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Nierenkrebs (Nierenkarzinom)

Nierenkrebs ist zu Beginn symptomarm und wird häufig nur zufällig bei einer bildgebenden Untersuchung entdeckt. In der Behandlung nimmt die operative Entfernung des entarteten Gewebes den größten Stellenwert ein. Wenn die Krebserkrankung noch keine Metastasen gebildet hat, ist die Aussicht auf Heilung gut.

Zuletzt revidiert:


Was ist Nierenkrebs?

Definition

Das Nierenzellkarzinom ist ein bösartiger Tumor, der vom Nierengewebe ausgeht. In etwa der Hälfte der Fälle wird die Erkrankung durch Zufall entdeckt, z. B. bei einer Ultraschalluntersuchung des Bauches. Die Ursache für die Erkrankung ist nicht bekannt. Unter dem Mikroskop können verschiedene Tumorarten voneinander abgegrenzt werden:

  • Klarzelliges Nierenkarzinom (80‒90 % aller Fälle)
  • Papilläres Nierenzellkarzinom
  • Onkozytom
  • Nierenzellkarzinom, das aus den Sammelrohren der Niere entstanden ist.

Symptome

Nur selten kann der Tumor getastet werden. In den meisten Fällen ist die körperliche Untersuchung ohne auffälligen Befund. In der Frühphase verursacht das Nierenzellkarzinom keine oder nur milde Beschwerden. Mögliche Symptome sind Blut im Urin, Fieber, Abgeschlagenheit, Husten, Gewichtsabnahme, Kopf-, Bauch-, Flanken oder Skelettschmerzen.

Das Nierenzellkarzinom zählt außerdem zu den Krebserkrankungen, die sog. paraneoplastische Syndrome auslösen können. Unter diesem Begriff werden Symptome zusammengefasst, die im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung auftreten, aber keine unmittelbare Folge des Tumorwachstums oder der Metastasierung darstellen. Zu den paraneoplastischen Syndromen zählen z. B. Veränderungen des Blutes, wie etwa eine verringerte oder vermehrte Produktion roter Blutkörperchen, sowie die abnorme Produktion unterschiedlicher Hormone.

Ursachen

Bei Nierenkrebs entarten meist die Zellen, die das komplexe Filtersystem zur Reinigung des Blutes bilden. Manche Unterformen des Nierenkrebs sind mit Gendefekten oder familiären Syndromen assoziiert. Die genaue Ursache für die Erkrankung ist jedoch nicht geklärt. Bekannte Risikofaktoren sind:

Von dem Nierenzellkarzinom abzugrenzen, ist das Nierenbeckenkarzinom. Dieses bildet sich im Nierenbecken, das mit denselben Zellen ausgekleidet ist, aus denen der Harntrakt besteht. Daher ist das Nierenbeckenkarzinom mit dem Harnblasenkrebs eng verwandt, nicht jedoch mit dem Nierenzellkarzinom.

Häufigkeit

Jährlich erkranken in Deutschland ungefähr 10 von 100.000 Personen an Nierenkrebs. Männer sind häufiger betroffen, zwei- bis dreimal mehr als Frauen. Die Patient*innen sind im Schnitt zwischen 50 und 70 Jahre alt. Selten beginnt die Erkrankung vor dem 40. Lebensjahr. In einem Viertel der Fälle liegt bei Diagnosestellung bereits eine Streuung des Tumors in andere Organe vor. Diese sog. Fernmetastasen befinden sich am häufigsten in der Lunge, im Skelett oder in Lymphknoten.

Untersuchungen

  • Oft wird ein Nierenkarzinom zufällig entdeckt, z. B. bei einem bildgebenden Verfahren aufgrund einer anderen Erkrankung.
    • Am besten geeignet für die Diagnose und Stadieneinteilung sind Angio-CT oder MRT.
    • Auch in einer Ultraschalluntersuchung kann der Tumor entdeckt werden.
    • Skelettszintigrafie und Röntgenthorax/CT-Thorax werden eingesetzt, um eine Streuung des Tumors in andere Organe festzustellen.
  • Blut im Urin bei einer Urinuntersuchung kann ein wegweisender Befund sein.
  • Blutuntersuchungen: Hämoglobin, Blutsenkungsgeschwindigkeit, CRP, Serumkalzium, alkalische Phosphatase
  • Eine Gewebeprobe (Biopsie) wird selten entnommen.

Behandlung

Operation

  • Eine Operation ist die einzige Behandlung des Nierenzellkarzinoms, die zu einer Heilung führen kann.
    • Meistens muss nur ein Teil der Nieren chirurgisch entfernt werden. Dies kann in einer offenen Operation oder durch einen minimalinvasiven Eingriff (Schlüssellochchirurgie) erfolgen.
      • Bei der minimalinvasiven Chirurgie wird mithilfe einer Kamera durch kleine Hauteinschnitte operiert.
    • Bei großen Tumoren oder Tumoren am Oberrand der Niere wird die gesamte Niere entfernt.

Medikamente bei Patient*innen mit Metastasen

  • Hemmen das Tumorwachstum oder wirken auf das Abwehrsystem.
  • Eingesetzte Wirkstoffgruppen
    • VEGF-Rezeptor-Tyrosinkinase-Inhibitoren
    • Zytokine (Interferon-alpha und Interleukin-2)
    • Immuncheckpoint-Inhibitoren

Weitere Therapien

  • Die herkömmliche Chemotherapie hat in der Behandlung des Nierenzellkarzinoms meist keinen Stellenwert.
  • Die Bestrahlung von Metastasen kann zu einer Schmerzlinderung führen.
  • Manche Metastasen können chirurgisch entfernt werden. Ob eine Operation in Frage kommt, hängt von der Anzahl und Lokalisation der Metastasen und vom Fortschritt der Erkrankung ab.

Prognose

  • Je früher die Diagnose gestellt wird und je zeitiger mit der Therapie begonnen wird, desto besser ist die Prognose. Leider verzögert sich die Diagnosestellung häufig, da das Nierenzellkarzinom im frühen, örtlich begrenzten Stadium nur selten durch Symptome auf sich aufmerksam macht.
  • Drei Viertel der Betroffenen leben nach Diagnosestellung noch mindestens 5 Jahre.
  • Das Vorliegen von Metastasen in entfernten Organen wie Lunge oder Knochen verringert die Überlebensaussichten. Nur 8–13 % der Patient*innen mit Fernmetastasen leben länger als 5 Jahre nach Diagnose.
    • In dieser Patientengruppe sind sehr unterschiedliche Verläufe bekannt, sodass sich die Behandlungsaussichten nicht verallgemeinern lassen.
    • Eine schlechte Prognose haben Menschen mit veränderten Blutwerten (hohes LDL, niedriger Hämoglobinwert, hohes Serumkalzium) oder schlechtem Allgemeinzustand.

Nachsorge

  • Einen besonderen Stellenwert haben engmaschige Nachkontrollen. Auch erfolgreich behandelte und operierte Patient*innen mit Nierenkrebs können noch viele Jahre später Metastasen entwickeln. Die Nachsorge umfasst:
    • körperliche Untersuchung
    • Laborwerte
    • Bauchultraschall
    • CT-Untersuchung von Brustkorb und Bauch.

Weitere Informationen

Autorinnen

  • Hannah Brand, Dr. med., Ärztin, Berlin
  • Dorit Abiry, Doktorandin am Institut und der Poliklinik für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Quellen

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Nierenzellkarzinom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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