Sprach- und Sprechstörungen

Sprach- und Sprechstörungen weisen in der Regel auf eine Krankheit oder Verletzung im Zentralnervensystem hin. Sie sollten ärztlichen Rat suchen.

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"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

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Was sind Sprach- und Sprechstörungen?

  • Bei Aphasie haben Patienten Schwierigkeiten, ihre Gedanken in Worte zu fassen (Broca-Aphasie) bzw. Sprache zu verstehen (Wernicke-Aphasie).
  • Bei der globalen Aphasie sind beide Fähigkeiten eingeschränkt.
  • Bei der amnestischen Aphasie ist die Kommunikationsfähigkeit oft nicht so stark eingeschränkt, es stehen Wortfindungsstörungen im Vordergrund.
  • Dysarthrie bezeichnet die Schwierigkeit, Wörter auszusprechen.
  • Diese Krankheitsbilder können per Definition erst diagnostiziert werden, wenn die betroffene Person bereits sprechen gelernt hatte. Kann etwa ein Kleinkind (noch) nicht gut verständlich sprechen, nennt man dies eine Sprachentwicklungsstörung. 
  • Ursache der verschiedenen Störungen sind Erkrankungen, die zu Schäden im Bereich des Gehirns (Aphasie) und/oder der Funktion der Sprechorgane (Dysarthrie) führen.
  • Die Sprachfunktion ist bei allen Rechtshändern und bei etwa 40 % aller Linkshänder in bestimmten Bereichen der linken Gehirnhälfte verankert. Je nach Lokalisation der Schädigung, z. B. infolge eines Schlaganfalls, entsteht die entsprechende Form der Sprach-/Sprechstörung.

Häufigkeit

  • Sowohl Sprach- als auch Sprechstörungen sind relativ häufig.
  • Knapp ein Drittel der Patienten mit Schlaganfall leiden anfangs unter einer Aphasie. Im weiteren Verlauf bildet sich diese Störung bei mehr als 40 % der überlebenden Betroffenen wieder vollständig zurück.

Beurteilung von Sprach- und Sprechstörungen

  • Die genaue Diagnostik bzw. Abgrenzung der verschiedenen Sprach-/Sprechstörungen ist bei manchen Patienten sehr schwierig, da die Symptome sich überlappen können.

Aphasie

  • Eine Aphasie ist eine Störung, die immer auf eine Schädigung oder Krankheit im Sprachareal des Gehirns zurückzuführen ist.
  • Aphasien treten am häufigsten nach einem Schlaganfall auf, aber auch bei anderen Arten von Verletzungen und Erkrankungen des Gehirns, beispielsweise bei einem Gehirntumor.
  • Bei einer Aphasie sind häufig auch Schreiben und Lesen mitbetroffen, es kann sich aber auch um eine isolierte Sprechstörung handeln.
  • Ein Patient mit einer Broca-Aphasie ist nicht oder kaum mehr in der Lage, sich per Sprache mitzuteilen. Die Sprechstörung kann unterschiedlich schwer ausgeprägt sein; manche Patienten können trotz der Störung noch gut kommunizieren, andere sich mit kurzen Sätzen oder einzelnen Wörtern noch mitteilen, wieder andere bekommen kein Wort mehr heraus. Da diese Patienten oft sehr viel oder sogar alles verstehen, was andere sagen, ist die eigene Sprachlosigkeit meist besonders schwer zu ertragen. 
  • Ein Patient mit einer Wernicke-Aphasie hingegen redet möglicherweise in einem fort im Einzelnen verständliche Worte und Sätze, die allerdings inhaltlich keinen Sinn ergeben. Auch das, was ihm von anderen gesagt wird, ist für diesen Patienten nicht oder nicht ganz verständlich.
  • Bei der amnestischen Aphasie (Amnesie = Gedächtnisverlust) stehen Wortfindungsstörungen im Vordergrund. Dennoch ist meist eine gute Kommunikationsfähigkeit erhalten.

Dysarthrie

  • Hierbei handelt es sich um eine Störung der Funktionen in den Sprechorganen (Kehlkopf, Zungenmuskulatur etc.), aufgrund der Wörter ungenau oder undeutlich ausgesprochen werden.
  • Zusätzliche oder alleinige Ursache für eine solche Sprechstörung kann auch eine Fehlsteuerung der Atmung, Stimmgebung im Kehlkopf, Artikulation oder Sprachmelodie sein.
  • Die Ursache für Dysarthrie kann in den Sprechorganen selbst liegen oder peripher bzw. zentral im Nervensystem, die diese steuern.
  • Die Ausprägung dieser Störung reicht von einer monotonen, sehr leisen Sprache in sehr hoher oder sehr tiefer Stimmlage, abgehackt ausgesprochenen Silben bis zur völligen Unfähigkeit, Silben auszusprechen (Aphonie). Je nachdem, wie die/der Betroffene spricht, lässt sich medizinisch ableiten, welche Strukturen (Hirn oder periphere Nerven) geschädigt sind.

Sprechapraxie

  • Als Apraxie wird die Unfähigkeit bezeichnet, eine gewollte Handlung korrekt geplant durchzuführen.
  • In Bezug auf das Sprechen sind hierbei weder die Sprachbereiche im Gehirn noch die Nerven und Muskeln der Sprechorgane betroffen, sondern ein bestimmter anderer Bereich im Gehirn, in dem die korrekte Planung aller gewollten Handlungen abläuft.
  • Die Betroffenen haben also z. B. Schwierigkeiten, die richtigen Laute zu bilden, beginnen ihre Sätze häufig noch einmal von vorn und korrigieren sich mehrmals. Zwischendurch gelingen dann oft ein paar korrekte Sätze.

Ursachen

Aphasie

  • Schlaganfall (mangelnde Durchblutung in einem Areal des Gehirns mit dauerhafter oder rasch vorübergehender Symptomatik)
    • Stellt die häufigste Ursache für eine Aphasie dar.
    • Die Symptome bei einem Schlaganfall können sich binnen Sekunden (z. B. Blutgerinnsel, das ein Blutgefäß im Gehirn komplett blockiert), Minuten (typischerweise Gehirnblutung) oder im Laufe von Minuten bis Stunden entwickeln.
    • Es ist infolge eines Schlaganfalls eine alleinige Sprach-/Sprechstörung ohne andere Symptome möglich; meist wird diese aber begleitet von anderen Symptomen (z. B. Lähmung der rechten Hand). Die Symptome variieren je nach Lokalisation im Gehirn und Schweregrad der Durchblutungsstörung.
  • Demenz
    • Neurodegenerative Krankheit meist bei älteren Menschen, die sich über eine längere Zeit entwickelt.
    • Dabei treten eine allmähliche Verschlechterung der geistigen Funktionen zusammen mit Gedächtnisstörungen auf.
    • Infolge der Abnahme der verschiedenen Hirnfunktionen ist zunehmend auch das Sprechen und Verstehen betroffen; ist aber kein spezifisches Symptom dieser Krankheit.
    • Frühe Anzeichen sind geringer Antrieb, reduzierte Arbeitslust, Vernachlässigung der alltäglichen Aufgaben und erhöhte Vergesslichkeit.
    • Der Grad des Bewusstseins ist davon nicht betroffen.
  • Hirntumor
    • Ein Gehirntumor entwickelt sich oft langsam.
    • Anfängliche Symptome können Krämpfe, langsam fortschreitende Lähmung einer Extremität und/oder eine Aphasie sein.
    • Als weitere mögliche Symptome können u. a. Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und möglicherweise Persönlichkeitsveränderungen auftreten.
  • Chronisches Subduralhämatom
    • Diese Art der Blutung tritt vor allem bei älteren Menschen nach einer erkannten oder nicht erkannten Kopfverletzung auf, die Tage oder Wochen zurückliegt.
    • Dabei nimmt die Blutung zwischen den Hirnhäuten langsam zu und übt zunehmend Druck auf das darunterliegende Hirngewebe aus.
    • Normalerweise tritt eine allmähliche Verringerung der mentalen Funktionen ein, weitere Symptome sind Kopfschmerzen, Sturzneigung und erhöhte Schläfrigkeit. Sprach-/Sprechstörungen können hinzukommen.
  • Andere mögliche Ursachen für eine Aphasie sind entzündliche Krankheiten des Gehirns (Meningitis/Enzephalitis), schwere Schädel-Hirn-Verletzungen oder ein (vorübergehender) Sauerstoffmangel des Gehirns.

Dysarthrie

  • Akute Vergiftung durch Alkohol oder Medikamente:
    • Bewirkt vorübergehend „undeutliches“ Sprechen.
  • Schlaganfall
    • Durchblutungsstörungen im Gehirn können eine Aphasie oder auch eine Dysarthrie auslösen.
  • Multiple Sklerose
    • Tritt normalerweise bei einer jüngeren Person auf
    • Anfängliche Symptome sind akuter Schwindel, Doppelsehen, eine einseitige Sehnervbeeinträchtigung mit teilweisem Gesichtsfeldverlust, Schwerfälligkeit, Gefühlsstörungen und starker Harndrang.
    • Zu Beginn treten oft leichte und vorübergehende Anfälle auf.
    • Es können u. a. Sprechstörungen auftreten.
  • Chronische neurologische Erkrankung
    • Parkinson-Krankheit, Zerebralparese, amyotrophe Lateralsklerose
    • Dysarthrien entwickeln sich bei den verschiedenen Krankheiten allmählich oder in Schüben.
    • Bei einigen Krankheiten zeigen die Patienten zudem Ataxie und Instabilität; je nach Krankheit sind unterschiedliche Symptome kennzeichnend.
  • Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma (etwa nach einem Autounfall oder Ähnlichem) kann sowohl eine Aphasie als auch eine Dysarthrie zur Folge haben.

Wann sollten Sie ärztliche Hilfe suchen?

  • Sprach- und Sprechstörungen weisen in der Regel auf eine Krankheit oder Verletzung im Zentralnervensystem hin; zur Untersuchung und Abklärung sollte eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht werden.
  • Manchen Patienten sind die Sprach-/Sprechstörungen selbst gar nicht bewusst; dann raten Angehörige evtl. zu einem Arztbesuch. 
  • Eine plötzlich auftretende Sprech- oder Sprachverständnisstörung weist auf einen Schlaganfall hin. Hier ist eine umgehende ärztliche Untersuchung nötig. 

Wie geht die Ärztin/der Arzt vor?

Anamnese

Die Ärztin/der Arzt kann folgende Fragen stellen:

  • Wünschenswert ist, dass der Ehemann/die Ehefrau, Partner oder nahe Verwandte ergänzende Informationen geben.
  • Wie lange bestehen die Schwierigkeiten bereits?
  • Wie hat sich die Erkrankung anfänglich gezeigt?
  • Sind weitere Symptome aufgetreten?
  • Gibt es Anzeichen von Demenz?
  • Ist eine andere Krankheit bekannt?
  • Haben Sie in den letzten Wochen Ihren Kopf gestoßen?

Ärztliche Untersuchung

  • Die Ärztin/der Arzt führt eine allgemeine neurologische Untersuchung inkl. Tests zum Sprechen und Sprachverständnis durch.
  • Je nach Verdachtsdiagnose erfolgen Laboruntersuchungen oder andere Tests, um die zugrunde liegende Ursache der Sprechstörung zu finden.
  • Sind weitergehende Untersuchungen erforderlich, ist ein CT-Scan des Gehirns eine der Hauptuntersuchungen.

Therapie

Die Behandlung einer Sprach-/Sprechstörung hängt zunächst einmal davon ab, welche Ursache zugrunde liegt. Bei einigen Krankheiten, etwa eine schweren Verletzung, eine akute Infektion im Bereich des Gehirns oder ein Schlaganfall, steht zunächst die Therapie der lebensbedrohlichen Symptome im Vordergrund. Erst wenn die/der Betroffene wieder in einem stabilen Zustand ist, wird es darum gehen, die Sprach-/Sprechstörung noch genauer zu diagnostizieren und zu therapieren.

Um genauer zu klären, welche Art der Störung in welchem Ausmaß vorliegt, stehen verschiedene Tests zur Verfügung. Diese kann die Neurologin bzw. der Neurologe anwenden. Für die Diagnose, aber vor allem die Therapie von Sprechstörungen sind Logopäden zuständig. Diese behandeln die Patienten mit dem Ziel, das Sprechen zu trainieren, und unterstützen sie dabei, im Alltag wieder möglichst selbstständig zurechtzukommen. Hier kommen je nach Art der Sprechstörung verschiedene Therapiemethoden zum Einsatz; auch Medikamente oder selten chirurgische Eingriffe können hilfreich sein. Auch für Angehörige bedeutet der Umgang mit einem Betroffenen, der Probleme hat sich mitzuteilen oder das Gesagte zu verstehen, eine große Herausforderung. Ärzte und Logopäden können hier hilfreiche Tipps für die Kommunikation anbieten.

Prognose

Nach einem Schlaganfall erholen sich viele Patienten bereits in den ersten Tagen deutlich, rund 40 % (der Überlebenden) können nach einigen Monaten wieder wie gewohnt kommunizieren. Bei neurodegenerativen Krankheiten wie Demenz oder Parkinson-Krankheit kann sich durch die geeignete Therapie der Grunderkrankung auch das Sprechen wieder verbessern. Da diese Krankheiten jedoch mit der Zeit immer weiter fortschreiten, ist auch die Prognose für eine damit einhergehende Sprechstörung nicht so gut.

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Sprach- und Sprechstörungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Kommunikationsstörungen bei neurogenen Sprech- und Stimmstörungen im Erwachsenenalter, Funktionsdiagnostik und Therapie. AWMF-Leitlinie Nr. 049-014, Stand 2014. awmf.org
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Neurogene Sprechstörungen (Dysarthrien). AWMF-Leitlinien Nr. 030-103, Stand 2018. www.awmf.org
  3. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Schlaganfall, Rehabilitation aphasischer Störungen. AWMF-Leitlinie Nr. 030-090, Stand 2012. awmf.org
  4. Hillis AE. Aphasia: progress in the last quarter of a century. Neurology. 2007 Jul 10;69(2):200-13. Review. PubMed PMID: 17620554 www.ncbi.nlm.nih.gov
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  6. Pedersen PM, Vinter K, Olsen TS. Aphasia after stroke: type, severity and prognosis. The Copenhagen aphasia study. Cerebrovasc Dis. 2004;17(1):35-43. Epub 2003 Oct 3. PubMed PMID: 14530636 www.ncbi.nlm.nih.gov
  7. Hillis AE. Aphasia: progress in the last quarter of a century. Neurology 2007;69:200-213. Neurology
  8. Brady MC, Kelly H, Godwin J, Enderby P, Campbell P. Speech and language therapy for aphasia following stroke. Cochrane Database Syst Rev. 2016 Jun 1;(6):CD000425. doi: 10.1002/14651858.CD000425.pub Review. PubMed PMID: 27245310 deximed.de
  9. National Institute on Deafness and other Communication Disorders. NIDCD Fact Sheet: Aphasia. NIH Pub. No. 97 4257. December 2015. www.nidcd.nih.gov