Zum Hauptinhalt springen

Akute Knöchelverletzungen

Zuletzt bearbeitet: Zuletzt revidiert:


Was sind akute Knöchelverletzungen?

Definition

Akute Knöchelverletzungen umfassen alle akut aufgetretenen Verletzungen der Bänder und Knochenstrukturen des Sprunggelenks. Sie können eingeteilt werden in akut, chronisch oder "second stage", also eine akute Ruptur nach einem ausgeheilten zurückliegenden Bänderriss. Eine andere Einteilung orientiert sich am Ausmaß der Verletzung in Grad 1 (leichte Überdehnung der Bänder ohne Instabilität des Gelenks), Grad 2 (Teilriss des Bandkomplexes mit leichter Instabilität des Gelenks) und Grad 3 (vollständiger Riss des Bandkomplexes mit Instabilität des Gelenks).

Symptome

Akute Knöchelverletzungen sind meist durch Schmerzen und Schwellungen gekennzeichnet. Es kann zu Einblutungen und Ödemen kommen. Auch die Beweglichkeit oder die Stabilität können eingeschränkt sein.

Ursachen

Das Sprunggelenk besteht aus zwei Gelenken, die es ihm ermöglichen, sich sowohl zu beugen als auch zu drehen bzw. zu rotieren. Die Stabilität des Sprunggelenks wird durch Bänder am Innen- und Außenknöchel gewährleistet. An der Außenseite befinden sich drei voneinander unabhängige Bänder – ein vorderes, ein mittleres und ein hinteres Band. Auf der Innenseite bilden vier Bänder eine Einheit, die als ein Band aufgefasst werden. Die umgebende Muskulatur trägt zur Stabilität des Knöchels bei.

Der häufigste Verletzungsmechanismus (Inversion) besteht darin, dass man schief auftritt und sich der Fuß dabei nach innen dreht bzw. abknickt, wodurch die Bänder am Außenknöchel erheblich gedehnt werden. Viel weniger oft geschieht das Gegenteil, nämlich dass sich der Fuß nach außen dreht und die Bänder am Innenknöchel gedehnt werden.

Das vordere Band der Knöchelaußenseite ist am anfälligsten für Verletzungen. Zusätzlich zur Dehnung oder dem Riss der Bänder können Verletzungen der Gelenkkapsel und/oder der versorgenden Nerven sowie Knochenfrakturen kommen.

Häufigkeit

Akute Verletzungen der Bänder und Knochen des Sprunggelenks treten häufig auf: Pro Tag kommt es bei einer von 10.000 Personen zu einer Sprunggelenksverletzung. Dabei gehen ca. 15 % mit einem Knochenbruch einher. Die Hälfte die Verletzungen passiert beim Sport. Sprunggelenksverletzungen machen etwa 17 % aller Verletzungen im Sport aus und sind nach den Kniegelenksverletzungen die häufigsten Sportverletzungen.

Jugendliche und junge Erwachsene sind am häufigsten betroffen. Bis zum Alter von etwa 30 Jahren sind Männer öfter betroffen als Frauen, danach dreht sich das Verhältnis um.

Untersuchungen

  • Der Verletzungsmechanismus und die Symptome müssen genau abgefragt werden, um die konkrete Verletzung bestimmen zu können.
    • Außenbandverletzungen passieren vor allem durch eine Inversion beim Aufkommen nach einem Sprung, beim Laufen oder bei Kehrtwenden.
    • Wird der Knöchel an der Beugung im Sprunggelenk gehindert (z. B. im Skischuh), kann eine starke Außenrotation des Knöchels dazu führen, dass die beiden Wadenknochen (Wadenbein und Schienbein) auseinander gedrückt werden. Dabei kann das Gewebe, das sie zusammenhält, die Syndesmose, verletzt werden.
    • Verletzungen des Bandes am Innenknöchel sind relativ selten.
    • Bisweilen kann es auch zu einer Verschiebung der Sehnen am Außenknöchel kommen.
  • Ebenfalls erfragt werden der Zeitpunkt der Verletzung, die Belastbarkeit direkt nach der Verletzung, die Zeit bis zur Entwicklung der Symptome, vorherige Verletzungen des betroffenen Sprunggelenks und die berufliche und sportliche Belastung der Sprunggelenke.
  • Die Knochen- und Bänderstrukturen werden durch Blickdiagnose und Abtasten untersucht.
  • Anhand von Funktionstests wie Beugen und Strecken des Sprunggelenks können Ärzt*innen erkennen, welche Strukturen verletzt sind. Diese Tests sind 4–5 Tage nach dem Trauma noch genauer.
  • Bei einem Bruch ist der Knöchel meist ausgesprochen schmerzempfindlich; ist die Diagnose unsicher, erfolgt meist eine Röntgenuntersuchung.
  • Mithilfe einer Ultraschalluntersuchung können ebenfalls viele Bänderverletzungen erkannt werden. Eine weitere bildgebende Diagnostik wie MRT oder CT ist meist nicht erforderlich.
  • Dauert der Heilungsprozess mehr als 3 Monate, ist eine erneute ärztliche Untersuchung und eine Überweisung an eine*n Spezialist*in erforderlich.

Behandlung

  • In den ersten 48 Stunden (bis zu 4 Tagen) gilt das PECH-Prinzip (Pause, Eis, Compression, Hochlagern).
  • In der Akutphase sollte ein elastischer Verband verwendet werden. Wenn das Bein kaum bewegt wird, werden Medikamente zur Thromboseprophylaxe (Vorbeugung von Blutgerinnseln) verschrieben. Bei Bedarf sind Schmerzmittel sinnvoll.
  • Meist wird eine stützende Orthese für etwa 5 Wochen empfohlen; das Sprunggelenk sollte aber dennoch, so gut es geht, belastet werden.
  • Tägliche physikalische Übungen in Eigenregie sind ein wichtiger Therapiebestandteil, um chronische Instabilitäten zu vermeiden. Die frühzeitige Durchführung von Übungen ohne Belastung bereits in den ersten Tagen nach der Verletzung sorgt für einen schnelleren Funktionsrückgewinn. Dabei sollen Koordination, Muskelkraft und Eigenreflexe verbessert werden.
  • Nur bei sehr schweren Verletzungen (offener Bruch, Luxation) ist eine Operation sinnvoll.

Prognose

  • Bis zu 90 % der Patient*innen können nach 12 Wochen wieder ihren ursprünglichen Sport ausüben. Dabei ist die Sportfähigkeit bei 60–90 % der Patient*innen nach 12 Wochen wieder auf dem Niveau wie vor dem Unfall.
  • Für 6 Monate wird das Tragen einer Orthese oder eines Tape-Verbands beim Sport empfohlen.
  • Ein Außenbandriss führt bei 1–30 % der Patient*innen zu einer chronischen Instabilität des Gelenks.
  • Es können auch chronische Beschwerden mit Schmerzen, Steifigkeit und Schwellungen im Sprunggelenk vorkommen. Der Grund hierfür könnten Knorpelschäden sein, die am besten durch ein MRT nachgewiesen werden.
  • Etwa 80 % der Patient*innen erreichen eine vollständige Genesung ohne bleibende Beschwerden.

Weitere Informationen

Autor

  • Markus Plank, MSc BSc, Medizin- und Wissenschaftsjournalist, Wien

 

Quellen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Sprunggelenksverletzung, akute. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Lohnstein M, Eras J, Hammerbacher C. Der Prüfungsguide Allgemeinmedizin - Aktualisierte und erweiterte 3. Auflage. Augsburg: Wißner-Verlag, 2018.
  2. Young CC. Ankle Sprain. Medscape, last updated Jan 14, 2019. emedicine.medscape.com 
  3. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie e.V. (DGU). Frische Außenbandruptur am Oberen Sprunggelenk. AWMF-Leitlinie 012-022. Stand 2017. www.awmf.org 
  4. Molis MA. Talofibular ligament injury. Medscape, last updated Apr 20, 2018. emedicine.medscape.com 
  5. Wolfe MW, Uhl TL, Mattacola CG, McCluskey LC. Management of ankle sprains. Am Fam Physician 2001; 63: 93-104. American Family Physician 
  6. van den Bekerom MP, Kerkhoffs GM, McCollum GA, Calder JD, van Dijk CN. Management of acute lateral ankle ligament injury in the athlete. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2013 Jun. 21 (6):1390-5. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  7. Fong DT, Hong Y, Chan LK, et al. A systematic review on ankle injury and ankle sprain in sports. Sports Med 2007; 37(1): 73-94. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  8. Henke , Luig P, Schulz D. Sportunfälle im Vereinssport in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. June 2014, Volume 57, Issue 6, pp 628-637. link.springer.com 
  9. Sujitkumar P, Hadfield JM, Yates DW. Sprain or fracture? An analysis of 2000 ankle injuries. Arch Emerg Med 1986; 3: 101-106. PubMed 
  10. Waterman BR, Owens BD, Davey S, Zacchilli MA, Belmont PJ Jr. The epidemiology of ankle sprains in the United States. J Bone Joint Surg Am 2010; 92: 2279-84. PubMed 
  11. Waterman BR, Owens BD, Davey S, et al. The epidemiology of ankle sprains in the United States. J Bone Joint Surg Am 2010; 92(13): 2279-84. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  12. Broström L. Sprained ankles. V. Treatment and prognosis in recent ligament ruptures. Acta Chir Scand 1966; 132(5): 537-50. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  13. Haraguchi N, Toga H, Shiba N, et al. Avulsion fracture of the lateral ankle ligament complex in severe inversion injury: incidence and clinical outcome. Am J Sports Med 2007; 35(7): 1144-52. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  14. Tiemstra JD. Update on acute ankle sprains. Am Fam Physician 2012; 85: 1170-6. PubMed 
  15. Karlsson J, Peterson L, Andre ́asson G, et al. The unstable ankle: a combined EMG and biomechanical modeling study. Journal of Applied Biomechanics 1992; 8(2): 129-44. doi.org 
  16. Woods C, Hawkins R, Hulse M, et al. The Football Association Medical Research Programme: an audit of injuries in professional football: an analysis of ankle sprains. Br J Sports Med 2003; 37(3): 233-8. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  17. Willems TM1, Witvrouw E, Delbaere K. Intrinsic risk factors for inversion ankle sprains in male subjects: a prospective study. Am J Sports Med 2005; 33(3): 415-23. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  18. Vaseenon T, Gao Y, Phisitkul P. Comparison of two manual tests for ankle laxity due to rupture of the lateral ankle ligaments. Iowa Orthop J 2012; 32: 9-16. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  19. van Dijk CN, Lim LS, Bossuyt PM. Physical examination is sufficient for the diagnosis of sprained ankles. J Bone Joint Surg Br 1996; 78(6): 958-62. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  20. Oae K, Takao M, Uchio Y, et al. Evaluation of anterior talofibular ligament injury with stress radiography, ultrasonography and MR imaging. Skeletal Radiol 2010; 39(1): 41-7. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  21. Endele D, Jung C, Bauer G, et al. Value of MRI in diagnosing injuries after ankle sprains in children. Foot Ankle Int 2012; 33(12): 1063-8. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  22. Pihlajamäki H, Hietaniemi K, Paavola M, et al. Surgical versus functional treatment for acute ruptures of the lateral ligament complex of the ankle in young men: a randomized controlled trial. J Bone Joint Surg Am 2010; 92(14): 2367-74. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  23. Bleakley CM, O'Connor SR, Tully MA, et al. Effect of accelerated rehabilitation on function after ankle sprain: randomised controlled trial. BMJ 2010; 340.c1964. www.bmj.com 
  24. Ridderikhof ML, Lirk P, Goddijn H, et al. Acetaminophen or nonsteroidal anti-inflammatory drugs in acute musculoskeletal trauma: A multicenter, double-blind, randomized, clinical trial. Ann Emerg Med 2017 Oct 13. pmid: 29033294 PubMed 
  25. Derry S, Moore RA, Gaskell H, McIntyre M, Wiffen PJ. Topical NSAIDs for acute musculoskeletal pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 6. Art. No.: CD007402. DOI: 10.1002/14651858.CD007402.pub3 DOI 
  26. Lyrtzis C, Natsis K, Papadopoulos C, et al. Efficacy of paracetamol versus diclofenac for grade II ankle sprain. Foot Ankle Int 2011; 32: 571-5. PubMed 
  27. Knop C, Knop C, Thermann H, et al. Treatment of recurrent desmorrhexis. Results of a prospective, randomized study. Der Unfallchirurg 1999; 102(1): 23-28. link.springer.com 
  28. Winter T, Beck H, Walther A, et al. Influence of a proprioceptive training on functional ankle stability in young speed skaters - a prospective randomised study. J Sports Sci Med 2015; 33(8): 831-40. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  29. Hupperets MDW, Verhagen EALM, van Mechelen W. Effect of unsupervised home based proprioceptive training on recurrences of ankle sprain: randomised controlled trial. BMJ 2009; 339: b2684. BMJ (DOI) 
  30. Grimm NL, Jacobs JC Jr, Kim J, et al. Ankle Injury Prevention Programs for Soccer Athletes Are Protective: A Level-I Meta-Analysis. J Bone Joint Surg Am 2016; 98(17): 1436-43. www.ncbi.nlm.nih.gov 
  31. Chan KM, Karlson J . World Consensus Conference on Ankle Instabiliy. Hong Kong: ISAKOS, 2005.