Epilepsie, Führerschein und Berufswahl

Epilepsie ist eine Erkrankung, die sich in Form von vermehrten epileptischen Krampfanfällen äußert. Bei solchen epileptischen Anfällen kann es zu unkontrollierten Muskelzuckungen und Bewusstseinsverlust kommen. Durch die Erkrankung mit epileptischen Anfällen, die plötzlich auftreten können, gilt es bei der Berufswahl und der Fahrtauglichkeit einige Sicherheitsvorschriften zu beachten. Nichtsdestotrotz ist bei einer guten Behandlung meist eine uneingeschränkte Teilnahme am Arbeitsleben möglich.

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Was ist Epilepsie?

Etwa 4–10 % der Bevölkerung erleidet in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Diese Anfälle entstehen durch eine plötzliche, synchrone Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn und können sich auf vielfältige Art und Weise äußern. Von einer Epilepsie spricht man allerdings erst bei vermehrtem Auftreten solcher Anfälle und hier ist der Anteil der Betroffenen deutlich geringer. 

Bei einem epileptischen Anfall kommt es zur übermäßigen Aktivität von Nervenzellen im Gehirn. Dies kann sich für den Betroffenen beispielsweise durch Zuckungen und Krämpfe bis hin zu Bewusstlosigkeit äußern. Einem epileptischen Anfall folgt häufig eine Phase starker Müdigkeit und Muskelschmerzen.

Wird die Diagnose einer Epilepsie gestellt, hat dies häufig weitreichende Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen. In den meisten Fällen lassen sich die Anfälle durch eine medikamentöse Behandlung unterdrücken, manchmal treten jedoch auch weiterhin Anfälle auf. Weil ebendiese Gefahr weiterhin bestehen bleibt, sollten bestimmte Aktivitäten, wie beispielsweise unbeaufsichtigt Schwimmen gehen, vermieden werden. Auch für die Berufswahl und die Fahrtauglichkeit hat die Erkrankung einige Konsequenzen.

Epilepsie und Berufswahl

Ob ein Mensch mit Epilepsie einen bestimmten Beruf ausüben kann, hängt immer von vielen Faktoren ab. Die Schwere der Erkrankung, die Anfallshäufigkeit und Medikamentennebenwirkungen sollten ebenso in die Entscheidung einfließen wie die Arbeitsbedingungen. Dies gilt vor allem für Berufe, bei denen ein plötzlicher epileptischer Anfall schwerwiegende Konsequenzen für den Betroffenen oder andere Menschen haben kann. Bei sitzender Tätigkeit am Schreibtisch besteht ein geringeres Gefährdungsrisiko als bei Arbeiten in hoher Höhe oder mit Maschinen. Heutzutage sind jedoch dank moderner Sicherheitsmaßnahmen auch Arbeiten mit Maschinen nicht generell verboten. Eine Entscheidung wird häufig in Absprache mit Betriebsärzt*innen und behandelnden Neurolog*innen getroffen.

Berufsanfänger*innen sollten sich nach Möglichkeit früh im Voraus über mögliche Arbeitsplätze und Perspektiven erkundigen. Dabei sollten zunächst die eigenen Stärken und Interessen bedacht werden und erst zweitrangig überlegt werden, ob dies mit der Erkrankung problemlos möglich ist. Eine Epilepsie allein ist zudem kein Grund gegen ein Studium.

Grundsätzlich gilt, dass bei guter medikamentöser Behandlung der Epilepsie, die Ausübung der meisten Berufe problemlos möglich ist. Falls es Einschränkungen gibt, sollen diese die Sicherheit für alle Beteiligten gewährleisten. Des Weiteren sollte bedacht werden, dass viele der antiepileptischen Medikamente mit Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit oder Konzentrationsproblemen einhergehen können. Die Arbeitgeber*innen müssen übrigens nicht immer über die Erkrankung informiert werden, lediglich, falls die Ausübung der Tätigkeiten nur eingeschränkt möglich oder erlaubt ist. Dies können Sie mit den Betriebsärzt*innen besprechen, denen wie allen anderen Ärzt*innen der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen.

Sehen Sie sich auch folgende Informationsbroschüren der deutschen Epilepsievereinigung an:

Der Spitzenverband der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) informiert ausführlich über die Vorschriften zur beruflichen Beurteilung bei Epilepsie und nach erstem epileptischem Anfall.

Epilepsie und Führerschein

Die Fahrtauglichkeit ist bei Menschen mit Epilepsie in der Regel nicht gegeben, da durch einen epileptischen Anfall große Gefahren für die betroffene Person und andere Verkehrsteilnehmer*innen entstehen können. Hier ist allerdings die Unterscheidung zwischen einem einmaligen und ersten epileptischen Anfall und der Erkrankung Epilepsie von großer Bedeutung. Grundsätzlich gilt aber, dass bei einem Risiko für weitere epileptische Anfälle kein Kraftfahrzeug geführt werden darf. Die Entscheidung richtet sich nach den Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung der Bundesanstalt für Straßenwesen.

Nach einem erstmaligen Anfall wird in der Regel ein Fahrverbot für eine gewisse Zeit erteilt. Ist bis dahin kein weiterer Anfall aufgetreten, kann davon ausgegangen werden, dass die sichere Teilhabe am Straßenverkehr möglich ist. Dieser Zeitraum unterscheidet sich nach der Art und den Umständen des Anfalls sowie der Führerscheinklasse.

Bei einer Epilepsie ist zunächst grundsätzlich keine Fahreignung vorhanden. In manchen, sehr genau definierten Ausnahmefällen kann jedoch trotzdem eine Fahrerlaubnis erteilt werden. Für Kraftfahrzeuge bis 3,5 Tonnen und Motorrädern beispielsweise kann nach einjähriger Anfallsfreiheit und falls die Medikamente keine einschränkenden Nebenwirkungen zeigen, eine Eignung gegeben sein. Für größere Kraftfahrzeuge oder Berufskraftfahrer*innen gelten andere Bestimmungen und bei bestehender Epilepsie mit Medikamenteneinnahme ist das Führen von Kraftfahrzeugen nicht möglich. Sprechen Sie mit Ihren behandelnden Ärzt*innen über die Fahrtauglichkeit nach einem epileptischen Anfall.

Uneinsichtige Patient*innen, deren Missachtung des Fahrverbots eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen würde, dürfen  auch entgegen der ärztlichen Schweigepflicht den Verkehrsüberwachungsbehörden gemeldet werden.

Die Tabelle Einschränkung der Kraftfahreignung bei Epilepsie gibt eine Übersicht über die aktuell geltenden Regeln. Dabei werden grundsätzlich 2 Gruppen unterschieden:

  • Fahrerlaubnis Gruppe 1: Kraftfahrzeuge bis 3,5 Tonnen und Motorräder
  • Fahrerlaubnis Gruppe 2: Kraftfahrzeuge ab 3,5 Tonnen, Berufskraftfahrer mit und ohne Personenbeförderung.

Sehen Sie sich auch folgende Informationsbroschüren der deutschen Epilepsievereinigung an:

Weitere Informationen

Patientenorganisation

Autor*innen

  • Hannah Brand, Ärztin, Berlin
  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Epilepsie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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