Serotonin-Syndrom

Das Serotonin-Syndrom wird ausgelöst durch einen erhöhten Serotoninspiegel im Zentralnervensystem. Es erfordert eine schnelle Behandlung, weil es lebensbedrohlich sein kann.

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Was ist das Serotonin-Syndrom?

Das Serotonin-Syndrom wird durch einen erhöhten Serotoninspiegel im Zentralnervensystem ausgelöst. Es kann bei der Einnahme von Medikamenten auftreten, die zu hohen Konzentrationen des Botenstoffs Serotonin im Körper führen. Das ist möglich, wenn Patienten die Dosis eines Medikaments, das den Serotoninspiegel beeinflusst, erhöhen oder mit der Einnahme eines weiteren Medikamentes beginnen. Auch bestimmte Drogen und Nahrungsergänzungsmittel können das Serotonin-Syndrom auslösen.

Serotonin ist eine chemische Substanz, die vom Körper produziert und für die Funktion von Nervenzellen und Gehirn benötigt wird. Ein stark erhöhter Serotoninspiegel kann jedoch Probleme verursachen. Die Symptome eines Serotonin-Syndroms reichen von Zittern und Schwitzen bis hin zu ernsthaften Symptomen wie Muskelsteife, Fieber und Krämpfen. Schwere Serotonin-Syndrome können ohne Behandlung tödlich enden. In den meisten Fällen klingt das Syndrom innerhalb von 24–72 Stunden ab, wenn die Betroffenen die auslösenden Medikamente absetzen und frühzeitig behandelt werden.

Es ist bislang wenig darüber bekannt, wie häufig das Serotonin-Syndrom auftritt. Aber aufgrund des zunehmenden Einsatzes von Medikamenten, die den Serotoninspiegel beeinflussen, ist von einer Zunahme auszugehen. Viele Fälle werden wahrscheinlich nicht erkannt.

Symptome

Die Symptome variieren je nach Person und unterscheiden sich in ihrer Stärke. Symptome eines Serotonin-Syndroms treten innerhalb von 6–24 Stunden nach der Einnahme eines neuen Medikaments oder nach Erhöhung der Dosis eines bereits über einen längeren Zeitraum eingenommen Medikaments auf. Ein Teil der Patienten zeigt bereits innerhalb der ersten Stunde nach Einnahme erste Symptome.

Häufige Symptome sind Unruhe, Verwirrtheit, Herzklopfen, Zittern, Schwitzen, Fieber, Durchfall. Weitere Symptome können erweiterte Pupillen, Verlust von Muskelkontrolle, Muskelkrämpfe und Bewusstseinstrübung sein. Schwere Fälle können lebensbedrohlich sein.

Ursachen

Serotonin wird von Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark produziert und trägt zur Regulation der Aufmerksamkeit, des Verhaltens und der Körpertemperatur bei. Andere Zellen im Körper, insbesondere im Verdauungstrakt, produzieren ebenfalls Serotonin. Serotonin spielt auch für die Regulierung der Verdauung, des Kreislaufs und der Atmung eine wichtige Rolle. Eine zu hohe Serotonin-Konzentration kann das Serotonin-Syndrom auslösen.

Ein erhöhter Serotoninspiegel im Zentralnervensystem kann auf verschiedene Arten entstehen. In gewissen Fällen kann das Syndrom bereits nach Einnahme eines einzigen Medikaments, das die Serotoninmenge im Körper erhöht (z. B. Antidepressiva), auftreten. Häufiger ist eine Erkrankung jedoch im Zusammenhang mit der gleichzeitigen Einnahme mehrerer Medikamente. Die häufigste Ursache des Serotonin-Syndroms ist die Kombination von Medikamenten, die zur Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin führen, z. B. selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).

Weitere mögliche Ursachen sind die Hemmung des Serotoninabbaus (z. B. durch MAO-Hemmer) sowie eine erhöhte Freisetzung von Serotonin oder eine Aktivierung der Rezeptoren durch bestimmte Drogen (Amphetamine, MDMA, Kokain, LSD).

Bei der kombinierten Einnahme von Migräne-Medikamenten (Triptanen) und Antidepressiva scheint das Risiko laut einer aktuellen Studie gering zu sein.

Diagnose

Ärzte stellen die Diagnose anhand der typischen Symptome und durch Ausschluss anderer möglicher Erkrankungen. Fragen zur Krankengeschichte und zu den von den Patienten eingenommenen Medikamenten helfen, die Krankheit zu erkennen.

In einigen Fällen sind Blutuntersuchungen sinnvoll, um den Stoffwechsel sowie Körperfunktionen, die vom Serotonin-Syndrom betroffen sind, zu überprüfen.

Viele andere Krankheiten können ähnliche Symptome wie das Serotonin-Syndrom hervorrufen.

Therapie

Die Therapie eines Serotonin-Syndroms hängt von der Schwere der Erkrankung ab. Bei leichten Symptomen ist es ausreichend, wenn die Patienten das Medikament, das das Syndrom ausgelöst hat, absetzen. Wenn die Symptome hingegen schwerwiegender sind, erfolgt die Behandlung im Krankenhaus.

Zur Linderung der Beschwerden können verschiedene Arzneimittel eingesetzt werden. Darüber hinaus wird die intravenöse Zufuhr von Flüssigkeit empfohlen, zusätzlich können Serotonin-blockierende Arzneimitteln gegeben werden.

Bei schweren Symptomen ist eine intensivmedizinische Überwachung erforderlich.

Verlauf und Prognose

Die Symptome eines Serotonin-Syndroms klingen meist innerhalb von 24 Stunden ab, nachdem das Medikament, das den Serotoninanstieg ausgelöst hat, abgesetzt wurde. Rund 40 % der Betroffenen benötigen eine intensivmedizinische Überwachung. Schwere Komplikationen können auftreten.

Die Prognose ist bei einem Rückgang der Symptome innerhalb von 1–2 Tagen in der Regel gut, auch wenn die akuten Symptome meist bedrohlich wirken.

Weitere Informationen

  • SSRI-Antidepressiva
  • Antidepressiva
  • Serotoninsyndrom Informationen für ärztliches Personal

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Serotonin-Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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