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Überaktive Blase

Eine überaktive Blase ist durch einen starken Harndrang gekennzeichnet, mit oder ohne unwillkürlichen Harnverlust, in der Regel mit häufigem, auch nächtlichem, Harndrang.

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Was ist eine überaktive Blase?

Eine überaktive Blase (ÜAB) ist durch einen starken Harndrang gekennzeichnet, mit oder ohne unwillkürlichen Harnverlust, in der Regel mit häufigem, auch nächtlichem, Harndrang. Geht der Harndrang mit Harnverlust einher, spricht man von ÜAB nass (früher Dranginkontinenz), besteht Harndrang ohne Urinverlust von ÜAB trocken. Häufig wird auch die englische Bezeichnung „Overactive Bladder", abgekürzt OAB wet (nass) und OAB dry (trocken) verwendet. Die Definition der überaktiven Blase geht davon aus, dass Infektionen und andere Grunderkrankungen ausgeschlossen wurden. Früher wurde dieses Krankheitsbild als Reizblase bezeichnet. Die Beschwerden treten sowohl bei jungen als auch älteren Menschen auf und können in den meisten Fällen durch einen Hausarzt behandelt werden.

Die überaktive Blase gilt als eine Störung mit hoher Dunkelziffer. Viele leiden unter diesen Beschwerden, suchen aber deswegen keinen Arzt auf. Aus diesem Grund sind die Daten über das Auftreten mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Laut Studien leiden etwa 16 % der Bevölkerung an einer überaktiven Blase. Da nächtliches Wasserlassen, Harndrang und häufiges Wasserlassen häufige Erscheinungen in der Bevölkerung darstellen, gibt es keinen scharfen Unterschied zwischen Beschwerden und Krankheit oder klare Leitlinien, wann eine Behandlung erforderlich wird.

Eine überaktive Blase scheint bei Männern und Frauen gleich häufig vorzukommen. Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu. Unter 35 Jahren leiden etwa 7 % an einer überaktiven Blase, bei den über 75-Jährigen sind es mehr als 30 %. 55 % der Frauen mit überaktiver Blase erleben unfreiwilligen Harnabgang, während die entsprechende Zahl für Männer nur 16 % beträgt.

Ursache

Die Symptome der überaktiven Blase entstehen aufgrund von unwillkürlichen Kontraktionen des Blasenmuskels (Detrusor) oder durch vermehrte Signale von der Blase an das Gehirn. Normalerweise sollen diese Kontraktionen oder Signale auftreten, wenn die Blase beginnt, voll zu werden, aber bei Patienten mit einer überaktiven Blase treten sie bereits auf, wenn die Blase nur teilweise gefüllt ist. Durch eine verminderte Hemmung der Reize im Zentralnervensystem entsteht ein Ungleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Reizen. Auch Blasenwandveränderungen können zu einer gestörten Blasenfunktion beitragen.

Viele Menschen mit Fibromyalgie zeigen Symptome einer überaktiven Blase. Organische Veränderungen infolge von Diabetes (Typ 1 und Typ 2), Schlaganfall, Erkrankungen des Rückenmarks, Lungenerkrankungen, Verstopfung und kognitiven Störungen können zur Entstehung einer überaktiven Blase beitragen.

Symptome

Das beherrschende Symptom ist ein starker und häufiger Harndrang. Die Betroffenen gehen mehr als achtmal in 24 Stunden zur Toilette und müssen auch nachts Wasser lassen. Unfreiwilliger Harnabgang im Zusammenhang mit dem Harndrang ist ein Problem für manche Patienten mit überaktiver Blase (ÜAB nass), aber nicht für alle (ÜAB trocken). Oft sind die Patienten bei einem starken Harndrang nicht in der Lage, den Harn zurückzuhalten und die Toilette rechtzeitig zu erreichen.

Eine überaktive Blase ist eine Störung, die die Lebensqualität beeinträchtigt und zu sozialer Isolation und Depressionen führen kann. Viele vermeiden es, deswegen Hilfe zu suchen, da sie sich für ihre Beschwerden schämen, Angst vor einer möglichen Operation haben, denken, dass das Problem nicht behandelt werden kann, oder sie sehen es als normale und unvermeidliche Folge des Älterwerdens an.

Diagnostik

Die Diagnose erfolgt in den meisten Fällen anhand der Krankengeschichte und durch den Ausschluss anderer möglicher Ursachen. Unter anderem wird der Urin untersucht, um einen Harnwegsinfekt auszuschließen. Bei weiblichen Patienten wird zudem eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt. Liegen die typischen Symptome vor mit starkem Harndrang, mit oder ohne unwillkürlichem Harnverlust, häufigem Harndrang und eventuellen nächtlichen Toilettenbesuchen, ist die Diagnose häufig klar. Es kann sinnvoll sein, dass Sie über zwei bis fünf Tage ein Toilettenprotokoll führen, um die Beschwerden zu erfassen. Im Verlauf können Sie so auch sehen, ob die Behandlung zu einer Besserung der Beschwerden führt.

Ergänzende Untersuchungen sind nicht immer notwendig. Mit einer Ultraschalluntersuchung können andere Erkrankungen der Blase oder der Geschlechtsorgane ausgeschlossen werden. Wenn die Diagnose nicht ganz klar ist, können sogenannte urodynamische Untersuchungen erfolgen, bei denen die Funktion der Harnblase untersucht wird.

Die überwiegende Mehrheit der Patienten kann durch einen Hausarzt untersucht und behandelt werden. Bei Unklarheiten zur Diagnose bzw. Behandlung oder schlechten Behandlungsergebnissen kann es sinnvoll sein, Sie zu einem Spezialisten für Erkrankungen der Harnwege (Urologen) oder zu einem Frauenarzt (Gynäkologen) zu überweisen.

Behandlung

Ziel der Behandlung ist es, die Symptome zu lindern und Ihre Lebensqualität zu verbessernn. Es gibt keine klaren Leitlinien dafür, ab wann eine aktive Behandlung erfolgen sollte. Für viele Patienten ist alleine die Information über die ungefährliche Erkrankung ausreichend, sodass eine medikamentöse Therapie vermieden werden kann. Der starke Harndrang ist wahrscheinlich das zentrale Symptom, und Menschen mit diesem und anderen ausgeprägten Symptomen erleben eine beeinträchtigte Lebensqualität und empfinden die Symptome als schmerzhaft. Sie müssen für sich selbst entscheiden, ob Ihr Leidensdruck so hoch ist, dass Sie eine Behandlung benötigen. Zusammen mit dem Arzt sollten Sie die Notwendigkeit einer Behandlung im Verhältnis zu Wirksamkeit, Nebenwirkungen und der Bereitschaft, über eine längere Zeit hinweg Medikamente einzunehmen, beurteilen.

Bei Versagen der konservativen Therapie mit Blasentraining, Physiotherapie, Beckenbodentraining und Medikamenten stehen operative Behandlungsmaßnahmen zur Verfügung, die wirksam scheinen, aber noch nicht so gut untersucht sind, wie die zuvor beschriebenen.

Verhaltenstherapie und Physiotherapie

Dazu zählt das Blasen- und Toilettentraining, das Führen eines Miktionstagebuches sowie das Beckenbodentraining.

Die einfachste und in vielen Fällen die einzige nötige Behandlung ist das Blasentraining auf Basis des Miktionstagebuchs  (Toiletten-/Trinkprotokoll). Dabei üben Sie mit Ihrer Blase, länger „auszuhalten“, bevor Sie Wasser lassen. Sie können Ihr eigenes Trainingsprogramm erstellen, mit dem Sie nach und nach die Zeitspanne bis zum nächsten Toilettenbesuch verlängern. So kann die Blase sich daran gewöhnen, ein größeres Urinvolumen aufzunehmen, und Sie müssen nicht mehr so häufig Wasser lassen.

Beim Toilettentraining wird die Häufigkeit des Wasserlassens an Ihre Blasenkapazität angepasst, um dem unwillkürlichen Harnverlust zuvorzukommen.

Patienten mit Blasenschwäche können zudem von Beckenbodenübungen profitieren. Am besten sollten diese von einem Physiotherapeuten professionell angeleitet und danach dauerhaft und regelmäßig eigenständig von Ihnen zu Hause durchgeführt werden.

Medikamentöse Therapie

Bei Frauen wird als erste medikamentöse Maßnahme die lokale Behandlung mit Östrogenzäpfchen oder -salben empfohlen. Studien zeigen, dass eine lokale Östrogenbehandlung bei der Häufigkeit der Harnentleerung, bei nächtlichem Wasserlassen, bei Dranginkontinenz und bei der Blasenkapazität helfen kann. Als Nebenwirkung kann Brustspannen auftreten.

Zur medikamentösen Therapie der überaktiven Blase werden sogenannte Anticholinergika oder Muskarinrezeptor-Antagonisten empfohlen. Diese blockieren einen Teil der neuronalen Aktivität der Blase, insbesondere in der Phase, wenn die Blase gefüllt wird, und dämpfen so den Harndrang. Diese Medikamente wirken hingegen nur wenig auf die Entleerung der Blase ein. Obwohl Studien zeigen, dass die Medikamente in der Regel auch im Alter gut verträglich sind, sollten sie bei älteren Patienten mit Vorsicht eingesetzt werden.

Es gibt mehrere Präparate mit ähnlicher Wirkung auf die überaktive Blase, die in Deutschland in Tablettenform zugelassen sind: Darifenacin, Fesoterodin, Oxybutynin, Propiverin, Solifenacin, Tolterodin und Trospiumchlorid. Oxybutynin ist zudem auch als Pflaster erhältlich. Diese Medikamente mindern die Beschwerden, reduzieren die Anzahl der Toilettenbesuche, führen zu weniger unfreiwilligen Urinabgängen, erhöhen das Blasenvolumen, bei dem Harndrang entsteht, und vergrößern das maximale Blasenvolumen.

Die Medikamente entfalten ihre volle Wirkung innerhalb eines Monats. Die Behandlung kann über längere Zeit hinweg angewendet werden. Die Wirkung der Medikamente hält nur so lange an, wie diese regelmäßig eingenommen werden. Sobald Sie die Medikamente absetzen, hört die Wirkung auf, so dass für einen langfristigen Behandlungserfolg eine Dauertherapie erforderlich ist.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, verschwommenes Sehen und Verstopfung. Die Nebenwirkungen sind in der Regel leicht bis mäßig, werden aber dennoch von vielen Patienten als so störend enpfunden, dass sie das verschriebene Medikament absetzen. Da Sie die Dosis in Zusammenarbeit mit Ihrem Arzt selbst anpassen und somit bestimmen können, welche Dosis für Sie am besten ist, können Sie für sich eine persönliche Dosierung herausfinden, bei der eine gute Wirkung bei geringen Nebenwirkungen vorliegt und Sie die Behandlung gut akzeptieren und langfristig davon profitieren können.

Die beste Wirkung scheint mit einer Kombination aus Blasentraining, Physiotherapie und Medikamentenbehandlung erreicht zu werden.

Elektrostimulation

Verschiedene Formen der Elektrostimulation haben sich als wirksam in der Behandlung der überaktiven Blase herausgestellt. Die Kombination aus Beckenbodentraining und Elektrostimulation ist die wirkungsvollste Therapieoption.

Elektrostimulatoren sind von den Krankenkassen anerkannte Hilfsmittel und können vom Arzt verordnet und in Gesundheitsfachgeschäften bestellt werden, teilweise erhalten Sie auch Leihgeräte. Es handelt sich dabei um kleine elektrische Handgeräte, die über Elektroden Strom mit einer Frequenz von 10–20 Hz in kurzen Pulsen abgeben. Durch diese Elektrostimulation wird eine Beruhigung bzw. Hemmung der Nerven der Blasenmuskulatur und somit eine Normalisierung der Blasenfunktion bewirkt. Es sollte eine regelmäßige, also möglichst tägliche Anwendung über einen längeren Zeitraum stattfinden.

Zu Beginn der Therapie werden Sie eingewiesen, wie genau und wie häufig Sie die Elektrostimulation in Ihrem Fall durchführen sollten. Die Elektrostimulatoren verfügen oft über wählbare Programme für die zu behandelnde Störung und sind somit sehr einfach zu bedienen. Die Behandlung ist ungefährlich und ohne schädliche Auswirkungen.

Operative Therapien

Bei Versagen aller konservativer Behandlungen wird Ihr Arzt Ihnen möglicherweise auch eine operative Therapie empfehlen. Mögliche Operationen sind die Blasenwandinfiltration mit Botulinum-A-Toxin, die sakrale invasive Neuromodulation und als letzte Möglichkeit der Harnblasenersatz bzw. die Harnableitung.

Botulinum-A-Toxin

Über eine Harnblasenspiegelung wird das Medikament Botulinum-A-Toxin in die Blasenwand eingespritzt. Die Wirkung tritt innerhalb von 14 Tagen ein, hält allerdings nur sechs bis zwölf Monate, da Botulinum-A-Toxin vom Körper abgebaut wird. Somit muss die Behandlung zur dauerhaften Wirkung immer wieder in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden. Unerwünschte Nebenwirkungen der Behandlung sind in seltenen Fällen Blasenentleerungsstörungen.

Sakrale invasive Neuromodulation

Zur chronischen sakralen Neuromodulation werden im Rahmen einer Operation Stimulationselektroden in die Öffnungen für die Rückenmarksnerven des Steißbeins eingeführt, welche über einen Schrittmacher dauerhaft bedient werden. Der Wirkmechanismus entspricht der externen Elektrostimulation. Ein Vorteil ist, dass die Elektroden näher an den Nerven liegen und diese dauerhaft stimulieren. Bei 10 % der Patienten treten nach der Operation Komplikationen auf.

Harnblasenersatz/Harnableitung

Nur wenn alle zuvor beschriebenen Behandlungen versagen und die Patienten stark unter den Beschwerden leiden, kann der Harnblasenersatz bzw. die Harnableitung als letzte Möglichkeit zur Verbesserung der Lebensqualität erwogen werden.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten werden erforscht.

Hilfsmittel

Es gibt eine Reihe von Hilfsmitteln für Menschen mit Inkontinenz, wie Windeln, Einlagen und Spezialunterhosen. Diese sind in Apotheken und Sanitätshäusern erhältlich und werden teilweise von der Krankenversicherung bezahlt.

Prognose

Die Erkrankung verläuft chronisch und schränkt die Lebensqualität der Betroffenen ein. Mit der richtigen Behandlung können Sie eine gute Kontrolle der Beschwerden erreichen und mit den verbleibenden Problemen gut leben.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W.