante impulsive Handlung. Deshalb ist es wichtig, dass keine Medikamente und Waffen zugänglich sind, vor allem, wenn jemand darüber gesprochen hat, sich selbst zu verletzen.

Prognose

Die Prognose hängt u. a. von einer evtl. psychischen Erkrankung und deren Schweregrad ab. Diese Eigenschaften gelten als Warnsignale für wiederholten Suizidversuch mit tödlichem Ausgang: männlich, späte Pubertät, Missbrauch, psychische Erkrankung, harte Methode beim ersten Mal (z. B. versuchtes Erhängen, Erschießen).

Ein besonders hohes Risiko für eine Wiederholung besteht bei Vorhandensein folgender Punkten:

  • Schwere Depression, evtl. in Verbindung mit nervöser Unruhe
  • Hoffnungslose Zukunftsaussichten
  • Hohe Impulsivität und Labilität
  • Anhaltende Konflikte
  • Alkohol- bzw. Drogenmissbrauch
  • Suizidplan
  • Ein Suizidversuch mit hohem Wiederholungsrisiko ist durch Folgendes gekennzeichnet:
    • Er wurde allein ausgeführt.
    • Der Zeitpunkt wurde so gewählt, dass eine Intervention schwierig war.
    • Es wurden Maßnahmen getroffen, um nicht entdeckt zu werden.
    • Der Tod wurde vorbereitet (Abschiedsbrief, Testament).
    • Andere wussten von der suizidalen Absicht der Person.
    • Vorher wurde viel über den Tod nachgedacht.
    • Die Person hat den Vorfall nicht oder erst sehr spät mitgeteilt.

Weitere Informationen

Autor

  • Markus Plank, MSc BSc, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, Wien