Der Freitagsfall

Da muss man doch etwas unternehmen

Die Nachbarn einer 76-jährigen Patientin, deren Hypertonie, Rückenschmerzen, und frühere Urosepsis Ihnen bekannt sind, die Sie aber ein halbes Jahr nicht mehr gesehen haben, rufen an und bedrängen Sie: Die Frau sei hilflos, niemand kümmere sich. Sie verlasse kaum die Wohnung und lasse niemanden hinein. Es rieche bis ins Treppenhaus nach Urin.

Kommentar

Zunächst einmal wahren Sie den Nachbarn gegenüber die Schweigepflicht. Aufgrund der Multimorbidität der Patientin und des unregelmäßigen Kontakts ist ein Hausbesuch indiziert, das weitere Vorgehen (Einschaltung von Sozialstation oder Pflegedienst) hängt von Ihrem persönlichen Eindruck vor Ort ab. Sie können grundsätzlich auch ohne Patientenauftrag tätig werden – bis hin zur Alarmierung der Polizei, um sich Zutritt zur Wohnung zu verschaffen –, wenn Sie eine akute Gesundheitsgefährdung befürchten. Bei dauerhaft fehlender Krankheitseinsicht kann das Amtsgericht eine gesetzliche Betreuung anordnen. Für alle diese Maßnahmen bleibt jedoch allein der mutmaßliche Willen der Patientin im entscheidungsfähigen Zustand maßgeblich.