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COVID-19: Impfung und Herdenimmunität

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Was ist Herdenimmunität?

Zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie, wurde in der Vergangenheit immer wieder das Erreichen einer sog. Herdenimmunität gefordert. Herdenimmunität entsteht, wenn ein großer Teil der Bevölkerung immun gegen eine Infektionskrankheit wird und sich die Erkrankung deshalb nicht mehr so leicht weiterverbreiten kann. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine infizierte Person mit einer Person in Kontakt kommt, die die Infektion noch nicht hatte, gering ist.

Das Risiko einer Übertragung des Krankheitserregers von einer Person auf eine andere nimmt ab. Wer nicht immun ist, wird indirekt geschützt, da weniger Viren in Umlauf sind.

Dies kann durch natürliche Infektionen geschehen. Eine unkontrollierte Durchseuchung würde aber zu einer starken Zunahme an Todesopfern führen. Herdenimmunität kann auch durch Impfungen erlangt werden. Alternativ oder zusätzlich kann ein wirksames Medikament gegen COVID-19 dazu beitragen, die Pandemie einzudämmen.

Wie hoch der immune Anteil der Bevölkerung sein muss, um Herdenimmunität zu erreichen, ist je nach Krankheit unterschiedlich. Wenn der Anteil der Bevölkerung, der immun gegen eine Infektionskrankheit ist, über dieser Schwelle liegt, nimmt die Virusausbreitung ab. Das RKI empfiehlt eine Impfquote von 85 % der 12- bis 59-Jährigen bzw. 90 % bei Personen ab 60 Jahren, um einen ausreichenden Schutz der Bevölkerung vor der Delta-Variante zu erreichen.

Was bedeutet die Reproduktionszahl?

Die Reproduktionszahl beschreibt, wie viele Menschen eine infizierte Person ansteckt. Am Anfang der Pandemie gab es eine Basisreproduktionszahl R0, die angab, wie viele Personen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, wenn die gesamte Bevölkerung noch nicht immun gegen das Virus ist, es keinen Impfstoff gibt und auch sonst keine Gegenmaßnahmen gegen eine Ausbreitung ergriffen wurden (Hygiene, Abstandsregeln, Lockdown etc.).

Beim Wildtyp des SARS-CoV-2 (also dem ursprünglichen Virus vom Winter 2019) lag R0 zwischen 3,3 und 3,8. Das heißt, jeder Infizierte steckte im Mittel zwischen drei und vier Personen an. Die Basisreproduktionszahl der Delta-Variante liegt schätzungsweise zwischen 6 und 7.

Durch Infektionsschutzmaßnahmen lässt sich die Reproduktionszahl verringern:

  • wenn R größer 1, dann steigende Anzahl täglicher Neuinfektionen
  • wenn R gleich 1, dann konstante Anzahl täglicher Neuinfektionen
  • wenn R unter 1, dann sinkende Anzahl täglicher Neuinfektionen.

Bei SARS-CoV-2 ist das Ziel, die Reproduktionszahl stabil bei unter 1 zu halten.

Impfung

Wen schützt die Impfung?

Durch Impfung erreichte Herdenimmunität schützt auch diejenigen, die nicht geimpft werden können, wie z. B. Personen mit Immunschwäche, da das Ansteckungsgeschehen in der Bevölkerung dann geringer sein kann.

Welche Impfstoffe sind verfügbar?

Die deutsche Firma BioNTech (Comirnaty) sowie die US-amerikanische Firma Moderna (Spikevax) haben bekanntgegeben, dass die von ihnen entwickelten Impfstoffe eine 95- bzw. 90-prozentige Wirksamkeit aufweisen. Für den Impfstoff der britisch-schwedische Firma AstraZeneca (Vaxzevria) wird eine ca. 80-prozentige Wirksamkeit angegeben und für den Impfstoff der Firma Johnson&Johnson (Janssen) eine 66-prozentige Wirksamkeit. Alle Angaben zur Wirksamkeit bezogen sich auf den Wildtyp des SARS-CoV-2-Virus (also nicht auf neue Varianten).

Die Impfstoffe der Firmen BioNTech, Moderna, AstraZeneca und Johnson&Johnson sind in der EU zugelassen. Ihr Einsatz wird von der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut empfohlen.

Der Vektorimpfstoff der Firma Johnson&Johnson muss nur einmal verabreicht werden, die drei anderen Impfstoffe zweimal. Impfabstände: BioNTech 3–6 Wochen und Moderna 4–6 Wochen. Die STIKO empfiehlt für Personen, die den Impfstoff von AstraZeneca als 1. Impfstoffdosis erhalten haben, unabhängig vom Alter einen mRNA-Impfstoff als 2. Impfstoffdosis mit mindestens 4-wöchigem Impfabstand.

mRNA-Methode

Die Impfstoffe der Firmen BioNTech (Comirnaty) und Moderna (Spikevax) beruhen auf der mRNA-Methode, einem neuen Verfahren zur Herstellung von Impfstoffen. Bei dieser Methode wird eine kurze Gensequenz aus mRNA, die für einen kleinen Teil des Virus kodiert (das Spike-Protein, dies sind die „Stacheln“ auf dem Coronavirus), in den Impfstoff eingebaut. Nachdem die Impfung verabreicht wurde, beginnt die Körperzelle, diese mRNA-Ketten zu kopieren. Die mRNA-Gensequenz wird dabei nicht in den Zellkern der menschlichen Körperzelle aufgenommen. Das Immunsystem entdeckt den „Eindringling“ und fängt an, Antikörper gegen die entsprechenden Fragmente des Virus zu bilden, wodurch der Körper gegen das gesamte Virus immun wird.

Adenoviren-Methode (Vektorimpfstoffe)

Die Impfstoffe der Firmen AstraZeneca (Vaxzevria) und Johnson&Johnson (Janssen) funktionieren mit abgeschwächten Adenoviren, die für Menschen nicht gefährlich sind. In diese nicht vermehrungsfähigen Viren ist eine kurze Gensequenz in Form einer DNA-Kette eingefügt, die ebenfalls von Körperzellen an der Einstichstelle aufgenommen und dort abgelesen wird. Auch in diesem Fall wird das Virusprotein vom menschlichen Immunsystem entdeckt, das daraufhin spezifische Antikörper produziert.

Dauer der Schutzwirkung

Die Ansteckungsfähigkeit bei nach einer Impfung mit SARS-CoV-2-infizierten Personen ist nach derzeitiger Datenlage vermindert. Solange noch keine sicheren Daten zu einer Ansteckungsgefahr durch Geimpfte vorliegen, müssen auch Geimpfte weiterhin die AHA+L+A-Regeln (Abstand, Hygiene, Maskentragen, Lüften, App) einhalten.

Insbesondere ist bei multimorbiden, älteren Menschen die Impfeffektivität geringer und weniger langanhaltend als in der jüngeren Bevölkerung. Das Risiko eines Impfdurchbruchs nimmt mit dem Alter zu.

Auffrischimpfungen

Die STIKO empfiehlt eine Auffrischimpfung mit einem mRNA-Impfstoff für Personen ab 18 Jahren, bevorzugt werden sollen Bewohner*innen und Personal in Seniorenpflegeeinrichtungen, medizinisches Personal und Personen mit Immunschwäche. Die Auffrischimpfung sollte in der Regel 6 Monate nach der aus zwei Impfstoffdosen bestehenden Grundimmunisierung erfolgen, kann aber im Einzelfall auch schon nach 5 Monaten angeboten werden. Schwangere ab dem 2. Trimenon sollen ebenfalls eine Auffrischung erhalten (nur Comirnaty).

Personen mit labordiagnostisch gesicherter Infektion vor oder nach einer COVID-19-Impfung sollen eine Auffrischung im Abstand von 6 Monaten nach der Impfung bzw. der Infektion erhalten.

Personen, die mit dem Impfstoff Janssen einmalig geimpft wurden, soll unabhängig vom Alter eine zusätzliche Dosis eines mRNA-Impfstoffes angeboten werden.

Antikörperbestimmung vor der Auffrischung?

Fälschlicherweise nehmen viele Menschen an, dass bei hohem Antikörperspiegel nach der Grundimmunisierung gegen COVID-19 oder einer SARS-CoV-2-Infektion keine (Auffrisch-)Impfung verabreicht werden sollte. Das ist nicht der Fall.

Ein Antikörpertest mit der Frage, ob eine Auffrischung benötigt wird, ist nicht empfohlen. Die Höhe der Antikörper lässt keine sicheren Schlüsse auf eine Immunität zu. Eine Impfung trotz eines hohen Antikörpertiters ist ungefährlich.

Nebenwirkungen

Bei allen in Deutschland empfohlenen Impfstoffen wurden mehr oder weniger häufig Nebenwirkungen angegeben, die auch von anderen Impfungen bekannt sind, wie Schmerzen und Schwellung an der Einstichstelle, leichtes Fieber, Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl. Gegen diese allgemeinen Nebenwirkungen können entweder Paracetamol 500 mg oder Ibuprofen 400 mg eingenommen werden. Diese Medikamente sollen aber nicht vorbeugend vor der Impfung angewendet werden.

Sehr selten kann es in Zusammenhang mit der Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff und dem Impfstoff der Firma Johnson&Johnson zu einer Gerinnungsstörung mit einem Auftreten von Hirnvenenthrombosen oder anderen Thrombosen kommen. Die Impfstoffe der Firmen AstraZeneca und Johnson&Johnson werden von der STIKO erst ab einem Alter von 60 Jahren empfohlen, da Nebenwirkungen mit ungewöhnlichen Blutgerinnseln beispielsweise der Hirnvenen vor allem bei Patient*innen unter 55 Jahren aufgetreten sind.

Alle Personen, die eine erste Dosis mit dem Impfstoff von AstraZeneca erhalten haben, sollen nach mindestens 4 Wochen eine Impfung mit einem Impfstoff der Firmen BioNTech oder Moderna erhalten.

Im Zusammenhang mit Impfstoffen von Johnson&Johnson und AstreZeneca wurde auch über das sehr seltene Auftreten einer aufsteigenden Nervenlähmung berichtet (Guillain-Barré-Syndrom).

Zunächst aus Israel und dann aus weiteren Ländern wurde über Fälle von Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) bei jüngeren männlichen Personen nach der zweiten Impfung mit mRNA-Impfstoffen (BioNTech und Moderna) berichtet. Nach der Impfung mit Spikevax von Moderna wurden häufiger Myokarditiden beobachtet als nach Impfung mit Comirnaty von BioNTech. Deshalb wird Spikevax nicht mehr für Personen unter 30 Jahren empfohlen. Es wird empfohlen, über Symptome einer Myokarditis (Brustschmerzen, Kurzatmigkeit oder Herzklopfen) zu informieren und in den ersten Tagen nach der Impfung auf stärkere sportliche Belastungen zu verzichten. 

Immer wieder wird im Zusammenhang mit einer Impfung gegen COVID-19 über Zyklusstörungen berichtet. Diese sind nach Einschätzung des RKI vorübergehend und haben keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit (Fertilität) einer Frau.

Impfung von Kindern und Jugendlichen

Die STIKO empfiehlt allen Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren eine Impfung gegen COVID-19 mit Comirnaty von BioNTech. Bei Minderjährigen sollte auch der Wille zur Impfung, nicht nur der der Sorgeberechtigten berücksichtigt werden.

Comirnaty wurde von der EMA für Kinder ab 5 Jahren zugelassen. Hierzu gibt es noch keine Empfehlung der STIKO.

Impfung in Schwangerschaft und Stillzeit

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt Schwangeren ab dem 2. Trimenon und Stillenden eine Impfung gegen COVID-19 mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs. Personen unter 30 Jahren und Schwangere sollen nicht mit dem Impfstoff von Moderna geimpft werden.

Außerdem empfiehlt die STIKO allen noch nicht geimpften Frauen im gebärfähigen Alter, sich impfen zu lassen, damit bereits vor einer Schwangerschaft ein Schutz vor COVID-19 besteht.

Impfung bei geschwächtem Immunsystem

Personen mit einer Immunschwäche soll laut STIKO etwa 6 Monate nach der 2. Impfung eine Auffrischimpfung angeboten werden. Kontaktpersonen von Personen mit geschwächtem Immunsystem sollen vollständig geimpft sein.

Impfung bei Genesenen

Personen, die eine nachgewiesene SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben, sollen laut STIKO nur einmal geimpft werden. Zum Infektionsnachweis kann eine PCR herangezogen werden. Die Impfung sollte in der Regel 6 Monate nach Genesung bzw. Diagnosestellung erfolgen. Bei gesicherter asymptomatischer Infektion (ohne Krankheitszeichen) oder bei Kontakt zu neuen, möglicherweise gegen vorhandene Antikörper resistenten Varianten, kann die Impfung bereits ab 4 Wochen nach der Labordiagnose erfolgen. Bei positivem Antikörper-Test als Infektionsnachweis kann eine Auffrischung bereits 4 Wochen nach dem Test verabreicht werden.

Wirksamkeit gegen die Delta-Variante

Eine vollständige Impfung bietet einen guten Schutz vor einer notwendigen Klinikeinweisung und sehr guten Schutz vor einer Behandlung auf Intensivstation und dem Tod durch COVID-19.

Für einen guten Schutz gegen die Variante Delta ist eine vollständige Impfung mit zwei Impfungen erforderlich. Eine einmalige Impfung bietet nur einen unvollständigen Schutz.

Der Impfstoff Janssen der Firma Johnson&Johnson bietet einen deutlich geringeren Schutz, deshalb wird eine Auffrischung mit einem mRNA-Impfstoff der Formen BioNTech oder Moderna schon 4 Wochen nach der Verabreichung des Janssen-Impfstoffes empfohlen.

Digitaler Impfnachweis

Das RKI bietet hierfür die kostenlose CovPass-App . Ein digitaler Impfnachweis kann auch in der Corona-Warn-App  hinzugefügt werden. Hinweise zur praktischen Umsetzung bieten die FAQ zum digitalen Impfnachweis des BMG .

Attest für eine Kontraindikation gegen die Impfung

Absolute Kontraindikationen für eine Impfung gegen SARS-CoV-2 sind extrem selten. Die Ausstellung eines Attests ist daher nur in absoluten Ausnahmefällen notwendig und zu rechtfertigen. Zu den Kontraindikationen gehören schwere Allergien gegen Bestandteile des Impfstoffes (allerdings kann dann ein anderer Impfstoff verabreicht werden). Eine Schwangerschaft im ersten Schwangerschaftsdrittel kann ein Grund für die Ausstellung eines Attests sein (obwohl eine Impfung mit einem mRNA-Impfstoff im ersten Drittel grundsätzlich erlaubt, aber nicht von der STIKO empfohlen ist).

Weitere Informationen

Das RKI bietet weitere Informationen auf der Seite Kurz & Knapp: Faktenblätter zum Impfen .

Das BMG stellt unter Zusammen gegen Corona  Antworten auf Fragen zu Impfmythen, Verschwörungstheorien und „Fake-News" bereit.

Vorbeugende Maßnahmen

Auch wenn jetzt Impfstoffe gegen COVID-19 EU-weit verfügbar sind, müssen wir uns weiter vor dem Coronavirus schützen, indem wir die Kontaktbeschränkungen einhalten und weiterhin die AHA+L+A-Regeln befolgen:

  • Abstand halten.
  • Hygiene beachten.
  • Alltagsmaske tragen.
  • Lüften.
  • App (Corona-Warn-App nutzen).

Auch Geimpfte sollen vor dem Besuch von Älteren oder Risikopersonen einen Antigen-Schnelltest machen.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Marlies Karsch-Völk, Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, München 
  • Die ursprüngliche Version dieses Artikels basiert auf einem entsprechenden Artikel im norwegischen hausärztlichen Online-Handbuch Norsk Elektronisk Legehåndbok (NEL, https://legehandboka.no/ ).