Femoropatellares Schmerzsyndrom (FPS)

Das femoropatellare Schmerzsyndrom ist durch einen diffuser Schmerz im Kniebereich gekennzeichnet. Die Schmerzen treten bei Aktivitäten wie Laufen, Springen, Treppensteigen, Kniebeugen oder in hockenden Positionen auf. Die Erkrankung tritt häufig bei Sport treibenden jungen Menschen auf.

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Was ist das femoropatellare Schmerzsyndrom?

Das femoropatellare Schmerzsyndrom ist eine Erkrankung, die vor allem bei Sport treibenden jungen Menschen auftritt und sich durch chronische Schmerzen im Knie äußert. Patella bedeutet Kniescheibe, und Femur steht für den Oberschenkelknochen.

Die Erkrankung wird als Syndrom bezeichnet, weil sie sich aus mehreren Symptomen und Beschwerdebildern zusammensetzt, ohne dass eine exakte Ursache gefunden werden kann.

Die Knieschmerzen sind an der Vorderseite des Knies lokalisiert. In den meisten Fällen wird beim Röntgen und anderen bildgebenden Untersuchungen nichts Auffälliges festgestellt.

Ursachen

Das femoropatellare Schmerzsyndrom tritt sehr häufig bei sportlich aktiven jungen Menschen auf. Es ist die häufigste sportmedizinische Verletzung und liegt bei ca. 10 % der Patienten vor, die mit Schmerzen im Knie ärztliche Hilfe suchen. Betroffen sind meist junge Frauen und Mädchen – besonders Läuferinnen über die mittlere und lange Distanz.

Die Patella unterstützt den großen Oberschenkelmuskel an der Vorderseite des Oberschenkels, den Quadrizeps, der das Kniegelenk streckt. Der Quadrizeps besteht aus vier Muskeln, die an der Oberkante der Patella ansetzen. Aus dem unteren Teil der Patella tritt eine leistungsstarke Sehne hervor, die wiederum am oberen Teil des Wadenbeins (Fibula) ansetzt. Diese Sehne wird Patellarsehne genannt. Die Patella bildet zusammen mit dem unteren Teil des Oberschenkelknochens ein Gelenk, das sogenannte Femoropatellargelenk. Die Kniescheibe unterstützt das Beugen und Strecken des Kniegelenks, wobei weniger Verschleiß auftritt, als wenn es nur eine Sehne gäbe, die in der Nut auf dem unteren Teil des Oberschenkelknochens hin- und hergleiten würde. Knorpelgewebe schützt sowohl die Oberfläche des Oberschenkelknochens als auch die Rückseite der Patella, sodass diese möglichst reibungslos nach oben und unten gleiten kann.

Eine Fehl- oder Überbelastung des Gelenks zwischen der Kniescheibe und dem Oberschenkelknochen ist wahrscheinlich die häufigste Ursache für das femoropatellare Schmerzsyndrom. In vielen Fällen scheint dies auf eine Schwächung von Teilen des Quadrizepsmuskels zurückzuführen zu sein. Dies kann die geschmeidige Anpassung zwischen der Patella und dem darunter liegenden Gewebe stören, sodass die Zugrichtung der Patella geändert wird, das heißt, dass die Patella im Femoropatellargelenk leicht „schief“ nach oben und unten gezogen wird. Die Erklärung hierfür kann eine angeborene Schiefstellung eines Fußes oder beider Füße sein, wie es zum Beispiel beim Plattfuß der Fall ist, oder bei einer ausgesprochenen Außendrehung des Fußes im Sprunggelenk (Pronation).

Die Überlastung des Quadrizeps oder die Schwächung von Teilen dieses Muskels kann auch durch eine übertriebene Aktivität eintreten, die die Betroffenen nicht gewohnt sind, wie z. B. das Laufen auf hartem Untergrund oder das Tragen von Schuhen mit schlechter Stoßabsorption. 

Chondromalazie, Patella.jpg
Der untere Teil des Oberschenkels ist oben, die Patella unten. Die blauen Bereiche sind die Knorpel.

Symptome

Der Hauptschmerz ist der Schmerz im Knie, v. a. hinter der Kniescheibe, in ihrer Umgebung oder unter ihr. Der Schmerz ist in der Regel dumpf und ziehend, manchmal aber auch akut und stark und er verschlimmert sich beim Gehen oder Laufen, vor allem bergab oder die Treppe hinunter. Auch das Hinaufgehen einer Treppe kann Schmerzen verursachen. Sitzen in der Hocke oder das Aufstehen daraus sowie langes Sitzen mit angewinkelten Beinen wie bei Auto- oder Busfahrten führen ebenfalls zu Schmerzen. Ein Gefühl der Schwäche oder Steifheit im Knie tritt ebenfalls häufig auf.

Das femoropatellare Schmerzsyndrom kann anfangs nur ein Knie betreffen, sich aber auf beide Knie ausbreiten.

Diagnostik

Die Diagnose wird auf Grundlage der Anamnese und nach einer körperlichen Untersuchung erstellt. Verschiedene Schmerztests und Untersuchungen von Beweglichkeit und Kraft geben Aufschluss über das Vorliegen eines femoropatellaren Schmerzsyndroms. In manchen Fällen ist eine bildgebende Untersuchung (Röntgen und/oder Magnetresonanztomografie) erforderlich, um andere mögliche Erklärungen für den Schmerz auszuschließen.

Therapie

Die Entlastung mit anschließendem systematischem Wiederaufbau ist der wichtigste Teil der Behandlung. Medikamente werden für die dauerhafte Anwendung nicht empfohlen. Paracetamol und entzündungshemmende Medikamente (NSAR) werden manchmal zu Beginn der Behandlung gegeben, um die ersten Schmerzen zu lindern.

Was können Sie selbst tun?

Die Entlastung des Knies ist der erste Schritt der Behandlung, um die Schmerzen zu lindern. Vermeiden Sie Bewegungen oder Aktivitäten, die die Beschwerden auslösen. Beispiele hierfür sind das Sitzen in der Hocke, das Laufen auf harten Oberflächen, das Radfahren mit niedrigem Sitz und alle Positionen mit direktem Druck auf die Kniescheibe.

Läufer sollten die Laufdistanz auf ein Maß reduzieren, das keine Schmerzen auslöst. Prüfen Sie, ob Ihre Schuhe gut geeignet sind und eine ausreichende Stoßdämpfung bieten. Fahren Sie Rad, oder gehen Sie schwimmen, um während der Rehabilitationszeit in Form zu bleiben. Eis oder andere Methoden der Kühlung können ebenfalls die Beschwerden lindern.

Ein Krafttraining der Beinstreckermuskeln auf der Vorderseite des Oberschenkels und Dehnen der Beinbeugermuskeln auf der hinteren Seite des Oberschenkels sind oft wirkungsvoll. Auch das Radfahren mit einem höheren Sitz hilft.

Physiotherapie

Ein sinnvolles, individuell geplantes Rehabilitationsprogramm ist der wichtigste Teil der Behandlung, und einige Studien haben gezeigt, dass die Physiotherapie eine effektive Behandlungsmethode für das femoropatellare Schmerzsyndrom ist. Das Programm sollte sich darauf konzentrieren, die Fehlbelastung der Patella zu korrigieren, indem zum Beispiel der Quadrizepsmuskel gestärkt wird oder zu feste Strukturen an der Außenseite der Patella aufgelöst werden. In der Physiotherapie kann die eventuell geschwächte Muskulatur auf der Innenseite des Oberschenkels (Musculus vastus medialis) trainiert werden. Wenn auch nach 6–12 Monaten keine Verbesserung erreicht wird, kann eine strukturelle Verletzung übersehen worden sein und in Ausnahmefällen eine Operation nötig werden.

Tapen

Vom Tapen der Kniescheibe wird angenommen, dass dies sowohl eine korrigierende Auswirkung auf die schiefe Belastung der Kniescheibe als auch auf die Wirkung des Oberschenkelmuskels auf die Kniescheibe haben könnte. Der Einsatz von Stützbandagen / Orthesen ist vermutlich hilfreich, obwohl es hierzu keine wissenschaftlichen Belege gibt.

Weitere empfehlenswerte Aktivitäten

Radfahren auf flachem Gelände ohne Steigung oder stationäres Radfahren ohne Widerstand. In beiden Fällen sollten die Sitze so hoch wie möglich eingestellt werden, sodass die Knie beim Fahren möglichst wenig angewinkelt werden.

Rückenschwimmen und Kraulen, da Sie hier mit geraden Knien schwimmen, das Brustschwimmen dagegen sollte vermieden werden.

Prognose

Je länger die Beschwerden bis zum Beginn der Therapie schon vorliegen, desto höher ist das Risiko für einen langwierigeren Verlauf. Chronisch erhöhte Kompressionskräfte zwischen Patella und Femur können auf lange Sicht Knorpelschäden, also eine Chondromalazie, verursachen.

Insgesamt ist die Prognose unter adäquater konservativer Therapie aber sehr gut. Alter, Geschlecht und Körpergewicht haben keinen Einfluss auf die Prognose.

Weitere Informationen

Autoren

  • Markus Plank, MSc BSc, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, Wien

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Patellofemorales Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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