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Bipolare Störung während der Schwangerschaft und nach der Geburt

Leidet eine schwangere Frau an einer bipolaren Störung, ist eine sorgfältige Verlaufsbeobachtung und Therapie notwendig. Bei einer unbehandelten bipolaren Störung besteht ein hohes Risiko, dass sich der Zustand während der Schwangerschaft und insbesondere nach der Geburt verschlechtert.

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Was ist eine bipolare Störung?

Bipolare Störungen sind schwere psychische Erkrankungen. Manische Episoden mit einer übermäßig euphorischen Stimmung wechseln sich mit depressiven Episoden mit einer deutlich niedergeschlagenen Stimmung ab. Wie oft solche Episoden auftreten, ist von Fall zu Fall verschieden und hängt auch davon ab, ob die Erkrankung behandelt wird oder nicht.

Bipolare Störungen treten häufig in der Pubertät oder kurz danach das erste Mal auf. Frauen und Männer sind dabei etwa gleich häufig betroffen. Je nach Definition sind 1–5 % der Bevölkerung von einer Störung des bipolaren Spektrums betroffen.

Eine Wochenbettpsychose, das ist eine andere psychische Störung, tritt bei etwa 1 von 1.000 Geburten auf. Gebärende mit bipolarer Störung haben ein erhöhtes Risiko für diese Erkrankung.

Erhöhtes Risiko während der Schwangerschaft

Das Risiko einer bipolaren Störung oder einer neuen Episode steigt während der Schwangerschaft und in der ersten Zeit nach der Geburt. Bei Frauen mit einer bipolaren Störung kommt es bei über der Hälfte zu einem Rückfall, wenn die vorbeugende medikamentöse Therapie während der Schwangerschaft abgebrochen wird. Das Risiko ist besonders hoch, wenn Medikamente abrupt abgesetzt werden.

Eine während der Schwangerschaft unbehandelte bipolaren Störung birgt das Risiko, dass die Schwangere nicht mehr in der Lage ist, sich um ihre Gesundheit zu kümmern: ausgewogene Ernährung, regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus und persönliche Hygiene werden vernachlässigt. Auch riskante Verhaltensweisen wie Alkohol- und Drogenkonsum und eine Neigung zur Selbstverletzung können zunehmen.

Bei Schwangeren mit einer bipolaren Störung ist das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt etwas höher als bei psychisch Gesunden. Dies erfordert eine sorgfältige Betreuung in Zusammenarbeit von Hausarzt und Psychiater, Gynäkologe und Hebamme und ggf. der Geburtsklinik.

Früher wurde Frauen mit einer bipolaren Störung von einer Schwangerschaft abgeraten. Heute beschränkt sich dieser Hinweis auf Frauen, bei denen erst kürzlich eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. Ihnen wird empfohlen, einige Monate zu warten, bevor sie schwanger werden. Die Frau sollte sich in einer stabilen Phase befinden und eine Therapie gefunden haben, die auch bei einer Schwangerschaft gut anschlägt.

Therapie

Medikamente

Eine durchgehende medikamentöse Therapie ist bei schweren bipolaren Störungen notwendig, um das Risiko für das Auftreten einer Krankheitsepisode während der Schwangerschaft zu vermindern und um die Krankheitsschwere zu reduzieren. Der Abbruch dieser Therapie, insbesondere, wenn er abrupt erfolgt, birgt ein erhebliches Risiko für die Auslösung einer depressiven oder manischen Episode.

Andere Risikofaktoren sind ein langer Krankheitsverlauf, ein früher Krankheitsbeginn, eine kurze Zeit seit der letzten Krankheitsepisode, ein früherer Suizidversuch und die gleichzeitige Einnahme von mehreren Medikamenten.

Die medikamentöse Behandlung einer bipolaren Störung in Schwangerschaft und Stillzeit bedarf einer sorgfältigen Nutzen-/Risikoabwägung. Nicht alle Medikamente sind während dieser Zeit geeignet. Wie außerhalb der Schwangerschaft werden zur Behandlung depressiver Episoden Antidepressiva eingesetzt, zur Behandlung manischer Episoden Antipsychotika. Lithium, das außerhalb der Schwangerschaft in der Vorbeugung manischer und depressiver Episoden an erster Stelle steht, erscheint bei fehlenden Alternativen – etwa bestimmte Antipsychotika – akzeptabel. Lithium geht mit einem gewissen Risiko für Herz- und Gefäßschädigungen beim ungeborenen Kind einher. Heute weiß man, dass dieses Risiko geringer ist als früher angenommen, und in den meisten Fällen können die Fehlbildungen operativ behandelt werden. Ob die Therapie vor der Geburt beendet werden sollte, kann nur anhand des einzelnen Falls und in Absprache mit den behandelnden Therapeuten entschieden werden. Von dem Medikament Valproat, das üblicherweise bei einer bipolaren Störung eingesetzt wird, wird während der Schwangerschaft abgeraten.

Psychotherapie und andere Therapien

Was die Psychotherapie und andere nichtmedikamentösen Behandlungsmöglichkeiten bipolarer Störungen angeht, gelten die gleichen Empfehlungen wie außerhalb der Schwangerschaft (siehe Artikel Bipolare Störungen und Depression).

Nach der Geburt

In den Wochen nach der Geburt ist das Risiko für das Neuauftreten oder die Verschlimmerung von Symptomen einer bestehenden bipolaren Störung erhöht. In sehr viel geringerem Ausmaß trifft das auch auf die Zeit unmittelbar vor und während der Geburt zu. Frühe Anzeichen können Rastlosigkeit, Unruhe, Reizbarkeit und Schlaflosigkeit sein. Häufig kommt es zu einer rapiden Zunahme der Symptome und schnellen Änderungen der Symptome und Beschwerden. Auch das Suizidrisiko ist dann erhöht.

Eine Wochenbettpsychose bedarf immer der psychiatrischen Behandlung in einem Krankenhaus.

Eine Verschlimmerung der bipolaren Störung nach der Geburt kann auch eine große Belastung für die ganze Familie sein. Eine gute ärztliche und ggf. psychologische Betreuung ist daher wichtig.

Stillen

Einerseits leistet das Stillen einen wichtigen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung und gesunden psychischen Entwicklung des Kindes. Andererseits kann es von der Mutter als belastend und ermüdend erlebt werden. Während der Stillzeit eingenommene Medikamente können zu einem gewissen Anteil über die Muttermilch in den kindlichen Organismus übergehen, was die Auswahl und Dosierung dieser Medikamente beschränken kann. Ob gestillt werden soll oder nicht und welche Medikamente in welcher Dosierung und über welche Zeitdauer eingenommen werden sollen, ist eine individuelle Entscheidung in Absprache zwischen Ärzten und Patientin.

Prognose

Im ersten Jahr nach der Geburt sind engmaschige Kontrolluntersuchungen notwendig. Die Krankheit kann behandelt werden, und die Prognose ist gut. Eine medikamentöse Langzeitbehandlung kann den weiteren Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen.

Weitere Informationen

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Autoren

  • Thomas M. Heim, Dr. med., Wissenschaftsjournalist, Freiburg