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SSRI-Antidepressiva

SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sind Antidepressiva, die gezielt die Wirkung des Nervenbotenstoffs Serotonin beeinflussen.

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Warum Medikamente?

Seit über 30 Jahren ist bekannt, dass Medikamente oft eine sehr wirksame Behandlung bei schweren Depressionen darstellen. Das Problem dabei war jedoch, dass eine solche Behandlung erhebliche Nebenwirkungen haben könnte. Bei sehr schweren Depressionen konnten Nebenwirkungen akzeptiert werden, bei leichteren Depressionen waren die Nebenwirkungen aber in vielen Fällen schwerwiegender als die Erkrankung selbst. Dies führte häufig dazu, dass die Behandlung abgebrochen wurde, noch bevor eine Wirkung eingetreten war.

Einer der Gründe für die Erkenntnis, dass (auch schwere) Depressionen mit Arzneimitteln geheilt werden können, war das zunehmende Wissen über die Krankheit. Schon lange war vermutet worden, dass Depressionen ganz oder teilweise durch chemische Veränderungen im Gehirn bedingt sein könnten. Nach und nach konnten Forscher nachweisen, dass bei depressiven Patienten bestimmte Botenstoffe im Gehirn in zu geringer Menge vorkommen können, die Impulse von einer Nervenzelle zur nächsten übertragen. Diese Substanzen bezeichnet man als Neurotransmitter. Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter, der Informationen zwischen Nervenzellen überträgt. Wenn die Signalübertragung durch Neurotransmitter der Nervenzellen im Gehirn nicht korrekt funktioniert, kann es zu typischen Symptomen einer Depression kommen, wie beispielsweise Traurigkeit, Mutlosigkeit, Apathie, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen.

Wie funktionieren SSRI?

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind Substanzen, die gezielt auf den Serotoninspiegel im Gehirn wirken, ohne dabei andere Substanzen direkt zu beeinflussen, die ebenfalls wichtig für eine normale Gehirnfunktion sind. Auf diese Weise wird die gewünschte Wirkung mit weniger Nebenwirkungen erreicht.

Serotonin ist einer der Botenstoffe, der entscheidend Stimmung und auch Schlafverhalten des Menschen beeinflusst. Dieser Botenstoff wird (wie andere auch) bei der Signalübertragung zwischen verschiedenen Nervenzellen freigesetzt, erreicht eine bestimmte Konzentration vor einer nachfolgenden Nervenzelle und leitet damit ein bestimmtes Signal weiter. Serotonin wird anschließend recht schnell wieder in die erste Nervenzelle aufgenommen. Das beendet die Signalübertragung. SSRI hemmen diese schnelle Wiederaufnahme, Serotonin kann also länger auf die nachfolgende Nervenzelle einwirken. 

Wie wird die Behandlung durchgeführt?

Es stehen verschiedene Arten von SSRI zur Verfügung, die sich in der Regel nicht so sehr in ihrer Wirksamkeit, aber in den möglichen Nebenwirkungen unterscheiden. Ihr Arzt wird Sie bei der Auswahl beraten können. In der Regel nimmt der Patient zunächst eine bestimmte empfohlene Anfangsdosis ein, die dann bei Bedarf erhöht werden kann. Wenn Nebenwirkungen auftreten oder der Patient in der Vergangenheit an Nebenwirkungen durch ähnliche Medikamente gelitten hat, kann es sinnvoll sein, mit einer halben oder Vierteldosis zu beginnen und diese langsam steigern. In den meisten Fällen stellt sich bereits nach einer Behandlungswoche eine Linderung der Symptome ein, es kann aber auch bis zu 6 Wochen dauern, bis eine Verbesserung eintritt. Wirkung und Nebenwirkungen wird der Arzt während dieser ersten Wochen sorgfältig beobachten, um zu prüfen, ob das gewählte Medikament für den Patienten wirklich hilfreich ist und ob Nebenwirkungen auftreten. 

Wenn die Symptome zurückgehen oder vollständig verschwinden, wird empfohlen, die Behandlung mit derselben Dosis für mehrere Monate fortzusetzen, um den Zustand zu stabilisieren. Darüber entscheiden Sie als Patient zusammen mit dem Arzt.

Zeigt die Behandlung nicht die gewünschte Wirkung, sollten Patienten die Dosierung nicht selbstständig erhöhen, sondern diese Änderung nur in Absprache mit Ihrem Arzt vornehmen. Sie sollten das Medikament auch nur in Rücksprache mit dem Arzt absetzen, falls Sie das wünschen.

Nebenwirkungen?

Nebenwirkungen kommen vor, fallen aber oft mild aus.

Übelkeit ist dabei recht häufig; die Beschwerden sind meist moderat und tritt fast immer nur vorübergehend auf. Sie verschwindet oft nach 2–4 Wochen. Durchfall ist ebenfalls eine häufig vorkommende Nebenwirkung während der ersten Wochen.

Manche Patienten leiden auch an Zittern, Frösteln, vermehrtem Schwitzen, Nervosität und Unruhe, evtl. mit Angst. Der Blutdruck kann sich verändern und es können Herzrhythmusstörungen auftreten. Daher kontrollieren Ärzte während der Therapie die Herzfunktion mittels EKG. 

Bei einigen Patienten führt die Behandlung zu einer eingeschränkten Orgasmusfähigkeit oder verzögertem Orgasmus. Auch diese bessert sich in der Regel während der Behandlung im Lauf der Zeit. Für Männer, die unter vorzeitiger Ejakulation leiden, kann diese Wirkung eventuell positiv sein.

Bei Patienten, die unter starker Angst leiden, kann sich dies zu Beginn der Behandlung verschlimmern. Für diese Patienten empfiehlt sich deshalb ein vorsichtiger Behandlungsbeginn mit geringen Dosen und schrittweiser Erhöhung.

Es wurde auch von Schlafstörungen infolge der Behandlung berichtet, aber bei den meisten Patienten bessert sich die Schlafqualität, wenn die Depression gelindert wird. Nächtliches Schwitzen ist am Beginn der Behandlung keine Seltenheit.

Sehr selten tritt das Serotonin-Syndrom auf, das schwere Symptome verursacht: Fieber, Schwitzen, Übelkeit, evtl. epileptische Anfälle, Muskelkrämpfe, Verwirrtheit bis zum Delir. Dieses Syndrom tritt eher auf, wenn SSRI mit bestimmten anderen Medikamenten kombiniert werden. Daher sollte Ihr Arzt genau wissen, welche Medikamente Sie noch einnehmen, bevor die Therapie mit SSRI beginnt.

Wenn der Patient unter Nebenwirkungen leidet, aber trotzdem die medikamentöse Behandlung fortsetzen möchte, kann ein anderes Medikament derselben Gruppe getestet werden. Die Nebenwirkungen variieren individuell und von Medikament zu Medikament. Eine Reduzierung der Dosis kann ebenfalls Nebenwirkungen vermindern.

Abhängigkeit?

Viele haben Angst, durch die Einnahme von Antidepressiva eine Abhängigkeit zu entwickeln. Die Medikamente, die gegen Depressionen eingesetzt werden, lösen jedoch keine Rauschwirkung und kein unmittelbares Glücksgefühl aus und führen deshalb auch nicht zu einer Abhängigkeit. Daher ist die Bezeichnung „Glückspillen“ irreführend. Einige Patienten fühlen Unbehagen, wenn sie ihre Medikamente absetzen. Viele beschreiben ein Gefühl wie von elektrischen Stößen im Kopf, andere leiden an Schwindel und Unruhe. Dies kann beängstigend sein, wenn der Patient nicht damit vertraut ist. Diese Nebenwirkungen können durch eine langsame Reduzierung der Dosis vermieden oder deutlich vermindert werden.

Können Medikamente eine Gesprächstherapie ersetzen?

Forschungen haben gezeigt, dass die Wirkung der medikamentösen Behandlung bei Depressionen mindestens so gut ist wie die einer Gesprächstherapie. Es wird dennoch empfohlen, wenn möglich beide Behandlungen miteinander zu kombinieren.

Für Patienten, die keine Medikamente einnehmen wollen oder unter unangenehmen Nebenwirkungen leiden, kann die Gesprächstherapie die erste Wahl sein. Hier stehen verschiedene Therapieansätze zur Verfügung. Begleitend sind auch unterstützende Therapien wie Musik-, Kunst- oder Ergotherapie, Sportangebote oder Entspannungstechniken.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen