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Unwort der Saison: Erkältung

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Jetzt ist es so weit: Die Menschen haben alles vergessen, was ihnen während der COVID-Pandemie erklärt wurde. Oder sie haben es ohnehin nie wirklich verstanden. Die Klassenlehrerin meiner Tochter verbietet den Kindern, während des Unterrichts und in den Pausen die Fenster zu öffnen, weil sie selbst sonst friere und sich dann erkälte. Das Resultat dieser Unkenntnis über die Entstehung einer sogenannten Erkältung war, dass letzte Woche 18 von 29 Kindern, inklusive meiner Tochter, einen schweren hochfieberhaften Infekt der oberen Atemwege hatten und die Schule nicht besuchen konnten. Dass meine Tochter, wie vermutlich die anderen Kinder auch, fast die ganze Familie angesteckt hat, kommt dann noch dazu.

Was ist es, was die Menschheit glauben lässt, ein akuter viraler Infekt der oberen Atemwege habe etwas mit Frieren zu tun? Klar, es ist das „kalt“ im Wort Erkältung. Sobald sie das hören, entfällt vielen, was wir in der Pandemie immer gepredigt haben: Macht die Fenster auf, damit die Viren rausgeweht werden und trefft euch lieber im Freien, weil da die Ansteckungsgefahr geringer ist! Fast alle haben verstanden, dass SARS-CoV2 ein Virus ist und nicht einfach nur „kalte Luft“. Warum aber fällt die Übertragung dieser Erkenntnis auf andere Atemwegsviren so schwer?

Es gibt widersprüchliche Daten dazu, ob eine „Abkühlung“ der Nasenschleimhaut oder in Kälte reflektorisch mehr Feuchtigkeit sezernierende Nasenschleimhäute das Eindringen von Viren begünstigen. Falls es einen solchen Effekt gibt, ist er marginal. Dazu müssten erst einmal Viren vorhanden sein, und deren Zahl ist an der „frischen Luft“, wo die Nase kalt wird und eventuell läuft, ja eher geringer. Wie können wir besser darüber aufklären, dass eine Erkältung vielmehr im Warmen entsteht, also drinnen, wo Viren sich wohlfühlen?

Ich habe jedenfalls die Titel unserer Artikel zu diesem Thema geändert. Unser Arztartikel heißt jetzt Akuter respiratorischer Infekt (ARI) und die dazugehörige Patienteninformation Akuter Infekt der oberen Atemwege (Erkältung). In der Patienteninformation habe ich hervorgehoben, dass eine Erkältung durch eine Infektion verursacht wird. Ob das etwas ändert?

Bei dieser Gelegenheit habe ich auch noch einmal die Evidenz zur Behandlung einer akuten viralen Infektion der oberen Atemwege überprüft. Es ist kaum etwas Neues dazu gekommen, auch kaum Aktualisierungen der zitierten Cochrane-Reviews. Als Autorin des Cochrane-Reviews zur Vorbeugung und Behandlung akuter respiratorischer Infekte mit Echinacea kann ich die Datenlage bestätigen: Unser Review von 2014 ist immer noch auf dem neuesten Stand, weil es einfach keine neuen randomisierten kontrollierten Studien gibt. Es hat sich nichts daran geändert, dass fast alles, was in Apotheken und Drogeriemärkten als „Erkältungsmedikament“ angeboten wird, ohne Wirkungsnachweis ist, aber dennoch mit großem Gewinn verkauft wird.

Es gibt allerdings neuere Daten zur Wirksamkeit von Honig gegen akuten Husten und, gemischt mit Pulverkaffee, gegen postinfektiösen Husten. Honig ist also einen Versuch wert. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass Honig viel Fruchtzucker enthält und deswegen nicht von allen vertragen wird. Dass ein Versuch mit Honig nicht schaden kann, gilt also nicht für die bis zu 25 % der europäischen Bevölkerung, die an einer Fruktosemalabsorption leiden.

Letzte Woche habe ich über die längst fällige Namensänderung der Affenpocken in Mpox berichtet und einige Beispiele stigmatisierender und nicht mehr zeitgemäßer Krankheitsnamen genannt. Aber auch irreführende Krankheitsnamen sollten geändert werden, z. B. Windpocken, deren Erreger VZV gar nicht mit dem Pockenvirus verwandt ist. Es ist an der Zeit, dass wir auch die Erkältung aus den Köpfen bekommen und stattdessen dafür einen Krankheitsnamen verwenden, der das Wort „Infekt“ enthält. Denn auch Händewaschen, Abstand halten und Hustenetikette sollten nach der COVID-Pandemie nicht wieder aus der Mode kommen.

Marlies Karsch (Chefredakteurin)

 

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