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Epilepsie

Epilepsie ist eine Erkrankung, die sich in Form von vermehrten epileptischen Krampfanfällen äußert. Hierbei unterscheidet man zwischen generalisierten Anfällen, bei denen das gesamte Gehirn betroffen ist, und fokalen Anfällen, bei denen die Übererregung auf ein Hirnareal beschränkt bleibt.

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Was ist Epilepsie?

Die Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, die aktuell folgendermaßen definiert ist:

  • Mindestens 2 Anfälle, die im Abstand von mehr als 24 Stunden auftreten.
  • 1 Anfall verbunden mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, während der nächsten 10 Jahre weitere Anfälle zu erleiden.
  • Diagnose eines Epilepsie-Syndroms.

Der epileptischen Anfall entsteht durch eine übermäßige, synchrone Aktivität der Nervenzellen im Gehirn. Bleibt der Anfall auf ein Gehirnareal begrenzt, so spricht man von einem fokalen oder partiellen Anfall. Sobald das gesamte Gehirn betroffen ist, gilt der Anfall als generalisiert. Ein sog. Reflexanfall ist durch sensorische Reize provoziert, z. B. durch Flackerlicht, Lärm oder Musik. Andernfalls handelt es sich um einen nicht provozierten Anfall. Beim Status Epilepticus hält der Anfall länger als 5 Minuten an. Dies gilt auch für mehrere aufeinanderfolgende Anfälle, wenn die Symptome zwischen den Anfällen nicht vollständig verschwinden.

Häufigkeit

Die Häufigkeit liegt bei 0,5‒1,0 %, d. h. in Deutschland gibt es ca. 400.000‒800.000 Personen mit Epilepsie. Etwa 4‒10 % der Bevölkerung hat irgendwann im Verlauf des Lebens einen epileptischen Anfall. Meist sind das einmalige Anfallsereignisse im Kindesalter, etwa Fieberkrämpfe oder andere Anfälle infolge einer akuten Erkrankung. Bei etwa 1 % aller 20-Jährigen wird letztlich die Diagnose Epilepsie gestellt.

Ursachen

Ein epileptischer Anfall ist nicht gleichbedeutend mit Epilepsie. Im Prinzip kann jeder Mensch unter bestimmten Voraussetzungen, wie z. B. Schlafmangel, einen epileptischen Anfall erleiden. Wer an Epilepsie leidet, weist eine niedrigere Anfallsschwelle mit Tendenz zu wiederholten Anfällen auf.

Ein erhöhtes Epilepsierisiko besteht u. a. bei Menschen, die bereits einen Schlaganfall erlitten haben, unter einem angeborenen Hirnschaden oder einem Hirntumor leiden, nach Kopfverletzungen, Infektionen sowie nach Entzündungen des Gehirns. Bei älteren Menschen tritt die Epilepsie häufig durch altersbedingte Veränderungen der Gefäße und Nerven im Gehirn auf. Fieberkrämpfe erhöhen bei jüngeren Menschen das Risiko, später eine Epilepsie zu entwickeln. Auch genetische Faktoren spielen bei bestimmten Epilepsiearten eine Rolle, das Vererbungsmuster ist allerdings kompliziert. Bei etwa 25–30 % aller Epilepsie-Patient*innen findet sich letztendlich keine Ursache für die Erkrankung.

Auslösende Faktoren eines epileptischen Anfalls sind:

  • Schlafmangel
  • Alkohol: Überkonsum oder plötzliche Abstinenz
  • niedriger Blutzucker (Hypoglykämie)
  • Photostimulation, z. B. Flackerlicht
  • Stress
  • Hyperventilation.

Diagnostik

Die Diagnose einer Epilepsie wird in der Regel frühestens nach dem 2. Anfall gestellt. Zwischen den epileptischen Anfällen sind die Betroffenen oft ohne Symptome. Es erweist sich häufig als schwierig, im Nachhinein eindeutig festzustellen, ob es sich um einen epileptischen Anfall gehandelt hat. Um den Ärzt*innen die Einschätzung eines solchen Ereignisses zu ermöglichen, sind daher genaue Beschreibungen von Augenzeugen, insbesondere über Dauer und Symptome des Anfalls, von großer Bedeutung. Unmittelbar nach dem Anfall tritt evtl. über eine Bewusstseinstrübung auf, Betroffene sind müde oder klagen über Muskelschmerzen.

Während der anfallsfreien Phase kann die körperliche Untersuchung komplett unauffällig sein. Eine Laboruntersuchung des Blutes kann zugrunde liegende Erkrankungen ausschließen. In der Regel werden Blutbild, Entzündungsmarker, Elektrolyte, Blutzucker, Leber und Nierenparameter bestimmt. Nach einem längeren generalisierten tonisch klinischen Anfall ist häufig die Kreatininkinase erhöht. Mittels EKG-Untersuchung können vorliegende Herzrhythmusstörungen erkannt werden. Bei Verdacht auf Epilepsie werden Sie an Spezialist*innen überwiesen.

Die Messung der Hirnströme mittels Elektroenzephalografie (EEG) ist eine der wichtigsten Untersuchungen bei der Epilepsie, um die elektrische Aktivität und ggf. epilepsietypische Veränderungen beurteilen zu können. Ein EEG mit Normalbefund in einer anfallsfreien Situation schließt Epilepsie jedoch nicht aus. Bei etwa der Hälfte aller Patient*innen mit Epilepsie findet sich in der ersten EEG-Aufzeichnung kein Anhalt für epileptische Aktivität. Langzeitaufzeichnungen über mehrere Stunden, am besten in Kombination mit Videoaufnahmen und Schlafaufzeichnungen nach Schlafentzug erhöhen die Möglichkeit, Veränderungen aufzudecken, zusätzlich.
Bei Kindern gehören Schlafaufzeichnungen zur Standarddiagnostik. Darüber hinaus wird oft eine bildgebende Untersuchung des Gehirns, wie die Magnetresonanztomografie (MRT) oder etwas seltener die Computertomografie (CT) durchgeführt. Außerdem kann eine PET oder SPECT-Untersuchung indiziert sein. Sie zeigen die Stoffwechselaktivität im Gehirn vor und nach einem epileptischen Anfall.

Wann erfolgt eine Einweisung ins Krankenhaus?

Nach einem erstmaligen Anfall ist eine stationäre Aufnahme zweckmäßig, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Andere Indikationen für eine Einweisung sind Anfälle ohne vollständiges Verschwinden der Symptome, Anfallsserien oder ein Status epilepticus. Personen mit bekannter Epilepsie benötigen nach einem einzelnen Anfall in der Regel keine Krankenhauseinweisung.

Therapie

Bei der Therapie einer Epilepsie gilt es, zwischen Maßnahmen während des Anfalls und der dauerhaften Behandlung zur Vermeidung von weiteren Anfällen unterscheiden.

Während des Anfalls können die Anwesenden helfen, Verletzungen vorzubeugen, indem eine weiche Unterlage unter den Kopf gelegt wird und harte Gegenstände aus der Umgebung entfernt werden. Die Person sollte während des Anfalls nicht festgehalten werden. Kinder können auf eine weiche Unterlage gelegt oder auf dem Arm gehalten werden. Nach dem Anfall sollten bewusstseinsgetrübte Personen in die stabile Seitenlage gebracht werden, um die Atemwege frei zu halten.

Die meisten Anfälle gehen von selbst vorüber, in seltenen Fällen können die Anfälle jedoch so lange andauern, dass sie einer akuten Therapie bedürfen. Krampfanfälle, die länger als 5 Minuten andauern, sollten mit Medikamenten durchbrochen werden. Bei einem Status epilepticus ist Lorazepam i. v. das Medikament erster Wahl. Alternativ können Erwachsene auch mit Diazepam i. v. behandelt werden. Falls die intravenöse Applikation nicht möglich ist, können die Benzodiazepine auch rektal gegeben werden.

Nach zwei oder mehr epileptischen Anfällen wird empfohlen, über längere Zeit vorbeugende Medikamente einzunehmen. Diese werden als Antiepileptika bezeichnet und ermöglichen in vielen Fällen eine komplette Anfallsfreiheit. Bei manchen Betroffenen wird die Therapie auch schon nach dem ersten Anfall eingeleitet. Bei sehr seltenen oder nicht als belastend empfundenen Anfällen wird das Nutzen/Risiko-Profil einer Therapie unter Gesichtspunkten der Patientenbereitschaft und Lebensqualität abgewogen. Einige Antiepileptika haben Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Schwindel, Konzentrations-, Gedächtnis- und Lernschwierigkeiten. Die Dosierung erfolgt individuell. Bei den meisten Betroffenen ist eine Monotherapie (nur ein Medikament) ausreichend.

Im Falle einer Schwangerschaft sollte die Behandlung engmaschig überwacht werden. Das Absetzen der Antiepileptika sollte von Neurolog*innen entschieden werden (z. B. nach 5-jähriger Anfallsfreiheit) und erfolgt langsam und schrittweise. Etwa 2/3 aller anfallsfreien Betroffenen bleiben nach dem Absetzen von Medikamenten anfallsfrei. Bei einem unzureichenden Ansprechen auf die medikamentöse Therapie und Patient*innen, bei denen die Epilepsie erstmals in der Kindheit auftrat, kann eine ergänzende Behandlung mit Cannabidiol-haltigen Arzneimitteln versucht werden.

Die Stimulation von ausgewählten Nerven (N. vagus oder N. trigeminus) kann eine Ergänzung zur medikamentösen Therapie darstellen. Eine Anfallsfreiheit wird damit in der Regel nicht erreicht. Nebenwirkungen sind Heiserkeit, Husten, Schmerzen, Taubheitsgefühle und Atemnot.

Bei einer kleinen Gruppe von schwer betroffenen Patient*innen, die auch unter einer 2-jährigen Therapie mit antiepileptischen Medikamenten nicht anfallsfrei werden, kann eine Operation sinnvoll sein. Der häufigste epilepsiechirurgische Eingriff ist die Entfernung eines Schläfenlappenabschnitts. Etwa 60 % der operierten Erwachsenen und Kinder werden anfallsfrei.

Falls keine Therapiemaßnahme erfolgreich ist, wird die ketogene Diät zur Behandlung der Epilepsie empfohlen. Die Diät enthält viel Fett und sehr wenig Kohlenhydrate und simuliert die Reaktion des Körpers auf das Fasten. Dies bewirkt, dass der Körper zur Fettverbrennung übergeht. Dadurch verwendet das Gehirn Ketonkörper als Energiequelle anstelle von Zucker. Man nimmt an, dass die Energieumstellung und die verminderte Kalorienzufuhr anfallsdämpfend wirkt. Die Diät erfordert allerdings viel Disziplin und Motivation. Sämtliche Mahlzeiten müssen denselben ketogenen Quotienten (Verhältnis zwischen Fett und der Summe der Proteine und Kohlenhydrate) aufweisen. Im Kindesalter ist die Wirksamkeit der ketogenen Diät durch Studien belegt.

Für die Akupunktur bei Epilepsie gibt es bislang nur wenige und methodisch unzureichende Studien. Sie konnten bisher keinen Wirksamkeitsnachweis hinsichtlich der Anfallsfrequenz erbringen.

Was können Sie selbst tun?

Menschen mit Epilepsie sollten sich um einen möglichst geregelten Tagesablauf bemühen und durchwachte Nächte, Alkoholkonsum sowie Fastenperioden vermeiden. Aktivitäten, die bei einem Anfall gefährlich werden können, sollten vermieden werden. Dazu gehören beispielsweise Schwimmen ohne Begleitung, Tauchen, Klettern, Fliegen oder Surfen. Flackernde Lichter können bei manchen Epilepsiebetroffenen Anfälle auslösen und sollten bei ihnen vermieden werden, z. B. Kino, Club, Fernsehen, Bildschirm, Sonnenlicht oder auch Autofahren bei Dunkelheit. Bei bestimmten Antiepileptika muss bei Frauen die Dosis der oralen Kontrazeptiva oder umgekehrt die Dosis der Antikonvulsiva angepasst werden. Frauen mit Kinderwusch sollten die Konzeption mit den behandelnden Neurolog*innen besprechen, um die Therapie ggf. im Vorfeld schon anzupassen.

Prognose

Die Anfallshäufigkeit variiert erheblich.

  • 40 % der Betroffenen sind anfallsfrei.
  • 35 % haben 1‒11 Anfälle pro Jahr.
  • 15 % haben mehrere Anfälle pro Monat.
  • 10 % haben mehrere Anfälle pro Woche.

Das Risiko für einen erneuten Anfall ist erhöht bei:

  • früheren Hirnschädigungen/-erkrankungen
  • epileptiformen Befunden im EEG
  • abweichenden Befunden in der MRT
  • nächtlichen Anfällen.

Mögliche Komplikationen bei einer Epilepsie sind Verletzungen während eines Anfalls wie Zungenbisse, Quetschungen oder Brandwunden. Die größte Gefahr geht von einem anhaltenden epileptischen Anfall, dem sog. Status epilepticus, aus. Wird ein solcher Anfall nicht entsprechend behandelt, kann es zu bleibenden Schäden kommen.

Das Risiko für einen erneuten Anfall nach einem ersten, nicht provozierten Anfall ist in den ersten 2 Jahren am höchsten (21‒45 %). Die meisten Epilepsie-Patient*innen erreichen mit Medikamenten eine gute oder vollständige Anfallskontrolle. Einige jedoch erreichen nie eine Anfallsfreiheit. Ca. 70 % erleben eine Remission, sind also mit oder ohne Behandlung 5 Jahre lang anfallsfrei. 20‒30 % entwickeln eine chronische Epilepsie. Die beste Prognose haben Patient*innen mit Epilepsie unbekannter Ursache, einem Beginn im Kindesalter und ohne neurologische Symptome.

Mit Epilepsie leben

Berufswahl

Grundsätzlich sollten Menschen mit Epilepsie einen Beruf ausüben, bei dem kein erhöhtes Risiko besteht, sich selbst oder andere zu gefährden. Ob dies der Fall ist, kann nur im Einzelfall geprüft werden. Bei den meisten Berufsgenossenschaften bleiben Epilepsie-Patient*innen ohne Vorbehalt weiter versichert.

Anhaltspunkte zur Beurteilung der beruflichen Eignung von Menschen mit Epilepsie hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung in ihrer Schrift Berufliche Beurteilung bei Epilepsie und nach erstem epileptischen Anfall  zusammengestellt.

Epilepsie und Führerschein

Nach der Straßenverkehrsordnung ist zum Führen eines Kraftfahrzeugs geeignet, wer die notwendigen körperlichen und geistigen Anforderungen erfüllt. Beurteilungsmaßstab dafür sind bei Menschen mit einer dauerhaften Erkrankung wie einer Epilepsie die Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahrereignung  der Bundesanstalt für Straßenwesen.

Menschen mit Epilepsie, sind somit in der Regel nicht in der Lage, ein Kraftfahrzeug zu führen, solange ein Risiko besteht, dass weiterhin Anfälle auftreten. Unter bestimmten Bedingungen, wie z. B. längerer Anfallsfreiheit, kann die Fahrtauglichkeit dennoch gegeben sein.

Weitere Informationen

Patientenorganisation

Autor*innen

  • Hannah Brand, Ärztin, Berlin
  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.