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Somatoforme Störungen

Somatoforme Störungen sind durch körperliche Symptome von milder bis erheblicher Stärke geprägt, ohne dass eine körperliche Erkrankung zugrunde liegt. Die Beschwerden werden häufig durch anhaltende Sorgen um das Vorliegen einer (schweren) Erkrankung verstärkt.

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Was ist eine somatoforme Störung?

Diese Erkrankung ist dadurch gekennzeichnet, dass Patienten ihre Ärzte wiederholt aufgrund körperlicher (organischer) Beschwerden aufsuchen, die bereits umfassend untersucht wurden, ohne dass Anzeichen einer zugrunde liegenden körperlichen Erkrankung zu finden wären. Es ist selbstverständlich eine Voraussetzung, dass diese Ergebnisse den Patienten auf gute und angemessene Art und Weise vermittelt wurden. Eine Variante der Krankheit ist, wenn die körperlichen Befunde nicht schwerwiegend genug sind, um die Probleme der Patienten und ihre Ängste zu erklären. Der Schweregrad umfasst ein Spektrum, das von ganz leichten Fällen, die nur schwer vom Normalzustand zu unterscheiden sind, bis zu Krankheitsbildern reicht, die mit völliger Erwerbsunfähigkeit verbunden sind.

Die Symptome gehören in der Regel zu einer dieser Gruppen:

Derartige Beschwerden werden häufig auch als funktionelle Beschwerden oder Symptome bezeichnet. In diese Gruppe gehören unter anderem das Reizdarmsyndrom, die Fibromyalgie und das chronische Erschöpfungssyndrom. Funktionelle Symptome sind Symptome, deren Ursprung nicht mit einer organischen Erkrankung in Zusammenhang gebracht werden kann. Sie sind als körperliche Symptome definiert, die nicht auf Grundlage einer bekannten und definierten somatischen (körperlichen) Störung erklärt werden können. Die Terminologie rund um funktionelle Symptome und somatoforme Störungen ist umstritten, ihre Klassifikationsverfahren überlappen einander und sind bisweilen ungenau, und es gibt eine große Vielfalt an Bezeichnungen diverser Syndrome. Gemeinsam ist den somatoformen Störungen und den sogenannten funktionellen Syndromen, dass sie ausschließlich aus der subjektiven Beschwerdeperspektive definiert sind und nicht anhand objektiver Befunde, und dass die ihnen zugrunde liegende Ursache unbekannt ist.

Häufigkeit

Ein signifikanter Anteil (20 %) der Patienten, die hausärztlichen Rat suchen, hat unspezifische Symptome wie Schmerzen, Müdigkeit, Schwäche oder Angst vor Krankheiten. Diese Körperbeschwerden lassen sich meist nicht durch körperliche Befunde erklären. Auch in der fachärztlichen Betreuung leidet ein größerer Teil der Patienten an funktionellen Beschwerden. Häufig, aber nicht immer, haben die Patienten gleichzeitig psychische Erkrankungen (z. B. Depression, Persönlichkeitsstörungen). Somatoforme Störungen werden häufiger bei Frauen diagnostiziert. Auch Menschen aus einkommensschwächeren Schichten und mit Migrationshintergrund sind häufiger betroffen. Das Erscheinungsbild der Symptome und die ärztliche Untersuchung sind von kulturellen und sozialen Faktoren beeinflusst.

Somatoforme Störungen führen für die Patienten zu großen psychischen und sozialen Belastungen und sind mit erheblichen finanziellen Belastungen für die Gesellschaft verbunden. Die Patienten werden häufig und wiederholt unnötigen diagnostischen und unwirksamen therapeutischen Maßnahmen ausgesetzt, was zu Enttäuschungen und häufigen Arztwechseln führt. Da diese Patientengruppe so groß ist, wären neue und bessere Behandlungsmaßnahmen von erheblicher Bedeutung.

Ursachen

Es gibt kein einheitliches Erklärungsmodell für somatoforme Störungen. Individuelle Faktoren spielen bei der Entstehung eine große Rolle. Dazu gehören genetische Faktoren, Persönlichkeitsstruktur, psychosoziale Belastungen, Traumata, Körperbewusstsein und daraus folgende körperliche Symptome und Erkrankungen. Somatoforme Störungen scheinen in Familien gehäuft vorzukommen. Auslöser der Erkrankung ist oft psychosozialer Stress, insbesondere Trennungen und Verluste. In vielen Fällen treten psychische Begleiterkrankungen auf.

Diagnostik

Ärzte stellen die Diagnose einer somatoformen Störung durch eine Anamnese, die so gründlich ist, dass abgeklärt werden kann, ob eine körperliche Grunderkrankung oder eine funktionelle Störung vorliegt. Für die Ärzte ist es daher sehr wichtig, Ereignisse im Leben der Patienten in der Zeit vor und während des Einsetzens der Beschwerden sowie weitere psychosoziale Belastungsfaktoren zu ermitteln.

Bei der körperlichen Untersuchung können die Ärzte entweder keine Erklärung für die Beschwerden finden, oder die Befunde stehen in keinem Verhältnis zu den Beschwerden, über die die Patienten klagen. Um schwere Erkrankungen auszuschließen, werden möglicherweise weitere Untersuchungen empfohlen, z. B. Blutuntersuchungen oder bildgebende Verfahren. Mit speziellen Fragebögen können psychische Störungen erfasst werden.

Die Angst davor, eine Krankheit zu haben, und die Unsicherheit bei den Patienten führt zu wiederholten Arztbesuchen, bei denen die Patienten die erneute Durchführung bereits erfolgter Untersuchungen oder weitere Untersuchungen wünschen. Dies ist häufig unnötig, und eine verstärkte Konzentration auf die Symptome kann den Zustand von Patienten mit somatoformen Störungen sogar noch weiter verschlechtern. Daher ist es durchaus üblich, dass Ärzte entsprechenden Wünschen nicht nachkommen. In ausgeprägten Fällen nehmen diese Patienten umfangreiche medizinische Leistungen in Anspruch, die Arzt-Patienten-Beziehung kann problematisch werden und zu häufigen Arztwechseln führen. Viele Patienten führen oft langwierige Eigenbehandlungen durch und wenden sich an mehrere Gruppen von Behandelnden, z. B. Hausärzte, ärztliche Spezialisten und Heilpraktiker.

Bei länger bestehenden Beschwerden ist eine psychiatrische Untersuchung hilfreich. Die Voraussetzung dafür ist aber zunächst eine gründliche körperliche Untersuchung in der Hausarztpraxis.

Behandlung

In den meisten Fällen besteht die Behandlung darin, die Patienten darin zu coachen, mit ihren Beschwerden zu leben, oder ihnen einen angemesseneren Umgang mit ihren Beschwerden aufzuzeigen. Viele Betroffene erleben eine Erleichterung solcher Beschwerden, indem sie körperlich aktiv werden und unter Leute gehen.

Bei somatoformen Störungen haben medikamentöse Therapien normalerweise nur begrenzten Nutzen. Psychische Begleiterkrankungen wie Depression oder Angststörung können mit Antidepressiva behandelt werden. Bei einzelnen funktionellen Störungen, wie z. B. dem Reizdarmsyndrom, lassen sich die Symptome vorübergehend gut mit Medikamenten lindern.

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist eine Psychotherapie. Dabei ist eine kognitive Verhaltenstherapie am besten geeignet. Auch Entspannungsübungen können vielen Betroffenen helfen, da Spannungen im Körper ein zentraler Faktor bei diesen Störungen sind. Weitere Verfahren, die ergänzend angewandt werden können, sind z. B. Physiotherapie, Atemtherapie, Biofeedback, Bewegungs- oder Tanztherapie, therapeutisches Schreiben, Musiktherapie, Meditation und Achtsamkeitstraining (MBSR) und Übungen aus Taichi, Qigong und Yoga.

Prognose

Somatoforme Störungen können über Jahre andauern, aber in ihrer Intensität variieren, und in der Regel bestehen die Beschwerden nicht über die ganze Zeit. Wenn die Erkrankung schon sehr lange besteht, sind die Aussichten auf Heilung schlecht, die Beschwerden können aber dennoch gelindert werden.

Günstig auf den Verlauf wirken sich eine positive Lebenseinstellung, aktive Bewältigungstrategien, gesunde Lebensführung, sichere Bindungen, soziale Unterstützung, gute Arbeitsbedingungen, eine gute Patient-Arzt-Beziehung und die Vermeidung unnötiger Diagnostik aus.

Somatoforme Störungen können auch dadurch kompliziert werden, dass in ihrem Verlauf behandlungsbedürftige depressive Störungen auftreten. Die negativen Folgen nutzloser medizinischer und chirurgischer Behandlungsmaßnahmen können erheblich sein. Manche Patienten werden von Schmerzmitteln oder Beruhigungsmitteln abhängig, insbesondere bei somatoformen Störungen, die durch Schmerzen geprägt sind.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden