Impfen in Apotheken – Soll der Bock zum Gärtner gemacht werden?

Sollen Apotheker trotz fehlender ärztlicher Ausbildung in Zukunft über Impfungen aufklären, die Indikation stellen sowie Risiken und Kontraindikationen erkennen und die Injektion selbst durchführen?

Thema der Woche, 28.10.2019 von Dr. Marlies Karsch, Chefredakteurin

Impfen in Apotheken – Soll der Bock zum Gärtner gemacht werden?

Die Große Koalition hat, sozusagen als kleine „Dreingabe“ zum Masernschutzgesetz, auch einen Vorstoß zur Impfung in Apotheken vorgelegt. Geht es nach dem Willen der Politiker von Union und SPD, so soll nun im Rahmen eines Modellversuchs in Apotheken gegen Grippe geimpft werden dürfen. Ja richtig, im eigentlichen Gesetz geht es um Masern, aber wieso nicht gleich noch ein ganz anderes Thema mit durchsetzen? Um die Impfquoten gegen Influenza zu erhöhen, soll es nun also möglich sein, dass Erwachsene in Apotheken Grippeimpfungen erhalten. Apotheker würden, trotz fehlender ärztlicher Ausbildung, über Impfungen aufklären, die Indikation stellen sowie Risiken und Kontraindikationen erkennen und die Injektion selbst durchführen. Sollen sie dann auch im seltenen Fall einer anaphylaktischen Reaktion auf die Impfung eine adäquate Notfallversorgung gewährleisten oder doch Notärzte rufen, die sich auskennen?

Apotheker sollen also jetzt in ärztlichen Fähigkeiten „geschult“ werden und einen abgetrennten Raum mit Liege zur Verfügung stellen, damit sie impfen dürfen. Da die Vorgeschichte und die Grunderkrankungen der Patienten den behandelnden Ärzten besser bekannt sind und diese auch die Qualifikation für die Durchführung von Impfungen besitzen, ist es völlig unklar, warum also jetzt das Dispensierrecht der Apotheker auf ein Recht zur „Ausübung von Heilkunde“ erweitert werden soll.

Was den Politikern anscheinend gar nicht auffällt, ist der Interessenskonflikt, der bei impfenden Apothekern vorliegt: So sollen also diejenigen, die den Impfstoff selbst verkaufen und daran verdienen, Patienten darüber aufklären, ob sie den Impfstoff brauchen. Das klingt schon ziemlich schlecht durchdacht. Auch ist keineswegs belegt, dass das erklärte Ziel erreicht werden kann, durch niederschwelligen Zugang zur Impfung die Rate der Geimpften zu erhöhen und dadurch Grippetote zu vermeiden. Ob den politisch Verantwortlichen bekannt ist, dass die Grippeimpfung lediglich eine Wirksamkeit von 40–60 % hat, die bei Älteren sogar noch geringer ist? Oder dass Händewaschen ein wirksames Präventionsmittel ist? Oder dass Impfungen in Apotheken nichts an Lieferengpässen bei Impfstoffen ändern?

Laut Deutschem Ärzteblatt kritisieren unter anderem der Deutsche Hausärzteverband und die Bundesärztekammer den Vorschlag, in Apotheken zu impfen. Sie sehen Impfen ganz klar als ärztliche Aufgabe an. Auch die Apotheker selbst sind skeptisch. Die Landesapothekerkammer Brandenburg hat sich bereits letzten Herbst gegen den Vorstoß aus der Politik ausgesprochen. Wie immer bei solchen Vorstößen sollte man fragen, wem das Ganze nützen könnte. Da weder Ärzte und Apotheker dafür sind und der Nutzen für Patienten unklar ist, liegt der Verdacht nahe, dass entweder Industrieinteressen durchgesetzt werden sollen oder einfach nur politischer Aktivismus demonstriert wird.

Marlies Karsch, Chefredakteurin