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Arteriitis temporalis

Polymyalgia rheumatica und Arteriitis temporalis sind zwei verwandte rheumatische Erkrankungen. Polymyalgie macht sich durch Muskelschmerzen im Schulter- und Beckenbereich bemerkbar, während Arteriitis temporalis vor allem Kopf- oder Schläfenschmerzen verursacht.

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Was ist Arteriitis temporalis?

Arteriitis temporalis (AT) ist eine Entzündung der Blutgefäße (eine sog. Riesenzellarteriitis), die am häufigsten die Schläfenarterie (A. temporalis) betrifft, aber auch andernorts im Körper vorkommt. Es wird vermutet, dass Polymyalgia rheumatica (PMR) und Arteriitis temporalis (AT) verschiedene Formen der gleichen Krankheit darstellen. Sie haben u. a. einige Symptome gemeinsam und weisen ähnliche Entstehungsmechanismen auf.

Typisch für Arteriitis temporalis sind neu auftretende starke Kopfschmerzen und Schmerzen beim Kauen. Sehstörungen bestehen ebenfalls oft. Die Betroffenen fühlen sich meist zusätzlich erschöpft und krank.

Die Arteriitis temporalis tritt in der Regel nach dem 50. Lebensjahr auf. Im Durchschnitt liegt der Krankheitsbeginn um das 70. Lebensjahr. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 3,5 von 100.000 Einwohnern neu.

Krankheitsentwicklung/Symptome

Die Krankheit entwickelt sich oft über einige Tage bis Wochen. Häufig klagen Patienten über Fieber, Übelkeit, Müdigkeit, Schwäche, Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit oder Gewichtsverlust.

Die wichtigsten Symptome der Arteriitis temporalis sind einseitige, starke Kopfschmerzen in der Schläfe, die sich beim Husten oder Kauen verstärken, und Sehstörungen (Doppelbilder, verschwommenes Sichtfeld oder einseitige Verminderung des Sehvermögens) in bis zu 30 % der Fälle. Die Patienten haben das Gefühl, als würde etwas die Augen verdecken. Im schlimmsten Fall kann sich ein dauerhafter Verlust des Sehvermögens entwickeln. Häufig wird auch eine Empfindlichkeit der Kopfhaut angegeben, und es treten Schmerzen beim Kauen auf.

Manche Betroffene leiden gleichzeitig an Polymyalgia rheumatica und Arteriitis temporalis: 30–70 % der Patienten mit Arteriitis temporalis zeigen auch Symptome der Polymyalgie. 40–50 % der Patienten mit Polymyalgia rheumatica haben auch Arteriitis temporalis.

Ursachen

Beide Erkrankungen sind wahrscheinlich auf eine chronische Entzündung der Arterienwände (Arteriitis) zurückzuführen. Der Grund, weshalb diese Entzündung auftritt, ist nicht genau geklärt, es wird davon ausgegangen, dass Antikörper gegen körpereigene Strukturen gebildet werden, die dann eine Entzündung dieser Strukturen auslösen. Dies ist ein Beispiel für eine sog. Autoimmunerkrankung. Es wird angenommen, dass sowohl äußere (wahrscheinlich Infektionen) als auch erbliche Faktoren zur Entstehung der Krankheit beitragen.

Diagnostik

Die Diagnose Arteriitis temporalis kann gestellt werden, wenn drei oder mehr der folgenden Kriterien erfüllt sind:

  • Einsetzen der Krankheit nach dem 50. Lebensjahr
  • neuartige oder neu auftretende Kopfschmerzen
  • Schmerzen an der Schläfenarterie bei Berührung und/oder niedriger Puls
  • erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit
  • Veränderungen der Schläfenarterie, die durch Gewebeprobe nachgewiesen werden.

Ärzte untersuchen und fragen daher gezielt nach solchen Symptomen. Andere mögliche Ursachen für die Beschwerden sollten ausgeschlossen werden.

In Blutuntersuchungen werden Entzündungsmarker gemessen. Die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und/oder der CRP-Wert sind typischerweise erhöht. Zum Ausschluss anderer Erkrankungen wird das Blut auch auf Autoantikörper (ANCA und ANA) untersucht.

Da bei Befall der Schläfenarterie dieses Gefäß entzündlich verändert ist, lassen sich diese Auffälligkeiten in einer Ultraschalluntersuchung oder im MRT meist feststellen. Gelingt dies nicht, besteht aber dennoch der Verdacht auf eine AT, dann kann es sinnvoll sein, eine kleine Gewebeprobe (Biopsie) des Blutgefäßes für eine genaue Untersuchung im Labor zu entnehmen. Die Probe wird durch einen kleinen chirurgischen Eingriff unter örtlicher Betäubung entnommen. Eine Mikroskopie der Gewebeprobe kann typische Veränderungen aufzeigen.

Behandlung

Ein schneller Behandlungsbeginn ist wichtig, um einen bleibenden Sehverlust zu verhindern. Die Patienten werden meist stationär im Krankenhaus behandelt. Kortison  wird eingesetzt, um die Entzündung zu hemmen. Da bleibende Augenschäden, die bis zur Erblindung reichen können, verhindert werden sollen, ist die Dosis für Arteriitis temporalis höher als bei Polymyalgia rheumatica. Wenn bereits Sehstörungen auftreten, wird Kortison anfangs über Infusionen in die Blutbahn verabreicht. Später werden Kortisontabletten verwendet.

Häufig ist eine deutliche Verbesserung der Erkrankung schon wenige Stunden nach Beginn der Behandlung mit Kortison zu beobachten. Die Dosis muss stufenweise reduziert werden, und es ist sehr wichtig, die Anweisungen der Ärzte zu befolgen, um schwerwiegende Nebenwirkungen zu vermeiden. Die übliche Behandlungsdauer beträgt 1-2 Jahre. Für einige Patienten kann eine niedrig dosierte (5–10 mg) Erhaltungsbehandlung über ein paar Jahre hinweg indiziert sein, weil die Symptome wiederkehren oder auf konstantem Niveau anhalten.

Neben Kortison können auch spezielle andere sog. immunsuppressive (das Immunsystem dämpfende) Medikamente hilfreich sein. Für AT ist seit 2017 hier der Wirkstoff Tocilizumab zugelassen; seine Anwendung ist jedoch nur nach Ausschluss bestimmter Risikofaktoren erlaubt. Während der Behandlung sollten regelmäßig die Leberwerte im Blut kontrolliert werden. Der Einsatz sollte erwogen werden, wenn Rückfälle auftreten oder eine lange Kortisontherapie zu Nebenwirkungen führt.

Es ist wichtig, regelmäßige Verlaufskontrollen wahrzunehmen – zum einen, um die Wirksamkeit der Therapie zu kontrollieren, aber auch um mögliche Nebenwirkungen der Kortisoneinnahme frühzeitig zu erkennen. Bei Anzeichen von Nebenwirkungen oder neu aufgetretenen oder zunehmenden Beschwerden sollten Sie sich zeitnah bei Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt melden.

Da die langfristige Anwendung von kortisonhaltigen Medikamenten das Risiko für die Entwicklung von Osteoporose erhöht, ist es meist ratsam, ergänzend regelmäßig Kalzium und Vitamin D einzunehmen. In einigen Fällen kann es notwendig sein, eine intensivere Behandlung mit anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten anzuwenden. Körperliche Aktivität ist zudem wichtig zur Vorbeugung von Osteoporose.

Prognose

Unter Behandlung ist die langfristige Prognose meist gut. Die Behandlung dauert dennoch lang. Die durchschnittliche Behandlungsdauer beträgt 2 Jahre. Einige erleiden allerdings im Verlauf wieder Symptome (Rezidiv), nachdem die medikamentöse Behandlung abgeschlossen ist, und müssen erneut mit einer Behandlung beginnen.  

Erblindung ist eine mögliche Folge von Arteriitis temporalis, kann jedoch durch zeitnahe Therapie verhindert werden.

Falls bei Ihnen Kopfschmerzen, Sehstörungen oder andere Symptome der Arteriitis temporalis auftreten, sollten Sie umgehend Ihre Ärztin/Ihren Arzt kontaktieren. Eine Entzündung der Schläfenarterie kann schnell zur Erblindung führen und auftreten, obwohl Kortisonpräparate eingesetzt werden. Dies kommt jedoch sehr selten vor.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Marie-Christine Fritzsche, Ärztin, Freiburg