Ich ruhe mich gleich aus

Ein Patientenbeispiel aus dem Praxisalltag.

Ich ruhe mich gleich aus

Herr J., 52 Jahre alt, IT-Systemadministrator, kommt um 11 Uhr morgens mit dem Motorrad von der Arbeit in Ihre Praxis und berichtet über einen diffusen Thoraxschmerz, der morgens am Schreibtisch begonnen habe und eben beim Treppensteigen doch recht unangenehm gewesen sei. Er wirkt nervös und besorgt, möchte aber nur eine rasche Abklärung, um dann nach Hause fahren und sich hinlegen zu können. Er habe zu viel zu tun, um sich einen längeren Ausfall, gar eine Krankenhausaufnahme leisten zu können.

Kommentar

Obwohl unter den vielen Konsultationen aufgrund von Brustschmerzen in der Hausarztpraxis nur ca. 8–16 % auf eine akute Herz-Kreislauf-Erkrankung zurückzuführen sind, und bei dem Patienten keine Zeichen einer unmittelbaren vitalen Bedrohung vorliegen (Atemnot, Synkope, Kreislaufversagen), ist eine strukturierte Einschätzung des Risikos einer KHK bzw. eines akuten Konorarsyndroms angezeigt. Zur Beurteilung der Wahrscheinlichkeit einer KHK eignet sich der Marburger Herzscore:

  • Alter/Geschlecht (Männer ≥ 55 J. und Frauen ≥ 65 J.): nein
  • bekannte vaskuläre Erkrankung: nein
  • Beschwerden belastungsabhängig: ja
  • Schmerzen durch Palpation nicht reproduzierbar: ja
  • Patient vermutet Herzkrankheit als Ursache: ja.

Mit 3 Punkten ist die Wahrscheinlichkeit mittelgroß, dass eine KHK vorliegt. Für ein ACS sprechen die lange Dauer der Beschwerden und die vom Alltagsverhalten abweichende Präsentation des Patienten. Sie schreiben ein EKG und sehen ST-Senkungen und T-Negativierungen über der Vorderwand. Eine weitere Motorradfahrt oder das nicht untypische Bestreben, „noch rasch ein paar Dinge zu erledigen“, verbieten sich selbstverständlich. Sie rufen den Notarzt und beginnen bis zu seinem Eintreffen mit der Akutbehandlung: Sie messen die Sauerstoffsättigung (98 %), legen einen venösen Zugang, verabreichen 500 mg ASS oral und Heparin i.v. und geben bei weiter bestehenden Thoraxschmeren Nitrospray.

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