Windpocken in der Schwangerschaft

Bei schwangeren Frauen können Windpocken eine schwere Erkrankung darstellen, die einen Krankenhausaufenthalt und eine intensive Behandlung erfordert.

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Windpocken werden durch eine Virusinfektion verursacht. Eine überstandene Windpockenerkrankung führt zu einer lebenslangen Immunität, aber man kann später an einer Gürtelrose erkranken, die durch das gleiche Virus verursacht wird. Die meisten Menschen haben Windpocken als Kind, aber 2–3 % der erwachsenen Bevölkerung hat die Krankheit nicht gehabt und sind daher anfällig. 

Besondere Risiken für Schwangere

Windpocken können – vor allem bei Schwangeren – eine schwere Krankheit darstellen, die einen Krankenhausaufenthalt und eine intensive Behandlung erfordert. Die Gürtelrose bei der Schwangeren hingegen führt zu keiner Gefährdung des Ungeborenen. Darüber hinaus kann die Infektion in der ersten Hälfte der Schwangerschaft in seltenen Fällen (etwa 2 %) zu schweren neurologischen Schäden beim Ungeborenen führen. Erkrankt die Schwangere zur Zeit der Entbindung, besteht das Risiko einer sehr schweren Windpockenerkrankung des Kindes. Wird die Frau mehr als fünf Tage vor der Geburt infiziert, ist das Risiko für das Kind kleiner, weil dann die von der Mutter gebildeten Antikörper Zeit hatten, auf das Kind übertragen zu werden und dort zu wirken.

Untersuchung auf Windpocken

Wenn eine schwangere Frau noch keine Windpocken hatte, kann bei Bedarf durch eine Blutuntersuchung festgestellt werden, ob sie für die Infektionen anfällig ist. 80 % derer, die glauben, noch keine Windpocken gehabt zu haben, wurde doch in der Vergangenheit angesteckt, und sind damit erfreulicherweise gegen die Krankheit geschützt. In Deutschland wird keine Routineuntersuchung auf Antikörper gegen Windpocken in der Schwangerschaft empfohlen, jedoch sollte ein bestimmter Blutwert (VZV-IgG) bei Frauen im gebärfähigen Alter mit unklarer oder negativer Vorgeschichte bzgl. Windpocken bestimmt werden.

Besteht der begründete Verdacht auf Windpocken-Infektion des Fetus kann das Virus im Rahmen der Pränataldiagnostik in Chorionzotten, Fruchtwasser oder Nabelschnurblut nachgewiesen werden.

Kann man gegen Windpocken geimpft werden?

Ja. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung im Alter von 11 bis 14 Monaten entweder zeitgleich mit der ersten Masern-Mumps-Röteln-Impfung oder frühestens vier Wochen danach. Die zweite Teilimpfung erfolgt vier bis sechs Wochen nach der ersten Impfung. Es kann auch ein Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken verwendet werden.

Die Impfung gegen Windpockendarf nicht in der Schwangerschaft erfolgen. Wenn Sie sich impfen lassen bevor Sie schwanger werden, können Sie sicher sein, dass Sie während der Schwangerschaft vor Windpocken geschützt sind. Die Impfung sollte jedoch mindestens drei Monate vor der Schwangerschaft erfolgen. Alle schwangeren Frauen, bei denen eine Blutuntersuchung negativ ausgefallen ist, sollten sich nach der Entbindung – angesichts möglicher weiterer Schwangerschaften – gegen Windpocken impfen lassen.

 

Empfehlungen

Bei Frauen im gebärfähigen Alter mit unklarer oder negativer Vorgeschichte bzgl. Windpocken sollte ein bestimmter Blutwert (VZV-IgG) bestimmt werden. Ist dieser negativ sollten sie sich rechtzeitig vor dem Anstreben einer Schwangerschaft gegen Windpocken impfen lassen.

Ungeimpfte Schwangeren ohne Windpocken in der Vorgeschichte sollten unbedingt den Kontakt zu an Windpocken-(Varizellen-)/Zoster-Erkankten und -Verdachtsfällen meiden. Bei den weiteren Familienmitgliedern sollte der Impfschutz komplementiert werden, damit diese nicht erkranken und die Schwangere anstecken. 

Nach Kontakt mit an Windpocken erkrankten Personen sollte ein bestimmter Blutwert (VZV-IgG) bestimmt werden, der Aufschluss darüber gibt, ob die Schwangere immun ist oder nicht. Innerhalb von 96 Stunden nach Kontakt kann eine Gabe des Varicella-Zoster-Immunglobulins, für ungeimpfte Schwangere ohne Varizellenanamnese erwogen werden. 

Bei Windpocken in der Spätschwangerschaft kann eine gegen das Virus gerichtete Therapie innerhalb von 24 Stunden nach Exanthembeginn bei der Schwangeren indiziert sein. 

Erkrankt die Frau  innerhalb von fünf Tagen vor bis zwei Tage nach der Geburt erhält das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt Varicella-Zoster Immunglobulin.

Eine Schwangere, die in der Schwangerschaft an Windpocken erkrankt, sollten in Absprache mit einem Infektionsarzt behandelt werden. 

Weiterführende Informationen

 

Autoren

  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Windpocken. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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