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Nephrotisches Syndrom

Das nephrotische Syndrom ist keine eigene Krankheit, sondern das gemeinsame Auftreten bestimmter Symptome, die aufgrund einer Funktionsstörung der Nieren entstehen. Hierfür gibt es ganz unterschiedliche Ursachen.

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Was ist das nephrotische Syndrom?

Definition

Das nephrotische Syndrom bezeichnet das gemeinsame Auftreten bestimmter Symptome, die auf eine Erkrankung der Nieren hinweisen. Das nephrotische Syndrom kennzeichnet sich durch folgende Befunde:

  • erhöhte Eiweißausscheidung im Urin (Proteinurie)
  • niedriger Proteingehalt im Blut (Hypalbuminämie)
  • erhöhte Blutfettwerte (Hyperlipidämie)
  • Ödeme, d. h. Flüssigkeitsansammlungen und Schwellungen an verschiedenen Stellen des Körpers.

Die Hauptaufgabe der Nieren ist die Ausfilterung von Abfallstoffen und die Regulierung des Flüssigkeitshaushalts im Körper. Die Glomerula, die eigentlichen Filtersysteme der Niere, werden undicht, wodurch dem Blut zu viele Proteine verloren gehen. Proteine haben u. a. die Aufgabe, Flüssigkeit im Blut zu binden. Durch einen niedrigen Proteinwert im Blut tritt daher relativ viel Flüssigkeit aus dem Blut in das angrenzende Gewebe über. Dadurch entstehen Flüssigkeitsansammlungen im Körper (Ödeme). Sinkt der Proteinwert, versucht die Leber diesen Zustand zu korrigieren, indem sie mehr Proteine produziert. Bei diesem Prozess bildet die Leber auch mehr Lipoproteine, was zu höheren Blutfettwerten führt.

Neben diesen Veränderungen kann es auch dazu kommen, dass die Nieren die Konzentration von Natrium wegen des geschädigten Filterapparates nicht mehr korrekt regulieren können. Es verbleibt zu viel Natrium im Körper, das ebenfalls Wasser nach sich zieht und so zu weiteren Flüssigkeitsansammlungen im Körper beiträgt.

Symptome

Die häufigsten Symptome sind Schwellungen an den Armen und Beinen, um die Augen oder im Genitalbereich. Das Wasser kann sich auch in der Bauchhöhle sammeln (Aszites) oder in der Pleurahöhle zwischen Lungen- und Brustfell, was sich durch Atemnot äußert.

Bei bettlägerigen Patient*innen sammelt sich das Wasser vor allem am Rücken und Gesäß. Durch die Flüssigkeitseinlagerungen kommt es zu einer Gewichtszunahme. Der Urin kann aufgrund des hohen Proteinwerts auffällig schäumen. Andere Symptome sind Abgeschlagenheit, Thrombosen, Bluthochdruck oder gehäuft Infektionen mit Bakterien.

Ursachen

Ganz grundsätzlich liegt dem nephrotischen Syndrom eine Störung der Nierenfunktion zugrunde. Meist liegt die Ursache der Nierenfunktionsstörungen darin, dass die sog. Glomerula – sehr komplex aufgebaute kleine Funktionseinheiten der Nieren – geschädigt wurden. In 70 % der Fälle entsteht das nephrotische Syndrom durch eine solche Glomerulopathie. Bei den restlichen 30 % der Betroffenen liegt eine Systemerkrankung als Ursache für das nephrotische Syndrom vor. Dazu gehören z. B.:

Häufigkeit

Bei Erwachsenen wurde ein Vorkommen von etwa 3–7 Fällen auf 100.000 Personen im Jahr festgestellt. Männer sind häufiger betroffen als Frauen.

Bei Kindern ist das nephrotische Syndrom die häufigste Nierenerkrankung. Meistens sind sie zwischen 2 und 6 Jahre alt. Jungen erkranken doppelt so oft wie Mädchen.

Untersuchungen

  • Die Urinuntersuchung zeigt einen erhöhten Proteinwert.
    • Zusätzlich kann der Urin unter dem Mikroskop beurteilt werden.
  • Bei umfassenden Blutuntersuchungen werden Proteingehalt, Blutfettwerte und Entzündungswerte bestimmt. Evtl. liegen auch Hinweise für eine Autoimmunerkrankung oder für eine Infektion vor.
  • In einer Ultraschalluntersuchung werden die Nieren beurteilt und evtl. wird Wasser im Bauch oder in der Pleurahöhle nachgewiesen.
  • Bei Verdacht auf einen ausgeprägten Pleuraerguss wird ein Röntgenbild des Brustkorbs angefertigt.
  • Wenn die Ursache des nephrotischen Syndroms unklar ist, kann bei Erwachsenen die Entnahme einer Gewebeprobe der Nieren (Biopsie) indiziert sein.

Behandlung

  • Maßnahmen gegen die Wassereinlagerungen
    • Diuretika/Wassertabletten
  • Behandlung der Proteinausscheidung und des erhöhten Blutdrucks
    • Hierfür werden spezifische Blutdruckmedikamente empfohlen, die sog. ACE-Hemmer und Angiotensin-Antagonisten.
    • Ein Blutdruck von unter 130/80 mmHg wird angestrebt.
  • Behandlung der Fettstoffwechselstörung
    • Wird in der Regel mit Medikamenten (Statinen) behandelt.
  • Vorbeugung von Thrombosen
    • in den meisten Fällen mit Tabletten, sog. oralen Antikoagulanzien
  • Vorbeugung von Infektionen
  • Liegt eine Glomerulonephritis (akute Nierenentzündung) zugrunde, wird diese speziell behandelt. Da diese in der Regel die Folge einer überschießenden Reaktion des Immunsystems ist, kommen hier Immunsuppressiva zum Einsatz, also Wirkstoffe, die das Immunsystem dämpfen. Dazu zählen neben Kortison verschiedene spezifische Wirkstoffe.
  • Wenn sich im Verlauf ein Nierenversagen entwickelt, ist evtl. eine Dialyse notwendig. 

Was können Sie selbst tun?

  • Nehmen Sie nur sehr wenig Kochsalz mit der Ernährung auf (weniger als 5 Gramm pro Tag), und achten Sie auch auf Ihre Eiweißzufuhr (es werden 0,8–1 g Eiweiß pro kg Körpergewicht pro Tag empfohlen).
  • Nehmen Sie keine nierenschädigenden Medikamente ein, wie z. B. das Schmerzmittel Diclofenac. Lassen Sie sich diesbezüglich ärztlich beraten.
  • Falls Sie rauchen, ist ein Rauchstopp zu empfehlen. Der Verzicht auf Nikotin wirkt sich günstig auf die Proteinausscheidung aus.

Prognose

  • Grundsätzlich ist der Verlauf des nephrotischen Syndroms von den Vorerkrankungen und der zugrunde liegenden Ursache abhängig.
    • Durch die verbesserte Therapie hat sich die Prognose in den letzten Jahren deutlich gebessert.
    • Das Spektrum des Krankheitsbildes reicht von vollständiger Erholung bis hin zum Nierenversagen mit Dialysepflichtigkeit.
  • Bei Patient*innen mit nephrotischem Syndrom besteht ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel.
  • Durch die erhöhten Blutfettwerte erhöht sich das Risiko für eine Gefäßverkalkung (Arteriosklerose); dadurch erkranken Betroffene eher an einer koronaren Herzkrankheit bzw. einem Herzinfarkt
  • Mit der Zeit kann ein Vitamin-D-Mangel auftreten, der mit Kalziummangel und Schwächung der Knochenstruktur (Osteoporose) einhergeht.

Weitere Informationen

Autorin

  • Hannah Brand, Dr. med., Ärztin, Berlin

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Nephrotisches Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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