Leistenbruch (Leistenhernie)

Ein Leistenbruch (fachsprachlich Leistenhernie) ist eine Ausstülpung von Gewebe aus der Bauchhöhle durch eine angeborene oder erworbene Lücke in den Bauchwandschichten. Es ist eine Wölbung unter der Haut zu tasten. Leistenbrüche treten zu 80–90 % bei Jungen und Männern auf.

Teilen Sie diese Patienteninformation

QR-Code

Fotografieren Sie diesen QR-Code mit Ihrem Smartphone

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist ein Bruch?

Ein Bruch ist die Ausstülpung von Gewebe aus der Bauchhöhle durch eine angeborene oder erworbene Lücke in den Bauchwandschichten nach außen. Die Bauchwand ist aus verschiedenen flachen Muskeln aufgebaut, zwischen denen sich jedoch an bestimmten Stellen Lücken ausbilden können. Aufgrund u. a. von erhöhtem Druck in der Bauchhöhle können durch die Lücken Anteile des Bauchfells oder auch anderer Bauchorgane bis unter die äußere Haut herausgedrängt werden. Der Bruch erscheint wie eine kleinere oder größere Beule, vor allem wenn der Patient aufrecht steht, hustet oder selbst den Druck im Bauch erhöht (etwa beim Pressen). Dabei nennen Ärzte die Lücke in der Bauchwand Bruchpforte, die Hülle des Bruchs Bruchsack und das Gewebe im Bruch (Fettgewebe, Bauchfell, Darmanteile) Bruchinhalt.

Kleine Brüche können Beschwerden verursachen, obwohl sie (noch) nicht sichtbar sind. Oft bessern sich die Schmerzen im Liegen. Manche Betroffene können, falls etwa bei schwerem Heben ein Bruch sichtbar wird, die Gewebeanteile selbst vorsichtig wieder in die Bauchhöhle zurückdrücken. Mit der Zeit kann sich der Bruch aber vergrößern und in steigendem Maße zu Beeinträchtigungen führen.

Leistenbruch
Leistenbruch
Schenkelhernie
Schenkelhernie

Brüche treten hauptsächlich an vier Stellen auf:

  1. Im Nabelbereich: Nabelbruch, gewöhnlich bei Kindern
  2. In der Leiste: Leistenbruch (siehe Zeichnung)
  3. Im Übergang zum Oberschenkel: Schenkelhernie (siehe Zeichnung)
  4. Brüche können auch im Bereich von Operationsnarben entstehen (Narbenbruch).

Von diesen vier Brucharten kann insbesondere der Leistenbruch zu Komplikationen führen (grundsätzlich ist dies jedoch bei allen Formen möglich). Beim Leistenbruch kann Gewebe aus der Bauchhöhle durch den Kanal gelangen, durch den während der männlichen Entwicklung der Hoden aus der Bauchhöhle in den Hodensack gelangt ist. Bei Mädchen ist dieser Kanal in der Regel kaum ausgebildet, zudem verschließt er sich bei beiden Geschlechtern nach einiger Zeit. Bleibt er jedoch offen, kann v. a. bei Jungen ein Leistenbruch entstehen, dessen Inhalt bis in den Hodensack vordringen kann. Bei einem Leistenbruch können sich z. B. Schlingen des Dünndarms über eine recht enge innere Bruchpforte in den Bruch drücken. Hierbei kann sich die Darmschlinge so stark in der Bruchpforte einklemmen, dass die Blutzufuhr aus dem Darm abgeschnitten wird, wodurch die Darmschlinge anschwillt. Dadurch nimmt die Verengung zu. Als Folge kann das Gewebe des abgeklemmten Teil des Darms absterben. Haben sich Darmschlingen im Bruch verklemmt und lassen sich nicht mehr in die Bauchhöhle zurückdrücken, wird dies als eingeklemmter Bruch (Inkarzeration) bezeichnet. Es treten starke Schmerzen auf, und eine Operation muss schnellstmöglich durchgeführt werden, um schweren Schäden am Darm und einer Entzündung der Bauchhöhle vorzubeugen.

Der Leistenbruch ist der gewöhnlichste Bruch (etwa 80 %). Er tritt häufiger bei Männern als bei Frauen auf.

Ursachen

Leistenbrüche bei Kindern sind auf eine angeborene Schwäche in der Bauchwand zurückzuführen, während sie im Erwachsenenalter meist aufgrund von Krankheiten mit Bindegewebsschwäche, nach Operationen, möglicherweise auch lang anhaltenden Arbeiten mit schwerem Heben oder anderer Zustände mit erhöhtem Druck in der Bauchhöhle auftreten. Hierbei können die Muskulatur und das Bindegewebe in der Bauchwand geschwächt werden, und es entsteht ein Bruch. Schenkelhernien treten vorwiegend bei älteren Frauen auf. Nabelbrüche sind auf eine angeborene Schwäche der Bauchwand im Nabelbereich zurückzuführen, Faktoren wie Übergewicht, Schwangerschaft und erhöhter Druck in der Bauchhöhle spielen jedoch ebenfalls eine wichtige Rolle.

Bei Verstopfung, Prostatabeschwerden und Schwangerschaft besteht eine erhöhte Bruchgefahr.

Diagnostik

Die Diagnose lässt sich in der Regel leicht stellen. Die Betroffenen erkennen eine Schwellung (wie eine Beule) im Bereich der Leiste, die evtl. verschwindet, sobald sie sich hinlegen, und haben Beschwerden/Schmerzen an der Bruchstelle. Oft bestehen auch Probleme beim Wasserlassen. In vielen Fällen wird die Beule allmählich größer. In Einzelfällen treten akute Inkarzerationen (Einklemmungen) auf, die sehr starke Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, schließlich auch einen Blutdruckabfall und Fieber verursachen können. Hat sich eine solche Einklemmung beim Kind entwickelt, weinen diese oft „nur" anhaltend und erbrechen schließlich.

Gewöhnlich sind bei solchen typischen Symptomen keine weiteren Untersuchungen erforderlich, um die Diagnose zu stellen. Insbesondere Sportler können jedoch ein Brennen und Beschwerden in der Leistengegend wahrnehmen, ohne dass ein sichtbarer Bruch vorliegt. In diesen oder anderen unklaren Fällen können eine Ultraschalluntersuchung, eine Magnetresonanztomografie (MRT) oder eine andere bildgebende Untersuchung zur Sicherung der Diagnose nötig sein. Besteht der Verdacht auf eine Inkarzeration und Entzündung, wird der Arzt/die Ärztin wahrscheinlich Blut abnehmen, um Entzündungswerte bestimmen zu können. 

Behandlung

Die Behandlung zielt darauf ab, einer Einklemmung des Bruchsacks und der Bauchgewebe vorzubeugen. Besteht ein Bruch, ist Vorsicht beim Heben von schweren Gegenständen geboten. Eine sogenannte Bruchbinde kann der Weiterentwicklung des Bruchs vorbeugen und in einigen Fällen unterstützend wirken. Ist das Risiko von Komplikationen zu hoch, wird vorbeugend operiert. Ist es bereits zur Einklemmung von Gewebe gekommen, muss rasch eine Notfalloperation erfolgen. Dabei ist zu beachten, dass das Risiko von Komplikationen bei einem Notfalleingriff deutlich höher ist als bei einer geplanten Operation.

Brüche bei Kindern und Jugendlichen sind stets operativ zu behandeln. Weisen Frühgeborene einen angeborenen Leistenbruch auf, wird dieser in der Regel nochvor der Entlassung aus der Klinik operiert. Eine Ausnahme bildet in manchen Fällen der Nabelbruch; hier kann in einigen Fällen bei Kindern erst einmal abgewartet werden.

Bei Erwachsenen besteht eher die Möglichkeit, den weiteren Verlauf der Erkrankung ärztlich genau zu beobachten und erst einmal abzuwarten, falls keine Schmerzen oder andere Probleme auftreten. Dies wird durch eine Studie an erwachsenen Männern mit minimalen/keinen Symptomen bestätigt, bei der sich die Behandlungsstrategie „Beobachten und Abwarten“ (Watchful Waiting) als sichere Methode erwies, da eingeklemmte Brüche selten auftreten. Leistenhernien bei Frauen werden in der Regel jedoch recht schnell operiert, weil hier das Risiko einer Einklemmung größer ist als bei Männern.

Brüche bei älteren Menschen müssen eher selten operiert werden, da Inkarzerationen selten vorkommen und zudem einige der Betroffenen nach einer Operation einen Rückfall erleiden.

Ein Bruch lässt sich grundsätzlich in einem offenen Eingriff oder im Rahmen einer operativen Bauchspiegelung (Laparoskopie) chirurgisch behandeln. Es gibt hier viele unterschiedliche Techniken; meist sind bestimmte Chirurgen mit einzelnen Techniken besonders gut vertraut. Stets muss der Inhalt des Bruchs entfernt oder zurückverlagert werden. Anschließend kann die Lücke in der Bauchwand durch eine Naht verschlossen werden. Meist verwenden Chirurgen jedoch Kunststoffnetze, die verstärkend ins Gewebe eingenäht werden oder selbst haften, damit nicht erneut ein Bruch auftreten kann.

Die Umstellung der Operationstechnik auf ein minimal invasives Verfahren (Laparoskopie) und die Verwendung eines Netzes zur Verstärkung der Bauchwand in den letzten Jahrzehnten hat dazu geführt, dass operierte Brüche in deutlich geringerem Maße erneut auftreten. Im Fall einer Leistenhernie sind dennoch insbesondere Frauen und Raucher/innen eher von einem erneuten Bruch bedroht.

Durch die vermehrte Anwendung lokaler Anästhesie und einer ambulanten Therapie konnte zudem die Liegezeit für Patient/innen beträchtlich reduziert werden. Fast alle erstmaligen Leistenbruchoperationen können heutzutage ambulant unter lokaler Anästhesie durchgeführt werden.

Viele Patienten haben noch einige Wochen nach der Operation Schmerzen im Bereich des Eingriffs. Zudem leidet ein Teil der Betroffenen (11 %) noch ein Jahr nach der Leistenbruchoperation unter anhaltenden Schmerzen in der Leiste. Nach einem laparokopischen Eingriff berichten in der Regel weniger Personen über anhaltende Schmerzen in der Leiste.

Die Bruchchirurgie hat sich im Laufe der Zeit zu einer äußerst spezialisierten Disziplin entwickelt und wird in einigen Zentren durchgeführt, die sich ausschließlich hierauf konzentrieren.

Nach der Operation des Bruchs

Heutzutage wird angestrebt, dass die Betroffenen ihre Arbeit und normalen Aktivitäten schnellstmöglich wieder aufnehmen. Schweres Heben und ähnliche Aktivitäten sollten zwar eine Zeit lang unterbleiben, aber grundsätzliche Einschränkungen der Aktivität sind nicht erforderlich: Sie sollten sich so belasten, dass Sie keine Schmerzen haben. Nach der ambulanten Operation unter lokaler Anästhesie sind die Patienten gewöhnlich nach wenigen Tagen schmerzfrei, können nach etwa 1 Woche ihre normalen Aktivitäten wieder aufnehmen und recht bald wieder beginnen zu arbeiten. Dies ist jedoch natürlich im Einzelfall unterschiedlich.

Prognose

Operationen von Leistenbrüchen bei Kindern und jungen Erwachsenen führen in der Regel zu sehr guten Ergebnissen. Einige Brucharten können auch spontan verschwinden; dies gilt z. B. für den Nabelbruch. Leistenbrüche bei jungen Erwachsenen werden heutzutage oft ambulant, d. h. ohne stationäre Aufnahme operiert.

Die meisten Brüche bei älteren Menschen vergrößern sich mit der Zeit und können allmählich zu Beschwerden führen. Schwere Komplikationen  sind jedoch selten.

Bei einer akuten Inkarzeration besteht die Gefahr einer Unterbrechung der Blutversorgung zu dem Teil des Darms, der sich im Bruchsack befindet. Dies kann zu einer Bauchfellentzündung und Infektion im Bruchsack führen. Ein eingeklemmter Bruch wird daher stets so rasch wie möglich operiert.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Referanser

Dette dokumentet er basert på det profesjonelle dokumentet Leistenhernie. Referanselisten for dette dokumentet vises nedenfor.

  1. Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie. Leistenhernie, Hydrozele. AWMF-Leitlinie Nr. 006-030, Stand 2020 www.awmf.org
  2. Berger D: Evidence-based hernia treatment in adults. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 150–8.DOI: 10.3238/arztebl.2016.0150 www.aerzteblatt.de
  3. Shah AR. Hernia reduction. Medscape, last updated April 2020 emedicine.medscape.com
  4. de Goede B, Timmermans L, van Kempen BJ, et al. Risk factors for inguinal hernia in middle-aged and elderly men: Results from the Rotterdam Study. Surgery 2015; 157: 540-6. pmid:25596770 PubMed
  5. Simons MP et al. European Hernia Society guidelines on the treatment of inguinal hernia in adult patients. Hernia. 2009; 13(4): 343–403. www.ncbi.nlm.nih.gov
  6. Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie, Bauchschmerz bei Kindern - Bildgebende Diagnostik. AWMF-Leitlinie 064-016. Stand 2020 www.awmf.org
  7. European Hernia Society.Summary of The International Guidelines For Groin Hernia Management. EHS 2018. Zugriff 12.12.2020 www.europeanherniasociety.eu
  8. Kaneda H, Furuya T, Sugito K, Goto S, Kawashima H, Inoue M, et al. Preoperative ultrasonographic evaluation of the contralateral patent processus vaginalis at the level of the internal inguinal ring is useful for predicting contralateral inguinal hernias in children: a prospective analysis. Hernia. 2015; 19(4):595-8. PubMed
  9. Esposito C, St Peter SD, Escolino M, Juang D, Settimi A, Holcomb GW 3rd. Laparoscopic versus open inguinal hernia repair in pediatric patients: a systematic review. J Laparoendosc Adv Surg Tech A. 2014 Nov. 24(11):811-8. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  10. Miserez M, Peeters E, Aufenacker T, et al.: Update with level 1 studies of the European Hernia Society guidelines on the treatment of inguinal hernia in adult patients. Hernia 2014; 18: 151–63 www.ncbi.nlm.nih.gov
  11. Hebra A. Pediatric hernias. Medscape, last updated Oktober 2018. emedicine.medscape.com
  12. Zendejas B et al. Impact of childhood inguinal hernia repair in adulthood:50 years of follow-up. A Am Coll Surg 2010.211(6) :762-8 www.ncbi.nlm.nih.gov