2020-W12

Nachtrag zum Weltfrauentag

Dass am 08. März der Weltfrauentag stattgefunden hat, ist in der allgemeinen Aufregung über die Coronavirus-Epidemie und die wirtschaftliche Rezession nicht nur im öffentlichen Diskurs untergegangen, sondern auch räumlich in Online-Zeitschriften in untere Bereiche der Startseiten gerutscht. Die Themen Frauenrechte, Sexismus und Diskriminierung im Job spielen auch im Berufs- und Alltagsleben von uns Ärztinnen eine so große Rolle, dass ich dieses Thema hier aufgreifen möchte.

Es fängt schon im Studium an: Viele von uns haben erlebt, wie sie in Prüfungen von Professoren und Dozenten mit einem so süffisanten Unterton als „Frau Kollegin" angesprochen wurden, dass allen Anwesenden klar war, dass der Prüfer sie niemals kollegial ernst nehmen würde. Im Berufsleben wird es nicht besser. Männliche Kollegen werden bei der Stellenvergabe bevorzugt, da Frauen ja in der Wahrnehmung der Arbeitgeber ständig schwanger werden könnten. Ärztinnen (aber auch Ärzte) mit Kindern werden besonders in Kliniken schief angesehen, wenn sie in Teilzeit arbeiten möchten. Es kann aber auch umgekehrt kommen und Frauen in die Teilzeit gedrängt werden. Bei einer Arbeitsstelle mit knappen finanziellen Ressourcen wurde mir als einziger weiblicher Kollegin im Team die Stelle auf 50 % reduziert mit dem Argument, die männlichen Kollegen hätten „eine Familie zu ernähren". Da ich selbst zwei Kinder habe, kann das nur bedeuten, dass angenommen wurde, meine Berufstätigkeit diene bloß der Selbstverwirklichung. Viele von uns erleben Geschlechterdiskriminierung im Arbeitsalltag. „Toll, Frau Karsch, dass Sie auch bei der Fortbildung dabei sind, dann haben wir jemanden zum Kaffeekochen." Dieser mir gegenüber tatsächlich geäußerte Satz ist sicher nur ein Beispiel, und viele von Ihnen können eigene Geschichten erzählen. Dass ich mit Mitte Vierzig in einem Bewerbungsgespräch für eine Praxisstelle gefragt wurde, ob ich noch mehr Kinder wolle, ist auch schon fast normal.