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Interstitielle Zystitis

Bei der interstitiellen Zystitis handelt es sich um eine chronisch entzündliche, nicht bakterielle Erkrankung der Harnblase mit ausgeprägten Schmerzen im Bereich der Harnblase, Schmerzen beim Wasserlassen, Harndrang und zu häufigem, auch nächtlichem Wasserlassen mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität.

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Was ist die interstitielle Zystitis?

Bei der interstitiellen Zystitis handelt es sich um eine chronisch entzündliche, nicht bakterielle Erkrankung der Harnblase mit ausgeprägten Schmerzen im Bereich der Harnblase, Schmerzen beim Wasserlassen, Harndrang und zu häufigem, auch nächtlichem Wasserlassen. Typischerweise lassen die Schmerzen während des Wasserlassens nach. Oft tritt ein unnormal starkes, schmerzhaftes und plötzliches Bedürfnis zum Wasserlassen auf. Die Beschwerden sind langwierig und können immer wieder auftreten. Betroffene leiden unter erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität. Die Diagnose setzt voraus, dass eine Reihe anderer Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen wurde.

Häufigkeit

Frauen sind häufiger betroffen als Männer, das Verhältnis liegt bei etwa 9:1. Die Häufigkeit liegt bei Frauen bei 2–500 pro 100.000, bei Männern 8–41 pro 100.000. Die meisten Betroffenen sind zwischen 30 und 50 Jahren alt. Die Erkrankung wird in Deutschland selten diagnostiziert und die Zahl der Dunkelziffer ist unbekannt.

Ursachen

Die zugrunde liegende Ursache für die interstitielle Zystitis ist nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich kommen bei Betroffenen mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Es wird u. a. ein Defekt der Schleimhautzellen in der Harnblase als eine mögliche Ursache der Symptomatik angenommen. Eventuell liegt auch eine chronische Entzündung vor. Diskutiert wird zudem eine Überaktivität beteiligter Nervenzellen, eine verminderte Durchblutung der Harnblase, ein erhöhter Muskeltonus der Beckenbodenmuskulatur, psychosoziale Belastungsstörungen und eine verändertes Mikrobiom. Zitrusfrüchte, Essig oder Pfeffer können die Schmerzsymptomatik verstärken.

Assoziierte Erkrankungen sind:

Ausschluss anderer Erkrankungen

Die Diagnose der interstitiellen Zystitis setzt voraus, dass andere Erkrankungen, z. B. eine bakterielle Blasenentzündung oder eine Blasenreizung aufgrund von Medikamenten, Bestrahlung oder Tuberkulose, ausgeschlossen wurden. Es sollten bei weiblichen Betroffenen auch Erkrankungen der Scheide, Schamlippen (z. B. Herpesinfektion), der Gebärmutter und der Harnröhre ausgeschlossen werden.

Diagnostik

Die Diagnose beruht auf der sorgfältig erhobenen Krankengeschichte (inklusive Miktionsprotokoll), der körperlichen Untersuchung sowie dem Ausschluss der oben genannten Erkrankungen. Die Symptome sind meist so typisch, dass die Diagnose aufgrund der Krankengeschichte, dem Befund bei einer körperlichen Untersuchung und einer unauffälligen Urinuntersuchung gestellt werden kann.

Eine Untersuchung der Harnblase mittels Ultraschall, Spiegelung (Zystoskopie) und Uroflow (zur Restharnbestimmung) wird in den meisten Fällen ergänzend empfohlen. Die Untersuchungen helfen dabei, andere Erkrankungen auszuschließen. Zudem zeigen sich bei der Harnblasenspiegelung in Narkose nach Überdehnung der Harnblase mit Wasser (Hydrodistension) charakteristische Schleimhautblutungen und -einrisse.

Zur Erfassung der subjektiven Schmerzstärke werden einheitliche Skalen verwendet. Füllen Sie entsprechende Frage- und Dokumentationsbögen bezüglich Ihrer Beschwerden aus.

Therapie

Es gibt für die interstitielle Zystitis keine ursächliche Behandlung, sodass die Therapie in erster Linie Ihre Symptome lindern und Lebensqualitität verbessern soll.

Zahlreiche Maßnahmen und Medikamente werden empfohlen, allerdings bisher zumeist ohne Wirksamkeitsbeweise aus wissenschaftlichen Studien. Eine Standardbehandlung gibt es somit nicht. Die Betroffenen müssen leider häufig viele Maßnahmen ausprobieren, bis sie Linderung erlangen. Die Behandlung soll so wenig invasiv wie möglich sein und erfolglose Maßnahmen sollen so früh wie möglich abgebrochen werden.

Was können Sie tun?

Die Veränderung der Lebensweise ist eine wichtige Grundlage bei der Behandlung. Vermeiden Sie Stress und Unterkühlung. Führen Sie Blasentraining durch und passen Sie sexuelle und andere körperliche Aktivitäten an Ihre Schmerzen an.

Falls bei Ihnen eine Lebensmittelunverträglichkeit festgestellt wurde, führen Sie eine individualisierte Ausschluss-Diät mit schrittweiser Wiedereinführung durch. Häufig besteht eine Unverträglichkeit gegen Histamin.

Physiotherapeutische Maßnahmen können ebenfalls helfen. Erlernen Sie Relaxationsübungen bei spezialisierten Beckenboden-Physiotherapeut*innen.

Durch einen langen Krankheitsverlauf kann eine Depression oder ein Erschöpfungszustand als Begleiterkrankung vorliegen. Nehmen Sie Angebote der psychologischen/psychiatrischen Betreuung wahr.

Medikamente

Sind die Beschwerden so stark, dass eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, kommen verschiedene Präparate infrage, deren Wirkung in Absprache mit Ihren Ärzt*innen individuell ausprobiert werden müssen.

Das einzige in Europa zugelassene Medikament für die Behandlung der interstitiellen Zystitis ist Pentosanpolysulfat. Es fördert die Blasendurchblutung und den Reparaturmechanismus der oberflächlichen Schleimhautzellen. Der Wirkung tritt oft erst nach 3–6 Monaten ein. Die Behandlung wird so lange fortgesetzt, wie die Wirkung anhält.

Für die Schmerztherapie gibt es derzeit noch kein einheitliches Behandlungskonzept. Medikamente der Gruppe der NSAR, Novaminsulfon oder sogar die Installation von Lokalanästhetika in die Harnblase sind die gängigen Behandlungsmöglichkeiten, um Schmerzen zu mildern. Bei fehlender Besserung durch ambulante Maßnahmen, kann eine stationäre Aufnahme in einer spezialisierten urologischen Klinik angezeigt sein.

Andere Medikamentengruppen, die in den aktuellen Leitlinien zur Therapie der interstitiellen Zystitis genannt werden, sind:

  • Amitriptylin (Antidepressivum)
  • Muskelrelaxanzien
  • Antikonvulsiva
  • Injektion von Botulinumtoxin in die Harnblasenwand
  • Injektion von Kortikosteroiden und Lokalanästhetika in die Schleimhaut der Harnblase.

Andere Therapiemaßnahmen

Eine weitere Möglichkeit zur Schmerzlinderung ist die Ausdehnung der Harnblase (Hydrodistension). Zu diesem Zweck wird die Blase unter Narkose mit Flüssigkeit gefüllt. Der Eingriff hat sowohl therapeutische als auch diagnostische Wertigkeit. Außerdem werden Spülbehandlungen (Installation) der Blase mit verschiedenen, die Blasenschleimhaut regenerierenden Substanzen wie Hyaluronsäure und Chondroitin-Sulfat angeboten.

Zu den Maßnahmen, die versuchsweise eingesetzt werden, gehört die elektrische Nervenstimulation der Blase.

Als letzte Therapieoption nach Versagen aller anderer Methoden und anhaltendem hohem Leidensdruck mit massiver Beeinträchtigung der Lebensqualität bleiben offen chirurgische Verfahren mit Harnblasenersatz und Harnableitung. Die Indikation zur operativen Behandlung soll nur in seltenen Ausnahmen und nur in spezialisierten Zentren gestellt werden.

Empfehlungen für Patient*innen

  • Verzichten Sie auf histaminreiche Lebensmittel, Koffein, Alkohol und saure Getränke. Bei einigen Betroffenen führt das zur Symptomlinderung.
  • Reduzieren Sie Stress.
  • Bewegen Sie sich, sofern das Ihre Schmerzen es zulassen.

Prognose

Die interstitielle Zystitis verläuft für die Patient*innen oft schwierig und unbefriedigend. Häufig wechseln sich Phasen der Symptomverbesserung mit Phasen der Verschlechterung ab. 80 % der Patient*innen berichten über Alltagsprobleme und 40 % über existenzielle Probleme. Die häufigsten Komplikationen sind chronische Schmerzen (u. a. auch beim Geschlechtsverkehr), Arbeitsunfähigkeit, psychische und psychosomatische Beschwerden. Die interstitielle Zystitis kann nur selten geheilt werden, aber bei etwa 90 % der Betroffenen bessert sich der Zustand durch die Therapie.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Hannah Brand, Ärztin, Berlin
  • Julia Trifyllis, Dr. med., ‎Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W.