Therapie der Skoliose

Bei den meisten Kindern und Jugendlichen mit Skoliose liegt nur eine leichte Verkrümmung der Wirbelsäule vor, die regelmäßig kontrolliert werden muss. Bei ausgeprägtem Krankheitsbild wird das Tragen eines Korsetts oder eine Operation empfohlen.

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Was sind die Ziele der Therapie?

Durch therapeutische Maßnahmen soll das Fortschreiten der Erkrankung aufgehalten oder verzögert werden, sodass die Funktionalität des Rückens erhalten bleibt und Schmerzen gelindert werden. In einigen Fällen kann die Fehlstellung korrigiert werden. Außerdem adressieren die Maßnahmen mögliche Folgeschäden der Skoliose.

Wann ist eine Therapie erforderlich?

Bei den meisten Kindern und Jugendlichen mit Skoliose liegt nur eine leichte Verkrümmung der Wirbelsäule vor. In diesem Fall wird lediglich regelmäßig kontrolliert, dass die Verkrümmung nicht zunimmt. Wenn der Krümmungswinkel (Cobb-Winkel) über 20 bis 25 Grad liegt oder innerhalb von 5 Monaten um 5 Grad zunimmt, empfiehlt sich eine Therapie mittels Korsett oder Operation.

Korsett

Das Grundprinzip eines Korsetts ist die Aufrichtung der Wirbelsäule durch zirkuläre Kräfte. Drei Typen werden unterschieden:

  1. dreidimensional wirkende Rumpforthesen (aktives Korsett)
  2. passiv aufrichtende zirkuläre Orthese (passives Korsett)
  3. Rumpforthese in Überkorrekturstellung als nächtliche Lagerungsorthese (passives Korsett).

Ein Korsett kann den initialen Krümmungswinkel um 50 % reduzieren. Voraussetzung ist, dass sich die Patient*innen noch im Wachstum befinden. Bei Mädchen wird die Behandlung nach der 1. Menstruation 2 Jahre lang fortgesetzt, danach schrittweise beendet. Bei Krümmungswinkeln von mehr als 45 Grad ist der Einsatz eines Korsetts nicht mehr sinnvoll. Ein Korsett sollte immer in Kombination mit einer Physiotherapie eingesetzt werden. In einigen Fällen ist eine Gipsvorbehandlung notwendig.

Die Anpassung des Korsetts erfolgt nach klinischen und bildgebenden Kontrollen. In vielen Fällen wird eine Tragezeit von 23 Stunden täglich empfohlen.

Patient*innen, die ein Korsett tragen, können in der Regel einschränkungslos an allen normalen Aktivitäten teilnehmen. Nach einer erfolgreichen Korsett-Therapie treten in der Regel keine stärkeren Rückenschmerzen auf als bei anderen Personen.

Bei 1 vom 5 Betroffenen schreitet die Skoliose trotz der Korsettbehandlung fort.

Weitere Maßnahmen

Die Physiotherapie ist eine wichtige zusätzliche Maßnahme in der Behandlung von Skoliose, deren Wirksamkeit jedoch noch nicht wissenschaftlich bewiesen ist. Das Ziel der Physiotherapie ist die Stärkung der Muskulatur zur Optimierung der Haltung. Sie soll die Atemfunktion verbessern, Kontrakturen vorbeugen und die Korsettwirkung unterstützen. Darüber hinaus hilft eine Rückenschule (tägliches Heimübungsprogramm), die Funktionsfähigkeit im Alltag zu erleichtern.

Bei frühkindlicher idiopathischer (ohne erkennbare Ursache) Skoliose ist die serielle Gipsdepression (Casting) möglich. Die Begradigung der Wirbelsäule erfolgt hierbei über einen in Narkose angelegten Gips. Er muss 3-mal jeweils 1 Monat getragen und angepasst werden. Im Anschluss erfolgt eine Korsetttherapie.

Operation

Bei einem Krümmungswinkel über 40 bis 50 Grad und fortschreitender Skoliose wird eine Operation empfohlen. Entscheidend ist auch das Risiko für eine Fehlbildung des Brustkorbs oder die Beteilung von Nerven und Muskeln. Die operative Behandlung der Skoliose erzielt meist gute Ergebnisse und kann Haltung und Rückenfunktion verbessern.

Am häufigsten werden mehrere Wirbel fest miteinander verbunden. Bei der Operation wird zunächst die Verkrümmung korrigiert und die Wirbelsäule dann in dieser Stellung fixiert. Um ein Zusammenwachsen der Wirbel zu ermöglichen, werden außerdem die hinteren Wirbelstrukturen angefrischt, also oberflächlich abgetragen. Die Wirbelsäule braucht etwa sechs bis zwölf Monate, um in der korrigierten Stellung zusammenzuwachsen: Für diesen Zeitraum wird sie bei der OP mit Metallstäben, Haken und Schrauben fixiert.

Neue, nicht-versteifende OP-Techniken können die Zeit bis zur definitiven Versteifung überbücken. Hierbei wird ein Wachstumsstab implantiert, der die gesamte Wirbelsäule von hinten begradigt. 2 x pro Jahr wird er durch kleine operative Eingriffe verlängert. Langzeitbeobachtungen für diese Art von Eingriffen liegen noch nicht vor.

Durch eine Operation lässt sich eine bestehende Verkrümmung um bis zu 70 % reduzieren. So lässt sich z. B. eine 55-Grad-Verkrümmung der Brustwirbelsäule bei einem 13-jährigen Mädchen auf 25 bis 30 Grad senken.

Die Skoliose-Operation gehört zu den längsten und technisch anspruchsvollsten chirurgischen Eingriffen, die bei Kindern durchgeführt werden. Die Techniken werden ständig weiterentwickelt. Häufig dauert die Operation 3 bis 5 Stunden. Die Patient*innen bleiben mehrere Tage im Krankenhaus und müssen ihre körperlichen Aktivitäten anschließend für mehrere Monate lang einschränken.

Wie ist die Prognose?

Eine Skoliose hat Auswirkungen auf die Atem-, Sitz- Steh- und Gehfunktion. Die Prognose ist abhängig vom Alter bei Krankheitsbeginn und vom Verlauf. Bei Kindern bis 3 Jahren verschwindet die Skoliose in 80 % der Fälle ohne medizinische Maßnahmen. Bei Kindern von 3 bis 9 Jahren ist in ca. der Hälfte der Fälle ein operativer Eingriff notwendig. Bei noch älteren Kindern (ab 10 Jahren) erhalten 10 % der Patient*innen eine Therapie.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Hannah Brand, Cand. med., Berlin

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Skoliose. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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