Zum Hauptinhalt springen

Vorübergehende akute psychotische Störungen

Zuletzt revidiert:


Was ist eine akute vorübergehende Psychose?

Definition

Akute vorübergehende psychotische Störungen sind eine Gruppe schwerer psychischer Erkrankungen, die durch akut auftretende psychotische Symptome und weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs gekennzeichnet und zeitlich begrenzt sind.

Symptome

Die Symptome einer akuten vorübergehenden Psychose beginnen abrupt, entwickeln sich rasch innerhalb weniger Tage bis maximal 2 Wochen und können beispielsweise sein:

Halluzinationen

  • Hören von Stimmen, die z. B. Kommentare abgeben oder miteinander über die erkrankte Person diskutieren.
  • Hören von Geräuschen, ohne dass diese in der Realität vorhanden sind (z. B. Musik, Stöhnen, Seufzen).
  • Optische Wahrnehmungen, ohne dass diese real vorliegen (z. B. Lichtblitze, Muster, Personen).
  • Wahrnehmung von Berührungen (z. B. eiskalte Hand auf der Haut)
  • Körperbeeinflussungserlebnisse (z. B. elektrischer Strom, der durch den Körper fließt), ohne dass diese wirklich vorhanden sind.

Wahnphänomene 

  • Kontroll- oder Beeinflussungswahn: Betroffene Personen haben das Gefühl, dass z. B. ihre Körperbewegungen, Gedanken, Tätigkeiten oder Empfindungen von außen und speziell bei Ihnen gesteuert werden.
  • Wahnwahrnehmungen: Reale Sinneswahrnehmungen werden von betroffenen Personen meist auf sich bezogen fehlinterpretiert und erhalten eine abnorme Bedeutung (z. B. eine Bemerkung, ein Gespräch, eine Fernsehsendung wird als Zeichen oder Aufforderung bewertet).

Ratlosigkeit und Verwirrtheit, Aufgewühltsein

Erkrankte Personen können häufig emotional aufgewühlt sein. Intensive vorübergehende Glücksgefühle oder Angst und Reizbarkeit können vorkommen. Bei manchen Formen der akuten psychotischen Störung treten zusätzlich Symptome einer Schizophrenie auf.

Auslöser

Eine akute vorübergehende Psychose wird oft ausgelöst durch belastende Lebensereignisse oder starken Stress und hält weniger als 3 Monate an. Bei längerer Dauer ist eine chronische psychische Erkrankung wahrscheinlich.

Ursachen

Die Ursachen einer akuten vorübergehenden Psychose sind nicht bekannt. Wahrscheinlich spielen biologische und erbliche Faktoren eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit. Akute psychische oder soziale Belastungen können häufig als auslösende Faktoren beobachtet werden. Dabei kann es sich um ein Trauma wie beispielsweise Kriegserfahrungen, Unfall, den Verlust von Angehörigen oder eine schwere körperliche Erkrankung handeln.

Da Menschen hinsichtlich ihrer Persönlichkeit, geistigen Entwicklung und früheren Lebenserfahrungen sehr unterschiedlich sind, können einige Personen anfälliger auf Belastungen reagieren und damit leichter eine Psychose entwickeln.

Häufigkeit

  • Das Auftreten akuter vorübergehender psychotischer Störungen beläuft sich jährlich auf 4–10 Fälle pro 100.000 Einw.
  • Frauen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Männer.
  • Das Durchschnittsalter bei der ersten Psychose liegt bei weiblichen Personen bei ca. 30–50 Jahren, bei männlichen Personen zwischen 20 und 30 Jahren.

Untersuchungen

Anamnese

In einem ausführlichen Gespräch zwischen Ärzt*innen und erkrankten Personen können Hinweise für eine psychotische Störung gefunden werden. Falls möglich, sollten Angehörige das Gespräch begleiten und ergänzen, da Personen mit akuter Psychose oft sehr unruhig sein können und in der Regel wenig Krankheitseinsicht zeigen.

Folgende Fragen können von Ärzt*innen im Gespräch gestellt werden: 

  • Seit wann haben Sie bemerkt, dass sich etwas verändert hat?
  • Wechseln die Veränderungen im Denken, in der Wahrnehmung und Ihre Ängste immer wieder schnell in andere oder neue Veränderungen oder Ängste?
  • Gab es belastende Ereignisse in den letzten Wochen?
  • Nehmen Sie/ die erkrankte Person Drogen oder Medikamente ein?
  • Gibt es bekannte körperliche Erkrankungen?
  • Haben Sie sich in der letzten Zeit verletzt oder haben Sie Veränderungen bemerkt, die auf eine körperliche Erkrankung hinweisen?
  • Gab es bei Ihnen in der Vergangenheit bereits psychische Erkrankungen?
  • Gibt es psychische Erkrankungen innerhalb der Familie?
  • Haben Sie Dinge gehört oder gesehen, die Ihnen ungewöhnlich erscheinen oder die andere nicht sehen?
  • Hatten Sie seltsame Erlebnisse bezogen auf Ihren Körper: sich gesteuert fühlen, elektrische Schläge bekommen oder Ähnliches?
  • Hatten Sie seltsame Geruchs- oder Geschmackserlebnisse?
  • Fühlen Sie sich überwacht, verfolgt oder gab es ungewöhnliche Ideen?
  • Haben Sie besondere Fähigkeiten oder empfangen Sie Mitteilungen oder Nachrichten aus Zeitungen, aus dem Radio oder dem Fernsehen?
  • Haben Sie Probleme beim Denken?
  • Liest jemand Ihre Gedanken, entzieht oder gibt Ihnen jemand Gedanken ein oder haben Sie Probleme Ihre Gedanken zusammenzuhalten?

Untersuchung körperlicher Ursachen

Um körperliche Ursachen (z. B. Delir, Diabetes, Leberzirrhose, Mangel an Flüssigkeit) auszuschließen, werden zusätzlich eine gründliche körperliche Untersuchung und eine Blutuntersuchung (z. B. Blutbild, Blutzucker,Schilddrüsenwerte, Leberwerte, Entzündungswerte) sowie ein EKG und die Messung von Blutdruckwerten vorgenommen.

Untersuchung bei Spezialist*innen

In seltenen, begründeten Fällen kann es notwendig sein, eine Untersuchung von Hirn- und Nervenwasser durchzuführen.

Um eine Epilepsie als Ursache auszuschließen, können Hirnströme mittels EEG abgeleitet werden.

Außerden sollten beim erstmaligen Auftreten psychotischer Symptome und zum Ausschluss möglicher Ursachen im Bereich des Gehirns ein MRT oder alternativ ein CT angefertigt werden. Dabei können Bilder der Strukturen des Gehirns Aufschluss über mögliche Abweichungen geben (z. B. Blutung, Tumor, Entzündungen, Infarkt).

Einweisung in ein Krankenhaus

Bei einer akuten Psychose besteht fast immer die Notwendigkeit zur Einweisung in ein Krankenhaus. 

Falls erkrankte Personen sich oder ihre Mitmenschen akut in Gefahr bringen, erfolgt eine freiwillige oder, wenn nötig, eine unfreiwillige Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus zur weiteren Abklärung und Behandlung.

Behandlung

Die Behandlung einer akuten vorübergehenden psychotischen Störung beginnt zunächst im Krankenhaus, mit dem Ziel die Krankheit dauerhaft zu heilen.

Meist wird eine Kombination verschiedener Verfahren angeboten: 

  • medikamentöse Therapie
  • Psychotherapie
  • soziale Unterstützung
  • Psychoedukation. 

Die Eigenmotivation der betroffenen Person spielt bei der Therapie eine zentrale Rolle. Hilfreich sind auch eine umfassende Aufklärung der Familie und deren Unterstützung bei der Therapie.

Medikamente

Akut stehen meist Angst und Anspannung im Vordergrund, um diese zu lindern, können schnell wirksame Benzodiazepine (z. B. Lorazepam) eingesetzt werden. Benzodiazepine sind aber aufgrund der Gefahr einer schnellen Abhängigkeitsentwicklung nicht zur längerfristigen Behandlung geeignet.

Falls sich eine akute vorübergehende psychotische Störung nicht von alleine oder nur unvollständig zurückbildet, können zeitnah Antipsychotika (Neuroleptika) gegeben werden. Diese können ggf. kurzfristig mit beruhigenden Medikamenten, z. B. Benzodiazepinen, kombiniert werden.

Wegen des hohen Rückfallrisikos wird empfohlen die Therapie nach dem Abklingen der Symptome fortzuführen.

Aufklärung und Unterstützung betroffener Personen und ihrer Familie

Ein weiterer wichtiger Teil der Therapie ist die Aufklärung erkrankter Personen und ihrer Familien über die Krankheit, ihre Auslöser und Symptome sowie über den Umgang mit diesen (Psychoedukation). Außerdem können dabei auch Strategien zur Bewältigung des Alltags und Kommunikationstrategien vermittelt werden.

Psychotherapie

Bei psychotischen Störungen kann eine Psychotherapie helfen. Die kognitive Verhaltenstherapie kann Beschwerden wie Hören von Stimmen oder Geräuschen, Depression und soziale Angst reduzieren. Soziale Funktionen und das Auftreten von Wahnvorstellungen können verbessert werden.

Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, mögliche auslösende Faktoren zu identifizieren, sodass diese im Anschluss weitestgehend vermieden oder bestehende mögliche Auslöser verändert werden können.

Was können Sie selbst tun?

  • Falls möglich, meiden Sie Situationen oder schützen Sie anfällige Personen vor Situationen, von denen Sie wissen, dass sie die psychotische Störung aufrechterhalten oder eine neue Psychose auslösen können.
  • Nehmen Sie Ihre verordneten Medikamente regelmäßig und dauerhaft ein und nehmen Sie bei auftretenden Nebenwirkungen rasch Kontakt zu Ihren Ärzt*innen auf.
  • Halten Sie die regelmäßig vereinbarten Arzttermine ein.
  • Teilen Sie den Ärzt*innen Veränderungen Ihrer Lebensgewohnheiten mit (z. B. Änderung Ihres Kaffeekonsums/ beim Rauchen, besondere Stressfaktoren), diese können u. a. einen Einfluss auf die Wirksamkeit Ihrer Medikamente haben.
  • Versuchen Sie, sich gesund und ausgewogen zu ernähren, weil antipsychotische Medikamente tendenziell zu Gewichtszunahme und zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Vorbeugung

Besonders gefährderte Personen, etwa demenzkranke Personen oder Menschen mit psychischen Entwicklungsverzögerungen sollten in Situationen, in denen diese mit einschneidenden und unvermeidlichen Ereignissen konfrontiert werden, eng begleitet und unterstützt werden.

Prognose

Die Prognose einer akut auftretenden psychotischen Störung ist zunächst gut, sie klingt in der Regel innerhalb von 3 Monaten vollständig ab, allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, erneut zu erkranken, relativ hoch.
Bestehen die Symptome über mehr als 3 Monate, wird eine Änderung der Diagnose von einer akuten vorübergehenden psychotischen Störung zu einer chronischen Störung (z. B. Schizophrenie oder wahnhafte Störung) erforderlich. Außerdem besteht ein erhöhtes Risiko für eine posttraumatische BelastungsstörungSuizidDepressionen und Suchterkrankungen.

Weitere Informationen

Autorin

  • Catrin Grimm, Ärztin in Weiterbildung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Klingenberg a. M.

 

Quellen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Akute vorübergehende psychotische Störungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): ICD-10-GM Version 2021. Stand 18.09.2020; letzter Zugriff 30.03.2021. www.dimdi.de 
  2. Faust V. Akute psychotische Störung. Psychosoziale Gesundheit von Angst bis Zwang. Letzter Zugriff: 05.04.2021. www.psychosoziale-gesundheit.net 
  3. Farooq S, Rehman M, Farooq N. Pharmacological interventions for acute and transient psychotic disorder (ATPD). Cochrane Database of Systematic Reviews. Stand: Dezember 2015; letzter Zugriff 25.10.2017 onlinelibrary.wiley.com 
  4. Castagnini AC, Fusar-Poli P. Diagnostic validity of ICD-10 acute and transient psychotic disorders and DSM-5 brief psychotic disorder. Eur Psychiatry 2017; 45: 104-113. PMID: 28756108 PubMed 
  5. Jacob KS, Kallivayalil RA, Mallik KA, Gupta N, Trivedi JK, Netal GB. Diagnostic and statistical manual-5: Position paper of the Indian Psychiatric Society. Indian Journal of Psychiatry 2013;55(1):12–30. PMID: 23441009 PubMed 
  6. Castagnini AC, Laursen TM, Mortensen PB, Bertelsen A. Family psychiatric morbidity of acute and transient psychotic disorders and their relationship to schizophrenia and bipolar disorder. Psychol Med. 2013; 43: 2369-75. PMID: 23343536 PubMed 
  7. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Delir und Verwirrtheitszustände inklusive Alkoholentzugsdelir. AWMF-Leitlinie Nr. 030-006, S1. Stand 2020. www.awmf.org 
  8. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. S3-Leitlinie Schizophrenie. AWMF-Leitlinie Nr. 038-009, Stand 2019. www.awmf.org 
  9. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. S3-Leitlinie - Verhinderung von Zwang: Prävention und Therapie aggressiven Verhaltens bei Erwachsenen. AWMF-Leitlinie Nr. 038-022, Stand 2018. www.awmf.org