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Fetales Alkoholsyndrom

Alkohol passiert problemlos die Plazentaschranke und gelangt so vom mütterlichen Blut in den Körperkreislauf des Kindes, das infolge mindestens denselben Alkoholgehalt im Blut hat wie die Mutter. Dies kann beim Ungeborenen zu bleibenden Schäden führen.

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Fetales Alkoholsyndrom – was ist das?

Das fetale Alkoholsyndrom (FAS), auch Alkohol-Embryopathie (AE) genannt, ist eine angeborene Erkrankung, die auf mütterlichem Alkoholkonsum während der Schwangerschaft beruht. Es umfasst die schwersten alkoholbedingten Komplikationen beim Kind: verändertes Aussehen, v. a. im Gesicht, Wachstumshemmung und nachweisbare Hirnschädigung. Mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann allerdings auch zu weiteren, weniger auffälligen Schäden beim Ungeborenen führen. Hierzu zählen zum Beispiel spätere Lernschwierigkeiten, Hyperaktivität und ähnliches. Diese Veränderungen werden unter dem Begriff fetale Alkohol-Spektrum-Störungen (FASD, Fetal Alcohol Spectrum Disorders) zusammengefasst. Das fetale Alkoholsyndrom macht demnach nur einen Teil der fetalen Alkohol-Spektrum-Störungen aus.

Alkohol geht problemlos durch die Plazentaschranke und gelangt so in den Körperkreislauf des Kindes; dadurch hat es den gleichen Alkoholgehalt im Blut wie die Mutter. Die Organanlagen des Ungeborenen werden bereits in der Frühschwangerschaft, der sogenannten Embryonalphase, ausgebildet und reifen in den verbleibenden Monaten bis zur Geburt nach insgesamt etwa neun Monaten kontinuierlich heran. Die schädliche Wirkung des Alkohols kann zu einer Hemmung oder Störung in diesem wichtigen Reifungsprozess führen. Dadurch kann es zu einer Reihe ernster Schädigungen beim Ungeborenen kommen. Insbesondere die Gehirnentwicklung wird durch Alkohol beeinträchtigt.

Trinkt eine schwangere Frau Alkohol, so ist das Ungeborene zu jedem Zeitpunkt gefährdet. Bereits wenig Alkohol während der Schwangerschaft kann beim Kind Störungen der kognitiven Entwicklung verursachen. Es ist nicht bekannt, welche Alkoholmenge bereits negative Folgen auf die Entwicklung des Embryos hat, daher lautet die Empfehlung: Kein Alkohl während der gesamten Schwangerschaft! Das Risiko für Schädigungen des Kindes im Mutterleib ist umso geringer, je weniger Alkohol eine Schwangere zu sich nimmt.

Häufigkeit

Etwa 20 % der schwangeren Frauen in Deutschland geben an, gelegentlich Alkohol zu trinken, und ca. 8 % der schwangeren Frauen konsumieren größere Mengen Alkohol. 

Das fetale Alkoholsyndrom (FAS) ist die häufigste bekannte und vermeidbare Ursache für eine geistige Behinderung und die häufigste Ursache mittelgradiger neurokognitiver Entwicklungsstörungen. In Westeuropa sind 0,2–8,2 von 1.000 Neugeborenen von FAS betroffen. Schätzungsweise 1 % aller Kinder in Deutschland leiden an einer fetalen Alkohol-Spektrum-Störung (FASD). Wahrscheinlich gibt es eine hohe Dunkelziffer.

Symptome

Die Symptome der fetalen Alkohol-Spektrum-Störungen können stark variieren. Häufig sind das Gehirn und das Zentralnervensystem betroffen. In einigen Fällen äußert sich die Erkrankung beim Kind hauptsächlich durch Lernschwierigkeiten, eine Entwicklungsverzögerung, Verhaltensstörungen und Sprachprobleme. Der Übergang zu geistig zurückgebliebenen Kindern mit ausgeprägtem Hirnschaden ist fließend.

Nahezu sämtliche Organe des Körpers können geschädigt werden. Viele der betroffenen Kindern sind durch ein charakteristisches Aussehen, ein verzögertes Wachstum und einen kleinen Kopfumfang gekennzeichnet. Bei Neugeborenen mit FAS fallen Veränderungen der Augenlider und des Bereichs zwischen Nase und Oberlippe auf. Neben Hirnschädigungen kommt es häufig auch zu Fehlbildungen an Augen, Ohren, Herz, Magen-Darm-Trakt, Nieren, Harnwegen, Muskeln und Skelett.

Diagnose

Oftmals fällt die Verdachtsdiagnose bereits unmittelbar nach der Geburt infolge von Auffälligkeiten beim neugeborenen Kind. In anderen Fällen schöpft der Kinderarzt bei den regulären Vorsorgeuntersuchungen Verdacht. Mitunter kommt es auch vor, dass die Eltern selbst misstrauisch werden, weil das Kind eine Entwicklungsverzögerung oder Symptome des Zentralnervensystems aufweist. Die betroffenen Kinder zeigen ein mangelndes Interesse an ihrer Umgebung und entwickeln sich nicht wie erwartet. Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen stehen häufig in Verbindung mit anderen psychischen Erkrankungen (z. B. ADHS).

Der Arzt misst Körpergröße und Kopfumfang des Kindes und führt neurologische und psychologische Tests durch. Die Diagnose fetale Alkohol-Spektrum-Störung (FASD) kann nur gestellt werden, wenn von der Mutter oder vom sozialen Umfeld Alkoholkonsum während der Schwangerschaft bestätigt wird.

Therapie

Eine Heilung ist nicht möglich, wie auch andere Arten der psychischen Entwicklungsverzögerung halten fetale Alkohol-Spektrum-Störungen ein Leben lang an. Eine frühzeitige Stimulation kann allerdings hilfreich sein, um eine bestmögliche Entwicklung des Kindes gemäß den jeweiligen Voraussetzungen zu erzielen. Für ein gutes Behandlungsergebnis bedarf es der intensiven Zusammenarbeit der Eltern mit diversen Berufsgruppen wie Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeitern, Physiotherapeuten und Kinderärzten. In diesem Zusammenhang kann es nützlich sein, eine Art Leitungsgruppe zur Koordination der Behandlungsmaßnahmen zu erstellen, die sich aus dem jeweils wichtigsten Therapie- und Förderpersonal zusammensetzt. Die enge Zusammenarbeit mit den Eltern ist von wesentlicher Bedeutung für eine erfolgreiche Förderung.

Die Therapie stellt für die Kinder und ihre Familien eine große Herausforderung dar. Die Behandlung besteht im Wesentlichen aus gleichermaßen physischen wie psychischen Stimulations- und Trainingsmaßnahmen. Medikamente sind nur erforderlich, wenn weitere gesundheitliche Probleme vorliegen.

Bisher gibt es keine Belege dafür, dass bestimmte Ernährungskonzepte von therapeutischem Nutzen sind. Im Allgemeinen wird eine gesunde und ausgewogene Ernährung sowie regelmäßige körperliche Bewegung empfohlen. Die Integration in normale Kindergärten und Schulen wirkt sich vorteilhaft auf die kognitive Entwicklung betroffener Kinder aus, sofern die notwendigen Voraussetzungen zum unterstützten Lernen gegeben sind. Bei Bedarf sollten zusätzliche Stunden z. B. mit Heilpädagogen, Ergotherapeuten oder Logopäden angeboten werden.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden