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Intelligenzminderung

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Was ist eine Intelligenzminderung?

Definition

Intelligenzminderung oder auch mentale Retardierung bezeichnet laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „eine sich in der Entwicklung manifestierende, stehen gebliebene oder unvollständige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten, mit besonderer Beeinträchtigung von Fertigkeiten, die zum Intelligenzniveau beitragen“. Mit Fertigkeiten sind z. B. geistige Fähigkeiten, Sprache, Bewegungsabläufe und soziale Fähigkeiten gemeint.

Symptome

Den Eltern betroffener Kinder fällt häufig schon frühzeitig auf, dass bei ihren Kindern die Entwicklung verzögert ist oder dass sie sich auffällig anders verhalten als gleichaltrige Kinder:

  • Die Sprache entwickelt sich meist langsamer oder unvollständig.
  • Das Spielverhalten macht einen nicht altersgemäßen Eindruck.
  • Betroffene Kinder haben Schwierigkeiten, Probleme selbstständig zu lösen.
  • Falls das Kind schon zur Schule geht, hat es mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen, kommt in der Schule nicht mit.
  • Betroffene Kinder haben häufig wenig Interesse, ihre Umgebung zu erkunden oder an Personen in ihrer Umgebung.
  • Bei den Vorsorgeuntersuchungen fällt außerdem auf, dass betroffene Kinder nicht die erwarteten Meilensteine in ihrer Entwicklung erreichen.

Eine Intelligenzminderung ist eine lebenslange Funktionseinschränkung des Gehirns, sie führt vor allem zu Problemen mit Aufmerksamkeit, Gedächtnis, der Fähigkeit, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken und damit meist zu einer insgesamt verminderten Lernfähigkeit.

Menschen mit Intelligenzminderung habe insgesamt ein deutliches höheres Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln, als die Allgemeinbevölkerung. Dabei gilt: Je schwerer die Intelligenzminderung, desto häufiger kann das Auftreten von zusätzlichen Beeinträchtigungen beobachtet werden.

Menschen mit Entwicklungsstörungen bzw. Intelligenzminderung haben außerdem ein erhöhtes Risiko,

  • Opfer einer Gewalttat zu werden oder selbst gewalttätig zu sein.
  • Sexuell missbraucht oder misshandelt zu werden.
  • Drogen zu konsumieren.

Einteilung bzw. Schweregrad der Intelligenzminderung

Leichte Intelligenzminderung

  • Lernschwierigkeiten in der Schule
  • Viele erwachsene Betroffene können arbeiten, gute soziale Beziehungen unterhalten und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten.
  • Zu dieser Gruppe gehören etwa 80 % der intelligenzgeminderten Menschen.

Mittelgradige Intelligenzminderung

  • Die Entwicklung in der Kindheit läuft verzögert ab, Kinder sind ihren Altersgenossen hinterher.
  • Die meisten Menschen erreichen jedoch ein gewisses Maß an Unabhängigkeit sowie eine ausreichende Kommunikationsfähigkeit und Ausbildung.
  • Erwachsene brauchen in unterschiedlichem Ausmaß Unterstützung im täglichen Leben und bei der Arbeit.
  • Zu dieser Gruppe gehören etwa 12 % der intelligenzgeminderten Menschen.

Schwere Intelligenzminderung

  • Betroffene Personen benötigen in der Regel lebenslange Unterstützung.
  • Hierzu gehören etwa 7 % aller intelligenzgeminderten Menschen.

Schwerste Intelligenzminderung 

  • Führt zu erheblichen Beeinträchtigungen in den Bereichen der Selbstversorgung, Kommunikation und Mobilität.
  • Weniger als 1 % der intelligenzgeminderten Menschen

Ursachen

Eine Intelligenzminderung kann sowohl durch Vererbung angeboren sein als auch durch bestimmte Erkrankungen und Umwelteinflüsse verursacht oder verschlimmert werden, hier einige Beispiele:

Genetische Ursachen und angeborene Erkrankungen, z. B. Down-Syndrom, Klinefelter-SyndromEpilepsieSchilddrüsenunterfunktionNeurofibromatose, bestimmte Stoffwechselstörungen (z. B. Phenylketonurie), Fehlbildungen des Gehirns (z. B. Hydrozephalus, Mikrozephalie).

Einflüsse von außen, z. B. bestimmte Infektionen in der Schwangerschaft (wie Röteln, Toxoplasmose), Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch der Mutter in der Schwangerschaft, Herpesinfektion unter der Geburt, Entzündung der Hirnhäute im Säuglingsalter, starke emotionale und soziale Vernachlässigung im Säuglings- und Kleinkindalter mit fehlenden sozialen Kontakten und mangelnder Fürsorge

Als weiterer Risikofaktor für die Entwicklung einer Intelligenzminderung gilt außerdem eine Frühgeburt.

Häufigkeit

Schätzungsweise haben ca. 1 % der Bevölkerung in Deutschland eine Intelligenzminderung. Davon sind mehr männliche Personen betroffen als weibliche. Die Wahrscheinlichkeit, eine Intelligenzminderung zu haben, erhöht sich, wenn Familien sozial und/oder finanziell benachteiligt sind. In ca. 70 % der Fälle schwerer Intelligenzminderung und ca. 40–50 % der Fälle mittelgradiger Intelligenzminderung liegen die Ursachen vor der Geburt. In ca. 5–20 % wird eine Intelligenzminderung durch eine Schädigung unter der Geburt hervorgerufen und in ca. 1–12 % der Fälle wird eine Intelligenzminderung durch eine Schädigung nach der Geburt verursacht.

Untersuchungen

Die folgenden Maßnahmen an der möglichst viele Fachdisziplinen beteiligt sein sollten, ermöglichen die individuelle Ermittlung des Hilfsmittel- und Förderbedarfs der betroffenen Person.

Krankengeschichte (Anamnese)

Um ein genaues Bild über die Beeinträchtigung und den Schweregrad der Intelligenzminderung zu bekommen, werden Informationen über Entwicklungsabschnitte, schulische Leistungen, Familienverhältnisse und medizinische sowie psychische Auffälligkeiten erfragt:

  • Entwicklung der Bewegungsabläufe – Grobmotorik, Feinmotorik, Fortbewegung und Mobilität
  • Aktivitäten im täglichen Leben – Hausarbeit, Ankleiden, Hygiene und Kochen
  • Kommunikation – Fähigkeit, sich auszudrücken, Sprache zu verstehen, Lese- und Rechtschreibfähigkeiten sowie die Fähigkeit mit Geld umzugehen.
  • Soziale Fähigkeiten – freundschaftliche Beziehungen aufbauen und pflegen, Umgang und wechselseitiges Verhalten mit anderen Personen, an Aktivitäten mit anderen Personen teilnehmen.

Außerdem werden Schlaf- und Essgewohnheiten erfragt, da in diesem Bereich ebenfalls Auffälligkeiten vorhanden sein können.

Körperliche Untersuchung

Die Ärzt*innen führen eine ausführliche körperliche Untersuchung durch, um mögliche körperliche Auffälligkeiten und ein möglicherweise eingeschränktes Seh- oder Hörvermögen zu erfassen.

Untersuchungen bei Spezialist*innen

Um die Ausprägung der Intelligenzminderung festzustellen und entsprechend unterstützende Maßnahmen einzuleiten, werden von speziell ausgebildeten Personen Intelligenztests (meist Psycholog*innen) soweit möglich, mit betroffenen Personen durchgeführt.

Außerdem können mittels Laboruntersuchungen erbliche Ursachen oder bestimmte Stoffwechseldefekte erkannt werden.

Um direkt sichtbare Veränderungen im Gehirn nachzuweisen, können bildgebende Verfahren (CT oder MRT) zur Anwendung kommen.

Behandlung

Bei einer Intelligenzminderung gibt es meist keine Behandlungsmöglichkeit der Ursache. Sehr wichtig und ein zentraler Bestandteil der Behandlung ist die Frühförderung betroffener Kinder. Sie kann helfen die vorhandenen Fähigkeiten auf bestmögliche Weise zu nutzen. Dafür bedarf es einer guten Zusammenarbeit mit den Eltern durch die verschiedenen Berufsgruppen, wie z. B. Sozialpädagog*innen, Psycholog*innen und (Sonder-)Pädagog*innen, Physiotherapeut*innen sowie pflegerisches und ärztliches Fachpersonal.

Physiotherapie und Ergotherapie

Heilmittelbehandlungen wie Physiotherapie und Ergotherapie sollten sich an den Aktivitäten und der Teilhabe der betroffenen Person an der Gesellschaft orientieren. Insgesamt konnte ein positiver Effekt dieser Maßnahmen unter einer aktiven Einbeziehung der Eltern bzw. Bezugspersonen nachgewiesen werden.

Kreativtherapien

Menschen mit Intelligenzminderung profitieren sehr stark von Kreativtherapien:

  • Kunst- und Gestaltungstherapie
  • körperorientierte Angebote
  • Musiktherapie
  • tiergestützte Therapien.

Psychotherapie

Grundsätzlich können bei entsprechendem Bedarf alle psychotherapeutischen Verfahren bei Menschen mit Intelligenzminderung angewandt werden. Als wirksam haben sich in vielen Studien verhaltenstherapeutische und psychodynamische Ansätze erwiesen. Systemische Familientherapie leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Behandlung von Menschen mit Intelligenzminderung, entweder als alleinige Methode oder zusammen mit verhaltenstherapeutischen oder psychodynamischen Vorgehensweisen.

Empfehlungen und Förderkonzepte

Eine möglichst frühe, auf das Intelligenzniveau und die damit einhergehenden Bedürfnisse der betroffenen Person abgestimmte Förderung ist sehr bedeutsam für die weitere Entwicklung und Lebensqualität betroffener Personen und ihrer Angehörigen.

Dazu gehören z. B. auch Informationen über die verschieden (Förder-)Schulen und Einrichtungen, um eine passende Wahl zu treffen bzw. auch Informationen über inklusive Ansätze.

  • Inklusion  ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Es bedeutet, dass alle Menschen miteinander in Kontakt kommen, bei allem mitmachen dürfen und kein Mensch aufgrund von Anderssein ausgeschlossen wird.
  • Die Feststellung des sonderpädagogischen Förderungsbedarfs  ist entscheidend und wird als Sonderpädagogisches Gutachten in Zusammenarbeit von Sonderpädagog*innen und Amtsärzt*innen erstellt. Davon ausgehend kann eine entsprechende Schulform bzw. Förderkonzept ausgewählt werden.
  • Förderschulen : Das Konzept der Förderschulen sieht vor, Kinder mit Benachteiligungen in ihrer generellen Entwicklung und ihrer Bildungs- oder Lernentwicklung gezielt zu fördern.
  • Heilpädagogische Tagesstätten : Ergänzung der Förderschule v. a. als Nachmittagsbetreuung speziell zur Erziehung, individuellen Förderung und Bildung, Pflege und Betreuung von Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen mit Behinderung im Alter von 3 Jahren bis zum Ende der Schulzeit.
  • Psychotherapie für Menschen mit geistiger Behinderung : Informationen der Lebenshilfe e. V. über Besonderheiten und spezielle Anforderungen der Psychotherapie bei Menschen mit Intelligenzminderung.
  • Rechtliche Betreuung bei Behinderung : Informationen der Caritas zur rechtlichen Betreuung bei über 18-jährigen Personen mit Intelligenzminderung zur Regelung von Gesundheits-, Geschäfts-, und Vermögensfragen.

Medikamente

Medikamente zur Behandlung der Intelligenzminderung sind nicht unbedingt notwendig, außer bei Begleiterkrankungen wie beispielsweise einer Epilepsie.

Falls es zu übersteigerter Aggressivität und Selbstverletzungen kommt, können in sehr seltenen Fällen und nach vorigem Ausschöpfen nichtmedikamentöser Maßnahmen Antipsychotika eingesetzt werden.

Was können Sie selbst tun?

  • Gehen Sie (mit Ihrem Kind) regelmäßig zu vereinbarten Terminen, um die Entwicklung (Ihres Kindes) langfristig im Auge zu behalten und eine optimale Förderung zu gewährleisten. Dabei ist von Vorteil, wenn die Entwicklung bzgl. Bewegungsabläufen und Sozialverhalten über längere Zeit hinweg von einer festen verantwortlichen Betreuungsperson oder -gruppe verfolgt wird.
  • Zur Kontrolle von Herzerkrankungen und Stoffwechselstörungen sowie von Sinnesorganen sollten ebenfalls regelmäßig durch Fachärzt*innen vereinbarte Termine eingehalten werden.
  • Falls Ihr Kind an einer Stoffwechselstörung leidet, kann eine bestimmte Diät erforderlich sein, achten Sie hier bitte auf die Empfehlungen von Spezialist*innen.
  • Als Angehöriger von Menschen mit Intelligenzminderung können Sie zunächst sehr verunsichert sein, und es kann schwerfallen, die vorhandenen Einschränkungen zu akzeptieren. Möglicherweise haben Sie Angst vor der Zukunft und können durch die tägliche Unterstützung, die sie leisten, selbst hilfebedürftig werden. Scheuen Sie nicht, Hilfe von außen anzunehmen oder ganz konkret nach Unterstützungsangeboten zu fragen (siehe auch Empfehlungen und Förderkonzepte).

Prognose

Die Zukunftsaussichten hängen ganz entscheidend von Ursache und Grad der Intelligenzminderung ab. Viele Kinder mit bestimmten Syndromen, genetischen Defekten und Stoffwechselstörungen haben eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten sowie eine reduzierte Lebenserwartung.

Die meisten Betroffenen einer leichten Intelligenzminderung werden in der Lage sein, ein Leben in relativer Unabhängigkeit zu führen, doch benötigen auch sie regelmäßige Unterstützung, um ihre vorhandenen Fähigkeiten beizubehalten.

Viele Menschen mit mittelgradiger Intelligenzminderung leben in der heutigen Gesellschaft in Einrichtungen mit Unterstützungsmöglichkeiten, die sich am aktuellen Bedarf der betroffenen Person orientieren und Tagesaktivitäten (z. B. geschützter Arbeitsplatz), Arbeits- und Ausbildungszentren beinhalten.

Menschen mit schwerer Intelligenzminderung benötigen in der Regel eine Betreuung rund um die Uhr sowie spezielle fördernde Angebote wie Verhaltenstraining, zur Anregung der Sinne und weitere auf die Bedürfnisse der jeweiligen Person abgestimmte Angebote.

Komplikationen

Je nach zugrunde liegender Ursache leiden einige Betroffenen unter deutlichen körperlichen Einschränkungen. Bei schwerer Intelligenzminderung besteht ein erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankungen, Magengeschwüre und andere (chronische) Erkrankungen.

Weitere Informationen

Autorin

  • Catrin Grimm, Ärztin in Weiterbildung Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Klingenberg a. M.

Quellen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Intelligenzminderung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Intelligenzminderung. AWMF-Leitlinie Nr. 028-042, Stand 2021. www.awmf.org. www.awmf.org 
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