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Soziale Phobie

Für Menschen, die unter einer sozialen Phobie leiden, sind viele alltägliche Situationen, in denen sie andere Menschen treffen oder das Gefühl haben, von anderen beobachtet zu werden, mit Angst verbunden. Das zentrale Angstgefühl manifestiert sich in folgendem Gedanken: „Was, wenn ich mich blamiere?“

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Was ist eine soziale Phobie?

Andere Bezeichnungen für soziale Phobie sind soziale Angst oder soziale Angststörung. Für Menschen, die an einer sozialen Phobie leiden, sind viele alltägliche Situationen, in denen sie andere Menschen treffen oder das Gefühl haben, von anderen beobachtet zu werden, mit Angst verbunden. Die Angst ist so stark, dass die Betroffenen soziale Situationen schließlich vermeiden. Viele Menschen mit sozialer Phobie leiden auch an einer generalisierten Angststörung und Depressionen. Eine soziale Phobie unterscheidet sich von Schüchternheit und Lampenfieber durch eine stärkere Ausprägung. Die Phobie nimmt die Betroffenen stark ein, führt zu großem Leidensdruck und Leistungsminderung.

Es wird geschätzt, dass etwa 2–5 % der Bevölkerung an einer sozialen Phobie leiden. 10–15 % aller Menschen erleben irgendwann in ihrem Leben Phasen einer sozialen Phobie. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen liegt eine generalisierte soziale Phobie vor; sie empfinden Angst vor den meisten sozialen Situationen und versuchen, sie zu vermeiden. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, aber die Anzahl derjenigen, die sich professionelle Hilfe suchen, ist bei beiden Geschlechtern etwa gleich groß. Eine soziale Phobie tritt oft schon im jungen Alter, durchschnittlich mit 13 Jahren, zum ersten Mal auf. Das Alter des ersten Auftretens liegt bei 95 % aller Betroffenen unter 20 Jahren. Hilfesuchende leiden oft schon mindestens zehn Jahre unter den Symptomen. Oft haben sie noch weitere psychische Probleme, insbesondere Depressionen und andere Angststörungen.

Ursachen

Sowohl die Vererbung als auch die Umwelt tragen zur Ausbildung einer sozialen Angststörung bei. Schüchtern wirkende kleine Kinder mit einem zurückhaltenden Temperament sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, mit Erreichen der Pubertät eine soziale Phobie zu entwickeln. Dennoch entwickelt nur eine sehr kleine Minderheit aller schüchternen Kinder eine solche Störung. Vor allem überängstliche und überdurchschnittlich kritische Eltern werden mit der sozialen Phobie in Verbindung gebracht. Bis zu welchem Ausmaß die Eltern die Störung verursachen können, ist jedoch unklar.

Außerdem wurden bei Vorliegen einer sozialen Phobie Änderungen der Aktivität unterschiedlicher Bereiche des Gehirns nachgewiesen. Auch deren Bedeutung ist bislang noch nicht vollständig geklärt.

Psychiatrische Definition von sozialer Phobie

Eine soziale Phobie ist mit einer deutlichen und anhaltenden Angst vor einer oder mehreren sozialen Situationen verbunden. Es kann sich dabei um Situationen handeln, in denen die Betroffenen eine bestimmte Leistung erbringen sollen und gleichzeitig auf fremde Menschen treffen oder der Beurteilung anderer ausgesetzt sind bzw. das Gefühl haben beobachtet zu werden. Die Betroffenen haben Angst, dass andere ihre Angst bemerken: „Was, wenn die anderen sehen, dass ich rot werde, zittere, schwitze usw.?“ Das Eintreffen der gefürchteten sozialen Situationen löst fast immer Angst aus, manchmal gesteigert bis hin zu Panikattacken. Die Betroffenen wissen, dass ihre Angst übertrieben oder haltlos ist. Sie versuchen, die gefürchteten sozialen Situationen zu vermeiden oder durchlaufen sie mit starker Anspannung und Angst. Mit der sozialen Phobie ist ein erhebliches Leiden verbunden. Sie wirkt sich merklich auf Alltag, Beruf, geistige Funktionen, soziale Aktivitäten und/oder Beziehungen aus.

Diagnose

Um die Diagnose der sozialen Phobie stellen zu können, soll sichergestellt werden, dass die Angst oder Vermeidung von schwierigen Situationen nicht durch den Einfluss von bestimmten Substanzen (z. B. Medikamenten) oder eine Grunderkrankung verursacht wird. Das Verhalten sollte auch nicht durch andere psychische Störungen (z. B. Panikstörung) erklärbar sein. Ihre Ärztin/Ihr Arzt führt daher zunächst eine körperliche Untersuchung und evtl. eine Blutuntersuchung durch. Eine Wiederholung der Untersuchungen wird in der Regel nicht empfohlen, wenn die gleichen Symptome bei ähnlichen späteren Episoden erneut auftreten. In einem ausführlichen Gespräch befragt die Ärztin/der Arzt Sie zu Ihren Lebensumständen und den Symptomen. Zusätzlich können spezielle Fragebögen zur Diagnose von Angststörungen hilfreich sein.

Symptome

Die Betroffenen spüren Angst, wenn Sie mit anderen Menschen zusammen sind oder sich in Situationen befinden, in denen sie das Gefühl haben, dass sie beobachtet werden. Angstauslösende Situationen sind zum Beispiel vor einer Gruppe zu sprechen, in der Öffentlichkeit zu essen oder zu trinken, etwas zu tun, während andere zusehen oder zuhören, mit fremden Menschen zu sprechen oder zu telefonieren. Die Betroffenen machen sich oft Sorgen darüber, was andere über sie denken. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl. Die Gegenwart von Autoritätspersonen flößt ihnen Angst ein.

Die Angst führt oft zu körperlichen Symptomen wie Erröten, Schwitzen, Zittern, Mundtrockenheit, Übelkeit, Harndrang, Herzklopfen und dem Gefühl, in Ohnmacht zu fallen. Gleichzeitig fürchten die Betroffenen, dass andere diese Symptome bemerken. Das kann dazu führen, dass die Betroffenen es nicht aushalten, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Sie denken oft: „Was, wenn ich mich blamiere?“, „Was, wenn sie sehen, dass ich nervös bin?“

Aus Scham oder Angst, nicht ernst genommen zu werden, lassen sie ihre soziale Phobie unerwähnt. Die Betroffenen versuchen, die Stresssituationen zu vermeiden, das heißt, sie isolieren sich von den unangenehmen Situationen. Das führt zu Einsamkeit und kann die Chancen auf Bildung und Arbeit verringern. Menschen mit sozialer Phobie finden seltener einen Lebenspartner. Traurigkeit und Depressionen können die Folge sein. Alkohol- und Medikamentenmissbrauch können ein Versuch sein, sich zu entlasten bzw. selbst zu „therapieren".

Therapie

Ziel der Therapie ist, dass die Betroffenen lernen, die mit Angst besetzten Situationen zu meistern. Psychotherapie (kognitive Verhaltenstherapie) und medikamentöse Therapie sind die beiden Behandlungsmöglichkeiten.

Medikamentöse Therapie

Zur Therapie der sozialen Phobie werden Antidepressiva, wie die sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Venlafaxin, verwendet. In der Wirksamkeit der verschiedenen Medikamente wurde bislang kein signifikanter Unterschied festgestellt. Bei einer medikamentösen Therapie spüren zwischen 50 % und 80 % der Betroffenen nach 8–12 Wochen eine Besserung der Symptome. Es wird mit einer niedrigen Dosis begonnen, die bei Bedarf gesteigert werden kann. Bei guter Wirksamkeit ist die Wirkung so lange spürbar wie die Behandlung erfolgt. Es wird empfohlen, die Behandlung nach eingetretener Besserung der Symptome noch mindestens 6–12 Monate weiterzuführen und anschließend, sofern die Situation stabil ist, die Medikamente langsam abzusetzen. Studien haben gezeigt, dass 20–60 % der Betroffenen einen Rückfall erleiden, wenn die Therapie nach 5–12 Monaten beendet wird. Bei längerer Therapiedauer gibt es weniger Rückfälle.

Benzodiazepine sind bei Angstsymptomen wirksam, machen aber abhängig und sind deshalb nach Möglichkeit zu vermeiden. Sie werden nur in Ausnahmefällen und für kurze Zeit verschrieben. Nach längerer Behandlung sollten Benzodiazepine sehr langsam (ggf. über mehrere Wochen) ausgeschlichen werden.

Kognitive Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie für soziale Phobie legt den Schwerpunkt auf den Teufelskreis aus negativen Gedanken („Meine Stimme wird zittern und die anderen werden denken, dass ich verrückt bin“) und Vermeidungsverhalten, welcher die situationsbezogene Angst weiter erhöht und zu nicht zielführendem Verhalten und einem negativen Selbstbild führt.

Das Ziel der Therapie ist es u. a. zu vermitteln, welche körperlichen Symptome auftreten können und was die physiologischen Erklärungen dafür sind. Die Patienten üben alternative Denk- und Handlungsstrategien, wenn Symptome auftreten.

Die Angstbewältigung kann auch dadurch erfolgen, dass die Betroffenen schrittweise immer mehr den angstbesetzten Situationen ausgesetzt werden (Gewöhnung). Zu Beginn werden die Betroffenen für kurze Zeit einer Situation ausgesetzt, die nur mit mäßiger Angst verbunden ist. Dann werden diese Situationen schrittweise gesteigert bis zu längerer Dauer von immer herausfordernderen Situationen. Nach und nach gewöhnen sich die Betroffenen an die Angst und erleben, wie die Angstgefühle langsam abnehmen.

Insgesamt 12–16 wöchentliche Sitzungen mit einer Dauer von jeweils 60–90 Minuten haben sich als sinnvoll erwiesen, entweder einzeln oder in der Gruppe. Eine Einzeltherapie scheint wirksamer zu sein als eine Gruppentherapie. Die Therapie wird oft mit „Hausaufgaben“ kombiniert, d. h. Übungen, die die Patienten in ihrem täglichen Umfeld durchführen sollen. Eine Besserung tritt im Laufe von 6–12 Wochen ein und kann für mehrere Monate weiter gesteigert werden. Wenn die Betroffenen in der Lage sind, in sozialen Situationen die körperlichen Beschwerdesymptome ohne Kontrollverlust zu ertragen, sind sie auf dem Weg der Besserung.

Prognose

Unbehandelt verläuft die Krankheit meist chronisch und begleitet die Betroffenen oft das ganze Leben. Es besteht die Gefahr, dass die Angststörung Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit verursacht. Weniger als ein Drittel aller Betroffenen werden ohne Therapie geheilt. Bei kognitiver Verhaltenstherapie erfahren nach zehn Sitzungen 70–80 % der Patienten eine deutliche Verbesserung oder werden geheilt. Bei medikamentöser Therapie wird davon ausgegangen, dass der Prozentsatz der Patienten, die geheilt werden oder eine Verbesserung erfahren, etwas geringer ist. Ein Vorteil der psychotherapeutischen Behandlung ist die bessere Langzeitwirkung.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden